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Agrar-Spekulation Das Geschäft mit dem Hunger

Banken und Hedgefonds stehen unter Verdacht, mit ihren Wetten Getreide teurer zu machen. Doch Spekulanten sind nur Trittbrettfahrer. Sie verstärken Trends, springen aber schnell wieder ab. Bevölkerungswachstum, Biosprit und Wetter treiben Preise stärker. Wie Anleger hier profitieren – ohne mit Lebensmitteln zu zocken.

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Die Chicago Board Trade ist die größte Rohstoffbörse der Welt. Quelle: REUTERS

Den finanzkrisengeplagten Banken kommt das Thema gelegen wie ein Gerstenkorn im Auge: „Die Investmentbanken und damit auch Sie persönlich tragen Mitschuld daran, dass Menschen in den ärmsten Ländern der Welt Hunger leiden und am Hunger sterben“, hat Thilo Bode, Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch, an Josef Ackermann geschrieben. Der Deutsche-Bank-Chef spielt auf Zeit, lässt bis Januar prüfen, ob er das Geschäft mit Kontrakten auf Weizen oder Mais einstellen will.

Andere Banken ducken sich weg, seit Bode „Hände weg vom Acker, Mann!“ skandiert. „In diesem schwierigen Umfeld wollen wir uns zur Debatte um Agrarspekulationen nicht äußern“, heißt es bei der Commerzbank. Bankintern wird von einem Maulkorb für Rohstoffexperten des Kreditinstituts gesprochen.

„Unser Haus hat aus ethischen Gründen weltweit damit aufgehört, Derivate auf Agrarrohstoffe anzubieten“, sagt Grégoire Toublanc, Chef des Zertifikategeschäfts der französischen BNP Paribas. „In der moralischen Diskussion mit der Politik können wir derzeit nur verlieren“, heißt es bei der Fondsgesellschaft Lupus Alpha.

Foodwatch-Chef Thilo Bode Quelle: dapd

Sündenbock Spekulant

Spekulanten, die mit Agrargütern an der Börse handeln, sind zum Sündenbock für steigende Lebensmittelpreise geworden – vor allem für die Politik. Ganz vorn dabei: Nicolas Sarkozy. „Wenn wir dagegen nichts tun, riskieren wir Hungerrevolten in den armen Ländern und schlimme Folgen für die Weltwirtschaft“, warnt Frankreichs Präsident. Ziehen die Preise von Reis, Zucker oder Mais an, zeigen die Regierenden reflexartig auf die bösen Spekulanten.

Dabei sichern sich Bauern und Agrarhändler seit Jahrhunderten mit Termingeschäften ab. Schon im Mittelalter wurden ganze Schiffsladungen verhökert, obwohl die Waren noch monatelang auf den Ozeanen schipperten, bevor sie den Hafen erreichten; wenn sie nicht vorher Piraten oder Unwettern zum Opfer fielen.

1848 gründeten Getreidehändler das Chicago Board of Trade (CBOT), die weltgrößte Börse für Agrarrohstoffe. Produzenten verkaufen hier eine fixe Menge zu einem zukünftigen Zeitpunkt und festem Preis, Händler oder Spekulanten halten dagegen.

Heute werden an der Börse Kontrakte über Millionen von Tonnen Agrargütern gehandelt – Monate bevor die Mähdrescher zur Ernte ausrücken. Der Börsenkonzern CME, der die CBOT 2007 übernahm, setzt jährlich Agrar-Terminkontrakte im Wert von etwa 100 Billionen Dollar um. Angesichts einer weltweiten Weizenernte im Wert von 560 Milliarden Dollar klingt das enorm hoch.

Maßnahmen gegen Marktmanipulation

Hohe Energiekosten treiben Preise für Agrargüter in die Höhe. Quelle: dpa

Die große Differenz erklärt sich jedoch aus der besonderen Struktur des Terminmarkts. In schneller Folge wechseln die Händler von Wetten auf steigende zu solchen auf fallende Preisen – je nach Nachrichtenlage. So wird auf den Terminmärkten ein Vielfaches dessen umgeschlagen, was auf den Spotmärkten an realen Gütern gehandelt wird.

Seit die Preise für wichtige Agrarrohstoffe 2007 und 2008 massiv anzogen und in der Folge Spekulanten auf den fahrenden Zug aufsprangen, ist der Terminhandel mit Lebensmitteln unter Beschuss.

Spekulation verstärkt sich von selbst

Foodwatch kritisiert, dass der Anteil der spekulativen Wetten an den Agrarbörsen von 30 auf zuletzt 80 Prozent gestiegen sei. „Inzwischen ist erkennbar, dass sich die Spekulation von selbst verstärkt. Mit der Knappheit von Agrargütern haben die Preise dann nichts mehr zu tun“, sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Deutschen Bundestag.

In den Schubladen der Regulierer und Politiker liegen Folterinstrumente für Agrarspekulanten griffbereit. So hat die US-Börsenaufsicht CFTC beschlossen, dass einzelne Investoren von 2012 an maximal über 25 Prozent der kurzfristig lieferbaren Menge eines Rohstoffs verfügen dürfen. Das gilt für 28 Rohstoffe, darunter Zucker und Getreide.

Solche Maßnahmen sollen verhindern, dass Investoren den Markt manipulieren können. Ausgelöst haben dürfte diese Regel der Hedgefondsmanager Anthony Ward. 2010 kaufte sein Fonds sieben Prozent der Weltkakaoernte auf. In der Folge kletterten die Preise auf den höchsten Stand seit 30 Jahren.

Was Regulierer dabei gern über- sehen: Wer so große Wetten eingeht, kann auch scheitern. Beispiele dafür gibt es genug. Wenn dann die Preise fallen, verstummen Klagen über Spekulanten schnell.

Zocker können Preisschwankungen kurzfristig verstärken. Umstritten ist aber, inwiefern diese Schwankungen an den Terminmärkten tatsächlich die realen und aktuell gehandelten Preise beeinflussen. Und ganz starke Zweifel gibt es an der These, dass vor allem Spekulanten für steigende Preise verantwortlich sind.

Dass sie in der Regel den Preisen folgen und nicht umgekehrt, zeigt ein genauer Blick auf deren Wetten (siehe Bildergalerie). In diesem Jahr wetteten die Finanzinvestoren mehrheitlich auf steigende Weizenpreise (Long). Immer, wenn Weizen im Terminhandel teurer wurde, stockten sie ihre Long-Positionen auf. Knickte der Preis ein, fuhren sie Wetten zurück.

Regierungen verknappen das Angebot

Was die Agrarpreise bewegt
Spekulanten treiben Agrarumsätze...Seit 2005 hat sich der Handel mit Agrargütern an der Chicagoer Terminbörse fast verdreifacht. Linke Skala: Gehandelte Agrarkontrakte an der Chicago Board of Trade in Tausend Stück pro Tag Rechte Skala: Weizen-Terminpreis Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
der Weizenpreis schwankt stärker Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
die Wetten folgen den Preisen, nicht umgekehrt Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Preis und Lagerbestände von WeizenKnappe Lagerbestände treiben den Preis von Weizen hoch. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Reis-Future (in Cent pro 45,4 Kilo)Auch Wettereinflüsse und Exportverbote machen Nahrung teuer. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Maispreis und BioethanolproduktionMit steigender Produktion von Bioethanol, steigt auch derPreis von Mais. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Lebensmittelpreisindex FAODer Lebensmittelpreisindex bildet die Preise für Fleisch, Getreide, Milchprodukte, Speiseöl und Zucker ab. Durchschnitt 2002 bis 2004 = 100 Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe

„Nur Scharlatane glauben, dass Wetten an den Terminbörsen die Lebensmittelpreise dauerhaft nach oben treiben“, sagt Harald von Witzke, Agrarökonom der Humboldt-Universität Berlin. Landwirte und Agrarhändler könnten sich nur dann gegen Preisrisiken absichern, wenn Finanzinvestoren auf der Gegenseite in die andere Richtung wetten.

Laut US-Börsenaufsicht CTFC wetteten im Oktober die Profis aus der Agrarbranche mehrheitlich auf sinkende Maispreise, die Finanzinvestoren dagegen auf steigende. Bei Weizen war das Bild genau umgekehrt: Agrarunternehmen wetteten auf steigende Preise, Finanzinvestoren spekulierten darauf, dass Weizen billiger wird.

Das Bevölkerungswachstum und Biotreibstoffe, sind verantwortlich für das schlechte Verhältnis von Ernten und Lagerbeständen zur Nachfrage. Quelle: dpa

Fehlender Raum für Ackerland

Von Witzkes Thinktank hffa hat untersucht, ob Spekulanten für die Agrarpreisrally 2007 und 2008 verantwortlich waren. Ergebnis: Vor allem Energie- und Transportkosten sowie niedrige Lagerbestände (siehe Bildergalerie) hätten Agrargüter teurer gemacht.

Die knapper werdende landwirtschaftliche Fläche verstärke die Preisspirale, so Rolf J. Langhammer, Welthandelsexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft: „Da in den Schwellenländern immer mehr Fläche für Infrastruktur und Wohnungsbau verwendet wird, fehlt Raum für Ackerland.“

Zudem verknappten die Regierungen mit Exportverboten das Angebot auf dem Weltmarkt. Einen globalen Agrarmarkt, in dem sich über Grenzen hinweg Überschüsse und Defizite ausgleichen ließen, gebe es nicht.

Während in einigen Ländern Mangel herrscht, laufen am anderen Ende der Welt die Lager über, weil Regierungen den Handel einschränkten. Spekulanten, so Langhammer, hätten diese fundamentalen Faktoren erkannt und nutzten die steigenden Agrarpreise als Trittbrettfahrer.

Futures aus Chicago als Orientierungslinie

Wetterextreme, wie das Phänomen

Zudem sind Hegdefonds in der Regel keine Dauergäste auf den Agrarmärkten. Dreht ein Preistrend, suchen sich die Spekulanten eine andere Spielwiese. So meldete die US-Aufsicht CFTC für Mitte November, dass die Wetten auf steigende Zuckerpreise um 30 Prozent zurückgingen – der höchste Rückgang binnen einer Woche seit Dezember 2008.

Selbst wenn die Spekulanten die Agrarpreise kurzfristig antreiben, heißt das nicht, dass sich dies eins zu eins im Supermarkt niederschlägt. „Die Börsenpreise in Chicago sind eine Orientierungslinie, spiegeln aber insbesondere bei volatilen Märkten nicht die realen Preise im Agrarhandel wider“, sagt Ottmar Lotz, Vorstand des börsennotierten Agrarunternehmens Agrarius. Landwirte und Händler machten nicht jeden Ausschlag an der Börse mit. „Im vergangenen Jahr stieg der Börsenpreis je Doppelzentner Weizen auf umgerechnet 27 Euro, vom Händler habe ich aber nur 24 Euro bekommen“, sagt Eberhard Peill, der ein Gut am Rand der Eifel bewirtschaftet.

Abweichende Preise

Auch wenn Getreidehändler von jedem Ort der Welt an der Chicagoer Börse handeln können, ist der Preis immer noch eine lokale Angelegenheit. „Selbst in Deutschland gibt es größere Preisunterschiede“, sagt Christof Buchholz, Geschäftsführer der Hamburger Getreidebörse. Schuld daran seien vor allem die unterschiedlichen Transportkosten vom Erzeuger zum Abnehmer. Die Notierungs-Kommission der Börse – acht Händler, Mühlenbetreiber und Futtermittelhersteller – ermittelt maßgebende Preise. Die basieren auf real getätigten Geschäften – und weichen oft erheblich von den Terminkontrakten (Futures) an den Börsen ab.

„Wichtige Agrargüter werden vor allem teurer, weil Produktion und Lagerbestände die Nachfrage kaum decken können“, sagt Henning Breiter, Agraraktienanalyst bei der Bank Hauck & Aufhäuser. Seit 2007 habe sich das Verhältnis von Ernten und Lagerbeständen zur Nachfrage deutlich verschlechtert. Dafür seien das Bevölkerungswachstum, aber auch die Biotreibstoffe verantwortlich.

In den USA gehen 40 bis 50 Prozent des geernteten Mais in die Bioethanolproduktion. Dieses Kontingent fehlt auf dem weltweiten Agrarmarkt. Das International Food Policy Research Institute schätzt, dass der Maispreis allein wegen des Biosprits bis 2020 um 25 Prozent zulegen wird.

Hinzu kommt: Wo Getreide für den Tank angebaut wird, fehlt Ackerfläche für die Lebensmittelproduktion. Auch für die Holzindustrie geht Land verloren – oft begleitet von himmelschreiendem Unrecht: So berichtet die Hilfsorganisation Oxfam von einem Fall aus Uganda, bei dem ein britischer Investor große Flächen aufkaufte, um Eukalyptus für die Holzindustrie anzubauen. Dafür mussten 22 500 Kleinbauern weichen – ohne Entschädigung.

Wetterxtreme heizen die Preisspirale

Es ist kaum durchschaubar, wie viel weltweit in den Getreidesilos gebunkert wird. Quelle: dpa

Wetterextreme heizen die Preisspirale an, so wie 2010, als Trockenheit und Waldbrände in Russland und der Ukraine sowie Überschwemmungen im Westen Australiens den Weizenpreis trieben.

In den kommenden Monaten dürfte das Wetterphänomen La Niña die Agrarmärkte beunruhigen. La Niña lässt das Wasser des Pazifik abkühlen. Die Folge: Der Sommer wird in Amerika zu trocken und in Südostasien und Australien zu feucht. Beides ist schlecht für die Ernte. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, rechnet deswegen im Mittleren Westen der USA und in Westaustralien, der Kornkammer des Kontinents, mit schlechten Weizenernten. Der Börsenpreis für Weizen von derzeit 700 US-Cent je Scheffel sollte demnach 2012 mindestens auf 750 Cent 2012 steigen. Ein Scheffel (Bushel) Weizen sind rund 27 Kilo.

Stürme und Dürren lassen die Agrarpreise für einige Monate in die Höhe schnellen. Langfristig bewirkt vor allem der Hunger der Schwellenländer nach Fleisch, dass Getreide immer teurer wird. Schon jetzt wird weltweit ein Drittel des Acker- und Weidelandes zur Futtermittelproduktion genutzt. Die Deutschen verbrauchen 89 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr, die Chinesen nur 60 Kilogramm. Vor 30 Jahren kamen die Chinesen noch mit 20 Kilogramm pro Kopf aus. Allein für den deutschen Fleischkonsum sind laut WWF 8,4 Millionen Hektar Acker- und Weideland nötig, etwa die Fläche Österreichs. Für den wachsenden Appetit der Chinesen ist ein Vielfaches an Ackerfläche erforderlich.

Schutz vor dem Weltmarkt

Die Subventionspolitik der EU hat europäische Bauern lange Zeit vor den Weltmärkten geschützt – und Butterberge und Milchseen hervorgebracht. Schritt für Schritt wurden die Agrarmärkte aber seit Beginn der Neunzigerjahre freigegeben. Landwirte mussten sich umstellen. Preise legten nicht mehr die Eurokraten fest, sondern der Weltmarkt. Um dem nicht schutzlos ausgesetzt zu sein, suchten die Bauern nach einem Vehikel, das ihnen Sicherheit versprach. Im Terminhandel, der es ihnen ermöglicht, Weizen, Mais oder Kartoffeln schon vorab zu einem fixen Preis zu verkaufen, wurden sie fündig.

Das Gros der Landwirte handelt allerdings nach wie vor nicht direkt an der Börse. „Ihnen fehlt es an Liquidität und Erfahrung, um selbst aktiv zu werden“, sagt Wilhelm Zellner, Handelsexperte des Bayerischen Bauernverbandes. Kleinere Bauern verkaufen auf Termin an Genossenschaften und Händler, die für sie das Risikomanagement an der Börse übernehmen.

Volker Hahn, Landwirt aus dem westfälischen Hagen, sichert sich dagegen selbst über einen Broker direkt an der Eurex oder der Pariser Matif mit Futures auf Getreide und Kartoffeln. Beide Produkte baut er auf 250 Hektar Land an. „Im ersten Halbjahr habe ich die Hälfte der Ernte über Futures abgesichert“, sagt Hahn. Insbesondere der Kartoffelmarkt sei sehr volatil, weil die Preise fast ausschließlich von den Ernten aus Europa diktiert werden. Der weltweite Transport der Knollen sei zu teuer und lohne sich daher kaum. Schlechtes Wetter in Europa und damit magere Ernten schlügen viel stärker durch als etwa bei Weizen.

Allerdings, so Hahn, müsse er jedes Börsengeschäft genau durchkalkulieren. Für jeden Future müsse er Sicherheiten (Margin) bei der Bank hinterlegen. Schnell kämen dafür mehrere Zehntausend Euro zusammen; Geld, das an anderer Stelle fehle. Hinzu kämen unter Umständen Lagerkosten von drei bis vier Euro je Doppelzentner, wenn er die Ernte einlagert, um sie später teurer zu verkaufen. „Nur wenn der Preis, den mir der Future für das kommende Jahr absichert, höher ist als der aktuelle Marktpreis plus Lagerkosten und Margin, lohnt sich für mich der Terminhandel“, sagt Hahn.

Agrarhändler leben nicht von Spitzenpreisen

Für alle diese Termingeschäfte gilt: Wenn ein Bauer seine Ernte vorab zu einem festen Preis verkauft (weil er sich vor fallenden Preisen schützen will) muss auf der anderen Seite jemand mit steigenden Preisen rechnen und diese Menge übernehmen. Zwar hat die Zahl der Termingeschäfte an den Börsen stark zugenommen (siehe Chart Seite 139), aber diese Zunahme war nicht zwingend mit steigenden Preisen verbunden.

Wie sich die Getreidepreise entwickeln, ist selbst für Profis kaum durchschaubar. „Wie viel weltweit in den Getreidesilos gebunkert wird, lässt sich nur abschätzen“, sagt Fondsmanager Oberbannscheidt. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Behörden ihre Schätzungen für Getreidevorräte oder Ernten innerhalb weniger Wochen um mehrere Millionen Tonnen korrigieren. Anleger, die vom Agrarmarkt langfristig profitieren wollen, sollten besser Aktien kaufen.

Oberbannscheidt favorisiert Agrarlogistiker, wie Archer Daniels Midland (ADM) oder Bunge (siehe Tabelle Seite 144). Agrarlogistiker notieren deutlich unter dem Buchwert ihrer Lagerhäuser, Hafenanlagen und Fahrzeuge. Weil Wetterextreme wie La Niña in Zukunft stärker auftreten würden, seien Staaten gezwungen, höhere Lagerbestände zu halten, um die Volatilität der Preise zu begrenzen. ADM verarbeitet weltweit in 265 Produktionsstätten Sojabohnen, Mais, Weizen und Kakao, produziert Pflanzenöle, Ethanol, Süßstoffe und Mehl und ist führender Anbieter von Tierfutter. Das Logistiknetz erstreckt sich auf 75 Länder auf sechs Kontinenten. Aufgrund der unsicheren globalen Konjunkturperspektiven lassen sich für die meisten Branchen derzeit kaum verlässliche Gewinnprognosen abgeben.

Sinkende Vorräte treiben die Preise

Eine Ausnahme sind Branchen, deren Nachfrage weniger von konjunkturellen Schwankungen betroffen ist. Agrarhändler leben vor allem von der Spanne zwischen Einkauf und Verkauf, weniger von der absoluten Höhe der Agrarpreise. Steigende Einkaufspreise für Agrargüter können sie an die Kunden weiterreichen. Fallen die Agrarpreise, verringern sich entsprechend die Einkaufspreise. So gesehen ist die Aktie von ADM auch mit Blick auf die Gewinnbewertung eher preiswert. Gleiches gilt für Bunge, dem hinter ADM und Cargill drittgrößten Agrarkonzern der Welt. Bunge hält Vermögen in mehr als 30 Ländern, deckt ebenfalls die komplette Wertschöpfungskette im Agrargeschäft ab und profitiert von wachsenden Exporten nach Asien.

Für die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion wird Mineraldünger eingesetzt, der die Produktivität eines Feldes im Schnitt um das Vierfache steigert. Wenn Agrarpreise fallen oder sie kaum noch Kredite bekommen, setzen Bauern weniger Dünger ein. Geringere Ernten aber sorgen für sinkende Vorräte, und das treibt die Preise, was die Einkommen der Landwirte und deren Düngerverbrauch steigert. Auf lange Sicht sollten Düngemittelaktien wie Potash, Mosaic und K+S sowie Agrarmaschinenhersteller wie AGCO Deere und CNH Global höher notieren als heute.

Das Gleiche gilt für Pflanzenschutz- und Saatguthersteller. Es gibt nur noch vier bedeutende Anbieter auf der Welt: Syngenta und Monsanto teilen sich den Markt mit den Agrochemiesparten von Bayer und DuPont. Das gibt ihnen Preismacht. Deutlich kleiner ist die deutsche KWS Saat, in Europa Marktführer bei Zuckerrüben und Futtermais. Das Unternehmen hat auch in der Finanzkrise 2008 seine Gewinne gehalten, ist aber nicht gerade günstig bewertet.

Angesichts des kriselnden Weltfinanzsystems und extrem nervöser Börsen ist es deshalb wahrscheinlich, dass KWS und andere Agraraktien noch einmal billiger zu haben sein werden. Was Bauern seit Jahrtausenden wissen, gilt in diesem Fall auch für Anleger: Geduld zahlt sich aus.

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