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Bankenpanik Pleitegeier über China

Zwar droht China trotz vereinzelter Pleitegerüchte keine Bankenpanik, dennoch vertrauen die Sparer lieber auf Gold. Warum es in Chinas Finanzsystem in den nächsten Monaten turbulent zugehen wird.

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Kunde bei der Jiangsu Sheyang Rural Commercial Bank Quelle: dpa

Wie sicher ist mein Geld? Das fragten sich vergangene Woche viele chinesische Sparer in Yancheng. In der Stadt in der Provinz Jiangsu nördlich von Shanghai kam es am Montag vergangener Woche zu einer Bankpanik. Hunderte von Sparern marschierten vor dem Bankgebäude auf und verlangten nach Geld.

Der Bankdirektor der Jiangsu Sheyang Rural Commercial Bank stapelte daraufhin 100-Yuan-Noten hinter den Fensterscheiben, ließ die Schalter rund um die Uhr geöffnet und versicherte, die Regierung stehe hinter der Bank. Nach drei Tagen schließlich beruhigte sich die Menge. Erst im Januar war es in derselben Stadt zu einem ähnlichen Vorfall gekommen: Eine Volksbank für Bauern war das Geld ausgegangen und schloss vorübergehend die Türen.

Auslöser der Panik dieses Mal waren Gerüchte, wonach die Bank einem Kunden die Auszahlung von 200.000 Yuan, rund 25.000 Euro, verweigert hätte. Viele der Kunden sind Geringverdiener und Bauern. An anderer Stelle hieß es gar, die Bank sei zahlungsunfähig. Die Meldungen erwiesen sich später als falsch. Der Urheber der Gerüchte wurde noch in derselben Woche verhaftet. Die chinesische Bankenvereinigung verkündete daraufhin, dass es für die Sheyang Bank kein Bankrott-Risiko gebe.

Daran gibt es zunächst wenig zu zweifeln: Chinas Regierung hat genug Geld und Willen, um Banken, die in eine Schieflage geraten sind, mit Kapital zu versorgen. Für die vier großen Staatsbanken, Industrial and Commercial Bank of China, Bank of China, China Construction Bank und die Agricultural Bank of China, hat die Regierung eine implizite Garantie ausgegeben. Die Institute werden wenn nötig vom Staat gerettet.

Die Mini-Panik in Yancheng ist also nicht der Auftakt zu einer landesweiten Sparerpanik. Aber sie offenbart wieder einmal die Unausgereiftheit des chinesischen Finanzsystems.

Für chinesische Sparer ist die Lage alles andere als erfreulich. Die staatlich festgelegten Zinsen gleichen kaum die Inflation aus. Der Aktienmarkt in China hat nach etlichen Skandalen einen sehr schlechten Ruf. So suchen Chinesen, die im Schnitt rund 30 Prozent ihres Einkommens zurücklegen, ständig nach alternativen Anlageformen. Ein Grund für die hohe Sparquote sind fehlende soziale Sicherungssysteme. Chinesen legen einerseits Geld zurück, um ihre Eltern zu versorgen, andererseits, um ihren Kindern Ausbildung und Wohneigentum zu finanzieren.

Lange Zeit floss das Geld der chinesischen Sparer in den Immobilienmarkt und heizte dort die Preise immer weiter an. Seitdem die Regierung den Kauf von Häusern und Wohnungen für Privatpersonen erschwert hat, wird Gold immer attraktiver. Im vergangenen Herbst hat die Regierung angekündigt, den Golderwerb für Banken und Einzelpersonen zu vereinfachen - bisher dürfen nicht mehr als 200 Gramm aus dem Ausland eingeführt werden. Zahlen veröffentlicht die Regierung nicht, aber laut der World Gold Association ist China seit letztem Jahr der größte Gold-Importeur der Welt. 1100 Tonnen importierte das Land 2013 - ein Drittel mehr als im Jahr zuvor.

Investitionen in Trust nehmen zu

Die verschreckten Drachenbanken
In China wächst die Furcht vor einer Krise im Bankensektor. Nachdem mehrfach im Finanzsystem die Liquidität knapp geworden ist, leihen sich die Institute nur noch ungern gegenseitig Geld. Die Interbankenrate, der Zinssatz für Geldgeschäfte zwischen Banken, ist von unter vier Prozent auf über fünf Prozent hochgeschossen. Quelle: rtr
Immer wieder geraten einzelne Institute in Verruf, dass sie von anderen Banken kein Geld mehr geliehen bekommen. So musste ein mittelgroßes Institut, die Everbright-Bank, sich gegen das Gerücht wehren, ihr gehe das Geld aus. Die Kurse der chinesischen Banktitel purzelten in den Keller. Obendrein hat Chinas Zentralbank in ihrer ersten Stellungnahme seit Ausbruch der Wirren die Hoffnung auf Hilfe zerschlagen. Quelle: rtr
Industrial and Commercial Bank of China (ICBC)Unter Chinas Großbanken stand die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) 2012 mit einer Bilanzsumme von umgerechnet 2,1 Billionen Euro an erster Stelle der Geldinstitute. Quelle: rtr
Kunden verlassen eine Filiale der ICBC Quelle: REUTERS
China Construction Bank (CCB)Die China Construction Bank (CCB) kam auf eine Bilanzsumme von 1,7 Billionen Euro und ist damit das zweitgrößte Institut Chinas. Quelle: rtr
Laut Finanzexperten stiegen die Zinsen auf das Niveau, das an den eingefrorenen Interbankenmarkt vor der Lehman-Pleite 2008 erinnert. Die chinesische Zentralbank will nicht einspringen. Sie ist offenbar entschlossen, die Banken zu zwingen, ihre Schuldenlast selbst zu reduzieren. Quelle: rtr
Zum Vergleich: Die Deutsche Bank wies für 2012 eine Bilanzsumme von rund zwei Billionen Euro aus. Quelle: rtr

Eine andere, in den letzten Jahren immer beliebter gewordene Möglichkeit, ist das Geld in sogenannte Trusts zu investieren. Die locken Sparer oft mit überaus attraktiven Konditionen: Viele der sogenannten Wealth Management Products (WMPs) bieten zehn Prozent Zinsen und mehr.

Das bei den Sparern eingesammelte Geld geben sie an Unternehmen weiter, die dringend Geld benötigen, es aber bei den staatlich kontrollierten Banken nicht bekommen. Etwa 500 solcher Produkte werden derzeit in der Woche aufgelegt. Viele haben eine Laufzeit von wenigen Monaten. Wie groß der Sektor mittlerweile ist, weiß niemand genau. Schätzungen liegen bei bis zu 30 Billionen Yuan - umgerechnet fast vier Billionen Euro. Die Fondsanbieter wie die Anleger kümmerten sich bisher wenig um das hohe Risiko - im Notfall wird der Staat schon einspringen, lautet das Credo. Doch eine implizite Sicherheit wie für die Großbanken gibt es nicht.

Anfang dieses Jahres gingen zwei große Unternehmen bereits Pleite. Zuerst erwischte es das Kohlebergbau-Unternehmen "Shanxi Zhenfu Energy Group". Das Unternehmen konnte einen Kredit in Höhe von drei Milliarden Yuan, ca. 350 Millionen Euro nicht zurückzahlen. Im letzten Moment aber sprang ein unbekannter Dritter ein, und zahlte die Anleger aus. Kurz darauf erwischte es die Chaori Solar Energy Science & Technology Co. Dieses Mal sprang niemand mehr ein. Es ist davon auszugehen, dass weitere folgen werden.

Wie sich die Pleiten dieser Trusts auf Chinas Bankensystem auswirken werden, ist noch unklar. Die Bankenlandschaft ist stark fragmentiert: Im Markt tummeln sich zahlreiche Kleinbanken, von denen die Shenyang Bank in Jiangsu mit einem Volumen von 12 Milliarden Yuan eine ist.

Eine wirklich systemrelevante Rolle spielen aber nur die vier großen Staatsbanken. Die chinesischen Sparer vertrauen bei diesen auf die bereits erwähnte Garantie der Regierung. Wann immer nötig kann Peking angeschlagene Banken retten und so eine Systemkrise verhindern.

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Die meisten Analysten beschwichtigen deswegen: "Die Pleite eines Trusts dürfte begrenzte Auswirkungen auf Chinas Finanzsystem haben", sagt Tao Wang von der UBS Bank in Hongkong. Allerdings dürfte der Bankrott solcher Finanzprodukte zu einer Vertrauenskrise führen. Die Liquidität in diesem Sektor dürfte in der Folge abnehmen. Das wiederum bedeutet, dass viele Unternehmen Probleme bekommen, sich zu finanzieren.

Was helfen könnte, wäre eine Freigabe der Zinsen. Dann müssten die staatlichen Banken sich stärker um ihre Kunden bemühen, was zu einem Anstieg der Sparzinsen führen würde und den Schattenbankensektor unattraktiver machte. Damit aber gäbe die Regierung ein wichtiges Steuerungsmittel aus der Hand, zudem dürften die kurzfristigen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum hart sein.

Wichtiger als eine implizite Garantie für angeschlagene Banken wäre deshalb der Aufbau eines Einlagensicherungssystems. Vergangene Woche hat die chinesische Zentralbank öffentlich erklärt, ein solches System befinde sich im Aufbau. Solche Absichtserklärungen aber gibt es seit über zehn Jahren. Geschehen ist bisher nichts.

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