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Bankenskandal Spaniens Sparer haben schon verloren

Ein Anleihen-Skandal in Spanien zeigt: Von der Rettung der Banken mit Steuergeldern profitieren die Kunden nicht. Die Sparer haben zum Teil schon viel Geld verloren.

Quelle: dapd

Antonio Pérez* ist Taxifahrer. Die Zahl seiner täglichen Fahrten in der galizischen Hafenstadt La Coruña hat sich in den vergangenen Monaten halbiert. Aber das ist nicht sein wirkliches Problem. Der 58-Jährige hatte schon lange geahnt, dass die Boom-Jahre der spanischen Wirtschaft irgendwann vorbei sein würden. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte: „Dass ich die für diese Zeit angesparten 40.000 Euro jemals verlieren könnte.“

Pérez hat sein Geld in Anleihen der Novagalicia Banco gesteckt. Eigentlich eine sichere Sache. Doch nun, da eine Bank nach der anderen über die Klinge springt, erweist sich die Investition als hochriskant. Denn sein Geld hat Pérez in Bank-Hybrid-Papieren geparkt. In den vergangenen Jahren wurden die komplexen Finanzprodukte von spanischen Banken im großen Stil beworben und in die Anlegerdepots gedrückt, obwohl sich die Probleme im Bankensektor da schon längst abgezeichneten.

Spaniens Baustellen
Spanien hat wie die anderen südeuropäischen Euro-Länder von den niedrigen Zinsen in der Währungsunion profitiert und einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Ähnlich wie in Irland bildete sich eine Immobilienblase, die mit einem lauten Knall platzte: Der Bausektor fiel in sich zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg rasant. Quelle: REUTERS
Seit 2008 stieg die Arbeitslosenquote von knapp über zehn auf fast 25 Prozent. Bei den Jugendlichen ist fast jeder Zweite arbeitslos. Hatten bislang vor allem ungelernte Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft und im Servicebereich ihren Job verloren, trifft es jetzt auch qualifizierte Kräfte. Nach einem schwachen Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2011 befindet sich Spaniens Wirtschaft jetzt wieder in der Rezession. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 Prozent schrumpfen. Quelle: dpa
Das Hauptproblem: Fortbildungsprogramme und Arbeitsvermittlung wurden bislang vernachlässigt, Teilzeitverträge existierten bislang fast gar nicht. Auf Seiten der Arbeitnehmer haben sich zu viele Angestellte in komfortablen Bedingungen eingenistet. Flexibilität und Mobilität bei Stellensuchenden sind so gut wie gar nicht ausgeprägt. Quelle: REUTERS
Ausgerechnet die Hochqualifizierten bewegen sich nun – mit fatalen Folgen für Spanien. Weil Jobs und Perspektiven für Akademiker fehlen, schauen sich junge Iberer zunehmend im Ausland nach Jobs um. In Deutschland könnte sie fündig werden. Die Bundesregierung warb im vergangenen Herbst um spanische Ingenieure. Mit Erfolg. Bis zum Jahresende 2011 bewarben sich mehr als 14.000 junge Iberer um einen Job zwischen Hamburg und München. Spanien droht nun der „brain drain“. Quelle: dpa
Ein weiteres Problem: Spaniens Regierungschef legt ein hohes Reformtempo vor – doch die Kommunal- und Regionalregierungen zeigen keinerlei Sparbereitschaft. Während die Zentraladministration seit 2001 ihr Personal um 22 Prozent reduziert habe, sei die Belegschaft der autonomen Gemeinschaften um 44 Prozent und die der Gemeinden um 39 Prozent gestiegen, rechnete Antonio Beteta vor, der Staatssekretär für öffentliche Verwaltungen. Quelle: REUTERS
Höhere Sozialausgaben und sinkende Steuereinnahmen aufgrund der Rezession und der Abwanderung von Hochqualifizierende führen zwangsläufig zu einem Anstieg der Verschuldung. Die Gesamtverschuldung liegt derzeit mit knapp 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar unter dem Schnitt der Eurozone, aber diese Zahl dürfte bis 2014 rasant wachsen. Die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass die Verschuldung bis Jahresende bei rund 80 Prozent des BIPs liegen wird. Quelle: dpa
Auch die Finanzmärkte sind skeptisch. Zwar haben die großzügigen Geldausleihen der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der sich vor allem südeuropäische Banken mit Liquidität versorgt haben, auch die Renditen spanischer Staatsanleihen auf ein erträgliches Niveau gedrückt. Doch die Anleger verlangten von Spanien zuletzt wieder höhere Renditen als für Italien – ein deutliches Zeichen des Misstrauens. Quelle: REUTERS

Das Wasser bis zum Hals

Banken und Sparkassen verkauften die Mischprodukte ihren Kunden dennoch als eine sichere Festgeldanlage, bei der das investierte Kapital nach Ablauf einer Frist wieder ausbezahlt werden würde. Die erst 2010 gegründete Bankia drehte insgesamt 92.000 Anlegern die Papiere an; im Durchschnitt investierten diese 30.000 Euro. Landesweit überredeten die Berater von mehr als 50 Banken rund 700.000 Kunden, ihr Sparkonto in ein sogenanntes „Vorzugskonto“ mit Hybrid-Anleihen umzuwandeln – vielen Geldinstituten stand da schon das Wasser bis zum Hals.

Um die Liquiditätsprobleme zu lösen, lockten die Banken und Sparkassen Interessenten mit großzügigen Konditionen: Statt nur zwei Prozent auf Spareinlagen sollte Pérez von seiner Hausbank sechs Prozent Zinsen für die Hybrids bekommen. Was sein Berater jedoch verschwieg: Die Dividendenzahlungen wurden nicht garantiert, und die Laufzeit der Anleihen war oft nicht fixiert, teilweise überleben sie ihre Besitzer.

*Name von der Redaktion geändert

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