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Blackrock-Ökonom "Great Britain läuft Gefahr, 'Little England' zu werden"

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"Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, ist besorgniserregend"

Es gab keine offiziellen Hochrechnungen nach der Abstimmung. Erst mit Bekanntgabe der Ergebnisse am frühen Morgen kamen die Kurse in Bewegung. Haben sie anderweitig versucht, an Informationen zu kommen, um dem amtlichen Ergebnis zuvor zu kommen?
Nein, das haben wir nicht versucht. Mir ging es heute Morgen genauso wie allen anderen auch. Zugegeben, ich war früher im Büro als üblich und habe erst auf dem Weg erfahren, was uns ins Haus steht. Schon den ganzen Tag stehen wir jetzt in Kontakt mit unseren Kunden und versuchen, unserer Rolle gerecht zu werden. Die besteht darin, den Kunden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Am vergangenen Donnerstagabend war ich noch der Überzeugung, dass es zwar eng wird, aber schon gut gehen wird. So kann man sich irren.

Das Ergebnis offenbart eine Vielzahl von Brüchen in der britischen Gesellschaft. London als Insel der Befürworter, der Norden für, der Süden gegen einen Verbleib. Die Alten gegen die Jungen, die Reichen gegen die Armen. Schottland und Nordirland könnten sich zur Unabhängigkeit entschließen und wieder der EU beitreten. Was bedeutet das für die britische Gesellschaft?
Hier besteht die Gefahr, dass aus Great Britain „Little England“ wird. Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, ist besorgniserregend. Die Alten haben eine Entscheidung herbeigeführt, die auf Kosten der jungen Generation geht. Eine abgehängte Mittel- und Unterschicht hat eine Entscheidung herbeigeführt, die auch die besser Qualifizierten massiv beschädigt.

Das zu glätten wird eine ungeheure Aufgabe für die künftige Regierung. Kann das überhaupt gelingen?
David Cameron wirkte bei seiner Rücktrittserklärung fast schon erleichtert. Er hat sich in seiner Rede großzügig selbst gelobt, auf der anderen Seite muss er sich aber einen Teil der Schuld anrechnen lassen. Das Referendum hat er ja erst aufs Tableau gezaubert. Wie der Zauberlehrling wurde er die Geister, die er rief, nicht mehr los. Die Aufgabe der neuen Regierung wird lauten, die Integrität des Vereinigten Königsreichs zu wahren. Es droht auch eine tiefere Teilung, eventuell ein Abfall Schottlands, vielleicht  Nordirlands. Um diese Herkulesaufgabe ist die neue britische Regierung nicht zu beneiden.

Was Partnerländer über einen EU-Ausstieg denken
US-Präsident Barack Obama in London Quelle: AP
Die chinesische Flagge vor einem Hochhaus Quelle: dpa
Ein paar Rial-Scheine Quelle: dpa
Der russische Präsident Wladimir Putin Quelle: REUTERS
Das Logo des japanischen Autobauers Nissan Quelle: REUTERS

Zumal die Nachfolge für Premier David Cameron völlig unklar ist. Der Name Boris Johnson fällt immer wieder, ein unorthodoxer Haudrauf. Ist dem das zuzutrauen?
Lassen Sie es mich so sagen: Die Demokratie ist auf einem gefährlichen Weg, wenn ein besonnenes Volk wie das der Briten aufgrund billiger Versprechen einiger Populisten eine solche Schicksalsentscheidung trifft. „Zurück zu glorreichen Zeiten“, mehr war es doch nicht. Das ist gegen jeden Sinn und Verstand. Dann kann es auch passieren, dass Donald Trump, der den Amerikanern das gleiche verspricht, im Herbst gewählt wird. Dann hätten wir in zwei großen, etablierten Demokratien des Westens einen Sieg des Populismus.

Eine pessimistische Einschätzung.
Die politische Seite der Entscheidung hat mich eher umgehauen als die Marktseite. Die Auswüchse an den Börsen waren relativ erwartbar, was das aber für die Demokratie bedeutet, macht mir einige Sorgen.

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