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Anlagestrategie Crashaktien – nicht nur für Zocker

Die Aktienmärkte haben eine lange Rally hinter sich. Wer jetzt noch günstig kaufen will, muss auf „hässliche“ Aktien setzen, die kaum einer haben will. Dabei sind die Aussichten auf Gewinne groß - aber auch die Gefahren.

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Düsseldorf Man sagt Kleinanlegern nach, dass sie ein besonderes Talent haben: Sie schaffen es, auf dem Höhepunkt zu kaufen und dem Tiefpunkt zu verkaufen. Das ist natürlich etwas gemein, aber ganz leugnen lässt es sich nicht. Erst wenn die Börsen schon ordentlich gelaufen sind, beginnt sich die Masse für Aktien zu interessieren. So ist es diesmal wieder.

Seitdem es der Dax kurzzeitig über 8.000 Punkte geschafft hat, scheinen Aktien in Deutschland wieder salonfähig zu werden. Experten raten zum Einstieg. Nur leider sind die Aktien, die jeder haben will, schon weit gelaufen. Wer meint, dass er einen Weltmarktführer mit starker Marke und tollen Produkten zum Schnäppchenpreis bekommt, ist spät dran, ungefähr zwei, drei Jahre zu spät. Wer jetzt günstig kaufen will, muss Mut zum Risiko beweisen – mit Aktien, die kaum einer haben will.

„Wir reiten weiter auf der Welle mit“, sagt Alan Lancz, Präsident des Anlageberaters Alan B. Lancz & Associates. „Aber wir nehmen Gewinne mit bei den Überfliegern, die sich wirklich gut entwickelt haben, und kaufen in Bereichen, die in diesem Jahr nachgegeben und neue Tiefstände erreicht haben“, sagt er. „Wir finden immer noch günstige Einstiegsgelegenheiten.“

Natürlich sollten Anleger nicht alles auf vermeintliche Schnäppchen setzen. Zu groß ist die Gefahr von Verlusten, schließlich gibt es Rendite nie ohne Risiko. Auch bringt es nichts, wahllos Aktien zu kaufen, die stark gefallen sind. Das wäre nichts als Zockerei.

Der Wirtschaftsprofessor und Investor Max Otte sucht für seinen PI Global Value Fonds gezielt „hässliche“ Aktien, also solche Papiere, für die sich kaum ein Anleger interessiert, oder die sogar kurz vor der Pleite stehen – in der Hoffnung, dass sie den Turnaround schaffen und dann umso stärker zulegen. „Diese Aktien werden immer billiger – und irgendwann werden sie zu einem Schnäppchen“, sagt Otte. Dass diese Strategie hochriskant ist, schreckt ihn nicht. „Nur die wenigsten Unternehmen gehen wirklich unter“, sagt er, schränkt allerdings ein, dass er sich nur mit etablierten Firmen befasst: „Ein Turnaround-Unternehmen sollte normalerweise schon 30 Jahre und mehr am Markt sein, bevor wir es uns anschauen.“

„Nach wie vor sind Südeuropa und Frankreich sehr billig. Standardtitel wurden massiv abgestraft. Energiekonzerne wie Total, Eni oder Enel haben ohne weiteres ein Potenzial von 50 Prozent“, sagt Otte. Den deutschen Versorgern Eon und RWE traut er sogar noch mehr zu. Allerdings könne es bei denen Jahre dauern, bis sie sich erholten. Die beiden Energieriesen hatten sich zu sehr auf Atomstrom verlassen. Als die Politik die Energiewende beschloss, hin zu mehr alternativen Energien, ging den Konzernen über Nacht das Geschäftsmodell verloren.


Die unbeliebtesten Aktien

Auch im Telekom-Sektor schaut sich der Investor um. Das steigende Datenvolumen mache den Netzbetrieb, der in der Vergangenheit eher ein langweiliges Geschäft war, zunehmend attraktiv. Seine heißeste Wette: KPN. Der niederländische Telekom-Konzern hat in den vergangenen zwölf Monaten zwei Drittel an Wert verloren. Das Unternehmen hat bereits eine Reihe von Geschäftsteilen verkauft, um seine Schulden zu reduzieren - unter anderem seine Funkmasten in Deutschland und den Niederlanden. Ende 2012 war der Konzern mit zwölf Milliarden Euro verschuldet. Otte glaubt an die Wende. Darauf hofft auch Carlos Slim, der reichste Mann der Welt. Ihm gehören fast 30 Prozent der Anteile an KPN. Die meisten Analysten sind skeptisch. Sie sei „außerordentlich pessimistisch“, schreibt Robin Bienenstock von Bernstein Research.

Otte als „risikofreudig“ zu bezeichnen, wäre wohl nicht übertrieben. Er selbst bezeichnet sich als „Value Investor“. In den USA hat Value Investing eine lange Tradition. Der berühmteste Vertreter dieser Strategie ist Warren Buffett.

Ein Value Investor ist immer auf der Suche nach unterbewerten Aktien: Anders als die meisten Analysten schaut er weniger auf die reinen Unternehmensgewinne, sondern auf die inneren Werte. Der innere Wert setzt sich für ihn aus dem Wert der vorhandenen Vermögensgegenstände, dem Wert der Ertragskraft und dem Wert des zukünftigen Wachstums zusammen. Während Kurse von Tag zu Tag schwanken, bleibt der innere Wert vergleichsweise stabil. Es kommt nicht selten vor, dass der Börsenwert eines Unternehmens deutlich unter dem inneren Wert liegt.

Ein bekannter Vertreter dieser Schule ist Jeremy Grantham. Der Investor und Gründer der Vermögensverwaltung GMO kauft neben Qualitätspapieren gerne auch Turnaround-Kandidaten. Aktuelles Beispiel: „Viele Rohstofftitel handeln 50 Prozent unter ihrem Höchst und sind sehr günstig bewertet. Ich kenne keine andere Aktienkategorie, die unbeliebter ist“, sagte Grantham in einem Interview mit „Finanz & Wirtschaft“ (F&W) aus der Schweiz.

Abgestürzt sind etwa die Aktien von Bergbau-Konzernen wie Lonmin (Platin) oder Kinross (Gold), um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Auch Ölaktien wie Total oder Repsol entwickelten sich in den vergangenen Monaten vergleichsweise schwach. Vor allem die schwächere Wirtschaftsentwicklung in China hat die zwischenzeitlich Nachfrage gedämpft – und die Rohstoffpreise gedrückt. Gleichzeitig sind die Kosten für Erschließung und Förderung kräftig gestiegen. Über die gesamte Rohstoffbranche hinweg müssen die Konzerne sparen, milliardenschwere Abschreibungen belasten die Ergebnisse.


Apple gerät ins Visier

Eine wichtige Kennzahl für Value Investoren ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Dabei werden die Vermögenswerte eines Unternehmens in Relation zum aktuellen Aktienkurs gesetzt. Je niedriger der Wert, desto besser. Wenn das KBV bei eins liegt, ist eine Aktie des Unternehmens genauso viel wert wie die einzelnen Vermögenswerte eines Unternehmens. Wird ein Unternehmen an der Börse unter seinem Buchwert gehandelt, könnte es sein, dass der Markt den wahren Wert unterschätzt.

Das niedrigste Kurs-Buchwert-Verhältnis haben meist Firmen, die vom Markt abgestraft wurden, etwa weil der Gewinn enttäuscht oder sogar rote Zahlen drohen. Genau nach solchen Gelegenheiten sucht ein Value-Investor, in der Hoffnung, dass sich der Kurs eines Tages wieder dem inneren Wert annähert.

Auch viele Technologietitel sind abgestraft worden, zum Beispiel Nokia oder Blackberry, weniger stark Intel. Inzwischen ist sogar die Aktie von Apple ins Visier von Value Investoren geraten. Seit dem Höchststand im vergangenen September bei mehr als 700 Dollar ist die Aktie kräftig gefallen. Grund: Die Konkurrenz, allen voran Samsung, hat stark aufgeholt und erobert Marktanteile.

Bei rund 450 Dollar sieht die Aktie allerdings inzwischen nicht mehr überteuert aus. Sie weist ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 2,6 auf. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt bei 9,6 - im Schnitt der vergangenen zehn Jahren lag es bei mehr als 30. Hinzu kommt: Das Unternehmen verfügt über mehr als 100 Milliarden Dollar an Cash. Ein Teil davon wird an die Aktionäre ausgeschüttet werden. „Sogar wenn Apples nächstes Produkt ein Flop sein sollte, würde ich die Aktie auf dem heutigen Niveau nicht mehr leer verkaufen. Schlägt das nächste Produkt ein, wird sie abheben“, sagte Grantham im Interview mit F&W.

Eng verbandelt mit dem Schicksal von Apple ist auch ein deutsches Unternehmen: Dialog Semiconductor im TecDax. Der Hersteller von Halbleitern liefert für das iPhone zu. Jahrelang ging es aufwärts. Doch der Absatzrückgang bei Apple traf Dialog hart. Die Aktie hat im vergangenen Jahr ein Drittel an Wert verloren. Der Absturz setzte sich bis zuletzt ungebremst fort, ist angesichts früherer Kursgewinne aber zu verkraften. Jerome Ramel, Analyst von BNP Paribas, rechnet zwar nicht mit einer schnellen Erholung, glaubt aber, dass das erste Quartal 2013 den Tiefpunkt markieren wird. 

 


Solaraktien sind zu heiß

Den haben die Stahlhersteller vermutlich noch nicht erreicht. Die Branche steckt mitten im Umbruch. Gründe: Überkapazitäten, schwache Weltkonjunktur, selbstverschuldete Probleme. Thyssen-Krupp setzte Milliarden aufgrund von Fehlinvestitionen in Brasilien in den Sand. Hinzu kommen Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe. Auch der Weltmarktführer Arcelor-Mittal meldete zuletzt einen Verlust in Milliardenhöhe.

Entsprechend risikoreich sind die Aktien. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis sieht bei beiden Konzernen - jeweils rund 16 - nicht besonders günstig aus, obwohl die Aktienkurse bereits deutlich gefallen sind. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis kann sich bei Thyssen-Krupp (1,6) und Arcelor-Mittal (0,3) schon eher sehen lassen. Eine heiße Wette ist auch die Aktie von Deutschlands zweitgrößtem Stahlhersteller: Salzgitter. Nach den Worten des Chefs, Heinz Jörg Fuhrmann, steht dem Unternehmen eine „Rosskur“ bevor. Für die Angestellten muss das wie eine Drohung klingen, für die Aktionäre eher wie das Gegenteil. Es sei noch zu früh, um die Aktien mit Blick auf die Restrukturierung zu kaufen, schrieb Bastian Synagowitz von der Deutschen Bank in einer Studie. Mit Blick auf den Buchwert (KBV: 0,5) könnte jedoch der eine oder andere Value Investor aufmerksam werden.

Man kann bei der Suche nach Schnäppchen auch übertreiben. Bei manchen Firmen sind die Aussichten auf ein Turnaround einfach zu düster. So bescheren deutsche Solaraktien den Anlegern seit langem nur Verluste. Der Branche, die sich früher auf Subventionen verlassen konnte, fehlen die Wachstumsperspektiven. Anlegerschützer haben Solarfirmen gerade erst als größte Kapitalvernichter der vergangenen Jahre gekürt. „Unternehmen aus dem Bereich Erneuerbare Energien setzen das fort, was wir am Neuen Markt erlebt haben“, sagt Klaus Nieding, Anlegeranwalt und Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Über die Aktie von Solarworld sagt selbst Max Otte: „Ein Zock mit hohem Risiko.“ Das will etwas heißen.

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