Binance und Co. Warum die Transparenz-Offensive der Kryptobörsen nichts bringt

Kryptobörsen wie Binance versuchen, mit Transparenz das Vertrauen von Kunden wiederherzustellen. Quelle: REUTERS

Nach der Pleite von FTX gewähren erste Kryptobörsen Einblicke in ihre Rücklagen. Doch ganz überzeugend sind die Bemühungen von Binance und Co. nicht.

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Changpeng Zhao bemüht sich, die erhitzten Gemüter in der Kryptowelt zu beruhigen. Nach dem Zusammenbruch von FTX, einst die drittgrößte Kryptobörse der Welt, hatte der Chef des Marktführers Binance prompt angekündigt, Transparenz zu schaffen. Ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer sollte bestätigen, dass die Kundengelder der Handelsplattform mit ausreichend Kryptoeinlagen abgesichert sind.

Jetzt hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars ihren Bericht veröffentlicht. Das Ergebnis: Binance verfügt über ausreichend Bitcoin, um die Guthaben der Kunden zu decken. Zum Stichtag der Prüfung (22. November) belief sich die Bilanz demnach auf etwa 575.742 Bitcoin. Aktuell entsprächen die einem Wert von etwa zehn Milliarden Dollar.

Der Schritt von Binance erscheint nötig. Mit dem Crash der Skandalbörse FTX hat sich der Kryptosektor noch tiefer in eine Vertrauenskrise manövriert. Die Kundeneinlagen bei FTX waren kaum mit Vermögenswerten abgesichert – Anleger dürften wohl ihr Geld verlieren. Andere große Kryptobörsen wollen ihre Kunden nun davon überzeugen, dass Einlagen bei ihnen sicher sind, und kündigen wie Binance einen sogenannten „Proof of Reserve an“, also einen Beweis dafür, dass ausreichend Deckung vorhanden sind.

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von Philipp Frohn

Doch ganz überzeugend ist die Transparenzoffensive der Kryptobörsen nicht. Das sehen offenbar auch die Kunden so: Laut der Analysefirma Nansen zogen Nutzer binnen eines Tages 1,9 Milliarden Dollar von der Kryptobörse ab.

Es ist fraglich, wie viel der „Proof of Reserve“ tatsächlich aussagt. Er zeigt schließlich nur die Passiva – also die Haben-Seite der Bilanz. Wie hoch die Verbindlichkeiten der Kryptobörse sind, erfahren Kunden weiterhin nicht.

Nachweise sagen nichts über Verbindlichkeiten aus

Dass das ein großes Problem sein kann, zeigte der Fall FTX. In den Büchern klafften acht Milliarden Dollar große Löcher. Kunden steckten ihr Geld letztlich in eine Blackbox: Die Bilanzen von FTX waren öffentlich nicht einsehbar – ebenso wenig wie bei vielen anderen Kryptobörsen.

Auf die Kritik will Binance-Chef Zhao nun eingehen und kündigt auch eine Überprüfung der Verbindlichkeiten an. Auf Twitter gibt er sich selbstbewusst: „Wir schulden niemandem Kredite. Sie können sich umhören“, schrieb er dort kürzlich. Die Worte eines Kryptobörsenchefs allein aber dürfen dieser Tage die Skepsis von Kunden nicht beseitigen können.

Hinzu kommt: Der „Proof of Reserve“ bei Binance umfasst nur einen Bruchteil der Kundeneinlagen. Die Wirtschaftsprüfer haben lediglich analysiert, ob die Bitcoin-Einlagen von Kunden ausreichend gedeckt sind. Wie es sich mit Beständen in anderen Kryptwährungen verhält, blieb ungeprüft.



Dabei machen Bitcoin-Einlagen nur 14,5 Prozent der gesamten Token-Allokation von Binance aus. Das zeigen Daten des Krypto-Analysehauses Nansen, das die offiziellen Angaben der Handelsplätze abbildet. Ob die restlichen 85,5 Prozent der 66,5 Milliarden schweren Einlagen also ausreichend gedeckt sind, ist nicht unabhängig geprüft worden.

Auffällig ist: Binance weist aus, dass Kundengelder vor allem mit sogenannten Stablecoins gedeckt seien. Der Wert eines Stablecoins soll immer exakt einem Dollar entsprechen. In der Theorie eignen sich diese wertstabilen Token also besonders zur Absicherung von Kundengeldern. Die größte Position in der Bilanz nimmt mit einem Anteil von 28 Prozent der hauseigene Stablecoin BUSD ein, weitere 9,8 Prozent macht der Binance Coin aus. Experten kritisieren, dass manche Kryptobörsen ihre Vermögenswerte mit selbst ausgegebenen Token decken.

Coinbase bleibt oberflächlich

Gerade der Binance-Stablecoin ist zudem gar nicht so stabil, wie er sein sollte. Mit dem Beginn des Kryptowinters im vergangenen Jahr kämpft BUSD um die Dollar-Koppelung. Lange notierte er knapp 20 Prozent unter diesem Niveau. Mittlerweile hat sich der Stablecoin wieder stabilisiert.

Auch die rivalisierende Börse Crypto.com hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars für die Überprüfung der Kundeneinlagen engagiert. Dem Ergebnis nach verfügt die Kryptohandelsplattform mit Sitz in Singapur über genügend Reserven, um die Einlagen der Kunden auszahlen zu können. Anders als bei Binance bestätigt der „Proof of Reserve“ bei Crypto.com nicht nur die Deckung des Bitcoin-Bestandes, sondern auch die anderer Kryptowerte.

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Mit einem Anteil von 14,5 Prozent hat die nach einem Hund benannte Spaß-Kryptowährung Shiba Inu einen ziemlich hohen Anteil. Auch Crypto.com bilanziert hier mit einem hauseigenen Token, Cronos (CRO). Allerdings macht dieser nur 1,6 Prozent der Kundeneinlagen aus.

Als börsennotiertes Unternehmen muss der Konkurrent Coinbase schon längst Einblicke in seine Vermögensstruktur gewähren. Im Quartalsbericht per Ende September wies die Kryptobörse aus, dass sich allein die Bitcoin-Rücklagen auf 39,9 Milliarden Dollar belaufen. Sie machen demnach mit 42 Prozent die größte Position der 95,1 Milliarden schweren Einlagen aus. 

Mit einem Anteil von etwas über einem Viertel folgt darauf Ether, die zweitgrößte Kryptowährung. Allerdings bleibt Coinbase in der Auflistung recht oberflächlich: 32,7 Prozent der Einlagen sind durch „andere Krypto-Assets“ gesichert.

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Kunden von Coinbase wissen immerhin, wie es finanziell um den US-Konzern bestellt ist. Der letzte Quartalsbericht weist Verbindlichkeiten in Höhe von stolzen 102 Milliarden Dollar aus. Hierbei muss man aber bedenken, dass sich ein Großteil auf die Kundeneinlagen bezieht, die Coinbase aus separaten Wallets – also digitalen Geldbörsen – gespeichert hat. Klammert man diese aus, stehen noch Verbindlichkeiten in Höhe von sieben Milliarden Dollar auf dem Zettel.

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