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Anlage-Gipfel Was die Geld-Gurus jetzt kaufen

Zehn Kapitalmarkt-Profis unseres US-Partnermagazins "Barron’s" in gemeinsamer Runde: Sie rechnen mit schwachem Konjunkturwachstum und gedämpfter Aktienkursentwicklung. Was die Geld-Gurus jetzt kaufen.

Felix Zulauf, Marc Faber, Bill Gross und Abby J. Cohen Quelle: Brad Trent

Felix, Sie haben das schwache Wirtschaftswachstum, den Anstieg des Dollar und den Rückgang der Rohstoffpreise im Vorjahr richtig vorausgesagt. Wie geht es 2015 weiter?

Felix Zulauf: Ökonomen rechneten im Vorjahr mit einer Normalisierung der Wirtschaftsentwicklung, also mit der Rückkehr zu den Wachstumsraten aus der Zeit vor der großen Finanzkrise von 2008. Diese Erholung ist nicht eingetreten. Heute wird eine Entkopplung der Entwicklung prognostiziert; eine Wachstumsbeschleunigung in den USA bei zunächst schwachem Wachstum im Rest der Welt, das sich aber schrittweise gegen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres verbessert. Damit werden sie wieder daneben liegen. Europa steckt nach wie vor in der Krise, und die Entscheidungsträger in der Politik machen falsch, was sie nur falsch machen können. Unter anderem will die Europäische Zentralbank (EZB) monatlich 60 Milliarden Euro für Staatsanleihen und vermögensbesicherte Wertpapiere locker machen. Diese Geldspritzen sollen das Finanzsystem mit Liquidität versorgen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Die Probleme in Europa löst man aber nicht, wenn man billiges Geld in das System pumpt. In Asien verlangsamt sich der große chinesische Investitions- und Kreditboom. Ein realistischeres Bild von der chinesischen Konjunktur erhält man wahrscheinlich, wenn man die offiziellen Planziffern halbiert. Drei bis vier Prozent Wachstum sind wesentlich wahrscheinlicher als sieben oder acht Prozent. Japan hat in den vergangenen zwei Jahren den Yen gegenüber dem Dollar um 50 Prozent abgewertet. Das trifft die Mitbewerber in der Region. Und der Absturz des Ölpreises um 50 Prozent in sechs Monaten schwächt die Ölindustrie in den USA. In der Folge könnte die US-Konjunktur, statt weiter anzuziehen, auf das Nachkrisen-Niveau von jährlich 2,0 bis 2,5 Prozent Wachstum zurückfallen.

Zu den Personen

Niedrigere Energiepreise sind aber doch positiv für amerikanische Verbraucher?

Zulauf: Der Preisverfall bei Öl wird die Wirtschaft dramatisch treffen, weil Investitionen und Beschäftigung zurückgehen. Die Jobs in der Ölindustrie sind meist gut dotiert. Der niedrigere Ölpreis senkt zwar die Energiekosten, was gut für die Verbraucher ist, allerdings werden die privaten Haushalte das gesparte Geld eher auf die hohe Kante legen als ausgeben. Und die Abwertung des japanischen Yen ist für die Preise aller global gehandelten Waren negativ. Die Inflation sinkt selbst in Ländern mit schwachen Währungen. In Europa liegen die Preissteigerungen bereits unter null, in den USA dürften sie in diesem Jahr gegen null gehen. Ab einem gewissen Punkt wird sich das negativ auf den Aktienmarkt auswirken. Am Markt für Hochzinsanleihen wird es infolge der Ausweitung des Rendite-Abstands gegenüber Staatsanleihen eine Krise geben. Historisch folgte einem Rückgang der Renditen von Staatsanleihen gepaart mit einer Verflachung der Zinsstrukturkurve gewöhnlich eine Rezession. Ich will nicht sagen, dass es eine Rezession geben wird, aber ich erwarte weltweit und für die USA ein Wirtschaftswachstum, das weit unterhalb der Prognosen liegt.

Gibt es jemanden hier, der widerspricht?

Abby Joseph Cohen: Was die USA und die Auswirkungen des Ölpreisverfalls betrifft, scheint Felix mir zu pessimistisch. Ja, die USA produzieren Öl, aber sie importieren es auch. Die US-Wirtschaft profitiert unter dem Strich vom Rückgang der Energiepreise. Wenn der Ölpreis bei 50 Dollar je Barrel bleibt, wirkt das für die Verbraucher wie eine Steuerentlastung von 150 Milliarden Dollar. Vielleicht wird dieses Geld zunächst gespart, weil die Menschen skeptisch sind, ob Energie wirklich so billig bleibt. Wenn sich das aber bestätigt, wird auch die Kauflust zurückkehren. Die Arbeitsmarktdaten sind zwar nicht durch die Bank rosig, aber schon sehr viel besser als noch vor zwölf Monaten. Die Arbeitslosigkeit ist erheblich gesunken. Die Gesamtinflationsrate könnte, gedämpft hauptsächlich durch den Verfall der Energiepreise, 2015 tatsächlich auf null sinken. Die Kernteuerungsrate im Verbraucherpreisindex, als ohne Einrechnung der Energie- und Nahrungsmittelpreise, dürfte aber eher bei 1,6 Prozent liegen.

Wie sich die Investmentideen der Roundtable-Teilnehmer 2014 entwickelt haben

Zulauf: Wesentlich ist, dass wir in einem deflationären Prozess stecken.

Cohen: Die Transportunternehmen und Versorger verbrauchen viel Energie, 17 bis 18 Prozent ihrer Gesamtkosten entfallen auf Energiekosten. Sie werden vom Rückgang des Ölpreises profitieren.

Mario Gabelli: Warum schauen die Saudis dem Ölpreisverfall untätig zu?

Scott Black: Die Saudis halten sich aus politischen Gründen zurück. Sie fürchten sowohl den Iran als auch den Islamischen Staat. Der niedrige Ölpreis bricht der iranischen Wirtschaft das Rückgrat. Saudi-Arabien kann mit Reserven im Wert von 750 Milliarden Dollar im Rücken einen niedrigen Ölpreis über sechs bis neun Monate verkraften, ebenso die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Der niedrige Ölpreis schadet auch dem US-Schieferölgeschäft, aber meine Quellen sagen, es gebe ein stillschweigendes Einverständnis der Regierung Obama.

Brian Rogers: Einspruch. Die Saudis wollen es den Russen heimzahlen. Interessant ist, dass niemand mit dem Einbruch der Energiepreise gerechnet hat. Das bringt uns zum Thema Vorhersagen. Auf Prognosen ist generell nicht viel Verlass.

Die Konjunkturentwicklung

Sollen wir jetzt alle nach Hause gehen?

Rogers: Es ist gut möglich, dass der Ölpreis schon nach dem nächsten Opec-Treffen wieder anzieht. In den vergangenen zwölf Monaten wurde das Finanzsystem von unerwarteten Entwicklungen geschockt. Gut möglich, dass auch in den nächsten zwölf Monaten Unerwartetes geschieht und zu radikal anderen Ergebnissen führt.

Zulauf: Was als politischer Schachzug begonnen haben mag, hat auch volkswirtschaftliche Gründe. Rohöl, speziell Opec -Öl, hat in den vergangenen Jahren gegenüber anderen Energiequellen Marktanteile verloren. Die Saudis wollen, dass ihr wertvollstes Wirtschaftsgut langfristig einen guten Markt hat. Wenn sie den Marktanteil von Öl im Energiemix langfristig sichern wollen, müssen sie jetzt ein paar Nebenspieler aus dem Markt drängen. Dieser Schachzug kann nur gelingen, wenn die Saudis die Preise für mindestens ein Jahr niedrig halten. Das ganze Spiel hat eben erst begonnen. Der Preis ist gefallen, aber die Effekte haben noch nicht auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Ein großer Teil der Produktion ist abgesichert. Diese Sicherungsgeschäfte laufen erst im Sommer aus.

Mario Gabelli Quelle: Brad Trent

Gabelli: Im Gegensatz zu anderen hier in der Runde betanke ich mein Auto selbst mit Benzin. Die Spritpreise sind Ende November eingebrochen und die Konsumenten spüren die Auswirkungen der gefallenen Preise unmittelbar, denn sie haben mehr Geld in der Tasche oder niedrigere Kreditkartenrechnungen. Die Kosten der Verbraucher, auf die 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung entfallen, sind somit gesunken. Als nächstes werden die Lebensmittelpreise fallen. Das alles erhöht die Kaufkraft der Verbraucher. Die Effekte werden in der Realwirtschaft spürbar werden.

Marc Faber: Man würde erwarten, dass dann die Ausgaben für Nicht-Basiskonsumgüter...

...Autos, Bekleidung, Luxusgüter...

Faber: ...steigen. Aber dem ist nicht so. Die von Nicht-Basiskonsumgüterproduzenten im November veröffentlichten Gewinnprognosen waren zu 89 Prozent negativ. Das ist das schlechteste Ergebnis in dieser Datenreihe seit 2006.

Bill Gross: Wenn ein Land abwertet, exportiert es Deflation. Japan hat diesen Schritt erfolgreich umgesetzt und andere Länder steuern gegenüber den USA in die gleiche Richtung. Sie versuchen, Deflation zu exportieren und Inflation zu importieren.

Cohen: Die japanischen Exporte sind gestiegen und japanische Multis haben an Wettbewerbskraft gewonnen. Die japanischen Unternehmen fahren höhere Gewinne ein und das könnte die Schaffung von Arbeitsplätzen vorantreiben.

Zulauf: Nach einer Währungsabwertung von 50 Prozent müssen die Exporte steigen, sonst ist etwas faul. Ein positives Szenario für die Weltwirtschaft lässt sich aus diesem Anstieg aber nicht ableiten. Japan ist ein Ausnahmefall. In anderen asiatischen Ländern gingen und gehen die Exporte zurück.

Faber: Nur zur Klarstellung: In Yen gemessen sind die japanischen Exporte gestiegen, in Dollar gemessen aber gefallen.

Brian Rogers Quelle: Brad Trent

Brian, Sie haben zwar den Sinn von Prognosen gerade in Frage gestellt, aber wie sehen Sie die Konjunkturentwicklung?

Rogers: Die USA sind seit fünf oder sechs Jahren die Konjunkturlokomotive, die andere Länder mitzieht. Meine große Sorge ist, ob sie diese Rolle noch lange spielen können. Wenn ich mit S&P-500 Unternehmen über die Geschäftsentwicklung in Asien und Europa spreche, höre ich selten hoffnungsfrohe Erwartungen für diese Märkte. Ökonomen rechnen im Schnitt mit rund drei Prozent US-Wachstum. Es würde mich nicht wundern, wenn diese Schätzung im Jahresverlauf unter Druck geriete. Es gibt zu viele Faktoren, die das Wachstum nach unten ziehen, unter anderem der Rückgang der Energiepreise. Die US-Konjunktur könnte einem härteren Jahr entgegensteuern, als viele erwarten.

Oscar, wie sehen Sie die Lage?

Oscar Schafer: Zum Thema Prognosen möchte ich ein Bonmot von Woody Allen abwandeln: Ich bin erstaunt über Leute, die das Makro-Umfeld begreifen wollen, wenn es doch schon schwierig genug ist, sich in Chinatown zurechtzufinden.

Oscar Schafer Quelle: Brad Trent

Vielleicht laden wir Allen nächstes Jahr ein.

Schafer: Noch ein Zitat: Seth Klarman, Gründer der Investmentfirma Baupost Group, formulierte im letzten Sommer die brillante Frage: „Ist der Markt im Vergleich zum Frühjahr 2009 auf das Dreifache gestiegen, weil die Lage besser ist, oder fühlt sich die Lage besser an, weil der Markt auf das fast Dreifache gestiegen ist?“ Niemand von uns hätte erwartet, dass der Ölpreis in den Keller rasselt. Aufgrund der Folgewirkungen rechne ich in den USA mit einer Wachstumsabschwächung. Die US-Wirtschaft verdankt dem Ölsektor einen beachtlichen Beschäftigungszuwachs. Den Notenbanken bleibt beim extrem niedrigen Zinsniveau so gut wie kein Spielraum für eine Stimulierung der Wirtschaft. In bestimmten Nischen werden Anleger dennoch Chancen finden.

Gabelli: Die Nettovermögen der Verbraucher haben ein Allzeithoch erreicht. In manchen Branchen beginnen die Löhne gerade erst zu steigen, aber die Stimmung könnte nicht besser sein. Der Verbraucher fühlt sich prächtig, wenn er seine wöchentliche Tankfüllung holt.

Schafer: Sie verbringen viel Zeit an Zapfsäulen; wie viele Autos haben Sie, Mario?

Gabelli: Ihr Städter lasst Eure Autos von anderen Leuten auftanken. Aber gehen Sie und reden Sie mit dem Tankwart. Es lohnt sich, Fragen zu stellen, man erfährt viel. Investitionen sind für zwölf Prozent der US-Wirtschaftsleistung verantwortlich. Die US-Regierung wird sich Möglichkeiten zur Verbesserung der Infrastruktur überlegen. Bei den Zwischenwahlen sicherten sich die Republikaner eine Mehrheit im US-Kongress, und sie haben eine klare Vision: Sie wollen weniger Regulierung und höhere Anlagerenditen. Die Ölindustrie könnte die Investitionsausgaben in diesem Jahr von 725 Milliarden auf unter 600 Milliarden Dollar zurückfahren. Das sind keine keine ernsthaften Probleme. Der Aufschwung im US-Wohnungsbau ist in Fahrt und die Kommunen steigern die Ausgaben. Die US-Wirtschaft könnte real um 2,75 bis 3,25 Prozent wachsen. Für stark auf den Heimatmarkt ausgerichtete Unternehmen erwarte ich in diesem Jahr eine gute Entwicklung.

Der Ölpreis

Rechnet jemand in dieser Runde mit einem weiteren Rückgang des Ölpreises?

Zulauf: Ja. Die Saudis haben einen strategischen Plan und werden ihre Politik nicht ändern, solange sie ihre Ziele nicht erreicht haben. Dazu sind drei bis vier Monate zu kurz. Die Situation in Russland ist unklar. Präsident Wladimir Putin hat für die Annexion der Krim mit Sanktionen gerechnet, aber auf den Ölpreiscrash war er nicht vorbereitet. Der Preisverfall bringt ihn in eine schwierige Lage. Er könnte auch intern von Seiten der Oligarchen unter Druck geraten. Russland ist so etwas wie ein Joker, aber Russland wird keinen Krieg anzetteln.

Schafer: Im Juli 2008 kostete ein Barrel Öl 147 Dollar. Wo lag der Preis im Dezember 2008?

Wer vom billigen Öl profitiert – und wer verliert
Jemand arbeitet an einer Tragfläche eines Flugzeugs Quelle: PR
Autos Quelle: AP
Jemand greift nach Körperpflegeprodukten in einem Regal Quelle: REUTERS
Containerschiff Quelle: dpa
Lastwagen der Deutschen Post Quelle: dpa
Packungen mit Medikamenten Quelle: dpa
Anlage mit Tank, auf dem BASF steht Quelle: dpa

Faber: Bei 32 Dollar.

Schafer: Genau! Ein Rückgang um 78 Prozent in sechs Monaten. Diese Daten habe ich aus Deinem Report, Marc.

Faber: Danke. Ich fahre immer wieder mal nach Saudi-Arabien. Es würde mich überraschen, wenn sie den Preisverfall absichtlich herbeigeführt hätten – speziell wenn man bedenkt, wie stark die Region unter dem niedrigen Preis leidet. Es war die schwache Nachfrage, die den Ölpreis kollabieren ließ. Zuvor hatte Asien das Überangebot aus den USA absorbiert. Die US-Ölproduktion stieg binnen fünf Jahren von 5,0 auf 9,3 Millionen Barrel pro Tag. In jüngster Zeit hat sich die Nachfrage aus Asien, speziell aus China, deutlich abgeschwächt.

Scott Black Quelle: Brad Trent

Black: Die Saudis halten den Preis aus politischen Gründen niedrig. Dazu kommt das Überangebot aus der US-Schieferölproduktion. Im Vorjahr kehrten auch Libyen und der Irak auf den Ölmarkt zurück. Wenn die Saudis wollten, könnten sie das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wieder herstellen. Ich würde nicht wetten, dass dies schon 2015 passiert.

Meryl, wie schätzen Sie die Lage ein?

Meryl Witmer: Viele Investitionsprojekte, die auf dem Einsatz von Fracking beruhen, könnten auf Eis gelegt werden. Auch in Europa war eine Vielzahl von Energieprojekten in Vorbereitung. Diese dürften ebenfalls zurückgestellt werden. Der Energiesektor trug wesentlich zum Beschäftigungswachstum bei. Wenn dessen Investitionen eingedämmt werden, dürfte sich die US-Konjunktur stärker als erwartet abschwächen.

Zulauf: Bei dem deutlich tieferen Ölpreis werden weniger Petrodollar erwirtschaftet – ein Minus von möglicherweise 1,5 Billionen Dollar auf Jahresbasis. Dieses Geld floss bisher in unterschiedlichste Vorhaben, wie etwa die Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite anderer Länder. Jetzt versiegt dieser Fluss. Niedrigere Ölpreise haben Auswirkungen nicht nur auf die Fracking-Industrie, sondern auch auf die Finanzwelt.

Meryl Witmer Quelle: Brad Trent

Marc, einen Petrodollar für Ihre Gedanken...

Faber: Ich bin ja den Optimismus der Amerikaner für ihr Land schon gewohnt, speziell, nachdem der Bullenmarkt an der Börse nun schon über fünf Jahre anhält. Auch die Wirtschaft expandiert schon seit mehr als fünf Jahren; historisch gesehen ist das lang. Allerdings habe ich da ein paar aktuelle Daten: Im Dezember 2014 fiel der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe gegenüber dem Vorjahr um einen Prozentpunkt, die Auftragseingänge gingen um 7,1 Prozentpunkte zurück, die Produktion sank um 2,9 Prozentpunkte. Ich glaube nicht, dass in den USA alles zum Besten steht. Warum fällt die Quote der Eigenheimbesitzer, während die Eigenheimpreise steigen? Da besteht ein Problem der Erschwinglichkeit. Viele junge Menschen schließen ihre College-Ausbildung mit enorm hohen Schulden ab. Neu geschaffene Arbeitsplätze sind vor allem Niedriglohnjobs. Die Zahl gut dotierter Stellen steigt sehr langsam.

Die Leute wissen, wie man Facebook verwendet und sind vielleicht in der Gastronomie brauchbar, aber es mangelt an qualifizierten Arbeitskräften. Vor einem Jahr empfahl ich aus diesen Gründen zehnjährige US-Staatsanleihen. Ich rechnete mit einer enttäuschenden Wirtschaftsentwicklung. Die wird es in diesem Jahr geben. Die Konjunktur wird höchstens um rund zwei Prozent wachsen, aber sie könnte auch schrumpfen. Und in Europa ist kaum mit Wachstum zu rechnen. Noch dazu leidet der Kontinent unter einem unerfreulichen politischen Klima und einer durch Anspruchsdenken geprägten Gesellschaft.

Wo in Europa Wachstum herkommen soll, ist schwer vorstellbar. Einige Unternehmen werden sich dennoch gut entwickeln. In Asien ist eine durchaus sinnvolle Verlangsamung zu beobachten. Die Region befindet sich im Übrigen in einer Phase des Übergangs. Die beiden weltweit besten Whiskeys kommen inzwischen aus Asien, der Yamazaki, eine japanische Marke, und ein taiwanesischer Brand, der zum besten Single-Malt weltweit gekürt wurde. Mario verbringt viel Zeit auf Tankstellen, ich hingegen lasse es mir gerne mit einem Glas Whiskey gut gehen.

Asien und Europa

Schön für Sie, aber was wollen Sie sagen?

Faber: Auch wenn Asien in diesem Jahr keine beeindruckenden Wachstumszahlen hinlegt, die wirtschaftliche Macht verlagert sich nach Asien. Die indische Wirtschaft könnte 2015 fünf bis sechs Prozent Wachstum erzielen. Die Inder würden mich mit dieser Prognose als Pessimisten bezeichnen. Aber fünf Prozent Wachstum sind im Vergleich zum Nullwachstum in Europa grandios.

Gabelli: Schrumpft das Wachstum in China auch auf fünf Prozent?

Fabers düstere Prognose für China
Marc Faber Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche
Rio de Janeiro Quelle: dapd
Kupfermine in Chile Quelle: IVAN ALVARADO
Taipeh 101 Quelle: dpa/dpaweb
Casino in Macau Quelle: REUTERS
Louis Vuitton in Shanghai Quelle: AP
Transformator Quelle: REUTERS

Faber: In China gibt es einen Rückgang auf bis zu vier Prozent. Die Exporte steigen kaum und die Importe fallen.

Zulauf: Der Ausbau der industriellen Kapazitäten in China basiert auf zehn Prozent Wachstum. Die starke Abschwächung trifft den Unternehmenssektor unvorbereitet.

Faber: Im Unterschied zu manchen Optimisten rechne ich auch für Japan mit rückläufigen Wachstumszahlen. Die Bevölkerung ist im Vorjahr um über 200.000 Personen geschrumpft; das ist der stärkste Rückgang seit 1947. Die Bevölkerungszahlen werden nicht wieder steigen, solange Japan seine Grenzen nicht für Ausländer öffnet – und das werden die Japaner kaum tun. Die Währung hat wesentlich abgewertet. In Japan entfallen rund 50 Prozent der Ausgaben für Nahrungsmittel auf importierte Produkte. Die Lebensmittelpreise steigen, aber die Löhne und Gehälter ziehen nicht mit. Dadurch sind die Realeinkommen in den letzten drei Monaten empfindlich gefallen.

Cohen: Wegen der Rezession hat die japanische Regierung unter anderem ihre Pläne für eine finanzpolitische Straffung auf die lange Bank geschoben. Zum Beispiel haben sie die geplante Erhöhung der Verbrauchssteuern aufgeschoben.
Zulauf: Abenomics, die vom japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe propagierte Wirtschaftspolitik, basiert auf drei Pfeilern: Währungsabwertung, fiskalpolitische Stimulierung und Strukturreformen. Von Reformen aber ist nichts zu sehen, weil sie auf politischen Widerstand stoßen. Wer reformiert, nimmt jedem etwas weg. Europa steht vor dem gleichen Problem. In Deutschland geht man eher wieder einen Schritt zurück, in Italien und Frankreich tut sich gar nichts. Die Einführung des Euro war das Dümmste, was man tun konnte. Der Euro erweist sich in mindestens der Hälfte der Mitgliedsstaaten als deflationäre Zwangsjacke. Ich sehe keine Hoffnung für Europa. Der Kontinent befindet sich auf dem gleichen Weg wie Japan.

Rogers: Die Politik der quantitativen Lockerung, also der Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank, ist die einzige Option, die den Euroraum noch bleibt. Aber sie ist ein Schuss ins Blaue mit geringen Erfolgschancen.

Zulauf: Quantitative Lockerungen reduzieren lediglich den politischen Druck zur Umsetzung dringender Maßnahmen. Nur eine schwere Krise wird den europäischen Regierungen den notwendigen Raum für Reformen verschaffen.

Gabelli: Sie meinen also, man sollte den Euro platzen lassen, weil eine gemeinsame Währung keinen Sinn macht? Darauf wollen Sie doch hinaus.

Zulauf: Europa wird noch einige Jahre am Euro festhalten, aber der Tag wird kommen, an dem die Bürger mancher Länder auf die Barrikaden gehen und sagen: „Es reicht“. Die Euroskeptiker und Zentralisierungsgegner halten bereits ein Drittel der Sitze im Europäischen Parlament – und ihre Zahl steigt. Hätte die Schweizerische Nationalbank weiter am Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro festgehalten, dann hätte sie dieselbe Geldpolitik verfolgt wie die EZB. Das aber ist völlig unnötig, weil sich die Schweizer Wirtschaft gut entwickelt. Zusätzliche geldpolitische Stimuli hätten kontraproduktive Auswirkungen gehabt und zu einer Inflation von Vermögenswerten wie Immobilien und Aktien geführt. Das hätte auf Sicht erhebliche Risiken entstehen lassen. Das Abrücken von der Euro-Franken-Deckelung ist von Vorteil, weil es die Schweizer Wirtschaft zwingt, produktiver zu werden und wertschöpfungsstärkere Branchen zu forcieren. Zunächst aber wird die Schweizer Wirtschaft wohl in die Rezession schlittern.

Cohen: Europäische Politiker setzen ihre Hoffnung in die konjunkturbefeuernde Wirkung aus quantitativen Lockerungen und Euro-Abwertung. Volkswirtschaften wie Deutschland, die über die Grenzen der Eurozone hinaus exportieren, wird das tatsächlich helfen. Aber in etlichen schwächeren Ländern fehlt durch die Einführung des Euro die Möglichkeit zu einer Abwertung ihrer Währungen, einen Weg, den diese Länder in der Vergangenheit bei wirtschaftlichen Problemen eingeschlagen haben.

Faber: Darf ich meine Ausführungen noch abschließen? Neben der Konjunkturabschwächung in Asien wird häufig nicht bedacht, wohin die globalen Aufwendungen für Öl überhaupt fließen. Im Jahr 1999 lagen diese Ausgaben bei 250 Milliarden Dollar. 2007 gab die Welt bei steigender Produktion und anziehenden Preisen 4,2 Billionen Dollar für Öl aus. Seit 2007 ist diese Summe auf 2,5 Billionen Dollar gefallen. Mit anderen Worten: 1,7 Billionen Dollar verblieben in den Taschen der Verbraucher. Ebenfalls wichtig: Die in Staatsfonds geparkten Mittel stiegen zwischen 2007 und September 2014 von 3,2 Billionen Dollar auf 6,8 Billionen. 59 Prozent dieses Anstiegs stammten aus Erdöl-, Erdgas- und damit verbundenen Einnahmen. Was wird im Zuge des Ölpreisverfalls aus den Staatsfonds, die bisher weltweit immer mehr Geld in Finanzwerte investierten? Die Mittelzuflüsse werden verdunsten, und sie werden Vermögenswerte verkaufen müssen.

David Herro: Ein großer Teil dieser Gelder entfällt auf Norwegen. Das ist ein kleines Land. Die fallenden Preise werden deshalb zu keiner Katastrophe führen.

Geld-, Fiskal- und Pensionspolitik

Faber: Norwegen hat eine kolossale Blase am Häusermarkt und eine überhitzte Wirtschaft.

Herro: Das stimmt, aber das Land hat nur fünf Millionen Einwohner.

Faber: Soll das heißen, dass das rückläufige Vermögen der Staatsfonds keine globalen Auswirkungen haben wird?

Herro: Man sollte sich besser anschauen, welche Auswirkungen niedrigere Energiepreise auf die globale Konjunktur haben.

Gross: Die Saudis, die Norwegen und die Staatsfonds anderer Länder investierten ihre Öleinnahmen nicht nur in Aktien, sondern auch in Anleihen. Jetzt ist weniger Geld zum Ausgeben da. Was könnte als Ersatz dienen? Die quantitativen Lockerungsprogramme in der Eurozone und Japan, und fortgesetzte geldpolitische Lockerungen in den USA?

Rogers: Das Geld verschwindet nicht, nur weil es nicht in die Taschen der Ölproduzenten fließt. Es landet in den Händen der Verbraucher.

Faber: Ich will nur eines klarstellen: Die in den Staatsfonds angehäuften Vermögenswerte werden sich nicht neuerlich verdoppeln, wie von 2007 bis zuletzt. Das heißt, eine Quelle der Nachfrage nach Finanzwerten fällt weg.

Zulauf: In diesem Jahr werden mehr Notenbanken Anleihen kaufen. Man kann seine Währung nicht einfach abwerten; man muss dann auch mehr Geld drucken. Dieses Geld muss investiert werden und fließt vornehmlich in Rentenwerte. Deshalb bleiben die Zinsen niedrig und werden in diesem Jahr sogar weiter fallen. In den USA wird es keine Zinserhöhung geben, diese Pläne sind bereits vom Tisch.
David, bevor wir diese faszinierende Diskussion fortsetzen, bitte noch Ihre Makroprognose.

David Herro Quelle: Brad Trent

Herro: Für die USA bin ich nicht so pessimistisch wie andere hier. Gesunkene Energiepreise, die verbesserten Lage am Arbeitsmarkt, ein höherer Wohlfühl-Faktor und vielleicht ein Schritt in Richtung einer Steuerreform werden der weltweit größten Volkswirtschaft akzeptable Wachstumsraten bescheren. Die Eurozone krankt an zahlreichen Stellen und braucht dringend Strukturreformen. Arbeitgeber müssen das Recht haben Leute einzustellen und zu entlassen. Europa sollte abrücken von seiner Verteidigung des Wohlfahrtsstaates. Aber man kann Europa nicht über einen Kamm scheren; manchen Ländern geht es besser als anderen. Das Wachstum in China verlangsamt sich; das ist nicht tragisch, sondern notwendig. Die Überinvestitionen müssen ein Ende finden und der Fokus auf muss stärker auf den Konsum gerichtet sein. Die in China in die Wege geleiteten Reformen werden das Land hoffentlich auf einen nachhaltigeren Wachstumspfad führen. Japans staatlicher Pensionsfonds ändert seine Anlagepolitik massiv. Die bisher zu 100 Prozent in japanische Staatsanleihen investierten Gelder werden jetzt zu 50 Prozent in Aktien umgeschichtet. Diese Maßnahme dient als Rammbock gegen die Trägheit im japanischen Unternehmenssektor und soll Produktivitäts- und Rentabilitätssteigerungen bringen. Das ist ein gutes Zeichen.

Gross: Die Regierung hat den Pensionsfonds gekapert. Das sehen Sie als gutes Zeichen?

Herro: Sie haben ihn nicht wirklich gekapert.

Gross: Sie haben die Verantwortung für die Geld-, Fiskal- und Pensionspolitik unter einem Dach zusammengeführt.

Investmentideen von David Herro

Gabelli: Langsam, langsam. Wer verwaltet denn den Treuhandfonds der staatlichen Pensionsversicherung in den USA?

Gross: Da ist kein Geld drin.

Zulauf: In Japan wird auch diskutiert, ob man nicht allen privaten Pensionsfonds eine Neuausrichtung ihrer Vermögenswerte vorschreiben sollte. Es geht hier gar nicht so sehr darum, ob die Aufteilungsstrategie richtig oder falsch wäre, sondern um die Frage der Regierungsintervention.

Gabelli: Ermutigend, würde ich sagen.

Gross: Riecht das vielleicht nach schierer Verzweiflung?

Herro: In den Fonds waren ausschließlich Anleihen. Wer will die schon?

Investmentideen von Mario Gabelli

Gabelli: Sie sprechen mit einem Anleiheinvestor!

Herro: Ich würde es so formulieren: Man ermutigt die Pensionsfonds zu einer angemessenen Diversifizierung.

Cohen: Ein Aspekt der Abenomics ist deren Fokus auf Frauen. In einem Land, in dem die Bevölkerung nicht wächst und die Zahl der Arbeitskräfte sinkt, drängen sich die Frauen als Arbeitskräfte geradezu auf. Bisher tat man wenig, um sie zur Teilnahme am Arbeitsmarkt zu motivieren, schon gar nicht in höheren beruflichen Funktionen. Eine stärkere Einbeziehung der Frauen wäre hilfreich.

Gabelli: Die Japaner setzen auch auf die Entwicklung von Robotik und künstlicher Intelligenz.

Cohen: Frauen punkten mit natürlicher Intelligenz.

Zinsen 2015

Gross: Der menschliche Organismus will wachsen. Wachstum liegt in der Natur aller Dinge. Die interessante Frage hier ist, warum wachsen Volkswirtschaften nicht? Warum werden die Menschen nicht beschäftigt? Warum expandieren die Unternehmen nicht? Warum generieren Regierungen kein reales Wachstum? In den letzten 30 bis 40 Jahren lautete die Antwort immer, die Inflation sei ein wenig zu hoch geworden, die Notenbanken hätten dann die Zinsen zu stark angehoben, um die Kreditvergabe einzudämmen – und so habe man Rezessionen erzeugt. Heute ist die Situation anders, denn wir haben keine Inflation. Also warum haben wir kein Wachstum?

Warum?

Gross: Ich kenne den Grund: Wir befinden uns am Ende eines exzessiven Verschuldungszyklus. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren ist die Kreditvergabe global auf ein so extrem hohes Niveau gestiegen, dass die Verschuldung, gemessen an den Investitionen des privaten Sektors, ein riskantes Ausmaß erreicht hat. Das Ausmaß stellt die Fähigkeit zur Bedienung dieser Schulden in Frage. Der Super-Verschuldungszyklus aber ist er an seine Grenzen gestoßen. Die Zinsen wurden auf null gesenkt. Trotzdem wollen die Regierungen noch immer kein Geld für Infrastrukturinvestitionen aufnehmen und die Unternehmen wollen noch immer kein Geld für Investitionen im Privatsektor ausleihen. Sie wollen nur eigene Aktien zurückkaufen, und das bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15, weil ihnen Investitionen in die Realwirtschaft zu riskant sind. Die Zinsen sind so niedrig und die Verschuldung ist so hoch, dass die Möglichkeiten der geldpolitischen Steuerung, die in den letzten 30 Jahren genutzt wurden, an Grenzen gestoßen sind.

Welche Auswirkungen hat das Ende dieses Superzyklus?

Gross: Wesentlich geringeres Wachstum, niedrigere Zinsen und weniger Gewinnwachstum. Volkswirtschaften, die auf Tauschhandel basierten, konnten nicht rasch wachsen. Wachstum wurde erst möglich, als einer auf die Idee kam zu sparen und zu investieren und Kredite zu vergeben. Gut, wir haben übertrieben. Jetzt wollen Kapitalgeber keine Kredite vergeben, schon gar nicht zu inakzeptabel niedrigen Zinsen. Ich nenne dieses durch langsames Wachstum und niedrige Inflationsraten geprägte Umfeld als die neue Normalität. Der Harvard-Ökonom und ehemalige Finanzminister Larry Summers nennt dies die säkulare Stagnation. Ihre Hauptmerkmale sind hohe Verschuldung, ein nahezu weltweit geringes Bevölkerungswachstum und neu Technologien, die Arbeitsplätze vernichten. Wir beklatschen drei Prozent Wirtschaftswachstum in den USA, aber das ist eine Anomalie. Das strukturelle Wachstum in den USA liegt bei nur 1,5 bis 2,0 Prozent, und in der Eurozone und Japan bei null bis ein Prozent. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren auf Konsum gesetzt und diesen mit dicken Kreditkarten bezahlt. Jetzt kommt die Abrechnung. Die Anleger müssen sich für lange Zeit auf niedrige Renditen und niedriges Wachstum, wenig Inflation und niedrige Zinsen einstellen.

Rogers: Es gibt ein paar Lichtblicke. Die USA haben nach 30 Jahren Kreditvergabeeuphorie schon eine fünfjährige Genesungsphase hinter sich.

Gross: Das stimmt für die Privathaushalte, aber die Unternehmen steigern ihre Verschuldung weiter.

Cohen: Sie nehmen Fremdkapital zu sehr geringen Zinssätzen auf, dabei brauchen sie das Geld häufig gar nicht.

Gross: Höchstens um eigene Aktien zurückzukaufen.

Rogers: Es gibt nur begrenzt Investitionsmöglichkeiten, weil das Wachstum weltweit so schwach ist. Deshalb kaufen sie eigene Aktien zurück. Die Verschuldungslage von Unternehmen und Verbrauchern hat sich gegenüber der Situation vor fünf Jahren wesentlich geändert.

Wie entwickeln sich die Zinsen 2015?

Gross: Sie werden niedriger sein als der Markt erwartet. Entscheidungsträger bei der US-Notenbank Fed sehen die Leitzinsen langfristig bei 3,75 bis vier Prozent. Aber die träumen. Den Anleiheinhabern wird durch die repressive Politik der Notenbanken Geld gestohlen. Das ist ein Merkmal des deflationären Umfelds, das für das Ende eines Super-Verschuldungszyklus typisch ist. Die Rechnung zahlen die Sparer.

Zulauf: In Europa ist die Lage noch schlimmer. Unternehmen und Institutionen zahlen Banken Geld, damit diese ihre Barmittel verwahren.

Gabelli: Das klingt aber mal nach gesunden Bankgeschäften...

Gross: Für die nächsten fünf Jahre erwarte ich, dass sich der neue neutrale Zinssatz auf nominell zwei Prozent beläuft und auf null Prozent real, also nach Abzug der Inflation. Deshalb zahlt es sich aus, Geld aufzunehmen, anstatt Kredite zu vergeben. In Zukunft kann man Geld zu zwei Prozent aufnehmen und damit vier bis fünf Prozent Ertrag erzielen. Der Kapitalismus ist verzerrt. Das Geld geht bereits jetzt in die Finanzwirtschaft, nicht in die Realwirtschaft.

Zulauf: Der beste Kapitalallokator ist der freie Markt. Das System ist durch die Politik der Notenbanken seit einigen Jahren verzerrt, und bleibt dies wahrscheinlich noch ein paar weitere Jahre. Der Kapitalismus funktioniert nicht wie gewohnt. In dem Maß, in dem die Anleger ihre Mittel auf der Jagd nach attraktiven Renditen in langlaufende Anleihen verlagern, werden wir auch eine zunehmende Verflachung der Zinsstrukturkurve beobachten. Langfristige Zinsen liegen also kaum über den kurzfristigen. Das ist eine weltweite Entwicklung.

Der US-Aktienmarkt 2015

Wenden wir uns den Aktienmärkten zu, die ungeachtet all der hier angesprochenen Probleme 2014 ein gutes Jahr hatten. Abby, Ihre Prognose für 2014 war ziemlich treffsicher. Wie wird sich der US-Aktienmarkt im Jahr 2015 entwickeln?

Cohen: Für die Unternehmen im S&P 500-Index erwarten wir in diesem Jahr e vier Prozent Umsatz- und acht Prozent Gewinnwachstum. Basierend auf diesen Schätzungen könnte der S&P 500 bis Jahresende 2015 von jetzt 2000 auf 2100 Punkte klettern. Wenn sich jedoch zehnjährige US-Staatsanleihen in diesem Jahr nicht wesentlich bewegen, könnte er auch 2300 Zähler erreichen. Das Hauptrisiko dieser Prognose liegt in der Frage, wie der Markt auf die erste Phase der geldpolitischen Straffung durch die US-Notenbank Fed reagieren wird, oder ob die geplanten Zinsschritte weiter aufgeschoben werden, was Aktien sehr zugute käme. Vereinfacht gesagt, wenn ich einen Zielwert nennen soll, würde ich das Kursziel für den S&P mit Jahresende mit dem 17-Fachen der für 2016 erwarteten Gewinne beziehungsweise bei 2233 Punkten setzen.

Setzen können sie es natürlich, aber ist das realistisch?

Cohen: Wenn die Prognose mit einem Risiko behaftet ist, dann insofern, als die Aktienkurse – vor dem Hintergrund einer anziehenden Konjunktur und unveränderter Inflationsraten und Zinsätzen – höher klettern könnten, aber nicht fallen.

Brian, wie wird sich der Aktienmarkt Ihrer Meinung nach entwickeln?

Rogers: Ich glaube, die US-Anleger werden einen Zinsschritt der Fed begrüßen. Der Plan wurde ausreichend kommuniziert. Wenn die Fed die Leitzinsen im Frühjahr oder Sommer in einem ersten Schritt um 25 Basispunkte anhebt, wird dies vom Markt als Bestätigung gewertet werden, dass die Fed die Wirtschaftsaktivität als angemessen betrachtet. Die Unternehmen horten eine Menge Liquidität. Wir erwarten mehr Dividenden und Aktienrückkäufe. Das Verhältnis zwischen Aktien- und Anleiherenditen spricht für Aktien; angesichts des absoluten KGVs habe ich jedoch ein etwas mulmiges Gefühl.

Investmentideen von Oscar Schafer

Oscar, stimmen Sie dem zu?

Schafer: Ich gebe Brian Recht, die Bewertungen sind hoch. Aber wenn wir Bills Prognose zustimmen, nämlich dass die Inflation, die Zinsen und das Wachstum gering bleiben werden, haben wir einen Markt, in dem es keine Alternative zu Aktien gibt. Ich rechne mit einem weiteren Anstieg der Bewertungen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Aktienkategorien werden weiter zunehmen. Im Gegensatz zu 2014 liegen die Chancen 2015 in der Auswahl einzelner Titel. Die Indizes dürften sich nicht viel bewegen, aber innerhalb der Märkte wird es großartige Chancen geben , sowohl durch Käufe als auch durch Wetten auf fallende Kurse.
Marc, wie ist Ihre Markteinschätzung?

Faber: Im Vorjahr legten manche Aktien am US-Markt zehn Prozent an Wert zu, andere 40 Prozent. Ebenso fielen viele zwischen zehn und 40 Prozent zurück. Kurz, die Ergebnisse waren recht gemischt. Für Anleihen waren Portfoliomanager vor einem Jahr durch die Bank pessimistisch. Im Rückblick erzielten 30-jährige US-Staatsanleihen 30 Prozent Gesamtrendite, zehnjährige nahezu zwölf Prozent. Die Aktien von US-Versorgern, die von den Anlegern lange gemieden wurden, legten 30 Prozent zu, und Immobilienaktien, sogenannte REITs, die – weil zu langweilig in der Welt von Facebook – bei niemandem Beachtung fanden, kletterten 26 Prozent. Aktiv gemanagte Fonds schlossen das Jahr weit abgeschlagen von ihren den Aktienindizes, ahn denen sie sich orientieren. Hedgefonds schnitten extrem schlecht ab. Im ersten Halbjahr haben sie geklagt, dass zu wenig Bewegung, zu wenig Volatilität im Markt sei. Als im zweiten Halbjahr die Kurse von Euro und Yen einbrachen und die Kursschwankungen Spitzenwerte erreichte, ging es erst recht bergab. Ich weiß nicht, was die Manager zu sich genommen hatten.

Schafer: Vielleicht japanischen Whiskey.

Faber: In den USA ist man der Meinung, der Markt habe sich gut entwickelt. Aber der indische Markt stieg, in Dollar gemessen, um 34 Prozent. Pakistan legte 32 Prozent zu, Sri Lanka 23, die Philippinen 22, Thailand 15, Indonesien 20 und Vietnam 20 Prozent. Shanghai entwickelte sich bis Juni schwach und schoss dann durch die Decke. Fragen Sie mich nicht, warum. Vieles ist schwer zu erklären, weil der freie Markt durch die Notenbankinterventionen, die Abwertung von Währungen und dergleichen verzerrt wurde. Im Idealfall steigt der S&P auf 3500 Punkte und bricht dann um 50 Prozent ein. Dann behalten wir alle Recht. Eine Korrektur um mehr als elf Prozent hat der Aktienmarkt seit Oktober 2011 nicht mehr gesehen. Das ist ungewöhnlich. Der Aufwärtstrend lässt sich mit realwirtschaftlichen Daten nicht erklären. Inzwischen hat die Politik ein Umfeld geschaffen, in dem ein kapitalstarkes Unternehmen nicht mehr daran denkt, eine Produktionsstätte zu bauen oder einen neuen Geschäftszweig zu eröffnen; nein, sie kaufen eigene Aktien zurück oder übernehmen andere Unternehmen. Nach erfolgter Übernahme wird nicht investiert, sondern es werden auch noch Arbeitskräfte abgebaut. Das gefällt Mario, weil er ein Investorenaktivist ist. Die Realwirtschaft kann sich allerdings nicht erholen, wenn man mit spekulativen Handelsgeschäften, Finanzwerten und Immobilien leichter Geld verdient.

Investmentideen von Meryl Witmer

Meryl, wie sehen Sie die Marktlage?

Witmer: Wenn man, so wie heute, nur mit viel Mühe billige Aktien findet, klettert der Markt danach gewöhnlich nicht mehr viel höher. Die Bewertungen sind stark ausgereizt.
Scott?

Black: Kleine und mittelgroße Aktien sind 2014 schwach gelaufen, aber sie sind noch immer teuer. Der Russell 2000, ein Referenzindex für Small Caps, notiert zum 22-Fachen der erwarteten Gewinne. Die ganz großen Unternehmen sind günstiger bewertet. Das Umsatzwachstum der Unternehmen im S&P 500 lag in den letzten Quartalen bei 4,9 bis 5,5 Prozent, bei weiter steigendem Trend. Die Aktienrückkäufe werden anziehen. Im S&P könnte der Gewinn in diesem Jahr um acht Prozent steigen. Die Probleme in Europa und Asien werden das Wachstum in den USA nicht abwürgen, aber es könnte sich verlangsamen. Für 2015 bin ich mäßig optimistisch.

Minus bei zahlreichen Anlageklassen?

Felix, das deckt sich vermutlich nicht mit Ihrer Meinung.

Zulauf: In den letzten 100 Jahren sind die Aktienkurse mit Ausnahme von 2005 in jedem fünften Jahr einer Dekade gestiegen. Im dritten Jahr eines US-Präsidentenzyklus sind sie in 70 Prozent der Fälle höher geklettert. Wenn man die beiden Faktoren kombiniert, stiegen die Kurse in den Jahren 1915, 1935, 1955, 1975 und 1995 um jeweils mindestens 20 Prozent. Allerdings war der US-Präsident in keinem dieser Jahre eine so genannte lahme Ente. Diesen Fall findet man zuletzt im Jahr 1875, und damals schloss der Markt das Jahr mit Verlust.

Vergessen Sie 1875, sagen Sie uns, was uns 2015 erwartet.

Zulauf: Der wichtigste Faktor, der für Aktien spricht, sind die armseligen Anleiherenditen. Wenn ich Recht behalte und die Konjunktur stottert, könnten Aktienanleger enttäuscht werden. Die großen US-Aktienindizes sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren nicht einmal um zehn Prozent gefallen. Die Stimmungswerte bei Investorenbefragungen reflektieren extreme Selbstgefälligkeit, was die Märkte normalerweise verwundbar macht. Multinationale Wachstumstitel sind vielfach überbewertet, während die konjunkturabhängigen Zykliker unterbewertet sind. Gewöhnlich folgt auf so eine Konstellation eine große Korrektur. Ich erwarte im Frühjahr ein Minus von rund 15 Prozent. Die Korrektur könnte die Märkte weltweit erfassen, ausgelöst durch enttäuschende Unternehmensgewinne in den USA, wo die Unternehmen unter dem starken Dollar leiden. Daher werden die Notenbanken ihre Geldpolitik eher noch weiter lockern. Danach könnte ins Jahr 2016 hinein wieder eine Erholung Fuß fassen. Es wird aber hohe Volatilitäten geben – ein Traum für Trader, die nur kurz an Aktien festhalten, aber die Hölle für Anleger.

Die stärksten Börsen 2014
Moskau Quelle: imago images
Börse Athen Quelle: AP
Börse Wien Quelle: REUTERS
Börse Warschau Quelle: REUTERS
Börse São Paulo Quelle: dpa Picture-Alliance
Börse Paris Quelle: dpa
Börse Frankfurt Quelle: dpa

Bill, Sie sprechen in Ihrer jüngsten Vorschau bei zahlreichen Anlageklassen von einem Minus. Gilt das auch für Aktien?

Gross: Das ist möglich. Anstatt die Bewertungen zu kommentieren, möchte ich darauf hinweisen, dass die Liquidität sinkt. Die Fed hat ihr Anleiherückkaufprogramm beendet. Dadurch reduziert sich die Liquidität, die bisher die KGVs höher getrieben und den Anlegern den Ein- und Ausstieg aus den Märkten erleichtert hat. Das Thema Liquidität entwickelt sich am Aktienmarkt, und mehr noch am Anleihenmarkt, zunehmend zu einem Risikofaktor. Ab einem gewissen Punkt könnte der Verkauf von Vermögenswerten schwieriger werden; man muss daher aufpassen, dass man rechtzeitig aussteigt. Ich würde Aktien in diesem Jahr ein kleines Minus geben.

Zulauf: Wenn die globale Konjunktur nicht genügend wächst, steigt die Gefahr, dass Schwarze Schwäne, also unvorhergesehene Ereignisse, die sich niemand vorstellen konnte, schwarmweise auftreten. Das Risiko von Konflikten steigt. Der Kriegszyklus gewinnt an Dynamik. In Osteuropa und im Südchinesischen Meer gibt es Konfliktherde. Diese könnten die Anleger verscheuchen.

Was meinen Sie mit dem Kriegszyklus?

Zulauf: Man bildet die Konflikte in historischen Zeitreihen ab und bewertet sie nach ihrer Intensität. Wenn man die Zahlen glättet, erkennt man einen sich wiederholenden Zyklus. Wir befinden uns am ansteigenden Ast der zyklischen Kurve.

Gross: Ein mögliches, wenngleich unwahrscheinliches Ereignis wäre ein gleichzeitiger Zahlungsausfall der Ukraine und Griechenlands. Das würde in den europäischen Randstaaten zu einer Ausweitung der Renditedifferenzen führen. Auch eine Abwertung der chinesischen Währung ist im Bereich des Möglichen, wenn auch nicht wahrscheinlich. Der Renminbi wertet gegenüber dem Dollar schon lange auf.

Zulauf: Eine Abwertung seitens der Chinesen wäre eine Katastrophe für die Weltwirtschaft.

Gross: Aber die Chinesen könnten das als Mittel der Selbstverteidigung sehen.

Schafer: Wenn wir wüssten, wo wir danebenliegen, würden wir nicht danebenliegen. Jeder scheint mit einem weiteren Rückgang der Zinsen zu rechnen. Ein starker Anstieg wäre ein Schock. Ebenso glaubt niemand, dass die Wirtschaft in eine tiefe Rezession fallen könnte.

Investmentideen von Brian Rogers

Rogers: Ich wäre überrascht, wenn die US-Konjunktur im ersten Halbjahr zwei Quartale über vier Prozent Wachstum aufwiese und wenn die Fed die Zinsen im zweiten Halbjahr dreimal in Folge anheben würde. Ich wäre überrascht, wenn die Renditen für 30-jährige Regierungsanleihen auf 3,5 Prozent ansteigen würden.

Wären wir das nicht alle?

Gabelli: Die Zinsen könnten rascher steigen, als wir erwarten. Und wir schätzen die Lage der US-Banken als solide ein, trotz des plötzlichen Rückgangs der Ölpreise. Was ist, wenn eine US-Bank plötzlich kracht? Und drittens, was passiert im Fall von Naturkatastrophen? Wir hatten in den USA schon lange keine richtig heftige Hurrikansaison, oder ein starkes Erdbeben.

Herro: Überraschen könnte ein starkes Wachstum in den ICI-Staaten – Indien, China und Indonesien – im zweiten Halbjahr. In diesen Ländern lebt fast ein Drittel der Weltbevölkerung.

Faber: Der weit größte hypothetische Schock, der hier angesprochen wurde, wäre aber eine Abwertung der chinesischen Währung. Wenn China die Währung freigibt, werden die Preise fallen und die Gewinnmargen der Unternehmen wegschmelzen.

Black: Ich kann mir zwei mögliche Überraschungen vorstellen. Der Rückgang der Energiepreise könnte den Häusermarkt in Bundesstaaten wie Texas und Colorado nach den zuletzt kräftigen Zugewinnen erschüttern. Außerhalb der Vereinigten Staaten bilden die vom Islamischen Staat ausgehenden destabilisierenden Effekte eine Gefahr. Die USA geben Luftsicherung für Bombenangriffe, beteiligen sich aber mit keinem Hund an den Kämpfen. Der IS will von Saudi Arabien aus die Führung der muslimischen Welt übernehmen. Und er ist gut organisiert. Der Iran ist ein weiterer potenziell destabilisierender Faktor, das Land fördert täglich 2,8 Millionen Barrel Erdöl. Wenn sich der Nahostkonflikt ausbreitet, könnte die Ölpreise sehr rasch in die Höhe schnellen.

Anlageempfehlungen von Bill Gross und Felix Zulauf

Cohen: Der IS ist nicht nur gut organisiert, sondern auch finanzstark, weil er in den von ihm besetzten Gebieten die Steuerhoheit an sich reißt. Außerdem unterhält er ein gut laufendes Kidnapping- und Lösegeldgeschäft.

Zulauf: Viele ausländischen Kämpfer, die dem IS beigetreten sind, versuchen wieder auszusteigen. Sie haben genug. Die Organisation hat wegen des Ölpreisverfalls auch Finanzierungsprobleme.

Cohen: Sind Sie in Kontakt mit IS-Aussteigern?

Black: Meine Quellen kommen zu einer anderen Einschätzung. Diesen zufolge sind die dem IS beitretenden Europäer vielleicht simple Schlägertypen, aber die Leute an der Spitze der Organisation sind hoch gebildet und intelligent. Sie schaffen Kommunal- und Regionalverwaltungen und geben Reisepässe aus. Wenn sich die Angriffe des IS auf Saudi Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuweit ausbreiten, werden die USA eingreifen müssen.

Faber: In den nächsten zwölf Monaten könnte es viele Überraschungen geben. Der US-Präsident könnte seine Amtszeit vorzeitig beenden – aus welchen Gründen auch immer. Der chinesische Präsident Xi Jinping redet weniger als Obama, aber wenn er spricht, dann hat das Hand und Fuß. Er verfügt über große Macht. In den vergangenen 45 Jahren hat China eine Politik der Nichteinmischung in die internen Angelegenheiten anderer Länder verfolgt. Das könnte sich aufgrund der chinesischen Öl-Interessen im Sudan ändern. China stellt bei der UN-Friedensmission dort das größte Truppenkontingent. Diese Truppen sind in der Nähe der sudanesischen Ölfördereinrichtungen stationiert. China ist auch an der Ausbeutung irakischer Ölfelder beteiligt. Sollte sich der IS auf den Süden des Irak zubewegen, was er gegenwärtig nicht kann, wird China seine Interessen zu verteidigen wissen. Die Chinesen verfolgen ihre geopolitischen Ambitionen mit zunehmendem Nachdruck. Sie müssen ihre Versorgung mit Erdöl, Kupfer und Eisenerz sicherstellen. 

Investmentideen von Bill Gross

Lassen Sie uns damit zu Ihren Anlageempfehlungen übergehen. Bill, Sie haben in Ihrem letzten Anlegerbrief freundlicherweise geschrieben, sie würden Ihre Empfehlungen für den Roundtable aufheben. Schießen sie los!

Gross: Möglicherweise wird die Fed die Leitzinsen gegen Ende 2015 tatsächlich leicht anheben. Die US-Notenbank würde sich zwar gerne auf die Inflation konzentrieren, aber vielleicht sieht sie ob der Gefahr einer Blase bei Finanzwerten mehr Grund zur Sorge. Ihr Ziel ist die bestmögliche Normalisierung der Zinsen. Denkbar ist eine Anhebung der Federal Funds Rate um 25 Basispunkte, oder vielleicht 50 Basispunkte im Lauf der nächsten zwölf Monate. Ein kleiner Zinsschritt ist keine Gefahr für die Anleihenmärkte, solange die Fed der Wall Street einen solchen Schritt mit den richtigen Worten schmackhaft macht, und darum bemüht sich Janet Yellen in ihrer Kommunikation der Notenbankpolitik. Übrigens erweist sich EZB-Präsident Mario Draghi als Meister der verbalen Manipulation. Er hat die Zinsen im Euroraum allein durch Reden in negatives Terrain rutschen lassen. Er verdient eine Auszeichnung. Vor diesem Hintergrund sollten zehnjährige US-Staatsanleihen mit einer attraktiven Rendite leicht unter zwei Prozent gut laufen. Investoren sollten in diesem Jahr hohe Bonität kaufen, Zinsbewegungen sind weniger wichtig. Eine andere Empfehlung, jetzt können Sie mich schlagen, ist ein Fonds meines neuen Arbeitgebers Janus.

Wir sind schockiert...

Gross: Nicht der Fonds, den ich leite, sondern der Janus Flexible Bond Fund, der sich auch in der Krise gut behauptet hat. Die Manager schauen auf Kreditqualität der Unternehmen, nicht auf die Makroökonomie, so wie ich es tue.

Felix, was haben Sie mitgebracht?

Zulauf: Ich empfehle den iShares 20+ Year Treasury Bond, einen börsengehandelten Fonds, den ich den Anlegern schon im Vorjahr nahe legte. Die globale Wirtschaft befindet sich in einer Abschwächungsphase. Der Deflationsdruck wird stärker und der Rohstoffzyklus ist weiter auf dem absteigenden Ast. Die Anleiherenditen sind nach wie vor unter Abwärtsdruck. Die 30-jährige US-Regierungsanleihe bringt 2,53 Prozent Rendite, hat also ihr 30-Jahres-Tief schon fast erreicht. Und sie wird dieses Tief meiner Meinung nach noch wesentlich unterschreiten. Wenn der Abverkauf auf den Aktienmärkten einsetzt, wird die Rendite auf zwei Prozent oder darunter fallen. Die großen Aktienindizes steuern allesamt auf eine Korrektur von rund 15 Prozent zu.

Investmentideen von Felix Zulauf

Was wird diese Korrektur auslösen?

Zulauf: Dass die Gewinnerwartungen nach unten korrigiert werden. Der Dollar ist stark, gemessen an anderen Währungen, und die im Ausland erwirtschafteten Unternehmensgewinne werden geringer ausfallen, als der Markt erwartet. Ich rechne mit einem großen Abverkauf an den Börsen, wahrscheinlich noch im ersten Halbjahr. Die Anleiherenditen werden im Rahmen dieses Abverkaufs stark fallen und der Fonds dramatisch steigen. Ich habe ihn schon Mitte Oktober einmal verkauft. Damals brach der Aktienmarkt kurz ein und die Anleihekurse schnellten in die Höhe. Wenig später kaufte ich ihn zurück. Der Fonds ist die bei weitem größte Einzelposition in meinem Portfolio. Die US-Anleiherenditen sind die höchsten weltweit. Der US-Rentenmarkt ist fehlbewertet. Das wird sich ändern, sobald der Markt begreift, dass sich das Konjunkturwachstum in den USA abschwächen und nicht beschleunigen wird.

Cohen: Nicht der US-Markt ist fehlbewertet, sondern die anderen Märkte sind es.

Zulauf: Das stimmt, die anderen auch, aber wir leben in einer Welt der Vergleiche. Was ich damit sagen will, das Abwärtsrisiko ist bei den US-Anleiherenditen höher.

Gross: Sie sagen, die europäischen Rentenwerte seien fehlbewertet. Würden Sie Leerverkäufe tätigen, also auf fallende Kurse setzen.

Zulauf: Ich würde sie noch nicht leer verkaufen, auch wenn die Renditen ihre Tiefs schon nahezu erreicht haben. Aber die Europäische Zentralbank wird demnächst am Markt intervenieren. Das wird die Renditen noch tiefer drücken. Ich will nicht gegen die Zentralbank antreten. Wenn ich in den europäischen Staaten ernsthafte fiskalpolitische Stimulierungsprogramme sehen würde, würde ich ihre Rentenwerte leer verkaufen. Aber bisher steht nichts Derartiges in Aussicht.

Anlageempfehlungen von Felix Zulauf

Wann wird die US-Zentralbank den ersten Zinsschritt machen?

Zulauf: Die Fed wird die Zinsen nicht anheben, weil die US-Konjunktur enttäuschen wird. Sie wird die in diesem Jahr geplante Erhöhung aufschieben, vielleicht ins Jahr 2016 hinein. Ich wüsste nicht, wie die Fed eine Zinserhöhung rechtfertigen würde, wenn das Wirtschaftswachstum enttäuscht, das Beschäftigungswachstum abnimmt und die Inflation nach unten überschießt. Meine nächste Empfehlung: Den US-Dollar kaufen. Der Dollar war im Vorjahr gegenüber jeder anderen wichtigen Währung stark. Das haben wir seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Mainstream-Ökonomen behaupten, der Dollar verdanke seine Stärke Wachstumsdifferenzen zwischen einzelnen Ländern und der geplanten Zinserhöhung seitens der Fed. Sie verstehen die wahren Gründe für die Dollarstärke nicht.

Klären Sie uns doch bitte auf.

Zulauf: Die US-Notenbank Fed verfolgte unter den früheren Vorsitzenden Alan Greenspan und Ben Bernanke eine auf zu niedrige Zinsen abgestellte Geldpolitik. Das schwächte die amerikanische Währung, und ließ sie zur weltweiten Finanzierungswährung werden. Die Unternehmen emittierten ihre Anleihen in Dollar. Laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beläuft sich die in Dollar denominierte Verschuldung des privaten Sektors weltweit auf neun Billionen Dollar. Was immer die Gründe für die jüngste Festigung des Dollars sein mögen, so richtig festigen wird sich die US-Währung erst, wenn alle Emittenten der in Dollar begebenen Anleihen ihre Verbindlichkeiten steigen sehen. Dann müssen sie ihre Positionen absichern und Dollar kaufen. Dadurch wird die Nachfrage nach Dollar steigen.

Gleichzeitig ist das US-Leistungsbilanzdefizit, durch welches die USA den Rest der Welt mit Dollar versorgen, in den letzten Jahren geschrumpft. Das Angebot an frischen Dollars geht folglich zurück. An einem bestimmten Punkt 2015 wird der Markt erkennen, dass Zinserhöhungen in diesem Jahr ausgeschlossen sind. Dann wird der Dollar eine Korrektur erleben. Ich rechne schon im ersten Quartal mit ersten Korrekturen, und mit weiteren bis Mitte des Jahres. Danach wird er wieder erstarken, wahrscheinlich bis ins Jahr 2016 hinein. Beim aktuellen Niveau will ich den Dollar nicht kaufen, aber ein Anleger, der nach und nach eine Dollar-Position aufbauen will, sollte diese Korrekturphasen nutzen.

Wie geht man das am besten an?

Zulauf: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Man kann den US-Dollar-Index kaufen, der als börsennotierter Terminkontrakt gehandelt wird. Er misst den Wert des Dollars gegenüber einem Währungskorb. Man kann auch den Dollar kaufen und verschiedene Einzelwährungen leer verkaufen. Ich empfehle, den US-Dollar zu kaufen und den Singapur-Dollar, der als solide und starke Währung gilt, zu shorten. Etliche Volkswirtschaften in Asien leiden unter der Yen-Abwertung, so auch die Wirtschaft Singapurs. Durch Handelsverbindungen steht der Inselstaat in engen Beziehungen mit China. Die Lage im Bankensystem ist angespannt; das Verhältnis von Krediten zu Einlagen steht bei 120 Prozent. Singapur und sein Bankensektor sind inzwischen eng mit China verflochten, und China schwächelt. Wenn der US-Dollar anzieht könnten Staaten mit Leistungsbilanzüberschüssen und niedrigen Zinsen wie Singapur die ersten sein, die von einer Währungsabwertung betroffen sind. Kränkere und schwächere Volkswirtschaften wird es erst später treffen.

Sobald der Dollar im Lauf des ersten Halbjahres korrigiert, wird es bei Gold eine Rallye geben, die jedoch nicht das ganze Jahr anhalten wird. Gold hat nicht auf die Festigung des Dollars in den letzten Monaten reagiert und damit den Boden für eine schöne Rally geschaffen. Barrengold könnte bis Mitte des Jahres zehn Prozent steigen. Dann werde ich wieder aussteigen aus Gold. Man kann auch Anteile am GDX Goldminers kaufen, einem börsennotierten Fonds mit Goldminenunternehmen. Der Beginn eines nachhaltigen, mehrjährigen Anstiegs bei Gold ist das nicht, aber eine interessante Handelsoption bis Mitte des Jahres.

Black: Warum sollte es bei Gold eine Rally geben, wenn die Inflation in der Eurozone schon fast bei null ist, und in den USA bei gerade einmal 1,4 Prozent?

Zulauf: Gold ist eine Absicherung gegen eine extreme Deflation, und gegen Inflation. Es bietet Schutz gegen systemische Risiken.

Was Analysten für 2015 erwarten
Deutsche BankDie Anlagestrategen sind verhalten optimistisch, zumindest was den deutschen Aktienmarkt angeht. Ende 2015 sehen sie den Dax bei 11.500 Punkten. Während die USA mit einem prognostizierten Wachstum von 3,5 Prozent zur Lokomotive werden dürfte, rechnen die Analysten für Deutschland nur mit einem Plus von 0,8 Prozent. Zugewinne könnte es dank des schwachen Euro bei exportorientierten Industrien geben. Ende 2015 sieht die Deutsche Bank den Euro bei 1,15 Dollar. Anleihen werden dagegen nicht mehr so attraktiv sein. Die Renditen bleiben extrem niedrig, Chancen gibt es lediglich bei US-Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Auch Schwellenländeranleihen könnten für Risikofreudige interessant werden. Insbesondere Indien wird für die Deutsche Bank zur attraktiven Region. Quelle: REUTERS
Der Vermögensverwalter Allianz Global Investors ist ein Tochterunternehmen der Allianz. Quelle: imago images
CommerzbankDie Commerzbank sieht den Dax Ende 2015 bei 10.800 Punkten, ist also nicht ganz so optimistisch wie die Deutsche Bank, was den Leitindex angeht. Einig sind sich beide aber, was mögliche Staatsanleihekäufe der EZB angeht. Mit einem sogenannten Quantitative Easing (QE) rechnen beide Institute in der ersten Jahreshälfte. Anschieben könnten den Dax steigende Unternehmensgewinne dank des schwächeren Euro. Das könnte auch Dividenden begünstigen. Die Bank rechnet für den Dax mit einer Dividendenrendite von knapp über drei Prozent. Besonders hohe Dividendenrenditen erwarten die Analysten bei Medienpapieren wie Freenet und RTL sowie Immobilienkonzernen wie DIC Asset oder TAG. Als negative Einflussfaktoren verweist die Commerzbank nicht nur auf die wahrscheinliche Zinserhöhung der Fed, sondern auch auf niedrigere Wachstumsraten in China. Quelle: dpa
Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)Was den Dax betrifft ist die Landesbank etwas pessimistischer als die Großbanken. Relativ konservativ rechnet sie mit einer Spanne zwischen 8300 und 10.000 Punkten. Zwar erwarten die Analysten eine leichte Erholung der Weltwirtschaft, einen breiten Aufschwung sehen sie allerdings nicht. Lediglich hinsichtlich der USA scheinen sich alle einig zu sein, auch die Helaba erwartet ein Wachstumsplus von rund drei Prozent für die größte Volkswirtschaft. Für Deutschland erwartet die Landesbank ein Plus von 1,3 Prozent - mehr als die Deutsche Bank. Im Portfolio rät die Helaba zu einer leichten Anhebung der Aktienquote. Anleihen sollten dagegen zugunsten von Immobilien leicht reduziert werden. Quelle: dpa
Julius BärDie Schweizer Privatbank sieht die Devisenmärkte und Wechselkursentwicklungen ebenfalls im Fokus der Entwicklungen des nächsten Jahres. Auch die Schweizer sehen die USA als Wachstumsanführer, während die Euro-Zone mit einem Plus von nur 0,8 Prozent eher ein Bremsklotz ist. Die schwächelnde Nachfrage der Euro-Zone sei vor allem für die Schweiz ein Nachteil, heißt es. Für Investoren dagegen gelte es, Kurs zu halten, liquide zu bleiben und nach Wachstumsthemen Ausschau zu halten, so die Analysten. Mögliche Bereiche für Wachstumsthemen sind laut den Privatbankern E-Autos, digitale Technologien, Energieinfrastruktur und Bildung. Quelle: REUTERS
FidelityDie Fondsgesellschaft gibt sich optimistisch, auch für Deutschland. "Wenn die geopolitischen Risiken in den Hintergrund treten und die Notenbanken die Wirtschaft weiter unterstützen, hat Deutschland beste Voraussetzungen, um 2015 an den moderaten Aufwärtstrend anzuknüpfen", schreibt Fondsmanager Christian von Engelbrechten. Auch Fidelity sieht Impulse seitens des Euro für die exportorientierten Unternehmen. Eigentliche Stütze der Konjunktur sei aber der heimische Konsum - der Verbraucher, der konsumiert statt spart, treibt die Wirtschaft an. Durch die steigenden Gewinne sieht Fidelity auch am Aktienmarkt gute Chancen und rechnet mit einer Dividendenrendite von im Schnitt drei Prozent. Quelle: REUTERS
DZ BankAktuell sei das Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen noch zu hoch geschätzt, sagen die Analysten der DZ Bank. Die Rahmenbedingungen für Aktien bleiben dennoch dank expansiven EZB-Maßnahmen und einem Mangel an Anlagealternativen positiv. Trotzdem erwarten die DZ Banker keine großen Kurssprünge, der Leitindex habe kaum noch Potenzial. Bis zum Jahresende 2015 rechnet die Bank nicht mit einem Anstieg über 9500 Punkte - und auch schwankungsanfälliger könnte der Index werden. Konservativen Anlegern raten die Experten daher zu "Dividendenaristokraten". Risikofreudigere Investoren könnten dagegen im ersten Quartal Chancen bei den Zyklikern haben. Quelle: REUTERS

Schafer: Felix, kann man Gold nicht auch als Absicherung gegen das Währungsrisiko einsetzen?

Zulauf: Ja. Gold erweist sich derzeit als fantastische Währung. Im Vorjahr war Gold die zweitstärkste Währung nach dem US-Dollar. Es ist gegenüber allen anderen Währungen gestiegen und hat seine Funktion als Absicherung gegen Währungsabwertungen unter Beweis gestellt.

Gross: Wird der Goldpreis nicht steigen, wenn die Realzinsen fallen, wie Sie erwarten?

Zulauf: Historisch waren fallende Zinsen ein Plus für Gold, aber in der bisherigen Geschichte waren fallende Zinsen mit steigender Inflation gekoppelt. Gegenwärtig haben wir das Risiko einer Deflation. Gold wirft keine Zinsen ab, und die Haltekosten sind minimal. In einem Nullzinsumfeld ist es attraktiver, Gold zu besitzen, als in einem Umfeld mit vier bis fünf Prozent Zinsen. Gold könnte von derzeit 1260 Dollar auf rund 1350 Dollar steigen.

Ich würde auch beim Market Vectors Retail ETF einsteigen, sobald der amerikanische Aktienmarkt seine Korrektur hinter sich hat. US-Einzelhändler profitieren vom stärkeren Dollar; sie können ausländische Waren günstiger kaufen und ihre Gewinnmargen ausweiten. Die drei größten Positionen in diesem ETF sind Wal-Mart Stores, Home Depot und CVS Health. Jedes Mal, wenn der Dollar stark zugelegt hat, waren Einzelhandelsaktien unter den Titeln mit der besten Performance.

Anlageempfehlungen von Abby J. Cohen und Marc Faber

Danke Felix. Abby, was sind Ihre Favoriten für dieses Jahr?

Cohen: 2015 verspricht ein besseres Jahr für US-Aktien zu werden als für Rentenwerte. Die Fed wird die Anhebung der Zinsen – getrieben von Sorge über die Auswirkungen des starken Dollars, die deflationären Folgen rückläufiger Energiepreise und sonstigen Bedenken – möglicherweise weiter in die Zukunft schieben. Immerhin sind die Bewertungen von Aktien attraktiver als die von Rentenwerten. Meine US-Empfehlungen wie die Logistikaktie FedEx basieren auf der Erwartung, dass die US-Wirtschaft weiter wachsen wird.

Siemens profitiert vom steigenden Dollar. Das deutsche Unternehmen wurde 1847 gegründet und beweist, dass nicht nur ganz junge Unternehmen interessante Dinge produzieren. Siemens ist ein Mischkonzern und verfolgt Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen wie Elektronik und Elektrotechnik, Gas- und Elektrokraftwerke, Windkraft und anderen erneuerbaren Energiequellen, Gebäudetechnik einschließlich Brandschutz, Sicherheitstechnik, Gebäudeautomation und in vielen mehr.
Siemens hat auch Aktivitäten im Finanzsektor. Derzeit bereinigt das Unternehmen sein Geschäftsportfolio; das ist ein Plus. Die Aktie hat sich im Branchenvergleich unterdurchschnittlich entwickelt und rentiert rund vier Prozent.

Investmentideen von Abby Joseph Cohen

Schafer: In welcher Währung?

Cohen: In Euro. Ich sprach von den deutschen Aktien. Unsere Gewinnprognosen decken sich weitgehend mit den Konsensprognosen, aber wir sind gespannt, wie sich das Unternehmen mit dem diversifizierten Geschäftsfeldportfolio schlagen wird. Derzeit sind 18 Prozent der Aufträge unprofitabel. Der Gesamtumsatz stagnierte 2013 und 2014. Für 2015 erwarten wir auch nur einen minimalen Anstieg. Aber die Aktie könnte attraktiver werden, sobald die Rationalisierungsmaßnahmen in Angriff genommen werden.

Zulauf: Siemens hat enttäuscht, solange ich mich erinnern kann. Der frühere Vorstandschef wurde aus dem Amt gedrängt und vom Finanzvorstand des Unternehmens abgelöst. Die neue Führung will das Unternehmen schlanker aufstellen und die Rentabilität steigern. Das könnte funktionieren; es gibt genug Verschwendung, die man einsparen könnte. Nur, in manchen europäischen Ländern scheitern solche Schlankheitskuren häufig an arbeitsrechtlichen Vorschriften.

Investmentideen von Marc Faber

Marc, wo in der Welt sollte man in diesem Jahr investieren?

Faber: Wenn ich eine Möglichkeit fände, Notenbanken leer zu verkaufen, dann wäre das meine erste Wahl. Die Menschen werden in diesem Jahr das Vertrauen in die Notenbanken verlieren, ausgelöst hauptsächlich vom Scheitern der Abenomics in Japan. Eine Möglichkeit, Notenbanken zu shorten, ist Gold zu kaufen. Ich empfehle physisches Gold, Silber und Platin. Wenn Sie auf höhere Gewinne aus sind, rate ich zu Goldminenaktien oder zum Market Vectors Junior Gold Miners ETF. Im ersten Halbjahr 2014 legte physisches Gold 15 Prozent zu; gleichzeitig stieg dieser börsengehandelte Goldminenfonds um über 40 Prozent.

US-Aktien sind derzeit teuer. Dennoch scheint die ganze Welt zu glauben, es gebe keine Alternative. Das macht die Börse anfällig für einen Abverkauf. Leerverkäufe von einzelnen Aktien halte ich für riskant, denn es besteht immer die Gefahr, dass ein Investorenaktivist auf den Plan tritt und den Kurs in die Höhe treibt. Stattdessen würde ich den amerikanischen Halbleiterindex PHLX ( shorten, und zwar mittels des iShares PHLX Semiconductor ETF. Ebenfalls leer verkaufen würde ich den Global X Social Media ETF und den iShares Nasdaq Biotechnology ETF.

Anlageempfehlungen von Marc Faber

Solange die Anleger US-Aktien für alternativlos halten, sind auch US-Anleihen attraktiv. Kann mir jemand in dieser Runde hier erklären, warum die Anleger für den US-Dollar optimistisch sind, aber gleichzeitig schwach rentierende europäische Rentenwerte kaufen anstatt US-Anleihen? Der Markt glaubt nicht an die Nachhaltigkeit der Dollar-Stärke.

Zulauf: Die europäischen Banken kaufen europäische Regierungsanleihen, die sie mit Gratisgeld von der Europäischen Zentralbank finanzieren.

Könnten sie mit diesem Geld nicht auch US-Regierungsanleihen kaufen?

Zulauf: Wenn Sie das tun, gehen Sie ein Währungsrisiko ein. Eine Absicherung gegen dieses Risiko verringert den Zinsvorteil.

Faber: Eins ist und bleibt mir ein Rätsel. Japanische Regierungsanleihen rentieren derzeit mit 0,27 Prozent. Japans Verschuldung liegt jenseits von 200 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Daran gemessen sind US-Staatsanleihen billig. Im Vorjahr empfahl ich die zehnjährige US-Staatsanleihe. In diesem Jahr rate ich zum Kauf von 30-jährigen US-Treasuries.

Zulauf: Bereits jetzt stehen rund 40 Prozent aller ausstehenden japanischen Staatsanleihen im Besitz der japanischen Notenbank. Derzeit kauft die Bank of Japan 70 bis 80 Prozent aller neu emittierten Papiere, also wird dieser Anteil in Zukunft noch kräftig steigen.

Faber: Ja, das ist der Grund, warum ich Notenbanken shorten will. Früher oder später wird dieses Spiel massiv scheitern. Ich diversifiziere schon immer zwischen Gold, Anleihen, Aktien und Immobilien. Aktienseitig empfahl ich bisher gerne einige Singapur-REITs. Ich würde von Büro-REITs stärker auf Hotel-REITs und Gesundheitssektor-REITs umschichten. Büro-REITs dürften 2017 durch neu in Betrieb gehende Immobilien unter Druck kommen. Aber der Tourismus in dieser Region wird anziehen. Und in Singapur sind die Klinikkosten im Vergleich zum Rest der Welt minimal.

So lebt Börsenguru Marc Faber
Marc Faber wohnt in einem riesigen ochsenblutfarbenen Haus in Chiang Mai, einer vergleichsweisen ruhigen Provinzstadt in Thailand. Schon die Pforte überwältigt den Besucher. Zwei übermannshohe Diener-Statuen buckeln vor einem gigantischen Holzportal, das einstmals einer Kirche im Süden Indiens als Eingang gedient hat. Quelle: Darren Soh
Der Hausherr empfängt seine Besucher in Socken, verwaschenen Jeans und T-Shirt – seinem Lieblingsoutfit. Faber ist einer der einflussreichsten Investoren der Welt. Von seinem Haus in Thailand aus analysiert er die Märkte und verwaltet rund 300 Millionen Dollar Kundengelder. Quelle: Darren Soh
Hier sitzt er, umgeben von meterhohen Bücherwänden. Die Stehlampe beleuchtete früher eine Straße in Thailand, um das schwere Holzportal kleben unzählige Mao-Badges. Quelle: Darren Soh
Eine Kolonnade von Mao-Büsten aus weißem Stuck thront selbst bei wichtigen Besprechungen oder Dinner-Partys in der Mitte eines riesigen Tisches, groß wie ein Swimmingpool, an dem problemlos zwei Dutzend Gäste sitzen können. Entworfen hat ihn seine Frau Supatra, eine ehemalige Flugbegleiterin bei Cathay Pacific, die der Anlageexperte vor rund 30 Jahren in Hongkong kennengelernt und geheiratet hat. Sie hat drei schwere, sechs Meter lange Gummibaum-Platten auf einen Unterbau aus verschiedenfarbigen Glassockeln montieren lassen und Lampen in die Sockel integriert. Quelle: Darren Soh
Dieser Teil des Hauses wirkt wie eine Kathedrale. Die Treppen führen zu Schlafzimmer, Bad und Galerie. Faber wollte kein Geländer, entwarf auf Drängen des Architekten ein chinesisch inspiriertes Eisenmodell. Quelle: Darren Soh
Stühle, Kommoden, Lampen, Kunst – Faber hat Exponate aus halb Asien zusammengetragen. japanische Möbel zieren die Halbetagen. Der Tontopf stammt aus Vietnam. Quelle: Darren Soh
Marc Faber duscht, wenn andere zu Abend essen. Sein Tagesrhythmus ist auf die New Yorker Zeit eingestellt, er lebt mit ständigem Jetleg. Im Badezimmer hängen chinesische Akte. Quelle: Darren Soh

Zum Thema Währungen: Der US-Dollar erlebte zwischen 1981 und 1985 einen unerwartet starken Bullenmarkt. Wenn diese Situation wieder eintritt, was möglich erscheint, würde ich den australischen Dollar zum US-Dollar leerverkaufen. Australien hat, wie Kanada , eine überbewertete Währung. Die australischen Ausgaben für die Erz-, Rohöl- und Gas-Exploration lagen in den Achtziger und Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts bei drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Heute belaufen sie sich auf über sieben Prozent des BIP.

Zudem hat sich in Australien eine kolossale Immobilienblase gebildet, genährt hauptsächlich von reichen Chinesen. 60 Prozent der gesamten Bankkredite entfallen inzwischen auf Immobilienkredite. Das ist der Spitzenwert weltweit; an zweiter Stelle liegt Norwegen. Derzeit hat der Konsensoptimismus für den US-Dollar ein Rekordhoch erreicht. Der australischen Währung begegnen die Anleger mit großer Skepsis. Zahlreiche kleine Spekulanten haben den Aussie-Dollar leer verkauft. Diese Marktlage könnte kurzfristig umschlagen und der Aussie könnte drei bis fünf Prozent an Wert zulegen. Dann würde ich den australischen Dollar leer verkaufen.

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Der chinesische Aktienmarkt liegt im Aufwind. Welche Erwartungen haben Sie für chinesische Aktien?

Faber: Im Oktober prognostizierte ich eine Abschwächung der chinesischen Konjunktur und einen Anstieg an der Börse. Chinas Aktienmarkt befindet sich in einer ähnlichen Lage wie der US-Markt im Jahr 1982. Die amerikanische Börse hatte damals eine Phase der Stagnation hinter sich, die Anleger waren pessimistisch und unterdurchschnittlich investiert. Dann brach plötzlich ein Kursfeuerwerk los. Das Handelsvolumen von chinesischen Aktien ist derzeit enorm hoch und viele Anleger eröffnen Investmentkonten. Der chinesische Immobilienmarkt dagegen liegt am Boden und wird nicht so bald wesentlich zulegen. Spekulative Anleger schichten daher in Aktien um. Die chinesische Börse hat in den letzten drei Monaten 50 Prozent zugelegt. Jetzt steht eine kleine Korrektur an, dann geht es weiter aufwärts.

Aufwärtspotenzial haben speziell Bankaktien. Die Bankenindustrie ist generell unbeliebt und kämpft mit großen Problemen, aber chinesische Banken haben eine enorme Kundenbasis. Die in Macau ansässigen Spielbanken und Beherbergungsbetriebe schlitterten in den vergangenen zwölf Monaten in eine heftige Krise und sind ebenfalls eine Überlegung wert. Die Umsätze im Glücksspielgeschäft lagen im Dezember um 30 Prozent tiefer als noch ein Jahr zuvor. Die Kurse dieser Aktien sind 40 bis 50 Prozent gefallen. In den nächsten sechs Monaten wird es in dieser Branche günstige Kaufgelegenheiten geben. Warten lohnt sich, denn diese Titel erzielen vielfach Aktienrenditen von rund fünf Prozent.

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