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Automatisierte Vermögensberatung Was die Geldanlage auf Knopfdruck kann

Ist der Berater ein Auslaufmodell? In Deutschland drängt computergestützte Anlageberatung auf den Markt. Dabei verteilen Algorithmen das Vermögen – emotionslos und zielgerichtet. Doch die Programme bergen auch Gefahren.

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So sparen die Deutschen
57 Prozent der Teilnehmer ihr Geld in ein Sparschwein Quelle: dpa
Girokonto Quelle: dpa
Sparbuch Quelle: dpa
Tagesgeld Quelle: dpa
Bausparvertrag Quelle: Fotolia
Lebensversicherung Quelle: dpa
Altersvorsorge Quelle: dpa

Nutmeg ist so, wie sich Anleger einen Berater wünschen: emotionslos, zielgerichtet und an den Wünschen des Kunden orientiert. Er hilft derzeit Lucy und Tom Watkins. Das Ehepaar, beide Mitte 30, hatte sich kürzlich an einen Finanzexperten ihrer Bank gewandt, um über ihre private Altersversorgung zu sprechen.

Doch der Vermögensberater servierte sie kurzerhand ab. „Weil unser Vermögen nicht groß genug war, sagte der Berater, er wolle weder seine noch unsere Zeit verschwenden“, so Tom Watkins. Jetzt verwaltet Nutmeg die 500 Pfund Sterling, die der Rechtsanwalt und seine Frau regelmäßig monatlich anlegen wollen – umgerechnet immerhin 7700 Euro im Jahr.

Nutmeg ist ein sogenannter Robo-Advisor, ein automatisierter Anlageberater. Hinter ihm steht ein Algorithmus, der Anlegern – ausgehend von deren Risikoneigung – verschiedene standardisierte Portfolios vorschlägt, in die sie ihr Geld investieren können. Das Computerprogramm setzt meist auf Strategien, die sich über Indexfonds und börsengehandelte Investmentfonds (ETFs) umsetzen lassen. Diese Produkte bilden eine Vielzahl von Aktien oder Anleihen ab – Ländermärkte, einzelne Währungsräume oder auch globale Märkte. Die Fondstypen sind dabei besonders günstig: Je nach Anlagesumme berechnet Nutmeg nur zwischen 0,30 und 0,95 Prozent verwalteten Vermögens als Gebühren. Ein traditioneller Vermögensverwalter verlangt meist 1,0 bis 3,0 Prozent.

So sieht die Geldanlage der Deutschen aus

Leibhaftige Menschen als Finanzberater aber sind für viele Sparer in Großbritannien nicht mehr attraktiv. Denn seit gut drei Jahren ist ein weitreichendes Provisionsverbot in Kraft – Anleger müssen Berater seither direkt bezahlen. Viele Investoren mit kleinen Depots sind jedoch nicht bereit, ein Stundenhonorar von durchschnittlich 150 Pfund zu zahlen.

Platzhirsche unter Druck

Sie finden dann keine Ansprechpartner mehr, haben aber großen Beratungsbedarf. Denn seit April 2015 muss jeder Brite, der das 56. Lebensjahr erreicht, nicht mehr bis zur Rente warten, um über seine Ansprüche aus privaten Pensionstöpfen zu verfügen. Die Briten dürfen seither vorzeitig an ihr Geld heran. Viele wollen das dort angesammelte Kapital nun selbst anlegen.

Robo-Anbieter sehen deshalb großes Potenzial in Großbritannien. Die britische Finanzaufsicht FCA hat sich auf die Fahne geschrieben, die Start-ups optimal zu fördern. Und für das Finanzministerium ist klar: „Wir wollen das führende Fintech-Zentrum der Welt werden.“ Die FCA plant unter anderem in diesem Frühjahr die Einführung eines sogenannten „Sandkastens“, der jungen Robo-Beratern die Möglichkeit geben soll, ohne große Regulierung Lösungen auszuprobieren. Bisher mussten neue Anbieter oft so viele Bestimmungen erfüllen, dass ihr Produkt es erst gar nicht an den Markt schaffte.

Auch in Deutschland experimentieren Großbanken mit automatisierter Anlageberatung. Die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken Union Investment zum Beispiel bietet mit Visualvest einen Robo-Advisor. Die Platzhirsche angreifen wollen junge Fintechs wie Vaamo oder Scalable Capital. Scalable hat sich dabei gleich eine Lizenz als Vermögensverwalter für beide Märkte – den deutschen und britischen – gesichert. Ein Standortvorteil per se ist Großbritannien nicht: Die deutsche Finanzaufsicht BaFin habe die Genehmigung schneller ausgestellt als die britische, sagt Scalable-Co-Gründer Erik Podzuweit.

Im April geht es auf der Insel los, drei Monate nach dem Start in Deutschland, der erfolgreich ist: 500 Depots zählt das junge Unternehmen bereits. „Wir versuchen in England und Deutschland die gleichen Kunden anzusprechen“, sagt Podzuweit. „Sie haben schon Erfahrung und wissen, was ein ETF oder ein Indexfonds ist.“

Robo-Berater ohne Lizenz der BaFin

Bis zu 40 Start-ups, die schon 100 Millionen Euro verwalten, tummeln sich laut der Strategieberatung Oliver Wyman in Deutschland bereits im Segment der Robo-Advisor. Bis 2020 könnte das verwaltete Vermögen auf 30 Milliarden Euro steigen, weltweit sogar auf gut 440 Milliarden Euro, schätzt die Beratungsgesellschaft (siehe Grafik unten).

Mit seiner Lizenz als Vermögensverwalter darf Scalable Kundengelder entgegennehmen und diese investieren, ohne vor jedem Investment den Kunden zu fragen. Die Plattform muss sich also von der ersten Investition an um die Anlagen kümmern. Ansonsten dürfen das in Deutschland nur die rund 600 Vermögensverwalter und natürlich Banken mit voller Lizenz. „Die Kunden suchen einen Partner, der ihnen die Geldanlage abnimmt“, sagt Podzuweit. „Aber sie wollen jederzeit verfolgen können, was mit ihrem Geld passiert.“

Rasantes Wachstum erwartet: Wie viel Vermögen digital verwaltet sein wird. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Konkurrenzanbieter wie Ginmon verfolgen eine andere Strategie, sie nehmen das Geld nicht selbst entgegen. „Wir ersetzen für Kunden den Beratungsaufwand bei der Geldanlage, ohne ihm die Kontrolle über sein Geld zu nehmen“, sagt Ginmon-Gründer Lars Reiner. Entgegen einem vermögensverwaltenden Robo-Advisor stellen Vermittler und Berater wie Ginmon lediglich ihre Algorithmen bereit, um Kunden Vorschläge zu geben, die auf vorher definierten Regeln basieren.

Die Kunden erhalten keine personalisierte Beratung und müssen die Kaufentscheidung am Ende selbst treffen. Solche Robo-Berater verzichten bewusst auf eine eigene Lizenz der BaFin. Das Kundenkonto führen nicht sie, sondern eine Partnerbank (siehe Tabelle).

Depots auf Autopilot
Wo deutsche Anleger digitale Hilfe für ihre Investments erhalten
AnbieterMinimal-Anlage*InvestmentvehikelGrundgebühr
pro Jahr(%)
Risikoklassen
(Anzahl)
Konto
bei
Vaamo10 EuroIndexfonds (bilden einen Referenzindex nach; Preisfeststellung nur einmal am Tag)0,99 **3FFB Bank
Cash-board 100 Euro

 

ETF (Fondsanteile mit kontinuierlichem Börsenhandel), Fonds, Aktien, Crowdfunding, Mittelstandskredite, Tagesgeld

keine ***3Ebase
Fintego2500 EuroETF1,25*** *5Ebase
Ginmon5000 EuroETF, Indexfonds 0,39*** **10DAB Bank
Whitebox5000 EuroETF, Indexfonds, ETC (Anleihen, deren Wert an bestimmte Rohstoffklassen geknüpft ist)0,95**10BIW Bank
Quirion10.000 EuroETF, Fonds0,4811Quirin Bank
Scalable10.000 Euro ETF0,7523Baader Bank
Liqid100.000 EuroETF, Indexfonds, ETC, Fonds *** ***, Hedgefonds *** ***0,15 bis 0,90 *** *** *10Deutsche Bank
* ohne Sparpläne
** bis 30 000 Euro Anlagesumme, darüber günstiger
*** ab zwei Prozent Rendite Gewinnbeteiligung von 10 Prozent für den Anbieter bei Erreichen eines Allzeithochs (High Watermark)
*** * bis 50 000 Euro, darüber günstiger
*** ** plus 10 Prozent Erfolgsbeteiligung (High Watermark)
*** *** aktive Fonds und Hedgefonds ab 250 000 Euro Anlagesumme
*** *** * je nach  Portfolio und Anlagesumme
Quelle: Unternehmen ; Produktgebühren können jeweils zusätzlich anfallen

In beiden Fällen – bei dem auch vermögensverwaltenden und dem nur beratenden Robo-Advisor – benötigen Anleger Vertrauen in die Technik, in die Algorithmen also. Diese „bergen die Gefahr, Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind“, meint Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager des Münchner Vermögensverwalters Phaidros Funds.

Auch nach „20 Jahren Suche“ hat Billy Burrows von der britischen Pensionsberatung William Burrows Annuities keinen passenden Algorithmus gefunden, der menschliche Intervention überflüssig mache. „Ich glaube auch nicht, dass das möglich ist“, so Burrows. In den USA gibt es deshalb sogar Robo-Berater plus Callcenter. Dort sitzen Menschen, die bei taumelnden Kursen die Nerven ihrer Anleger beruhigen sollen.

Automatisierte Anlageberatung steckt noch in den Kinderschuhen

Noch stecken viele der Robo-Angebote in den Kinderschuhen. „In ein paar Jahren werden wir technisch 90 Prozent davon abdecken, was ein guter menschlicher Berater heute kann. Im Moment liegt unser Algorithmus vielleicht gerade erst bei 15 Prozent“, so Ginmon-Chef Reiner. Eine umfassende Beratung, die auch steuerliche Aspekte oder Nachlassfragen einschließt, gibt es bisher beispielsweise aber noch überhaupt nicht.

„Wer die digitalen Berater in Anspruch nimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit einem Patienten ähnelt, der sich in der Apotheke Rat holt, statt seinen Hausarzt aufzusuchen“, sagt Ian McKenna, Direktor des Finance & Technology Research Centre in London. In Deutschland will das ein Anbieter ändern und geht jetzt Vermögende an.

Liqid hat nicht nur kampferprobte Risikokapitalgeber wie Springer oder die Otto-Gruppe, sondern die Branchengrößen der alten Bankenwelt hinter sich. Liqid arbeitet mit dem Investment-Know-how der Vermögensverwaltung der Familie Harald Quandt.

Liqid will ab Juni ins Geschäft mit der Geldanlage für Betuchtere einsteigen: Ab 100.000 Euro sind Kunden bei den Berlinern dabei, die dafür deren Risikoneigung mittels eines mit den Universitäten Zürich und St. Gallen entwickelten Frage-Algorithmus ermitteln. Wie die anderen Anbieter auch, bieten sie Depots auf Basis börsengehandelter Fonds an, die sich automatisch an das vorgegebene Risikoprofil des Kunden anpassen: Sind etwa Aktien zu stark gestiegen, wird ihr Anteil reduziert.

Interessant wird das Liqid-Modell ab 250.000 Euro; dann mischen die Berliner bis zu 30 Bauteile aus sechs Anlageklassen: Aktien, Anleihen, Industrierohstoffe, Gold, Hedgefonds, Geldmarkt. Das kostet: 0,9 Prozent des Depotwertes pro anno als Verwaltungspauschale plus rund 0,8 Prozent an Produktgebühren; wer Liqid 500.000 Euro anvertraut, zahlt im Jahr etwa 8500 Euro Gebühren – etwas weniger als bei einer klassischen Privatbank, aber kein Billigangebot mehr.

Dennoch würden „in den nächsten Jahren weltweit 80 bis 100 neue Player wie Liqid und Scalable an den Start gehen“, sagt Michael Mellinghoff, Director von Techfluence in London, einem Brutkasten für Fintechs. Die Banken verdienen wegen der Nullzinsen kaum noch Geld außerhalb der Vermögensverwaltung. „Robo-Advisor versprechen Wachstum, vor allem mit solventeren Kunden“, so Mellinghoff.

Nutmeg-Gründer Nick Hungerford ist die Solvenz erst einmal egal, er zielt sogar auf nicht geschäftsfähige Kunden ab: „In zehn Jahren kann man sich vorstellen, dass wir etwa durch Twitter erfahren, dass jemand im Freundeskreis des Kunden schwanger ist. Dem künftigen Taufpaten schlagen wir dann ein Fondsprodukt für das Baby vor.“ Statt wie früher zwei Banksparbücher haben Neugeborene dann zwei Fonds, die der Algorithmus im besten Falle bis ans Lebensende steuert.

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