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Geld Die schwarze Messe der Geldschöpfung

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Dieter Schnaas: Kleine Kulturgeschichte des Geldes

Die Globalisierung und der zivilisatorische Fortschritt führen uns täglich vor Augen, wie wichtig es ist, beides in eins zu denken. Weil mit der zunehmenden Erschöpfung der natürlichen Ressourcen die Zahl der knappen Güter wächst, für die gilt, dass sie sich entweder kooperativ oder gar nicht nutzen lassen (Wasser, Öl, Wald, Klima), konvergiert das neutrale Ausdehnungsinteresse des Geldes zwangsläufig mit den (Selbst-)Interessen zunehmend vieler Autoren. Immer mehr Fremde drängen uns dabei ihre Erfahrungen und Interessen auf: Inselbewohner, die vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind, Nomaden, die an versandeten Weiden verzweifeln. Ihre Erzählungen bleiben nicht folgenlos. Erst seit sich die Weltwohlstandssphäre auf China, Indien, Südostasien, Südamerika und Teile der arabischen und afrikanischen Welt erstreckt, erst seit Geld global expandiert und von einem zivilisatorischem Fortschritt kündet, der zunehmend viele Menschen, unabhängig von ihrer Religion und Kultur, für seine missionsunbedürftigen Vorzüge einnimmt – erst seither hat das Geld auch damit angefangen, den Preis für seine Expansionen zu bewirtschaften und ehemalige Kostenfaktoren in Einkunftsquellen zu verwandeln.

Nebenkosten des wirtschaftlichen Wachstums

Das, was dem Zugriff des Geldes bisher entzogen war, das „Umsonst“ der Sonne, der Luft und des Wassers, aber auch das „Billige“ der afrikanischen Ressourcen, der asiatischen Lohnarbeiter und des arabischen Öls – das alles gewinnt seit einigen Jahren ständig an Wert und steigert seinen Preis. Plötzlich interessiert sich das Geld für alle Produktionsfaktoren und globalen Knappheiten – und damit für die Nebenkosten des wirtschaftlichen Wachstums. Plötzlich entschädigt es für die Benutzung der Natur, plötzlich bearbeitet es den Klimawandel, plötzlich prämiert es einen schonenden Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt.

Der umfassende Erfolg des zivilisatorischen Fortschritts, den das Geld repräsentiert, ist seiner pragmatischen Evidenz wegen unaufhaltbar. Zivilisatorischer Fortschritt erwächst aus dem Vermögen, die Welt mithilfe des Geldes selbst-interessiert einzurichten. Und das Vermögen, den (relativen) Wert des Geldes selbst-interessiert einzuschätzen, erwächst aus dem zivilisatorischen Fortschritt. Geld herrscht nicht – solange wir es regieren (lassen), solange wir seine Nebenkosten einrechnen, seine Zugriffsmöglichkeiten steuern – und ihm eine Zukunft eröffnen, die wir mit seiner Hilfe gewinnen. Eine intakte Natur, sauberes Wasser, Gesundheit, gute Arbeitsbedingungen und ein selbstbestimmtes Leben – das alles bedarf keiner Überzeugungsarbeit. Es bedarf nur ausreichenden Geldes. 

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