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Anlagestrategie ETFs: besser als Banksparen, einfacher als ein Aktiendepot

Riskant, spekulativ, zu komplex: Die Börse ist bei vielen Sparern vorurteilsbehaftet. Dabei sollten gerade sie in Niedrigzinszeiten investieren, um die Inflation zu schlagen und ihre Finanzen ins Gleichgewicht zu bringen. Quelle: Imago

Mit handverlesenen Aktien und gutem Timing können Anleger einen breiten Börsenindex übertrumpfen. Das Problem: In der Regel gelingt das selbst Profis nicht. Im Schnitt lässt sich der Markt kaum schlagen – aber kaufen.

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Sparen hat sich selten weniger gelohnt. Alternativen gibt es zur Genüge – insbesondere Aktien locken mit vielversprechenden Renditen. Doch mit der Höhe möglicher Erträge steigt auch das Verlustrisiko. Gibt man sein Kapital in professionelle Hände, wie etwa einen aktiv gemanagten Fonds, liegt der durchschnittliche Gewinn nach Abzug der Provisionen meist unter der Performance des Vergleichsindex, an dem sich solche Fonds oft orientieren. Durch Selbstverwaltung der eigenen Anlagen kann man die Kosten für aktives Management umgehen – allerdings bedeutet das einen hohen Zeitaufwand. Denn ohne eine intensive Beschäftigung mit den Investments sind die meisten eigenverwalteten Portfolios zum Scheitern verurteilt. Die Antwort auf die zeitintensive Beschäftigung mit Aktien oder gewinnaufzehrende Managementgebühren sind Exchange Traded Funds (ETFs).

Diese börsengehandelten Fonds bilden die Wertentwicklung eines Index, wie beispielsweise des Dax, möglichst exakt nach. Dazu investieren die Fonds beispielsweise in die dem Index zugrundeliegenden Wertpapiere, in entsprechendem Größenverhältnis zu deren Anteil am Index. Durch die Verteilung des Investments über mehrere Branchen oder Regionen, die damit einhergeht, verringert sich auch das Risiko. Sollte beispielsweise die Nachfrage nach Software zurückgehen, hätte das keinen Einfluss auf die Automobil- oder Energiebranche. Diese Risikostreuung ist bei jedem Investment extrem wichtig. Doch auch bei ETFs gibt es Mogelpackungen – wer sich allerdings gut informiert, kann mit ihnen ein auf langfristige Renditen ausgelegtes, bequem zu verwaltendes und kostensparendes Portfolio aufbauen.

So funktioniert der Portfolioaufbau mit ETFs

Elgin Gorissen-van Hoek ist Honorar-Finanzanlagenberaterin und Vorsitzende des Bundesverbands Finanz-Planer. Laut ihr erfüllen ETFs durch die sehr breite Streuung und niedrige Kosten zwei Grundvoraussetzungen für eine langfristig erfolgreiche Geldanlage. Wie auch bei der Anlagestrategie mit Aktien sei zu beachten, dass ein Vermögen nie ausschließlich aus Wertpapieren bestehen sollte: „Wertpapierdepots stellen immer nur einen Baustein des Gesamtportfolios dar. Weitere Bausteine sind Anlagen wie Immobilien, Rohstoffe, unternehmerische Beteiligungen, Kunst und Einlagen bei Banken“, erklärt Gorissen-van Hoek.

Die Verteilung der Zusammensetzung von Wertpapier- und weiteren Anlagen hänge von der Risikoneigung und -tragfähigkeit des Anlegers ab. „Im Bereich der Wertpapieranlagen kommt eine weltweite Streuung in Frage, die sowohl die großen Weltwirtschaften als auch die Regionen aufstrebender Länder wie China, Indien, Indonesien oder afrikanischer Staaten umfasst“, empfiehlt die Finanzanlagenberaterin. Aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums und des jungen Durchschnittsalters in diesen Regionen gäbe es dort eine wachsende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen. Das Ermitteln der persönlichen Risikoneigung könne ein Berater mit professionellen Tools unterstützen, sagt Gorissen-van Hoek.

Anleger, die ihre Risikobereitschaft um Kosten zu sparen in Eigenregie ermitteln möchten, können sich an den historischen Daten orientieren. Sie zeigen, dass der maximale zwischenzeitliche Wertverlust von weltweit gestreuten Indizes wie beispielsweise dem Aktienindex MSCI World bei rund 50 Prozent liegt. Ausgehend von diesem Wert können Investoren überlegen, in welcher Höhe sie zwischenzeitliche Verluste tragen wollen. Sollte beispielsweise eine temporäre Wertminderung von 25 Prozent des Anlagewerts vertretbar sein, so könnte die Hälfte des Portfolios in Wertpapieren, wie etwa ETFs gehalten werden.

Ist die Risikogewichtung innerhalb des Portfolios geklärt, gilt es die passenden Fonds zu finden.

Anlageklasse und Kostenstruktur beachten

Bei der Suche nach einem ETF bietet sich dem Investor die volle Palette an Anlageklassen: Von der klassischen Abbildung von Aktienindizes, über Renten-ETFs, die Zugang zu Staats- und Unternehmensanleihen sowie dem Geldmarkt bieten, bis hin zu Rohstoffindizes, Hedgefonds und Währungen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Fonds breit gestreut sind: „Wenn ETFs angeboten werden, die bestimmte Investmentideen darstellen, wie beispielsweise „Rise of the Robots“, wird die Zusammenstellung mit Hilfe eines aktiven Auswahlprozesses umgesetzt“, warnt Gorissen-van Hoek. Bei diesen ETFs spiele die Qualität des Managements die entscheidende Rolle, vergleichbar mit aktiven Fonds.

Im Vergleich zu aktiv gemangten Fonds sind ETFs sehr günstig. Während aktiv gemanagte Fonds meist einem Index folgen und versuchen, diesen durch die Auswahl besonders erfolgsversprechender Aktien zu übertreffen, dupliziert ein ETF die Indexzusammensetzung eines Indexanbieters möglichst direkt. „Dabei sinken die Kosten des Managements, da die Titelauswahl und Anpassungen im Gegensatz zu aktiv gemanagten Fonds weitgehend ohne großes Analysten- oder Managementteam geleistet werden kann“, erklärt Gorissen-van Hoek den Kostenunterschied.

Um sich ein Bild über die Kosten eines ETFs zu machen, empfiehlt sich ein Blick auf die Total Expense Ratio (TER), die man im Produktinfoblatt findet. Diese Gesamtkostenquote gibt an, wie viele Prozentpunkte der Rendite dem Anleger durch Verwaltungs-, Depotbank-, Lizenz-, und Vertriebsgebühren entgehen. Wie hoch sie ausfällt hängt von der Konstruktion des ETF ab, zum Beispiel von der Anzahl der enthaltenen Wertpapiere oder den Etappen, in denen die Wertentwicklung des Index nachvollzogen wird. Meist liegt die TER zwischen 0,1 und 0,5 Prozent vom Depotwert.

Physisch oder synthetisch, ausschüttend oder thesaurierend?

Vorsicht bei internen Transaktionskosten

Allerdings wird dort ein wesentlicher Kostenpunkt nicht genannt: Die Transaktionskosten. Sie fallen einerseits, wie bei Aktien, bei Kauf und Verkauf der ETF-Anteile an. Andererseits zahlen Anleger auch noch Gebühren für Transaktionen innerhalb des Fonds. Viele ETFs werden zum Beispiel in einer gehedgten Variante angeboten, um sie gegen Wechselkursschwankungen abzusichern. „Wenn man weiß, dass ein Fonds auf Euro gehedgt ist, betragen die Transaktionskosten ungefähr 0,7 Prozent. Das ist im Rahmen und sollte als Anleger unbedingt genutzt werden, um das Risiko von wesentlich stärkeren Währungsschwankungen beispielsweise zwischen Euro und Dollar zu umgehen“, rät Gorissen-van Hoek. Zudem könnte man als Privatanleger ansonsten kaum die tatsächliche Wertentwicklung der Anlage nachvollziehen.

Damit wären die Kosten allerdings bis zu doppelt so hoch wie die TER. „Auf Nachfrage muss der Vermittler auch alle Kosten offenlegen – die sollte man sich vor dem Kauf anschauen und vergleichen“, empfiehlt die Finanzanlageberaterin. „Auch, wenn man nicht erwartet, dass verschiedene ETFs, die demselben Index folgen, unterschiedlich gute Wertentwicklungen aufweisen, so ist es doch ratsam die Wertentwicklung in der Vergangenheit zu vergleichen“, sagt Gorissen-van Hoek.

Synthetische Fonds können irreführend sein

Die Entscheidung sollte aber keinesfalls allein von den Kosten abhängen, denn das ETF-Angebot unterteilt sich in zwei wesentliche Kategorien. Physisch replizierende ETFs kaufen die Wertpapiere des zugrundeliegenden Index und haben diese wirklich im Portfolio. Synthetische Fonds hingegen bilden einen Index durch Tauschgeschäfte mit Banken nach. Bei diesen sogenannten Swaps schließt der Fondsmanager einen Vertrag mit einem Finanzinstitut ab, das im Tausch gegen eine Gebühr verpflichtet ist, die Indexrendite auszuschütten. Grundsätzlich besteht dabei ein Kontrahentenrisiko: Geht der Swap-Anbieter pleite, trifft das auch die Anleger.


Die Vorsitzende des Bundesverbands Finanz-Planer sieht jedoch ein weiteres Problem: Synthetische Replikation könne sich zwar als kostengünstigere und somit Renditensteigernde Variante auszahlen, sofern die Kostenvorteile an die Anleger weitergegeben würden, allerdings sei „vielen Anlegern nicht mehr das Zehntel Renditevorteil wichtig, sondern die Frage, in welche Werte tatsächlich investiert wird und ob diese mit der eigenen Überzeugung zu ethischem und nachhaltigem Wirtschaften übereinstimmen“.

Gerade bei nachhaltigen Investitionen bestehe die Gefahr, einen Wolf im Schafspelz zu erhalten: „Beispielsweise wird ein ETF auf den World Water Index verkauft, der diesen synthetisch abbildet und dabei in Aktien großer IT- und Datensammelunternehmen investiert“, sagt Gorissen van-Hoek. Dies erfahre man aber erst, wenn man die im Jahresbericht des Fonds aufgeführten Einzelwerte kontrolliere. Dass in tatsächliche Wirtschaftsunternehmen investiert wird, könne nur durch physisch nachbildende ETFs gewährleistet werden.

ETF-Sparpläne: Auszahlen lassen oder reinvestieren

Anleger haben je nach Bedarf die Möglichkeit einen thesaurierenden oder ausschüttenden ETF zu wählen. Wenn regelmäßige Auszahlungen benötigt werden, beispielsweise in der Rente, sind ausschüttende Fonds eine gute Anlagemöglichkeit des vorhandenen Kapitals, insbesondere mit Dividendentiteln. „Wenn keine Ausschüttungen gewünscht werden, sondern ein Vermögen aufgebaut werden soll, sind thesaurierende ETFs die beste Wahl“, sagt die Finanzanlageberaterin. Diese Fonds übernehmen die Wiederanlage der Erträge automatisch.

Für den Vermögensaufbau mit kleinen Beträgen bieten weltweit gestreute ETF-Sparpläne eine attraktive Alternative zu niedrigverzinsten Banksparplänen. Wie bei einem gewöhnlichen Sparplan zahlt man monatlich in einen Fonds ein und profitiert beim Sparen von Renditen und Zinseffekten. Bei vielen Sparplänen kann man die Raten jederzeit anpassen, pausieren oder stoppen. „Dabei muss man auf die Kosten der Spar- und Auszahlungspläne achten“, mahnt Gorissen van-Hoek. Diese Kosten könnten stark ins Gewicht fallen. Man sollte sie also bei den in Frage kommenden Direktbanken oder Discount-Brokern vergleichen.

Investitionen sollten langfristig getätigt werden

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Sind die geplanten Investitionen in die passenden ETFs getätigt, sollten Anleger das Portfolio mit ruhiger Hand führen. Denn häufige Transaktionen führen langfristig oft zu Gewinneinbußen. Grundsätzlich sollte man bei jeder Anlage berücksichtigen, dass Vermögensaufbau ein langwieriger Prozess ist und sich investiertes Kapital höchstwahrscheinlich nicht innerhalb kurzer Zeit rasant vermehren wird. Aber auf lange Sicht sind Wertpapiere im Schnitt eine profitable Anlage.

Wie gut sich ein Portfolio entwickelt, hängt aber immer von dessen Bestandteilen ab. Kursentwicklungen lassen sich nicht vorhersagen, ETFs bieten mit ihrer breiten Streuung und den geringen Kosten ihres passiven Managements allerdings eine gute Alternative zur zeitintensiven Beschäftigung mit einzelnen Unternehmensaktien, die ein selbstverwaltetes aktives Portfolio voraussetzt.



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