Anlage-Gipfel Was die Geld-Gurus jetzt kaufen

Zehn Kapitalmarkt-Profis unseres US-Partnermagazins "Barron’s" in gemeinsamer Runde: Sie rechnen mit schwachem Konjunkturwachstum und gedämpfter Aktienkursentwicklung. Was die Geld-Gurus jetzt kaufen.

Felix Zulauf, Marc Faber, Bill Gross und Abby J. Cohen Quelle: Brad Trent

Felix, Sie haben das schwache Wirtschaftswachstum, den Anstieg des Dollar und den Rückgang der Rohstoffpreise im Vorjahr richtig vorausgesagt. Wie geht es 2015 weiter?

Felix Zulauf: Ökonomen rechneten im Vorjahr mit einer Normalisierung der Wirtschaftsentwicklung, also mit der Rückkehr zu den Wachstumsraten aus der Zeit vor der großen Finanzkrise von 2008. Diese Erholung ist nicht eingetreten. Heute wird eine Entkopplung der Entwicklung prognostiziert; eine Wachstumsbeschleunigung in den USA bei zunächst schwachem Wachstum im Rest der Welt, das sich aber schrittweise gegen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres verbessert. Damit werden sie wieder daneben liegen. Europa steckt nach wie vor in der Krise, und die Entscheidungsträger in der Politik machen falsch, was sie nur falsch machen können. Unter anderem will die Europäische Zentralbank (EZB) monatlich 60 Milliarden Euro für Staatsanleihen und vermögensbesicherte Wertpapiere locker machen. Diese Geldspritzen sollen das Finanzsystem mit Liquidität versorgen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Die Probleme in Europa löst man aber nicht, wenn man billiges Geld in das System pumpt. In Asien verlangsamt sich der große chinesische Investitions- und Kreditboom. Ein realistischeres Bild von der chinesischen Konjunktur erhält man wahrscheinlich, wenn man die offiziellen Planziffern halbiert. Drei bis vier Prozent Wachstum sind wesentlich wahrscheinlicher als sieben oder acht Prozent. Japan hat in den vergangenen zwei Jahren den Yen gegenüber dem Dollar um 50 Prozent abgewertet. Das trifft die Mitbewerber in der Region. Und der Absturz des Ölpreises um 50 Prozent in sechs Monaten schwächt die Ölindustrie in den USA. In der Folge könnte die US-Konjunktur, statt weiter anzuziehen, auf das Nachkrisen-Niveau von jährlich 2,0 bis 2,5 Prozent Wachstum zurückfallen.

Zu den Personen

Niedrigere Energiepreise sind aber doch positiv für amerikanische Verbraucher?

Zulauf: Der Preisverfall bei Öl wird die Wirtschaft dramatisch treffen, weil Investitionen und Beschäftigung zurückgehen. Die Jobs in der Ölindustrie sind meist gut dotiert. Der niedrigere Ölpreis senkt zwar die Energiekosten, was gut für die Verbraucher ist, allerdings werden die privaten Haushalte das gesparte Geld eher auf die hohe Kante legen als ausgeben. Und die Abwertung des japanischen Yen ist für die Preise aller global gehandelten Waren negativ. Die Inflation sinkt selbst in Ländern mit schwachen Währungen. In Europa liegen die Preissteigerungen bereits unter null, in den USA dürften sie in diesem Jahr gegen null gehen. Ab einem gewissen Punkt wird sich das negativ auf den Aktienmarkt auswirken. Am Markt für Hochzinsanleihen wird es infolge der Ausweitung des Rendite-Abstands gegenüber Staatsanleihen eine Krise geben. Historisch folgte einem Rückgang der Renditen von Staatsanleihen gepaart mit einer Verflachung der Zinsstrukturkurve gewöhnlich eine Rezession. Ich will nicht sagen, dass es eine Rezession geben wird, aber ich erwarte weltweit und für die USA ein Wirtschaftswachstum, das weit unterhalb der Prognosen liegt.

Gibt es jemanden hier, der widerspricht?

Abby Joseph Cohen: Was die USA und die Auswirkungen des Ölpreisverfalls betrifft, scheint Felix mir zu pessimistisch. Ja, die USA produzieren Öl, aber sie importieren es auch. Die US-Wirtschaft profitiert unter dem Strich vom Rückgang der Energiepreise. Wenn der Ölpreis bei 50 Dollar je Barrel bleibt, wirkt das für die Verbraucher wie eine Steuerentlastung von 150 Milliarden Dollar. Vielleicht wird dieses Geld zunächst gespart, weil die Menschen skeptisch sind, ob Energie wirklich so billig bleibt. Wenn sich das aber bestätigt, wird auch die Kauflust zurückkehren. Die Arbeitsmarktdaten sind zwar nicht durch die Bank rosig, aber schon sehr viel besser als noch vor zwölf Monaten. Die Arbeitslosigkeit ist erheblich gesunken. Die Gesamtinflationsrate könnte, gedämpft hauptsächlich durch den Verfall der Energiepreise, 2015 tatsächlich auf null sinken. Die Kernteuerungsrate im Verbraucherpreisindex, als ohne Einrechnung der Energie- und Nahrungsmittelpreise, dürfte aber eher bei 1,6 Prozent liegen.

Wie sich die Investmentideen der Roundtable-Teilnehmer 2014 entwickelt haben

Zulauf: Wesentlich ist, dass wir in einem deflationären Prozess stecken.

Cohen: Die Transportunternehmen und Versorger verbrauchen viel Energie, 17 bis 18 Prozent ihrer Gesamtkosten entfallen auf Energiekosten. Sie werden vom Rückgang des Ölpreises profitieren.

Mario Gabelli: Warum schauen die Saudis dem Ölpreisverfall untätig zu?

Scott Black: Die Saudis halten sich aus politischen Gründen zurück. Sie fürchten sowohl den Iran als auch den Islamischen Staat. Der niedrige Ölpreis bricht der iranischen Wirtschaft das Rückgrat. Saudi-Arabien kann mit Reserven im Wert von 750 Milliarden Dollar im Rücken einen niedrigen Ölpreis über sechs bis neun Monate verkraften, ebenso die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Der niedrige Ölpreis schadet auch dem US-Schieferölgeschäft, aber meine Quellen sagen, es gebe ein stillschweigendes Einverständnis der Regierung Obama.

Brian Rogers: Einspruch. Die Saudis wollen es den Russen heimzahlen. Interessant ist, dass niemand mit dem Einbruch der Energiepreise gerechnet hat. Das bringt uns zum Thema Vorhersagen. Auf Prognosen ist generell nicht viel Verlass.

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