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Anlagestratege im Interview 11.000 Punkte? Durchaus möglich!

2014 dürfte ein weiteres gutes Aktienjahr werden, glaubt Robert Greil, Aktienstratege bei Merck Finck & Co. – auch wenn er heftigere Rückschläge nicht ausschließt. Positiv überraschen könnten die Euro-Krisenstaaten.

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Interview mit Robert Greil, Makro- und Aktienstratege bei Merck Finck & Co.

Düsseldorf Herr Greil, wird 2014 ein weiteres gutes Aktienjahr?
Nach zwei extrem guten Aktienjahren – der Dax hat jeweils mehr als 25 Prozent zugelegt – sagt einem das Bauchgefühl natürlich eher, dass es so kaum weitergehen kann. Da die entscheidenden Kurstreiber des Vorjahres aber auch 2014 Bestand haben, sind wir optimistisch.

Was spricht für weiter steigende Aktienkurse?
Vor allem drei Dinge: Die Notenbanken werden an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten. Gleichzeitig gewinnt die Wachstumsdynamik in den meisten Industrieländern an Dynamik. Und: Angesichts des Anlagenotstands vor dem Hintergrund niedriger Zinsniveaus dürfte weiterhin Geld von Anleihen in Aktien umgeschichtet werden.

Gerade letzteres hören wir seit Jahren, viele institutionelle Anleger halten aber immer noch einen sehr hohen Anleiheanteil…
Das ist ein schleichender Prozess. So erhöhen selbst so konservative Anleger wie beispielsweise manche Stiftungen ihre maximalen Aktienquoten leicht. Immer mehr Institutionelle handeln so. Solange die Zinsen derart niedrig sind, dürfte weiteres Geld von Anleihen in Aktien fließen – vorerst erwarten wir auch keine großen Sprünge bei den Zinsen. Und das stützt die Aktienmärkte.

Wo steht der Dax Ende 2014?
Punktgenaue Prognosen sind meist fragwürdig. Wir gehen aber davon aus, dass der Dax im Jahresverlauf um etwa zehn Prozent zulegen wird. Das kann sehr schnell gehen, aber auch ein paar Monate dauern.

Dax 10.000 also…
Ja, wir sind fast schon so weit. Im Jahresverlauf werden wir noch höhere Stände sehen.

11.000 Punkte?
Das ist durchaus möglich. Hat der Dax erst einmal die 10.000-Punkte-Marke geknackt, sind es nur noch zehn Prozent bis dahin.


Das Anleihekaufprogramm der Fed könnte länger laufen

Werden Aktien nicht langsam teuer?
Wenn wir uns das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis anschauen, dann sind wir im Schnitt etwa um ein Zehntel über dem historischen Mittelwert. Nun könnte man natürlich Angst haben, dass die Aktienrally deshalb nicht nachhaltig ist. Die Historie hat aber gezeigt, dass Phasen mit solchen Bewertungsaufschlägen durchaus länger anhalten können. Neben wachsenden Unternehmensgewinnen ist dabei die Liquidität der entscheidende Faktor.

Die Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed, bleiben also der Treiber für die Märkte?
Alle schauen natürlich auf die Fed und ihr „Tapering“, also den schrittweisen Ausstieg aus den Anleihekäufen. Bisher hat die US-Notenbank angekündigt, die Ankäufe um monatlich etwa zehn Milliarden Dollar zurückzufahren – sollte alles wie von ihr erwartet laufen. Damit wären wir im Sommer bei Null. Ich erwarte aber keinen derart regelmäßigen Ablauf.

Sondern?
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es zwischenzeitlich zu Anpassungen kommt, etwa dass weitere Reduzierungen verzögert oder sogar wieder mehr Anleihen gekauft werden. Natürlich haben wir zuletzt viele gute Konjunkturdaten gesehen. Die Fortschritte am für die Fed so wichtigen Arbeitsmarkt sind aber kleiner, als dies der Rückgang der Arbeitslosenquote auf zuletzt 6,7 Prozent vermuten lässt. Schließlich ist sie vor allem deshalb deutlich gefallen, weil weniger Menschen von der Statistik erfasst werden und nicht in erster Linie dank vieler zusätzlicher Jobs.

Sie können sich also vorstellen, dass das Anleihekaufprogramm länger läuft?
Ja, die neue Fed-Chefin Janet Yellen dürfte – gerade mit Blick auf den Arbeitsmarkt – sehr vorsichtig agieren. Wenn die US-Wirtschaft schwächeln sollte oder zu wenige Arbeitsplätze schafft, wird sie gegensteuern. So könnte es durchaus noch über das komplette Jahr 2014 Anleihekäufe durch die Fed geben. Und das wäre gut für die Aktienmärkte.

Ebenso wie die niedrigen Zinsen…
Die Notenbanken werden die kurzfristigen Zinsen auch 2014 sehr niedrig halten. Nachdem die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe 2013 von 1,2 in der Spitze auf 2,0 Prozent gestiegen war, liegt sie aktuell bei 1,75 Prozent. In den USA war der Anstieg noch stärker. Wenn die langfristigen Zinsen zu schnell steigen, dürften die Notenbanken gegensteuern, damit der Konjunkturaufschwung nicht gefährdet wird.


Überraschungspotenzial gibt es auch in Deutschland

Welche Märkte sind 2014 am interessantesten?
Euro-Land und die USA. Wobei wir in Euro-Land mehr positives Überraschungspotenzial sehen, während die Erwartungen in Sachen US-Aufschwung bereits recht ambitioniert sind.

Inwiefern?
Derzeit wird für Euro-Land ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent erwartet, es könnte aber durchaus etwas mehr werden. Die Erholung könnte schneller gehen, als viele glauben. Das sehen wir laufend am Aktienmarkt – denken Sie nur an Beispiele wie die Commerzbank-Aktie oder K+S. Es wird häufig unterschätzt, wie schnell sich Unternehmen und sogar Volkswirtschaften erholen können.

Welche Länder könnten vor allem überraschen?
Spanien beispielsweise. Hier scheint die Talsohle durchschritten. Die Industrieproduktion legte dort zuletzt etwa um fast drei Prozent zu. Auch in Italien und Portugal sehen wir immer mehr Anzeichen einer Erholung. Natürlich gibt es dort noch viele Probleme, aber der Trend dreht langsam, die Hoffnung wächst.

Es sind also vor allem die Euro-Peripherieländer, die überraschen könnten?
Nicht nur. Überraschungspotenzial gibt es auch ganz klar in Deutschland.  Die Schätzungen liegen im Schnitt bei 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum. Das könnte aber zu wenig sein. Und zwar aus drei Gründen: Erstens zieht der private Konsum an. In Zeiten von Niedrigzinsen verlieren die Menschen die Lust am Sparen und erfüllen sich öfter ihre Wünsche. Zweitens kommt der Investitionszyklus in Gang. Die Firmen waren sehr lange sehr zurückhaltend mit ihren Prognosen, doch jetzt werden sie zuversichtlicher. Das Vertrauen in die künftige Entwicklung wächst, der Nebel hat sich gelichtet. Und mit diesem Vertrauen wird auch wieder mehr investiert beziehungsweise verschobene Projekte werden angegangen. Der dritte Grund ist die steigende Exportnachfrage – „Made in Germany“ ist im globalen Aufschwung noch stärker gefragt.

Welche Branchen werden davon besonders profitieren?
Vor allem zyklische Branchen wie die Chemie- und Autoindustrie, Stahlkonzerne und der Maschinenbau – und damit auch viele Mittelständler. Diese Sektoren sind überwiegend sehr exportabhängig. Das weltweite Wachstum kommt ihnen also zusätzlich zu Gute. Dabei sind die Euro-Länder größere Abnehmer als China. Hauptimporteur deutscher Waren bleiben aber neben den Euro-Ländern die USA, – von deren Erholung und der in Euro-Land wird die hiesige Wirtschaft profitieren.


Gold ist schwer zu analysieren

Und mit ihr die deutschen Aktien. Was raten Sie Anlegern, die 20.000 Euro investieren wollen?
Es kommt natürlich immer auf die persönliche Risikoneigung an, auf die Lebenssituation und die persönlichen Ziele. Aktien erscheinen dabei derzeit besonders interessant. Ich würde allerdings nicht gleich morgen kaufen, sondern einen Rücksetzer abwarten. Es kann durchaus noch einmal beispielsweise um zehn Prozent runter gehen. Bei 9.000 Punkten wäre der Dax immer noch im langfristigen Aufwärtstrend.

Neben Deutschland, welche Aktienmärkte wären noch interessant?
Wir halten Peripheriemärkte wie Spanien für interessant. Daneben haben US-Aktien noch Potenzial, dort unterstützen etwa auch Aktienrückkäufe die Kurse.

Anleihen sind nicht mehr interessant?
Die Depots unserer Kunden haben traditionell einen relativ hohen Anleiheanteil. Wir empfehlen derzeit kurzfristigere Laufzeiten von im Durchschnitt drei Jahren, um keine größeren Kursverluste bei steigenden Bondrenditen zu riskieren. Spanische Staats- und Unternehmensanleihen laufen derzeit besonders gut. Die Renditen gehen dort runter, das Vertrauen kehrt zurück. Natürlich sind diese Bonds risikoreicher als Bundesanleihen, als Beimischung zahlt sich ein Investment im Moment aber aus. Und angesichts der Minizinsen – Stichwort Anlagenotstand – ist die Bereitschaft vorhanden, in solche Bonds zu investieren.

Haben Sie keine Angst, dass die Euro-Krise zurückkehrt?
Natürlich könnte sich die Euro-Krise noch einmal zuspitzen. Für die Märkte wäre das aber aus unserer Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr allzu relevant. Sie reagieren kaum noch auf negative Meldungen aus Krisenländern wie Griechenland. Die Ankündigung von EZB-Präsident Mario Draghi zeigt Wirkung, alles Erforderliche zu tun, wenn es nötig sein sollte. Und auch die US-Notenbank wird eine erneute Zuspitzung der Krise unbedingt verhindern wollen.

Das scheinen auch die Anleger zu glauben, denn die Krisenwährung Gold gehörte 2013 zu den großen Verlierern…
Ich bin als ehemaliger Aktienanalyst grundsätzlich vorsichtig bei Anlagegütern, bei denen sich der Preis binnen weniger Jahre vervierfacht hat. Zudem ist Gold schwer zu analysieren, weil der Markt teils intransparent ist und es ein sehr emotionales Anlagegut ist – Stichwort „sicherer Hafen“. Als Depotbeimischung kann Gold aber natürlich sehr sinnvoll sein.

Herr Greil, vielen Dank für das Interview.

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