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Agrar-Spekulation Das Geschäft mit dem Hunger

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Wetterxtreme heizen die Preisspirale

Es ist kaum durchschaubar, wie viel weltweit in den Getreidesilos gebunkert wird. Quelle: dpa

Wetterextreme heizen die Preisspirale an, so wie 2010, als Trockenheit und Waldbrände in Russland und der Ukraine sowie Überschwemmungen im Westen Australiens den Weizenpreis trieben.

In den kommenden Monaten dürfte das Wetterphänomen La Niña die Agrarmärkte beunruhigen. La Niña lässt das Wasser des Pazifik abkühlen. Die Folge: Der Sommer wird in Amerika zu trocken und in Südostasien und Australien zu feucht. Beides ist schlecht für die Ernte. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, rechnet deswegen im Mittleren Westen der USA und in Westaustralien, der Kornkammer des Kontinents, mit schlechten Weizenernten. Der Börsenpreis für Weizen von derzeit 700 US-Cent je Scheffel sollte demnach 2012 mindestens auf 750 Cent 2012 steigen. Ein Scheffel (Bushel) Weizen sind rund 27 Kilo.

Stürme und Dürren lassen die Agrarpreise für einige Monate in die Höhe schnellen. Langfristig bewirkt vor allem der Hunger der Schwellenländer nach Fleisch, dass Getreide immer teurer wird. Schon jetzt wird weltweit ein Drittel des Acker- und Weidelandes zur Futtermittelproduktion genutzt. Die Deutschen verbrauchen 89 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr, die Chinesen nur 60 Kilogramm. Vor 30 Jahren kamen die Chinesen noch mit 20 Kilogramm pro Kopf aus. Allein für den deutschen Fleischkonsum sind laut WWF 8,4 Millionen Hektar Acker- und Weideland nötig, etwa die Fläche Österreichs. Für den wachsenden Appetit der Chinesen ist ein Vielfaches an Ackerfläche erforderlich.

Schutz vor dem Weltmarkt

Die Subventionspolitik der EU hat europäische Bauern lange Zeit vor den Weltmärkten geschützt – und Butterberge und Milchseen hervorgebracht. Schritt für Schritt wurden die Agrarmärkte aber seit Beginn der Neunzigerjahre freigegeben. Landwirte mussten sich umstellen. Preise legten nicht mehr die Eurokraten fest, sondern der Weltmarkt. Um dem nicht schutzlos ausgesetzt zu sein, suchten die Bauern nach einem Vehikel, das ihnen Sicherheit versprach. Im Terminhandel, der es ihnen ermöglicht, Weizen, Mais oder Kartoffeln schon vorab zu einem fixen Preis zu verkaufen, wurden sie fündig.

Das Gros der Landwirte handelt allerdings nach wie vor nicht direkt an der Börse. „Ihnen fehlt es an Liquidität und Erfahrung, um selbst aktiv zu werden“, sagt Wilhelm Zellner, Handelsexperte des Bayerischen Bauernverbandes. Kleinere Bauern verkaufen auf Termin an Genossenschaften und Händler, die für sie das Risikomanagement an der Börse übernehmen.

Volker Hahn, Landwirt aus dem westfälischen Hagen, sichert sich dagegen selbst über einen Broker direkt an der Eurex oder der Pariser Matif mit Futures auf Getreide und Kartoffeln. Beide Produkte baut er auf 250 Hektar Land an. „Im ersten Halbjahr habe ich die Hälfte der Ernte über Futures abgesichert“, sagt Hahn. Insbesondere der Kartoffelmarkt sei sehr volatil, weil die Preise fast ausschließlich von den Ernten aus Europa diktiert werden. Der weltweite Transport der Knollen sei zu teuer und lohne sich daher kaum. Schlechtes Wetter in Europa und damit magere Ernten schlügen viel stärker durch als etwa bei Weizen.

Allerdings, so Hahn, müsse er jedes Börsengeschäft genau durchkalkulieren. Für jeden Future müsse er Sicherheiten (Margin) bei der Bank hinterlegen. Schnell kämen dafür mehrere Zehntausend Euro zusammen; Geld, das an anderer Stelle fehle. Hinzu kämen unter Umständen Lagerkosten von drei bis vier Euro je Doppelzentner, wenn er die Ernte einlagert, um sie später teurer zu verkaufen. „Nur wenn der Preis, den mir der Future für das kommende Jahr absichert, höher ist als der aktuelle Marktpreis plus Lagerkosten und Margin, lohnt sich für mich der Terminhandel“, sagt Hahn.

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