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Blockchain „Auf einem Smartphone kann man Hunderttausende Euro speichern“

Bitcoins auf dem Smartphone Quelle: imago

Der Vordenker und Technologieexperte Frank Schwab erläutert eine der faszinierendsten Innovationen in der Finanzbranche und erklärt, warum auch Bitcoin-Milliardäre einen Safe haben.

Herr Schwab, früher waren Sie Banker, heute beschäftigen Sie sich mit Innovationen in der Finanzbranche. Welche Erfindung hat Sie am meisten fasziniert?
Das Internet habe ich zum ersten Mal 1993 gesehen, es war faszinierend aber selbst damals konnte man sich die Folgen dieser Entwicklung für unseren Alltag noch nicht richtig vorstellen. Lange habe ich das Internet für die wegweisendste Innovation gehalten. Dann habe ich vor ein paar Jahren die Blockchain gesehen.

Was sieht man da?
Was man dort sieht, ist eine unvorstellbare Vielfalt, diese Technik im Alltag anzuwenden. Die Kryptowährungen, die vielleicht sogar einmal die Rolle des Geldes einnehmen könnten, sind aktuell nur das populärste Beispiel. Auch Wertpapiere auf Blockchainbasis oder ein Grundbuch sind denkbar. Das Besondere an der Kryptografie ist, dass die Eigenschaften eines Systems, etwa einer Währung wie dem Bitcoin, fest programmiert und für alle Nutzer transparent sind – sofern sie den Code lesen können.

Warum soll das innovativ sein? In die Verfassung unseres Landes, in die Gesetzbücher oder in die Satzung einer x-beliebigen Aktiengesellschaft kann doch auch jeder hineinschauen, der lesen kann.
Richtig. Aber im Unterschied zu einem Gesetz oder der Satzung eines Unternehmens wird die Einhaltung der definierten Regeln in einem Blockchainsystem durch den Programmcode sichergestellt. Es ist also technisch unmöglich, die definierte Regel zu brechen. Beispiel: Beim Bitcoin etwa ist die maximal schöpfbare Geldmenge fest einprogrammiert. Bei einer Aktiengesellschaft dagegen kann das Management faktisch gegen die Satzung verstoßen. Wenn die Aktionäre das verhindern wollen, müssen sie erst teuer klagen oder auf der Hauptversammlung intervenieren. Eine weitere wichtige Eigenschaft habe ich noch gar nicht angesprochen.

Frank Schwab startete als Auszubildender bei der Deutschen Bank und kümmerte sich dort um neue Technologien. Auch den Sparkassen versuchte er, bei der Entwicklung eines Online-Bezahlsystems auf die Sprünge zu helfen. Heute hält er Vorlesungen und Vorträge und arbeitet als Manager für technologieaffine junge Finanzunternehmen. Quelle: PR

Welche?
Die Art und Weise, wie Transaktionen in kryptografischen Systemen gespeichert werden. Die Speicherung erfolgt dezentral, also auf den Rechnern aller Nutzer, die an dem System teilnehmen. Wenn ich heute mein WiWo-Abo in Bitcoin zahlen würde, wird diese Transaktion auch auf den Rechnern aller anderen Bitcoin-Nutzer gespeichert. So ist die gesamte Nutzerschaft stets über die aktuellen Besitzverhältnisse auf dem Laufenden. Diese Datenkette wird im Laufe der Nutzung immer länger, daher der Begriff Blockchain. Diese Daten sind dezentral gespeichert, was sicherer ist als eine herkömmliche Datenbank.

Eine gigantische Energieverschwendung, wenn die Zahlung jedes Kaugummis an der Tankstelle eine solche Kettenreaktion im Datendschungel auslöst.
Das ist doch im herkömmlichen Geldsystem auch der Fall, wenn man seine Kreditkarte oder Bankkarte beim Bezahlen zückt. Selbst wenn im Supermarkt das angeblich so energiesparende Bargeld in die Kasse fließt, wird Strom für die Speicherung verbraucht – ganz zu schweigen vom Strom für die physische Kasse selbst. Und neue Technologien standen in der Vergangenheit immer vor der Herausforderung, mit begrenzten Ressourcen umzugehen. Auf die Speicher für Computer und Rechenzentren zum Beispiel passen immer mehr Daten, gleichzeitig nehmen sie immer weniger Platz und Material in Anspruch. Vielleicht findet sich ein energiesparenderer Weg auch für Blockchain-Transaktionen.

Wie sieht die Welt der Kryptowährungen aus?
Es gibt mehr als tausend Kryptowährungen, darunter so skurrile Exemplare wie die von einer russischen Dating-App herausgegebenen Kryptomünzen. Eine dieser Cyberwährungen, der Dodgecoin, ist nur als Persiflage entstanden, weil ein kritischer Programmierer satirisch auf die Probleme des Kryptobooms hinweisen wollte. Ganz anders als von seinem Schöpfer erwartet, explodierte der Dodgecoin jedoch auf einen Marktwert von rund zwei Milliarden Dollar. Die Leute haben in diese Witzwährung wohl mehr oder weniger blind investiert, nur weil sie an den Krypto-Börsen handelbar war. Viele von diesen Währungen wird es sicher bald nicht mehr geben. So gab es während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts allein in Großbritannien rund 10.000 Eisenbahngesellschaften oder denken sie an die zahllosen Stahl- und Kohleunternehmen im Ruhrgebiet. Fast alle der Spiele von damals sind heute verschwunden. Das Phänomen selbst ist jedoch nicht verschwunden. Und auch die Kryptografie oder das Internet werden nicht mehr verschwinden.

Wie funktioniert das in der Praxis?
Das ist für die Nutzer sehr komfortabel, weil sie hohe Beträge auf Computern speichern können oder sogar auf dem Mobilgerät und dafür keine Bank brauchen. Auf einem Smartphone kann man Kryptowährungen im Wert von einigen Hunderttausend Euro speichern, wenn man sich technisch auskennt. Das ist viel praktischer als Geldkoffer oder Goldbarren herumzuschleppen. Massentauglich ist das aktuell jedoch noch nicht.

Wenn man sein Handy verliert, kann nichts passieren, weil die Daten dezentral gespeichert sind?
Das ist nur zum Teil richtig. Die Daten der digitalen Münzen selbst sind dezentral gespeichert. Den Schlüssel, mit dem ein Nutzer nachweist, dass diese ihm gehören, muss er aber selbst verwahren, etwa auf dem Smartphone. Wenn man das Gerät verlieren würde, wäre das Geld nicht weg aber es würde ein bis zwei Tage dauern, bis alles wieder hergestellt wäre. Die großen Krypto-Milliardäre in Asien oder im Silicon Valley drucken deshalb die Schlüssel und Passwörter für ihre digitalen Geldbörsen aus und legen sie in den Safe.

Klingt, als wären Bitcoin & Co. ziemlich unsicher.
Nein, der Programmcode selbst wurde bisher nie geknackt. Was aber passiert ist, dass Hacker die digitalen Schlüssel von Krypto-Konten erbeuten und die darin liegenden Werte an sich reißen. Wenn in den Medien von Bitcoin-Hacks die Rede war, ging es immer nur um solche individuellen Schlüssel, nicht um den allgemeinen Programmcode. Der technische Fortschritt verändert den Alltag, aber nicht den Menschen. Gangster wird es immer geben.

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