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Zschabers Börsenblick
Intel zählt zu den Pionieren der Chipbranche - und ist an der Börse heute 230 Milliarden Dollar wert. Quelle: REUTERS

Wo Intel Infineon schlägt – und umgekehrt

In den Halbleitersektor kommt dank der digitalen Transformation wieder ordentlich Bewegung. Profiteure gibt es mehrere. Anleger könnten sich ganz nach ihrem Gusto das passende Papier aussuchen.

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Dass die Börse gewissen Trends unterliegt, ist kein Geheimnis. So sind manche Branchen bei den Marktteilnehmern eine Zeitlang en vogue, wenige Monate später schon wieder völlig out. Ein Segment, an dem sich dieses Phänomen ganz gut zeigt, sind die Chiphersteller.

Halbleiterproduzenten sind so etwas wie die Dinosaurier unter den IT-Unternehmen – und werden mitunter auch entsprechend stiefmütterlich behandelt, bewegen sich förmlich unterhalb des Radars der Anleger. Während Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google für die Schlagzeilen sorgen und als Quasi-Subbranche sogar ihre eigene Abkürzung (FAANG) bekommen haben, wirken Halbleiterfirmen wie Relikte aus einer längst vergangenen IT-Vorzeit, sind grundsätzlich wenig sexy, eher so etwas wie das Mittel zum Zweck.

Dass Chip-Unternehmen zuletzt wieder des Öfteren für Aufmerksamkeit sorgten, liegt an einem Schlagwort, das zurzeit einiges in Aufregung versetzt: die digitale Transformation. Für eine Revolution des Datenverkehrs, die für Industrie-4.0-Anwendungen, für das Internet der Dinge und überall da, wo Maschinen miteinander kommunizieren müssen, notwendig ist, sind Chiplösungen unabdingbar – erst sie sorgen dafür, dass die übertragenen Daten von beziehungsweise auf den Endgeräten auch richtig empfangen werden.

Von der digitalen Transformation profitieren

Dabei muss es auch gar nicht unbedingt der allerneueste Mobilfunkstandard 5G sein. Intel etwa hat gerade erst seine 5G-Modem-Sparte an Apple verkauft. Somit ist den Kaliforniern nun zwar die Entwicklung von Lösungen für das Smartphone untersagt. Da der Konzern aber seine Aktivitäten in den Bereichen Internet der Dinge und autonomes Fahren fortführen kann, hat er dennoch die Chance von der Entwicklung der digitalen Transformation zu profitieren.

Solides Urgestein der Chipbranche

Apropos Intel. Der Konzern aus dem kalifornischen Santa Clara ist überhaupt einer der Pioniere im Chipbereich. Die Gründung des Unternehmens liegt mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, auch sein Börsengang ist knapp 48 Jahre her – wer die Aktie damals, im Oktober 1971, gezeichnet hat, kann sich mittlerweile über eine sagenhafte Performance von rund 100.000 Prozent freuen. Der Börsenwert des Konzerns liegt heute bei 230 Milliarden Dollar. Ebenso bemerkenswert ist aber, dass der aktuelle Stand des Papiers noch nicht einmal der höchste bislang erreichte ist. So hat der Aktienkurs noch nicht wieder das Niveau gesehen, das er bereits zur Zeit des Dotcom-Booms zur Jahrtausendwende gesehen hatte.

Intel ist also für eine Tech-Aktie schon fast so etwas wie Old Economy – bringt aber dafür auch eine entsprechende Solidität mit sich: Die Dividendenrendite ist mit rund zweieinhalb Prozent für einen US-Konzern, gerade für einen aus dem Tech-Sektor, bemerkenswert hoch. Ein für einen Dividendenwert mindestens genauso wichtiges Kriterium, die Kontinuität, ist bei Intel ebenfalls gegeben – die Kalifornier schütten seit dem Jahr 1992 beständig an ihre Aktionäre aus. Und was konservative Anleger zusätzlich neugierig machen dürfte: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Intel liegt auf Basis der Schätzungen für das kommende Jahr gerade einmal bei zwölf.

Als Intel an die Börse ging, war der heutige Infineon-CEO Reinhard Ploss gerade einmal 15 Jahre alt. Doch der deutsche Chipkonzern, seines Zeichens Mitglied im größten deutschen Aktienindex Dax, unterscheidet sich nicht nur durch die Länge der Unternehmenshistorie vom weltweiten Branchenprimus. So weist Infineon seit seinem Börsengang eine Wertentwicklung von minus 50 Prozent auf. Was zugegebenermaßen auch am ungünstigen Zeitpunkt des IPOs liegt: Als der damalige Firmenchef Ulrich Schumacher zum Börsendebüt im Jahr 1999 mit dem Porsche an der Frankfurter Börse vorfuhr – ein Tamtam, wofür er übrigens damals viel Häme von der Presse abbekam –, befand sich die Internetbranche nahezu auf dem Höhepunkt ihres Booms. Wenige Monate später ging es mit dem Markt bergab. Der Infineon-Kurs fiel mit.

Konservativ oder Spekulativ?

Doch das schlechte Timing ist nur einer der Gründe, warum Infineon noch weiter als Intel von seinem bisherigen Allzeithoch entfernt ist. Eine Reihe schlechter Nachrichten und pessimistischer Prognosen hatte das Papier in der zweiten Hälfte 2018 und im jüngsten Frühjahr deutlich korrigieren lassen. Und überhaupt ist die Infineon-Notierung seit jeher anfällig für teils heftige Schwankungen.

Zwischenzeitlich war die Aktie der Bayern nicht viel mehr als ein Wert für Trader – was auch daran lag, dass das Papier im Zuge der durch die Finanzkrise hervorgerufenen Börsenturbulenzen Ende 2008 sogar zum Penny Stock wurde und im Frühjahr 2009 aus dem Dax flog. Nur, um einige Monate später wieder in die erste Börsenliga aufgenommen zu werden – wo Infineon seitdem gelistet wird.

Es ist gerade auch diese Volatilität, die Infineon für risikobereite Anleger interessanter macht als für defensive. Zwar bringt Infineon immerhin eine Marktkapitalisierung von rund 23 Milliarden Euro auf die Waage, doch damit erreicht das Unternehmen gerade einmal ein Zehntel des Börsenwerts von Intel. Auch das 2020er-KGV von 19 dürfte den einen oder anderen konservativen Investor abschrecken. Und die Dividendenrendite von rund 1,5 Prozent ist zwar in Zeiten von Niedrig- oder Negativzinsen durchaus eine Erwähnung wert, reicht aber nicht an Intels Ausschüttung heran.

Kursfantasie durch autonomes Fahren

Und dennoch, auch Infineon kann einen Schub vom allgegenwärtigen Digitalisierungstrend in der Industrie erwarten. Die Münchener sind stark bei Halbleitern im Millimeterwellen-Bereich – und der ist beim neuen 5G-Mobilfunkstandard gefragt, dem wiederum eine maßgebliche Rolle bei der Digitalisierung gerade in der Industrie zugesprochen wird. Die im Sommer angekündigte Übernahme des Wettbewerbers Cypress Semiconductor macht weitere Ambitionen deutlich: Cypress gilt als Spezialist für Chiplösungen für das autonome Fahren, das als wesentlicher Bestandteil einer neuen Mobilität gehandelt wird. In Sachen Kursfantasie muss sich Infineon also nicht vor Intel verstecken. Und Kursfantasie ist etwas, was manch einem Anleger mehr wert ist als die solidesten Fundamentaldaten.

Unter Berücksichtigung von Unternehmensgröße, Volatilität und Dividendenrendite sind die Papiere von Intel und Infineon für unterschiedliche Kategorien von Anlegern geeignet: Wer konservativer anlegt, für den ist Intel die bessere Wahl – wer es spekulativer mag, der kann über ein Engagement in Infineon nachdenken. Ob beide auch etwas gemeinsam haben? Nun, sie zeigen eindrucksvoll, welche Daseinsberechtigung das vielzitierte Stockpicking hat – selbst innerhalb ein und derselben Branche.

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