WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Anlagestratege im Interview „Aktien sind günstig“

Es wird eine Generation dauern, bis der Euro richtig funktioniert, sagt der Vermögensverwalter Marco Herrmann. Chancen für die Aktien sieht er trotzdem viele - nur von Banken sollten Anleger die Finger lassen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Marco Herrmann, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Fiduka.

Düsseldorf Herr Herrmann, die Börsen sind sehr gut ins Jahr gestartet. Ist das nur eine kurzfristige Gegenbewegung oder sehen wir bereits die Trendwende?

Das ist genau die Frage, die wir uns auch gerade stellen. Wir sind zunehmend positiv gestimmt und haben vor Weihnachten auch unsere Aktienquoten erhöht. Das hat damit zu tun, dass wir den Kursrückgang für übertrieben und europäische Aktien für günstig halten. Allerdings ist die Unsicherheit der Prognosen nach wie vor sehr hoch. Alles hängt letztlich daran, wie sich die Euro-Zone weiterentwickelt. Hält der Euro so zusammen, wie er ist oder bekommen wir den großen Eklat.

Wie ist Ihre Prognose?

Wir gehen im Grundsatz davon aus, dass der Euro zusammenhält. Grundlage dafür sind die Ergebnisse vom Euro-Gipfel im Dezember. Dieser hat erstmals wichtige Ergebnisse gebracht, es wurden Tabus gebrochen. So wurde gesagt, wir können zur Not auch ohne England. Ich interpretiere das als Signal, dass man den Ernst der Lage verstanden hat und die Korrekturen am Fehlkonstrukt Euro-Zone nun entschlossener angeht. Das sehen die Märkte offenbar genauso, die Zinsen für südeuropäische Staatsanleihen sind deutlich zurückgekommen. Es sollte jetzt allerdings niemand Wunder erwarten: Es wird sicherlich eine Generation brauchen, bis wir Europa so weit haben, dass der Euro funktioniert. 

Wie genau stellen Sie sich das neue Europa vor?

Die jetzige Aufstellung der EU und das Institutionengefüge machen keinen Sinn. Im EU-Parlament sind 27 Länder an Entscheidungen beteiligt. Sinnvoller wäre ein Parlament für die 17 Länder der Euro-Zone, in dem die notwendige wirtschaftliche und finanzpolitische Zusammenarbeit erfolgen kann. Und in der EZB ist England, das grundsätzlich gegen alles ist, der zweitgrößte Anteilseigner. England wird dem Euro auch in zehn und wahrscheinlich auch in 100 Jahren nicht beitreten. Man sollte das akzeptieren und lieber die Länder stärker in die Entscheidungen einbeziehen, die am Euro beteiligt sind und weitestgehend die gleichen Interessen haben.

Wird die Zusammensetzung des Euros denn künftig die Gleiche sein?

Der Mitgliederkreis wird vermutlich ein anderer sein. Griechenland dürfte irgendwann aus dem Euro ausscheiden. Das hat weniger wirtschaftliche Gründe - für Griechenland wäre es definitiv besser, den Euro zu behalten. Ich denke aber, dass der Druck aus der Bevölkerung so groß ist, die Unzufriedenheit so hoch, dass man diesen Schritt zwangsläufig gehen wird.

Lange Zeit galt ein Euro-Austritt Griechenlands als Tabu, weil man einen Domino-Effekt an den Märkten fürchtete…

Ich denke, die Zeit ist vorbei. Das Thema Griechenland wird inzwischen weitgehend isoliert betrachtet. Es sieht im Moment so aus, dass sich EZB und Staaten zusammenraufen und besser zusammenarbeiten. Das bringt Vertrauen in den Markt und die Risikoprämie, die sich in den letzten Monaten aufgebaut hat, bildet sich bereits zurück.

Aber die Gefahr einer ungeordneten Insolvenz Griechenlands ist nicht vom Tisch.

Ich weiß nicht, ob das wirklich einen großen Unterschied macht. Ob geordnet oder ungeordnet – klar ist: Die Gläubiger werden massiv auf ihre Forderungen verzichten müssen. Der Unterschied ist, dass bei einer klassischen Insolvenz ohne freiwilligen Verzicht wohl auch die Credit Default Swaps greifen würden. Das träfe dann wieder die üblichen Verdächtigen, also die Banken, die dann erneut zusätzliches Eigenkapital bräuchten. Insofern versucht man diesen Schritt natürlich zu vermeiden.


„Es gibt Wege, wie die EZB eine Pleite Griechenlands stemmen könnte“

Kann das klappen?

Ich habe große Zweifel, dass eine Umschuldung, wie sie jetzt diskutiert wird, funktionieren wird. Selbst wenn es klappen sollte, wird es nicht die erhoffte Erleichterung bringen, weil ja gleichzeitig die Wirtschaftsprognosen zurückgenommen werden und die Finanzierungslücke noch einmal größer wird. Die Banken verlieren dadurch weitere Einlagen und brauchen zusätzliche Stützungsgelder, sodass die Rettung immer teurer wird. Der Schuldenerlass betrifft ja nicht die Gesamtschulden Griechenlands, sondern auch nur einen kleinen Teil, sodass sich letztlich nichts daran ändern wird, dass die Schulden insgesamt viel zu hoch sind.

Wann wird sich das Schicksal Griechenlands entscheiden?

Im März gibt es die ersten großen Anleihe-Fälligkeiten und Zinszahlungen, im Mai dann noch einmal. Ich denke, im März wird Griechenland noch nicht in die Insolvenz gehen. Man wird damit drohen, aber ich denke, die Euro-Politiker werden dann noch einmal Geld reinschieben, um sich noch etwas Zeit zu kaufen. Aber Griechenland braucht unter dem Strich einen größeren Schuldenerlass und das kann letztlich nur mit Unterstützung der EZB funktionieren. Bisher ist ja noch gar nicht vorgesehen, dass diese auf Gelder verzichtet, weil das politisch nicht gewollt ist.

Kann sich die EZB einen Forderungsverzicht überhaupt leisten?

Warum nicht? Es gibt Mittel und Wege, wie die EZB eine Pleite Griechenlands stemmen könnte. Die EZB hat den großen Vorteil, dass sie Geld drucken kann. Sie hat auf der einen Seite griechische Anleihen in der Bilanz, auf der anderen Seite steht Eigenkapital. Fallen griechische Anleihen aus, hat die EZB sehr hohe Verluste und das Eigenkapital wird negativ. Aber wen sollte das stören? Die Notenbank kann doch hingehen und die Gewinne der nächsten zehn Jahre thesaurieren. Als Folge müssten die Euro-Staaten auf Gewinnanteile verzichten, aber Liquiditätsprobleme wird die EZB sicherlich nicht bekommen.  

Unter Mario Draghi nimmt die EZB schon jetzt ein wesentlich aktivere Rolle in der Schuldenkrise ein. Wie bewerten Sie sein Wirken bisher?

Mit Trichet, vor allem aber mit Weber und Stark war klar, dass die EZB nur das Nötigste macht. Aber das kann in der festgefahrenen Situation, in der sich die Euro-Zone und die EU als Ganzes befinden, nicht die Lösung sein. Draghi ist als Italiener vielleicht subjektiver, weil Italien Hilfen dringend braucht. Aber er ist sicherlich auch markterfahrener und pragmatischer. Dieser Pragmatismus ist nötig, denn letztlich geht es darum, den Euro zu retten. Europa und seine Institutionen stehen vor einer Neuausrichtung. Diese klappt aber nicht von heute auf morgen. In der Übergangszeit muss die EZB helfen, um Vertrauen in das europäische Finanzsystem zu erzeugen.

Aktuell scheint ihr das zu gelingen.

Draghi hat gezeigt, dass er bereit ist, den Prozess positiv zu unterstützen. Er hat schon zweimal die Zinsen gesenkt hat und ich kann mir vorstellen, dass er das auch wieder tun wird. Selbst wenn die EZB den Zins noch zweimal zurücknimmt, hätten wir mit 0,5 Prozent im Vergleich zu anderen Ländern noch relativ hohe Zinsen. Wichtig ist, dass die Schuldenlast finanzierbarer wird und das erreiche ich durch Zinssenkungen. Viele Staaten in Not finanzieren sich im Moment kurzfristig und da hilft es ihnen natürlich, wenn die kurzfristigen Zinsen sinken. Und auch die längerfristige Refinanzierung ist zuletzt wieder deutlich günstiger geworden. Hier zeigt sich, dass durch die dreijährigen Tender, mit denen die EZB Banken langfristig Geld zur Verfügung stellt, wirken. Es kommt viel Liquidität rein, das drückt die Renditen. Und Anfang Februar soll ja bereits der nächste Tender kommen.


„Ich rechne mit Bankenpleiten“

Neben den Staaten profitieren davon vor allem auch die Banken. Haben die Institute das Schlimmste bereits hinter sich?

Ich bin da noch skeptisch. Ich rechne nicht mit Bankenpleiten. Denn das Beispiel Unicredit hat gezeigt, dass Banken, die Kapital brauchen, dieses bekommen – wenn auch unter Schmerzen. Und notfalls dürften die Staaten bereitstehen, um die Kapitalerhöhungen zu zeichnen und die Stabilität des Finanzsystems zu garantieren. Aber auf Banken werden weitere Belastungen zukommen.

Die Börse ist da optimistischer, Finanzwerte laufen dem Markt seit Jahresbeginn voraus.

Die Frage ist, wie nachhaltig das ist. Banken bleiben ein gefährliches Spiel. Sicher, wenn man davon ausgeht, dass die Euro-Zone zusammenbleibt und es außer Griechenland gibt es keine weiteren Staatspleiten gibt, bekommen die Buchwerte der Banken eine größere Glaubwürdigkeit. Dann kann ich sagen, Bankaktien sind auf Basis der Kurs-Buchwert-Verhältnisse von 0,5 sehr günstig. Auf der anderen Seiten wird sich die Regulierung weiter verschärfen, noch mehr Geschäfte werden mit Eigenkapital hinterlegt werden müssen und das reduziert das Ertragspotenzial.

Also Finger weg von Bankaktien?

Banken als Geschäftsmodell finde ich für eine Aktie jetzt nicht besonders prickelnd, allenfalls als kurzfristiger Trade. Die Aktien sind vielleicht kurzfristig sehr günstig, aber das Wachstum wird in den nächsten Jahren deutlich gebremst sein. Skeptisch stimmt mich auch das absolute Misstrauen, das momentan im Bankenbereich vorherrscht. Das, was die EZB an dreijährigem Tender ausgegeben hat, ist auch wieder als Guthaben bei der EZB zu finden. Die Institute vertrauen sich untereinander nicht. Sie gehen wahrscheinlich von ihrer eigenen Bilanz aus und sagen, bei den anderen sind wir entsprechend auch vorsichtig. Da ist schon ein großes Misstrauen vorhanden – und das von Insidern, mit besserem Einblick in Bankbilanzen.

Was würden Sie stattdessen kaufen?

Wir sind auch noch stark bei defensiven Werten investiert, bei Werten mit hohen Dividendenrenditen, was grundsätzlich interessant ist im Vergleich zu den Renditen von sicheren Unternehmensanleihen. Wir schauen auch auf Unternehmen, die auch in schwierigen Zeiten wachsen. Denn auch wenn sich das wirtschaftliche Umfeld etwa bessert, werden wir in diesem Jahr in Europa bestenfalls eine Nullrunde bekommen, eher einen leichten Konjunkturrückgang. Andererseits ist das in den Kursen auch schon stark eingepreist. Man kann deswegen allmählich anfangen, selektiv auch Aktien zyklischer Unternehmen zu kaufen. Ich denke da zum Beispiel an das eine oder andere Spezialchemieunternehmen, an Maschinenbauer oder auch an Daimler.

Der Ausblick für den Autosektor ist aber nicht gerade berauschend…

Im Autosektor werden wir dieses Jahr voraussichtlich kein Wachstum haben, das stimmt. Aber das Geschäft wird auf hohem Niveau gut laufen. Daimler hat zudem mit seiner Trucksparte eine zyklische Komponente und hebt sich dadurch positiv vom Sektor ab. Zudem ist die Aktie deutlich schlechter gelaufen als die Papiere der Konkurrenz.

Herr Herrmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Marco Herrmann ist Geschäftsführer der Fiduka Depotverwaltung. Die Münchener Vermögensverwaltung wurde bekannt durch ihren Gründer André Kostolany.  

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%