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Anlagestratege Götz Albert „Die Dividende ist nicht der neue Zins“

Götz Albert ist Chefanlagestratege des Fondshauses Lupus Alpha. Im Interview erklärt er, welchen Stellenwert die Dividende einnehmen sollte – und was die vielen Dividendenstreichungen im Zuge der Coronakrise letztlich für das Anlageverhalten der Deutschen bedeuten.

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Götz Albert ist Managing Partner und CIO beim Fondshaus Lupus Alpha. Er verantwortet dort den Bereich Portfolio Management.

WirtschaftsWoche: Herr Albert, unzählige Unternehmen kürzen in der Coronakrise ihre Dividenden fürs vergangene Geschäftsjahr, viele streichen sie sogar. Ist das eine Lehre für dividendenfixierte Anleger?
Götz Albert: Die Krise zeigt: Es ist nicht sinnvoll, ausschließlich auf die Dividendenrendite zu schauen. In den vergangenen Jahren haben Anleger verstärkt nach regelmäßigem Cashflow gesucht und sind bei Aktien dividendenstarker Firmen fündig geworden – Anleihen werfen ja kaum mehr Zinsen ab. Für die starke Performance von Aktien gibt es natürlich einen guten Grund: Sie bergen ein deutlich höheres Risiko als Rentenpapiere, das geht bis hin zum Totalausfall im Falle einer Insolvenz. Mit der Krise jetzt wird der Dividenden-Cashflow für ein Jahr weitgehend unterbrochen – so wie einst in der Finanzkrise 2007/2008.

Haben Dividenden einen zu hohen Stellenwert bei Aktionären?
Nein. Für Anleger gibt es doch nichts Besseres als ein gesundes Unternehmen mit steigendem Aktienkurs, das einen regelmäßigen Cashflow ausschüttet. Wichtig ist nur, dass die Dividende tatsächlich die ökonomische Leistung des Unternehmens widerspiegelt. Die Dividende ist kein bloßes Wohlfühlprogramm für Anleger – und auch keine milde Gabe dafür, dass man dem Unternehmen treu verbunden bleibt.

Viele Unternehmen müssen jetzt Geld in ihre Zukunft stecken. War es vorhersehbar, dass sie nun ihre Dividende streichen?
Natürlich, Aktienanleger sollte das jetzt nicht überrascht haben. Die Historie zeigt, dass Dividenden mit den Konjunkturzyklen schwanken. Noch vor der Hauptversammlung können Dividenden ausgehebelt werden. Viele Unternehmen sichern heute schier ihr Überleben damit, wenn sie jetzt die Dividende streichen. Von einem dogmatischen Zwang, auf eine Gewinnbeteiligung zu verzichten, sollten wir allerdings tunlichst absehen. Manche Unternehmen blicken auf starke Geschäftsjahre zurück und leiden gar nicht oder kaum unter der Krise.

Anderen wiederum geht es so schlecht, dass sie Staatshilfe – in Form von Krediten oder durch die Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld zum Beispiel – beanspruchen. Sollten gerade diese Unternehmen die Dividende aussetzen?
Das ist eine Frage, die sehr schnell moralisch aufgeladen wird. Die Lufthansa zum Beispiel erleidet einen unfassbaren Nachfragerückgang. Da ist es vollkommen klar, dass eine Dividendenauszahlung ökonomisch unangebracht wäre. Doch pauschal sollten Unternehmen, die Staatshilfe beziehen, nicht eine Ausschüttung ausschließen. Das Kurzarbeitergeld beispielsweise ist ein Anreiz des Staates an die Unternehmen, Mitarbeiter nicht zu entlassen. Was aber gerne vergessen wird: Das Kurzarbeitergeld wird ja nicht von einem abstrakten Staat bezahlt, sondern von der Summe aller Steuerzahler. Und die Unternehmen, die durch diese Leistung unterstützt werden, waren vor der Krise noch die Hochsteuerzahler in diesem Land.

Die Niedrigzinspolitik der EZB trifft Anleger und Sparer hart. Investmentgesellschaften loben die Dividende schon seit Jahren als neuen Zins. Haben Sie recht?
Nein, die Dividende ist nicht der neue Zins. Wer das behauptet, betreibt nichts als Marketing. Ökonomisch gibt es einen großen Unterschied. Bei Zinsen handelt es sich um eine feste Kompensation an die Gläubiger eines Unternehmens für eine aufgenommene Schuld. Bei Dividenden dagegen geht es um die Beteiligung der Eigentümer an dem ökonomischen Erfolg. Und diese kann schwanken. Die einzige Gemeinsamkeit von Zins und Dividende liegt darin, dass beides Cashflows sind. Aber Taschengeld ist auch ein Cashflow – und niemand würde auf die Idee kommen, Taschengeld als neuen Zins zu bezeichnen.

Sind Dividenden für Unternehmen Wachstumshindernisse – und können sie sich gar negativ auf den Aktienkurs auswirken?
Dem liegt ja die Überlegung zugrunde, Unternehmen müssten jedes erwirtschaftete Geld gleich wieder in ein neues Geschäft investieren – und das stimmt nicht für alle Unternehmen. Schnell wachsende Technologieunternehmen mit guten Gewinnzahlen zum Beispiel sollten lieber ins Geschäft investieren und auf Dividendenzahlungen verzichten. Auch die Anleger profitieren, wenn sich der Aktienkurs dementsprechend gut entwickelt. Profitable Unternehmen hingegen, die eine Nische mit begrenztem Wachstumspotenzial besetzen, können ruhigen Gewissens eine Dividende zahlen. Die Aktionäre, die nun mal das Unternehmensrisiko mittragen, sollten schließlich am Erfolg beteiligt werden. Problematisch ist natürlich, wenn verlustreiche Unternehmen mit der linken Hand Fremdkapital leihen und mit der rechten Dividenden ausschütten.

Die Mehrheit der Deutschen parkt ihr Geld lieber auf einem Sparkonto als es zu investieren. Könnte Corona nun, wo Dividenden gestrichen werden und Aktienkurse einbrechen, zu einer noch größeren Anlageträgheit führen?
Als die Krise die Märkte traf, weckte dies bei vielen Erinnerungen an die großen Crashs der Börsengeschichte. Die Situation hat sich aber deutlich beruhigt – obwohl die physische Bedrohung durch das Coronavirus bleibt und die ökonomischen Folgeschäden noch vor uns liegen. Der Markt antizipiert gerade eine Erholung. Die Leute, die ohnehin ihr Geld anlegen müssen, werden weiter Aktienkäufe tätigen. Bei Lupus Alpha registrieren wir ein steigendes Interesse institutioneller Anleger. Aber bei den Privatanlegern werden die Verluste an den Börsen erst mal mehr Zurückhaltung erzeugen. Leute, die ohnehin skeptisch gegenüber Investments sind, werden nach dem Crash sicher nicht zu Aktienfreunden.

Ist das problematisch?
Für diejenigen, die keine Aktien haben ja. Wir leben nicht mehr wie zu Bismarcks Zeiten, als zwischen dem Ende der Erwerbstätigkeit und dem Tod nur zwei Jahre lagen. Heute muss sich jeder Gedanken machen, wie er seine Rentenzeit finanziert. Das können durchaus 20 bis 30 Jahre sein. Es ist enorm wichtig, sich am physischen Produktionskapital einer Volkswirtschaft zu beteiligen. Aktien gehören in jede langfristige Altersvorsorge. Von Kursschwankungen darf man sich dabei nicht verrückt machen lassen. Die Ein-Jahres-Performance sagt wenig aus.



Wie problematisch ist es für die Unternehmen, wenn die Menschen zurückhaltender anlegen?
Für börsennotierte Unternehmen verschlechtern sich die Refinanzierungskonditionen. Das Niveau für Kapitalerhöhungen würde sinken – pro Aktienanteil bekämen sie also weniger Geld. Weniger Aktionäre schwächt die Unternehmen und in letzter Konsequenz den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Mehr zum Thema:
Wegen der Coronakrise kürzen viele Unternehmen jetzt ihre Dividenden für das Geschäftsjahr 2019 oder streichen sie gleich ganz. Aktionäre, die auf regelmäßige Einnahmen angewiesen sind, müssen ihr Depot umbauen – und neue Regeln beachten.

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