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Bargeld-Studie Warum ein Bargeld-Verbot kaum Verbrechen verhindert

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Licht und Schatten in Schweden

Wo es Verbrechern konkret um die Erbeutung von Bargeld geht, hat eine weitgehende Bargeldabschaffung natürlich auch unbestreitbare Vorteile, wie etwa in Schweden zu beobachten ist: Weniger Überfälle auf Banken und Geldtransporter und somit auch weniger physische Gewalt im Zusammenhang mit Diebstählen gehören somit zu den positiven Folgen einer weitgehend bargeldlosen Gesellschaft.

Allerdings hat in Schweden im Gegenzug die Zahl der Kartenbetrugsdelikte deutlich zugenommen. „Nach allem, was wir der Analyse zahlreicher Studien entnehmen können, würde die Kriminalität schon zurückgehen. Aber die Abhängigkeit der Kriminellen vom Bargeld ist sicherlich geringer als oft kolportiert“, sagt Studienautorin Mai. Bei einer Einschränkung der Bargeldnutzung stünden Kriminellen alternative Zahlungsmöglichkeiten zur Verfügung, wie zum Beispiel Edelmetalle oder virtuelle Währungen.

Allerdings wäre dann auch mit stärkeren Ausweichreaktionen zu rechnen. Ein Beispiel dafür liefert Schweden, wo Barzahlung im Alltag inzwischen eher exotisch anmutet. „Es gibt in Schweden durch die weitgehende Abschaffung des Bargeldverkehrs einerseits deutlich weniger Überfälle, dafür aber auch deutlich mehr Kartenbetrug. Beim Missbrauch von Karten sind die Schadenvolumina allerdings üblicherweise deutlich höher als etwa bei gefälschten Banknoten“, so Mai. „Es ist eine klare Verlagerung zu virtueller Kriminalität zu beobachten.“ So steht etwa die virtuelle Währung Bitcoin seit langem in Verdacht, bevorzugt bei illegalen Machenschaften zum Einsatz zu kommen, obwohl sie nur elektronisch beziehungsweise virtuell funktioniert.

Bargeldabschaffung kein Allheilmittel der Verbrechensbekämpfung

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer Bargeldabschaffung die Schattenwirtschaft nur um zwei bis drei Prozent zurück gehen und die internationale Kriminalität um zehn bis 20 Prozent zurückgedrängt würde. Beim international organisierten Verbrechen wäre der Effekt einer Bargeldabschaffung voraussichtlich höher, da geschätzt die Hälfte der illegalen Einnahmen durch Drogenhandel erzielt wird, der üblicherweise mit Barzahlungen vonstattengeht. Andererseits kommen knapp 40 Prozent der Einnahmen des organisierten Verbrechens aus der Produktpiraterie, die kein Bargeld erfordert. Und zum Vergleich: Durch Finanz- und Steuerbetrug verdienen Kriminelle weltweit etwa doppelt so viel wie das international organisierte Verbrechen insgesamt. Bekannte Fälle aus der Steueroase Panama legen zudem die Vermutung nahe, dass dafür weniger Bargeld zum Einsatz kommt.

Bargeld: Was eine Million Euro in großen Scheinen wiegt

Illegale Geschäfte und Terrorfinanzierung auch ohne Bargeld kaum zu stoppen

Eine Bargeldabschaffung greift somit beim Thema Geldwäsche durchaus, vereitelt aber Großteile höchst lukrativer Verbrechen nicht. Weil die Gewinnmargen der Kriminellen oft sehr hoch sind, lohnt sich auch ein Ausweichen auf aufwändigere Arten des Geldtransfers, sollte der Bargeldverkehr deutlich eingeschränkt werden – selbst, wenn die Kosten dafür höher sind. „Egal, ob bar, online oder mit Karte: Jedes Bezahlsystem verursacht Kosten“, erklärt Mai gegenüber der WirtschaftsWoche. „Die Frage ist vielmehr, inwieweit diese Kosten auf die Kunden umgelegt werden können. In Deutschland zum Beispiel ist dies kaum möglich, weil die Kunden das so nicht gewohnt sind. Dann bleiben die Händler, Banken und Zahlungsdienstleister auf den Kosten sitzen.“. Beim Drogenhandel etwa sind höhere Ausgaben problemlos auf die Süchtigen umlegbar.

Wenig dürfte eine Bargeldeinschränkung auch bei der Bekämpfung des internationalen Terrors bringen. Eine Untersuchung der Terroranschläge der vergangenen 20 Jahre kommt der Studie zufolge zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der Terroranschläge schon mit kleinen Beträgen bis 10.000 US-Dollar ausreichend finanziert sind. Solche Summen fallen selbst beim bargeldlosen Geldtransfer kaum auf. Anders gesagt: Der Terrorist von heute zahlt einfach per Überweisung oder mit Karte.

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