WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Bain-Studie Deutsche Banken vor Job-Kahlschlag

Viele Geldhäuser haben schon massive Stellenstreichungen angekündigt. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Bain könnte das erst der Anfang sein.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Über der Frankfurter Bankenwelt ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Quelle: dpa Picture-Alliance

Wer dachte, dass Banken nach der Finanzkrise und Niedrigzinsphase aus dem Gröbsten heraus seien, hat sich getäuscht. Im Gegenteil: Das Schlimmste kommt erst noch. Nach den desaströsen Zahlen, die das Beratungsunternehmen Bain & Company zu Tage gefördert hat, ist der jüngst bekannt gegebene großdimensionierte Jobabbau etwa bei der Deutschen Bank oder der HypoVereinsbank nur der Auftakt zu einem noch größeren Stellenstreichkonzert, bei dem die gesamte Bankenbranche mitspielen wird.

Vor wenigen Tagen hat Michael Kemmer, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, die Kreditinstitute sowie deren Mitarbeiter und Kunden auf eine „freudlose Kostenquetscharie“ eingestellt. Die Bain-Berater liefern jetzt die konkrete Partitur für diese Arie nach. Und die hat es in sich.

Hier machen Banken Filialen dicht
Zehn Jahre lang hat die Sparkasse Wetzlar ihr Filialnetz nicht angefasst. Jetzt kommt der große Umbau: 15 von 49 Filialen will das Geldhaus aus dem hessischen Fachwerkstädtchen schließen, also gut 30 Prozent. 26 statt bisher 42 Geschäftsstellen sollen bis Ende 2016 noch mit Personal besetzt sein. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir auf geänderte Kundenanforderungen und betriebswirtschaftliche Belastungen reagieren müssen“, sagt Sparkassenchef Norbert Spory (im Bild). Quelle: Handelsblatt Online
Die Kunden gehen immer weniger in die Bankfiliale. Filialschließungen stoßen trotzdem oft auf Unmut. Zum Beispiel im Wetzlarer Ortsteil Garbenheim. Die Bürger sammelten Unterschriften gegen die Filialschließung, der Sparkassenchef musste seine Pläne im Ortsbeirat verteidigen. Immerhin: Bargeld abheben können die Garbenheimer Sparkassenkunden womöglich künftig bei einem Lebensmittelladen. Eine Reportage über das Filialsterben lesen Sie hier. Quelle: Handelsblatt Online
Zusammen kommen die 416 deutschen Sparkassen noch auf mehr als 12.000 mit Mitarbeitern besetzte Filialen. Vor zehn Jahren waren es noch rund 19.000. Es wurden also schon etliche Filialen geschlossen, im vergangenen Jahr allerdings schrumpfte die Zahl nur leicht. Das wird sich nach Einschätzung von Experten nun ändern. Sie gehen davon aus, dass etliche Sparkassen in den nächsten Jahren 20 bis 30 Prozent der Filialen streichen. Quelle: Handelsblatt Online
Die Sparkasse Duisburg feiert einmal im Jahr eine Gala (im Bild: Kabarettist Wolfgang Trepper). Doch für Schlagzeilen sorgte zuletzt, dass die Sparkasse Duisburg zwar mehr Geldautomaten aufstellen möchte – bis 2022 aber die Hälfte der mit Mitarbeitern besetzen Geschäftsstellen schließen, wie sie Ende Mai ankündigte. Das Institut verweist darauf, dass die heutige Filialdichte „in weiten Teilen aber dem Netz der 80iger Jahre“ entspreche. Damals allerdings hatte Duisburg noch mehr Einwohner als heute. Quelle: IMAGO
Im sächsischen Landtagswahlkampf spazierte Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 durch Annaberg-Buchholz – im Hintergrund eine Sparkassen-Filiale. Auch die Erzgebirgssparkasse dampft ihr Filialnetz ein. Nach der Fusion mehrerer Institute wurden binnen kurzer Zeit 38 von 95 Filialen geschlossen. Auch hier regte sich Protest. Immerhin: An Bargeld kommen die Kunden nun auch in 30 sogenannter Agenturen – oft Geschäfte, die im Auftrag der Sparkasse diese Dienstleistung übernommen haben. Darunter ist beispielsweise ein Fahrradladen. Quelle: dpa
Auch die Sparkasse Osnabrück will ihr Filialnetz ausdünnen. 17 von 58 Filialen sollen geschlossen werden. Investieren will das Geldhaus – wie andere Sparkassen auch – unter anderem in das Onlinebanking und in die Kundenbetreuung per Telefon und Chat. Trotzdem ist Sparkassenchef Johannes Hartig die Präsenz vor Ort wichtig. „Das Filialnetz ist und bleibt der genetische Code unserer Sparkasse!“, sagt er. Quelle: IMAGO
Zu den Sparkassen, die jetzt Filialen in größerem Stil streichen, gehört auch die Sparkasse Koblenz. Sie macht zehn von 48 Zweigstellen zu. „Wir müssen die Sparkasse jetzt so aufstellen, dass sie den geänderten Anforderungen unserer Kunden gerecht wird und für die künftigen Herausforderungen gewappnet ist. Wir dürfen nicht warten, bis es für eine positive Beeinflussung vielleicht zu spät ist“, sagt Sparkassenchef Matthias Nester. Trotzdem sind auch für ihn die Geschäftsstellen der „genetische Code unserer Sparkasse“. Quelle: IMAGO

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Weil die Banken so schlecht verdienen, müssen sie laut Bain in den kommenden zehn Jahren in Deutschland 125.000 Stellen abbauen. Weitere 115.000 Arbeitsplätze, so schätzt das Beratungsunternehmen, werden in Servicegesellschaften ausgelagert. Diese Jobs existieren dann zwar noch, aber nicht mehr in den Banken selbst – und bieten deutlich schlechtere Konditionen für die Arbeitnehmer.

    Die wenigsten Banken verdienen ihre Kapitalkosten

    Warum sind Umstrukturierungen in dieser Größenordnung nötig? Laut Bain-Diagnose verdienen nicht einmal sechs Prozent der deutschen Banken ihre Kapitalkosten. Zwar erzielen sie im Schnitt eine positive Eigenkapitalrendite von 2,1 Prozent, machen damit aber insgesamt 25 Milliarden Euro weniger Gewinn, als zur Deckung der Kapitalkosten von 7,7 Prozent nötig wären.

    Verbrennen Banken also Geld? Nein, denn mit dem Konzept der Kapitalkosten betrachtet die Bain-Studie die Banken durch die Brille eines ungebundenen Investors, der sein Geld auch in allen anderen Bereichen der Wirtschaft anlegen könnte und daher die durchschnittliche Rendite am Kapitalmarkt in sein Kalkül einbezieht. Setzt man diesen allgemeinen Maßstab an, schneiden Banken als Investments schlechter ab als der Rest des Kapitalmarkts. Und das, obwohl sie Gewinn erzielen.

    Die zehn wichtigsten jungen Finanzdienste aus dem Internet

    Zur Relativierung muss man an dieser Stelle sagen, dass die Eigentümer vieler Banken keine Kapitalmarktinvestoren sind und daher andere Maßstäbe anlegen. Kommunale Sparkassen, kundeneigene Volksbanken und natürlich Landesbanken oder staatliche Förderbanken haben einen anderen Auftrag, als ihren Anteilseignern den maximalen Gewinn zu liefern. Sie sollen Verbraucher und Unternehmen in der Fläche mit Konten und Krediten versorgen und damit einen gesellschaftlich und volkswirtschaftlich erwünschten Beitrag leisten.

    Sparkassen hinken hinterher

    Bain hat sich die Eigenkapitalrendite unterschiedlicher Bankengruppen angeschaut. Das Ergebnis erstaunt: Sieger sind die beiden Zentralinstitute der Volks- und Raiffeisenbanken, DZ Bank und WGZ Bank. Sie erzielten 2014 nach Steuern eine Eigenkapitalrendite von 14 Prozent. Es folgen die ohne kostspielige Filialen arbeitenden Direktbanken mit 9,8 Prozent sowie die konzerneigenen Banken der großen Autohersteller mit 8,1 Prozent. Großbanken liegen nur knapp über dem Durchschnitt und die 416 deutschen Sparkassen mit mageren 1,9 Prozent weit hinten.

    Die Bain-Berater wären keine guten Geschäftsleute, wenn sie den Banken keinen Ausweg aus der Misere empfehlen würden. Deutschlandchef Walter Sinn fordert die Branche zu radikalen Einsparungen in den kommenden zehn Jahren auf. „Kostensenkungen von 30 Prozent sind möglich“, sagt Sinn, schließlich sitzen die Banken auf einem Kostenblock in Höhe von 84 Milliarden Euro.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen
      Fujitsu streicht 400 Jobs
      Fujitsu Der japanische Elektronikkonzern Fujitsu will einem Zeitungsbericht zufolge in Deutschland 400 bis 500 Arbeitsplätze abbauen. Eine endgültige Entscheidung solle nach Verhandlungen mit den Beschäftigten fallen, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei". Insgesamt beschäftigt der Konzern hierzulande 12.000 Menschen. Die Stellenstreichungen beträfen hauptsächlich Entwicklung und Informationstechnik. Bereits am Dienstag hatte der Konzern bekanntgegeben, in Großbritannien 1800 Jobs zu streichen. Das entspricht 18 Prozent der Belegschaft dort. Insidern zufolge könnte sich Fujitsu künftig auf IT-Dienstleistungen konzentrieren. Mit dem weltgrößten Computer-Hersteller Lenovo verhandelt das Unternehmen offenbar über einen Verkauf des PC-Geschäfts von Fujitsu. Quelle: REUTERS
      Lufthansa Technik Quelle: dpa
      DAK Gesundheit Quelle: dpa
      EnBWDer Energieversorger baut weiter Stellen ab: Die Energie Baden-Württemberg werde sich aus dem Strom- und Gasvertrieb an Großkunden der Industrie zurückziehen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Davon seien 400 Beschäftigte betroffen, denen ein Aufhebungsvertrag oder ein alternativer Arbeitsplatz im Konzern angeboten werde. Auch im Privatkundengeschäft, der Energieerzeugung und der Verwaltung steht demnach Stellenabbau bevor, der noch nicht beziffert wurde. In den vergangenen zwei Jahren waren bereits rund 1650 Stellen weggefallen. Quelle: dpa
      Intel Quelle: REUTERS
      Nokia Quelle: dpa
      Der IT-Konzern IBM plant in Deutschland offenbar einen massiven Stellenabbau Quelle: dpa

      „Die hiesigen Kreditinstitute müssen deutlich fokussierter, schlanker und profitabler werden“, ergänzt Wilhelm Schmundt, Partner und Bankenspezialist bei Bain. Mittel der Wahl sind die schon skizzierten Stellenstreichungen, Auslagerungen und Umstrukturierungen, die den Verwaltungsaufwand um 17 Milliarden Euro verringern könnten. Weitere acht Milliarden könnten die Banken durch Einsparung von Sachkosten herausquetschen.

      Gestrichen werden die Jobs, indem Niederlassungen im Ausland schließen, bisherige Geschäftsbereiche und Filialen wegfallen oder Aufgaben durch digitale Innovationen automatisiert werden. Zudem können Fusionen zwischen Banken Posten in Zentralbereichen überflüssig machen.

      Geldanlage



      Wenn die Rosskur vorbei ist, soll sich die Eigenkapitalrendite von derzeit 2,1 Prozent auf 4,9 Prozent mehr als verdoppeln. Das wäre ein großer Schritt, würde aber laut Bain wohl immer noch nicht reichen, um die kalkulatorischen Kapitalkosten einzuspielen.

      Das ist bedenklich. Denn selbst wenn man staatliche und kundeneigene Banken von dieser kapitalmarktorientierten Betrachtungsweise ausnimmt, gibt es immer noch einen großen Teil des Bankensektors, der Investoren langfristig davon überzeugen muss, ihr Geld in Bankaktien anzulegen. Die beiden Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank haben da nicht die besten Argumente in der Hand. Letztere hat viele Jahre keine Dividende gezahlt und erstere will und wird voraussichtlich für mehrere Jahre keinen Gewinn mehr ausschütten.

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%