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Aktien Die Wahrheit über Agrar-Investments

In den USA vertrocknet Ackerland, die Preise für Grundnahrungsmittel schießen nach oben. Wer glaubt, das Investieren in Landwirtschaft wäre unmoralisch, irrt dennoch. Warum Agraraktien sinnvoll sind – und profitabel.

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Aussichtsreiche Agrarinvestments

Dürre, welche Dürre? Wenn Susanne Schulze Bockeloh den Blick über ihre Äcker im Münsterland schweifen lässt, sieht sie zufrieden aus. Auf 40 Hektar steht ihr Mais prächtig da. Im Juni und Juli hat es genug geregnet. „Gute bis sehr gute Erträge“ erwartet die Landwirtin. Schon mit dem vergangene Woche geernteten Weizen konnte ihr 110 Hektar großer Betrieb die gute Vorjahresernte einfahren.

In die Hände spielt Schulze Bockeloh nun, dass der Maispreis an der Börse stetig steigt. Händlern, die ihr die Maisernte schon jetzt abnehmen wollen, laufen die Preise davon. „Meist wollten die Händler schon früh am Morgen kaufen, bevor sich um elf Uhr die neuen Preise an der Pariser Agrarbörse bilden“, sagt Schulze Bockeloh. Erst wenige Wochen vor der Ernte im September verkaufte sie.

Ganz anders sieht es im Mittleren Westen der USA aus: knochentrockene Maisfelder mit verdorrten Pflanzen. Selbst wenn es jetzt endlich regnen würde, ein Teil der Ernte ist schon verloren. Der Maisgürtel der USA wird von der schlimmsten Dürre seit 1956 heimgesucht.

20 Milliarden Dollar Schaden

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    US-Ernteversicherer schätzen den Schaden auf etwa 20 Milliarden Dollar. Voraussichtlich 13 Prozent weniger Mais als im vergangenen Jahr werden die US-Farmer laut Landwirtschaftsministerium im Herbst ernten. Der Effekt ist ein gigantischer Preissprung: Seit Mitte Juni, als sich die Monster-Dürre in den USA abzeichnete, hat der Maispreis an der Terminbörse in Chicago um 54 Prozent auf acht Dollar je Scheffel (entspricht 25,4 Kilogramm Mais) zugelegt.

    Im Sog der Mais-Rally geht auch Weizen, der als Ersatz für das Futtermittel Mais gilt, durch die Decke: ein Drittel plus seit Mitte Juni. Derzeit kostet ein Scheffel 8,80 Dollar (entspricht 27,2 Kilogramm Weizen). Obwohl die US-Farmer in diesem Jahr 13 Prozent mehr Weizen produzieren werden als erwartet, ist keine Entspannung in Sicht. Denn Russland, die Ukraine und Kasachstan, die neben den USA zu den weltweit größten Erzeugern gehören, melden deutlich schlechtere Erträge.

    Ein Ausgleich dafür ist nicht in Sicht: „Die voraussichtlich guten Weizenernten in den USA und Kanada werden das nicht kompensieren können“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank. Siegfried Hofreiter, Vorstand des Agrarunternehmens KTG Agrar, rechnet daher mit noch weiter steigenden Getreidepreisen.

    Die Dürre ruft nun Politik und Nichtregierungsorganisationen auf den Plan. Die Welternährungsorganisation FAO und US-Farmer fordern, dass die Produktion von Biotreibstoff gedrosselt wird. Ins selbe Horn bläst der deutsche Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP). Er forderte am Mittwoch, E10 zu stoppen – das umstrittene Superbenzin mit zehn Prozent Biospritbeimischung. Allein 40 Prozent der US-Maisernte fließen laut FAO in den Tank von Fahrzeugen. Die sollten besser Menschen und Tieren als Nahrung dienen.

    Terminbörsen im Fieber

    Weniger Ökosprit würde vermutlich die derzeit nervösen Terminmärkte beruhigen. Diese Märkte sind das Fieberthermometer des Agrarhandels. Wetterextreme wie in den USA lassen die Börsenpreise hochschnellen, denn „70 Prozent der Ernteerträge hängen vom Wetter ab“, sagt Ralf Oberbannscheidt, Partner des Vermögensverwalters GT Partners in New York.

    Da die Weizenernten seit Jahren den weltweiten Bedarf nicht decken können, schmelzen die Lager ab. Entsprechend empfindlich reagieren die Agrarbörsen. „Schon Korrekturen von zwei Prozent nach unten bei den Ernteprognosen lassen die Preise hochschnellen“, sagt Wolfgang Sabel, Geschäftsleiter von Kaack Terminhandel, einem Broker für Agrargüter.

    Stabile Agraraktien

    Die Börsenpreise fließen in die Kalkulationen der Landwirte, Agrarkonzerne und Lebensmittelhersteller ein. Zusätzlich preisbestimmend sind Transportkosten sowie Angebot und Nachfrage am Ort der Produktion. Funktionieren die Marktmechanismen, bleibt ein Teil der gestiegenen Getreidepreise bei den Landwirten hängen.

    Derzeit profitieren vor allem Bauern in Westeuropa. Deren Äcker blieben weitgehend von Trockenheit verschont, gute Erträge stehen ins Haus. Getreide können sie zu höheren Preisen vermarkten, und es bleibt ihnen mehr Geld für Landmaschinen, Saatgut, Dünger und Pflanzenschutz. Davon wiederum profitieren agrarnahe Unternehmen und deren Kurse. So legte die Aktie des Schweizer Pflanzenschutzherstellers Syngenta seit Ende November um 32 Prozent zu. Die Aktie des norwegische Düngemittelkonzerns Yara International (WirtschaftsWoche 21/2012) stieg allein seit Mai um rund ein Drittel.

    Sehnsucht nach Sachwerten

    Neben steigenden Umsätzen und Gewinnen der Unternehmen treibt auch die neue Landlust, die Sehnsucht vieler Investoren nach fassbaren Werten, Anlegergelder in den Agrarsektor. Denn wer Agraraktien kauft, investiert in harte Sachwerte – Ackerland, Viehweiden, Ölmühlen, Silos und Hafenanlagen – und nicht in schuldenüberbordete Währungen wie Dollar, Euro oder Yen. Der Euro etwa wertete gegenüber Land deutlich ab: 2005 kostete der verkaufte Hektar Acker- und Weideland in Deutschland noch 8692 Euro, im vergangenen Jahr waren es schon 13.493. Nominal ist das ein Plus von 55 Prozent, inflationsbereinigt immerhin noch von 47 Prozent.

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      Pro und Contra zu Rohstoff-Spekulationen
      Die Frankfurter Skyline ist hinter einem Rapsfeld in Eschborn zu sehen: Die öffentliche Meinung ist eindeutig. Geht es nach einer Forsa-Umfrage vom Ende vergangenen Jahres, dann sind nur elf Prozent der Bevölkerung in Deutschland dafür, dass es Anlageprodukte auf Agrarrohstoffe überhaupt gibt. 84 Prozent sind dagegen. Trotzdem finden sich genügend Experten, die Spekulationen auf Agrarrohstoffe befürworten. Hier eine Auswahl: Quelle: dpa
      Professor Harald von Witzke, Agrarökonom an der Humboldt-Universität in Berlin, sagt: „Nur Scharlatane glauben, dass Wetten an den Terminbörsen die Lebensmittelpreise dauerhaft nach oben treiben. Landwirte und Agrarhändler können sich nur gegen Preisrisiken absichern, wenn Finanzinvestoren auf der Gegenseite in die andere Richtung wetten.“ Quelle: obs
      Sein Kollege George Rapsomanikis, Ökonom bei den Vereinten Nationen, verweist auf die gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Märkte: "Wenn der Ölpreis steigt, dann steigt auch die Nachfrage nach Ethanol und damit die Nachfrage nach Mais. All diese Märkte sind eng miteinander verknüpft, weshalb wir bei jedem Ölschock auch eine Nahrungsmittelkrise erwarten." Steigende Rohstoffpreise hängen seiner Ansicht nach in erster Linie auch mit der zunehmenden Industrialisierung in den Schwellenländern sowie mit der veränderten Nutzung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zusammen. Werden die vermehrt als Energieträger genutzt, dann führt die steigende Nachfrage auf dem Energiemarkt jedes Mal zu einem Preisanstieg auf dem Rohstoffmarkt. Quelle: Pressebild
      Der Gießener Agrarökonom Michael Schmitz sieht vor allem die Entwicklungsländer selbst in der Verantwortung: "Der Hunger ist vor allem ein hausgemachtes Problem in den Entwicklungsländern. Die Preisschwankungen waren Anfang der 70er-Jahre ähnlich hoch wie heute - ohne große Zuflüsse an Kapital", sagt der Professor. 2006 bis 2008 gab es zudem massive Ernteausfälle. Das war seiner Ansicht nach der Grund, warum damals die Preise deutlich anzogen. Außerdem waren die Lagerbestände infolge der Knappheit abgebaut worden, was die Märkte besonders nervös werden ließ. Und dann kam infolgedessen die Politik ins Spiel. Viele Importländer verstärkten ihre Importe, und die Exportländer drosselten ihre Exporte, was den Engpass und somit den Preisauftrieb noch verstärkte. Zudem: 74 Studien zum Thema, wie Rohstoffspekulationen Preise und Hunger treiben, hat sich der Experte angesehen. Nur eine stand in einem qualitätsgeprüften Journal. Quelle: Pressebild
      Es ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die sich aus ethisch-moralischen Gründen gegen das Spekulieren auf landwirtschaftliche Produkte ausspricht. Kern aller Argumente ist dabei stets, dass sich hinter der Vielzahl von Kontrakten, die an den Terminbörsen abgeschlossen werden, nur selten Absicherungsgeschäfte für Landwirte und Agrarhändler befinden. In den meisten Fällen wollen Spekulanten vom Auf und Ab der Preise profitieren. Quelle: dpa
      "Wir erleben derzeit eine Achterbahnfahrt auf den Weltmärkten für Agrarrohstoffe. Dadurch drohen Grundnahrungsmittel für immer mehr Menschen gerade in den Entwicklungsländern unbezahlbar zu werden", äußerte sich beispielsweise kürzlich Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Die Politik hat dabei das große Ganze im Auge: Geht die Preistreiberei weiter, dann könnte es irgendwann Krieg um Grundnahrungsmittel geben. Erste Auswirkungen sah man bereits im vergangenen Jahr in Südostasien, als der Reispreis massiv angezogen hatte und die Menschen auf die Straße gingen. Quelle: dpa
      Auch an den Börsen sieht man dieses Treiben zunehmend kritisch. „Es gibt volkswirtschaftlich gesehen überhaupt keinen Grund, warum man Investoren erlaubt, Lebensmittel aus dem Markt zu nehmen und zu horten, nur um von Preissteigerungen zu profitieren“, sagt etwa der als „Mister Dax“ bekanntgewordene Börsenmakler Dirk Müller. Immer wieder gab es Berichte, wonach in großen Lagerhäusern Lebensmittel bewusst zu Spekulationszwecken zurückgehalten wurden, um das Angebot gering zu halten. Quelle: dpa

      Hinzu kommt: Die Preise der Agraraktien schwanken deutlich weniger heftig als die der Agrarrohstoffe. Über Zertifikate ermöglichen Banken zwar auch Privatanlegern, auf Weizen, Zucker, Mais oder Orangensaft zu wetten. Deren Preise und damit die der oft kostenintensiven Zertifikate aber brechen häufig nach einer kurzen Rally schnell wieder ein. Zudem zahlen die meisten Agrarunternehmen auch ordentliche Dividenden, jährliche Einnahmen also, die Orangensaft nicht abwirft.

      Agrarrohstoffe folgen einem typischen Zyklus: Fallen Ernten schlechter aus als erwartet, steigen die Preise. In der Folge wird in den kommenden Jahren mehr investiert in Land, Maschinen, Dünger und Transportwege – bis die Produktion steigt und die Preise sich normalisieren. Bis jedoch mehr Geld in die Landwirtschaft fließt, kann es mitunter Jahre dauern. Derweil leiden vor allem die Menschen in Entwicklungsländern unter steigenden Lebensmittelpreisen, weil sie ein Großteil ihres Budgets für Nahrung ausgeben müssen. Wetten auf Agrarrohstoffe sind daher moralisch umstritten.

      „Exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln auf den Finanzmärkten verschärft Preisspitzen auf den realen Märkten und trägt somit zu Hunger und Armut der schwächsten Gruppen in den Entwicklungsländern bei“, sagt Thilo Hoppe, Sprecher für Welternährung bei den Grünen im Bundestag.

      Spekulanten und die Agrarpreise

      Wegen der Trockenheit in Osteuropa fällt die weltweite Weizenernte geringer aus, der Börsenpreis für Weizen zieht an Quelle: US-Landwirtschaftsministerium (USDA)

      Die Diskussion und der von Parteien, Kirchen und Organisationen wie Foodwatch ausgeübte öffentliche Druck haben auch die Chefetagen der Banken erreicht. Agrarrohstoffe gelten inzwischen als Tabu. Die Landesbank Baden-Württemberg verzichtet künftig bei ihren Agrarfonds auf Investments in Rohstoffe. Stattdessen sollen die Fonds nur noch Aktien von Agrarunternehmen halten. Es gehe der Landesbank darum, schon den Eindruck zu vermeiden, als würde der Hunger in der Welt durch Produkte der Bank verschärft, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Auch die Dekabank, Fondstochter der Sparkassen, und die Commerzbank verbannen Agrarrohstoffe aus ihren Fonds. Mehrere Banken kündigten bereits an, keine neuen Agrarzertifikate mehr auflegen zu wollen.

      Die Moralkeule wirkt. Selten verteidigen sich Banker. „Es gibt kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung, dass die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten zu Preissteigerungen oder erhöhter Volatilität führen“, sagte David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, bei einer Anhörung des Deutschen Bundestags. Trotz dieser Aussage knickte auch die Deutsche Bank ein. Sie hat signalisiert, in diesem Jahr keine neuen Produkte aufzulegen, die in Agrarrohstoffe investieren.

      Absichern statt zocken

      Dass Agrargüter überhaupt an der Börse gehandelt werden, hat allerdings wenig mit Hedgefonds und Banken zu tun. Entstanden sind die Termingeschäfte, weil Händler, Landwirte und Lebensmittelhersteller eine transparente Plattform brauchten, um sich gegen schwankende Preise abzusichern. Noch heute dominieren Profis aus der Agrarbranche die Terminbörsen in Chicago oder Paris. Sie machen rund 80 Prozent der Umsätze.

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        Fonds und ETFs aus der Agrarindustrie

        Wie groß der Einfluss von Spekulanten auf die Agrarpreise ist, bleibt umstritten. Klar ist nur, dass die Terminmärkte den Preistrend nicht auslösen, sondern Angebot und Nachfrage. Der Berliner Agrarökonom Harald von Witzke untersuchte den Preissprung bei Weizen von Januar 2007 bis Juni 2008. Er stellte fest, dass der Preisanstieg von 78 Prozent vor allem aufgestiegene Energie- und Transportkosten zurückzuführen waren. „Nach gegenwärtigem Stand der Forschung ist Spekulation nicht die treibende Kraft hinter dem Trend steigender Preise, jedoch an ihrer zunehmenden Volatilität und an den extremen Preisspitzen ursächlich beteiligt“, sagt Joachim von Braun, Agrarökonom am Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn.

        Regierungen zeigen gern mit dem Finger auf Spekulanten und Banken. Dabei sind Politiker keinesfalls unschuldig an Preissprüngen. Ganz im Gegenteil. Ihr Einfluss ist weitaus größer auf die Lebensmittelpreise als derjenige der Spekulanten.

        Denn Regierungen können Preise festlegen, den Anbau subventionieren oder einschränken und den Agrarhandel regulieren. Oft verfälschen sie die Preissignale des Marktes. Aktuelles Beispiel: Obwohl der Weizenpreis steigt, bauen die Farmer in Argentinien lieber Braugerste an. Damit weichen sie Exportbeschränkungen der Regierung für Weizen aus. Laut der argentinischen Getreidebörse Bahia Blanca Cereals dürfte die mit Weizen bewirtschaftete Fläche in der Erntesaison 2012/13 um ein Viertel zurückgehen.

        Aktien gewinnen langfristig

        Entwicklung von Fleischkonsum und Fleischpreis Quelle: Weltbank, USDA, Bloomberg, FAO

        Eingriffe in den Agrarmarkt mit dramatischen Auswirkungen haben Tradition: Im Frühjahr 2008 etwa trieben Exportbeschränkungen mehrerer asiatischer Staaten den Reispreis auf Rekordhöhe. Gleichzeitig horteten die großen Erzeuger auf innenpolitischen Druck Millionen Tonnen Reis, der eigentlich dringend im Ausland benötigt wurde. Als die Exportverbote wenige Monate später fielen, brach der Reispreis ein. Später stellte sich heraus, dass Politiker über Schmiergelder vom Reishandel profitiert hatten.

        Ein Maschine erntet Wintergerste auf einem Feld Quelle: AP

        Wetter, Spekulation und politische Eingriffe lassen die Agrarpreise kurzfristig hochschnellen. Es gibt jedoch auch Entwicklungen, die für einen langfristigen Boom in der Agrarbranche sprechen. Vor allem eine: Die Weltbevölkerung wird weiter wachsen. 2050 sollen laut Uno-Prognose 9,6 Milliarden Menschen den Planeten bevölkern, 2,5 Milliarden mehr als jetzt. Gleichzeitig entsteht in den großen Aufsteigerländern China, Indien und Brasilien eine Mittelschicht, die ihre Essgewohnheiten ändert: weniger preiswertes Gemüse und mehr teureres Fleisch (siehe Grafik). Um aber ein Kilo Rindfleisch zu erzeugen, sind im Durchschnitt zehn Kilo Getreide nötig.

        Übernahmewelle läuft

        Die Aussicht auf langfristig hohe Profite im Agrargeschäft zieht nun auch Mega-Investoren an. So hat der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore im Juli eine weitere Hürde auf dem Weg zur Übernahme des kanadischen Agrarkonzerns Viterra genommen: Das Industrieministerium in Quebec stimmte dem Zusammenschluss zu. Viterra hat in Kanada große Getreidespeicher, stellt Lebens- und Futtermittel her und handelt mit Getreide.

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          Das japanische Handelshaus Marubeni kaufte gerade für 3,6 Milliarden Dollar den amerikanischen Getreidehändler Gavilon und stemmte damit die größte Übernahme seiner Geschichte. Gavilon ist der drittgrößte Getreidehändler der USA, hinter Archer Daniels Midland (ADM) und Cargill.

          Auch der Münchner Agrarhandelskonzern Baywa will laut Vorstandschef Klaus Josef Lutz weitere Zukäufe im Getreidehandel stemmen: „Sonst können wir von anderen Wettbewerbern womöglich zu stark unter Druck geraten.“ Baywa hatte im März bereits den neuseeländischen Obsthändler Turners & Growers geschluckt.

          Privatanleger, denen direkte Wetten auf Preissteigerungen bei Weizen, Mais oder Zucker zu riskant oder moralisch anrüchig erscheinen, können als Aktionäre am Agrarboom teilhaben. Papiere von Dünger- und Saatgutproduzenten, Pflanzenschutzmittelherstellern sowie Landmaschinenbauern profitieren langfristig vom wachsenden Bedarf an Lebensmitteln.

          Über eine Erntesaison hinaus

          Düngerpreise und die Aktie des Düngemittelproduzenten Yara liegen noch unter den Höchstständen von 2008 Quelle: USDA, Thomson Reuters

          2008, als die Rally der Agrarrohstoffe ihren bisherigen Höhepunkt erreichte, setzte beispielsweise Dax-Wert K+S mit 2,4 Milliarden Euro 70 Prozent mehr Kali-Dünger um als im Jahr davor. Auch der kanadische Düngemittelhersteller Potash of Saskatchewan erreichte im gleichen Jahr mit 9,44 Milliarden Dollar einen Rekordumsatz.

          Potash und K+S produzieren vor allem Kalidünger. Jörg Dehning, Fondsmanager bei DJE Kapital in Pullach, hält derzeit allerdings Produzenten von Stickstoffdünger für die noch bessere Wahl. Indien, einer der weltweit größten Abnehmer für Düngemittel, habe Agrarsubventionen gekürzt. Indiens Bauern sparten vor allem bei Kali. „Kali müssen sie nur alle zwei bis drei Jahre auf dem Feld ausbringen, Stickstoff dagegen ist in jeder Erntesaison notwendig“, sagt Dehning. Yara International etwa stellt sowohl Stickstoff- als auch Kalidünger her.

          Aktie Deere und Preisindex für Getreide, Stückzahl verkaufter Traktoren Quelle: Thomson Reuters; Association of Equipment Manufactors

          Ähnlich gut aufgehoben wie bei Düngerproduzenten sind Investoren, die weiter blicken als nur eine Erntesaison, bei Verteilern von Rohstoffen. So setzt Fondsmanager Oberbannscheidt angesichts der Ernteausfälle in den USA auch auf Agrarlogistiker, darunter Bunge: „Weil amerikanische Farmer weniger Mais liefern können, müssen die Abnehmer aus Asien und dem Nahen Osten von anderen Regionen der Erde beliefert werden, etwa aus Südamerika.“ Dazu seien Lager, Verladestationen und Transportmittel nötig, die nur weltweit operierende Agrarlogistiker anbieten könnten. Bunge-Konkurrent ADM etwa kaufte im August ein weiteres Hafenterminal in Brasilien, um Soja zu exportieren.

          Wie fatal sich fehlende Infrastruktur auswirken kann, zeigt das Beispiel Indien, wo in diesem Jahr Tausende Tonnen Weizen verrotteten, weil Lager und Transportmittel fehlten. Rund 30 Prozent der Ernte gingen in Schwellenländern auf dem Weg vom Erzeuger zum Abnehmer verloren, schätzt Oberbannscheidt.

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            Um Verluste beim Transport zu mindern und die Kosten zu drücken, verarbeiten Agrarkonzerne vermehrt vor Ort in den Schwellenländern. Das erhöht die Margen. So baut ADMs Wettbewerber Bunge seine neue Biospritfabrik gleich dort, wo der Rohstoff Zuckerrohr geerntet wird: in Brasilien. Von Herbst kommenden Jahres an soll sie in Betrieb gehen.

            Geldanlage



            Da Ackerland nicht beliebig vermehrbar ist, lassen sich die Erträge meist nur mit verbessertem Saatgut steigern. Landwirtin Schulze Bockeloh hat noch kein Saatgut für das kommende Jahr eingekauft. Teurer als in diesem Jahr, das ahnt sie, wird es auf jeden Fall. Von der Nachfrage nach höherwertigem Saatgut profitieren Spezialisten wie die deutsche KWS Saat. Gewinne aus seinen Geschäften investierte das Unternehmen im Juli in zwei brasilianische Saatgutunternehmen, die sich auf Mais spezialisiert haben. Brasilien ist einer der weltweit größten Märkte für Mais. Seit März legte der Kurs der im MDax notierten KWS bereits um 30 Prozent zu (WirtschaftsWoche 13/2012).

            Lukrative Landmaschinen

            Gute Chancen für Investoren bieten auch Hersteller von Landmaschinen. Fondsmanager Dehning sieht Marktwachstum zunächst weniger in den dürregeplagten USA als in Westeuropa, wo die Ernten gut ausfallen werden. Er bevorzugt den US-Hersteller Agco, der im westeuropäischen Markt einen größeren Marktanteil hat als der amerikanische Wettbewerber Deere & Co. Zu Agco gehören unter anderem die Marken Fendt und Massey Ferguson.

            Dass Landmaschinenhersteller bei ihren Verkaufszahlen noch Luft nach oben haben, liegt auch an den vorsichtig wirtschaftenden Bauern. „Anfragen gibt es derzeit viele, Bestellungen dagegen noch wenige“, sagt Dieter Mies, Geschäftsleiter von Zimmermann Landtechnik im rheinischen Euskirchen. Noch sei, sagt Mies, etwa in der nahe gelegenen Nordeifel nur ein Teil der Felder abgeerntet. Den Bauern fehle noch das Geld im Portemonnaie. Ab September rechne er mit mehr Bestellungen. Die dann georderten Traktoren und Mähdrescher liefen dann etwa drei Monate später vom Band. Spätestens dann dürften auch die Aktionäre der Landmaschinenbauer ihre Ernte einfahren.

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