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Börse Moskau Der Rubel rutscht, Analysten sagen "kaufen"

Der Rubel hat zuletzt ganz schön was einstecken müssen. Das hat auch die Kurse an der Börse nicht kalt gelassen. Einige Experten sehen damit für Anleger günstige Einstiegschancen. Doch die Meinungen gehen auseinander.

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Die Anzeige einer Wechselstube in Moskau am ersten Juni 2012. Quelle: dapd

Moskau Den ganzen Mai befand sich der Rubel im freien Fall. Am Ende büßte die russische Währung 15 Prozent im Vergleich zum US-Dollar ein. Dieser wurde zwischenzeitlich zu knapp 34 Rubel gehandelt - der tiefste Stand seit drei Jahren. Inzwischen hat sich der Rubel-Kurs zwar wieder gefangen. Doch der Wertverlust weckt in Russland Erinnerungen an die Finanzkrise von 2009 oder - noch schlimmer - an die Rubel-Krise von 1998.

Die Zentralbank verkaufte in den vergangenen Tagen mehrere Hundertmillionen Dollar auf dem Binnenmarkt und erwartet jetzt eine Stabilisierung des Rubel-Kurses. Der Wertverlust des Rubels hat auch für den Aktienmarkt Folgen, doch können die Anleger die jüngsten Währungsschwankungen gelassen sehen, meint Matthias Siller, Fondsmanager und Russland-Experte bei Barings Asset Management. Die Kombination aus Rubel-Abwertung auf der einen und niedrigem Ölpreis auf der anderen Seite sei gut für den Aktienmarkt. Siller rechnet mit einem "kurzen Schmerz" durch die sinkenden Kurse. Danach sei die Aussicht aber "besser als zuvor".

"Der Sturz des Rubels führt insbesondere bei ausländischen Investoren zu zusätzlichen Verlusten über die Verluste am Aktienmarkt hinaus", sagt Peter Reichel, Osteuropa-Fachmann und Leiter des Bereichs Private Vermögensverwaltung bei der Berenberg Bank in Hamburg. "Der zwischenzeitlich abgewertete Rubel stellt aber auf der anderen Seite eine Investment-Gelegenheit dar."

Der russische Aktienindex RTS ist günstig bewertet und hat seit den Hochständen Anfang März knapp 30 Prozent verloren. Seit Jahresanfang sind es mehr als sechs Prozent. Seit Anfang Juni aber steigt er wieder. Analysten rechnen damit, dass die Volatilität in den nächsten Wochen anhalten wird. Die Sorge um eine globale Abschwächung der Wirtschaftsdynamik dürfte den Öl- und Gaspreis weiter belasten, sagt Reichel. Davon ist die russische Wirtschaft sehr stark abhängig. Etwa die Hälfte des Steuereinkommens generiert der Staat aus dem Energiesektor.


Industrieproduktion wächst langsamer

War Russland noch mit guten Konjunkturerwartungen ins Jahr 2012 gestartet, so haben sich die Aussichten mittlerweile eingetrübt. Die Regierung musste ihre Prognose für das BIP-Wachstum auf 3,4 Prozent zurückschrauben. Die Industrieproduktion wächst seit der Wahl im März ebenfalls langsamer. Dennoch ist der Zuwachs im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten überdurchschnittlich. Russland gehöre neben Polen und der Türkei zu den drei Aktienmärkten der Schwellenländer, die in jüngster Zeit zulegen, erklärt Siller.

Von einem schwachen Rubel können vor allem Titel aus dem Energiesektor und der Metallbranche profitieren, da sie ihre Produkte gegen harte Dollars verkaufen, Ausgaben im Land aber in Rubel tätigen. Die Einnahmen bleiben also stabil, auch wenn der Ölpreis sinkt. Das gelte laut Siller jedoch nur, solange weder Rubel-Kurs noch Ölpreis stark abstürzen, der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent nicht unter 80 Dollar sackt.

Es lohne sich durchaus, jetzt in Energietitel zu investieren, sagt Siller. Importeure zählten hingegen zu den Verlierern der Rubel-Abwertung, die an der Börse in Moskau allerdings ohnehin weniger anzutreffen sind. Banken litten zwar zunächst ebenfalls unter dem Kursverlust, seien mittelfristig aber kaum betroffen, sagt er.

Favoriten der Anleger seien Ölfirmen, heißt es auch in einem Bericht der russischen Nomos-Bank. Empfohlen werden Titel mit geringem Risiko und einer zu erwartenden hohen Dividende, darunter Firmen wie Surgutneftegaz, Tatneft, Lukoil und Gazprom Neft.


Längerfristig aussichtsreich

"In den nächsten Wochen dürften sich noch gute Gelegenheiten bieten, an schwachen Tagen Positionen aufzubauen", sagt Reichel. Längerfristig bleibe der russische Aktienmarkt auch auf den aktuellen Niveaus aussichtsreich.

Russische Analysten teilen diese Meinung nicht unbedingt. "Der russische Aktienmarkt ist für Investoren nicht attraktiv", heißt es in einem Bericht der Internetzeitung "Gazeta.ru". Die Analysten begründen ihre Einschätzung mit der "instabilen politischen Situation".

Experten hoffen auf Reformen der neuen russischen Regierung, allen voran weitere Privatisierungen in der Energiebranche. Die Regierung nährt jedoch nicht die Hoffnung auf schnelle Fortschritte. Rubel-Verfall und sinkender Ölpreis könnten jedoch den notwendigen Druck auf die Verantwortlichen erzeugen, Reformen einzuleiten, hofft Siller. Denn weitere Privatisierungen könnten zur Verbesserung des Investitionsklimas beitragen. Die Politik dürfte weiterhin die "Achillesferse des russischen Aktienmarkts bleiben", sagt auch Reichel.

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