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Bondkönig Bill Gross "Ich habe nicht vor, mein Engagement zu drosseln"

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Die Alterung der Gesellschaft drosselt das Wirtschaftswachstum

Warum verläuft die globale Konjunkturerholung nach der Rezession so schleppend?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Welt ist nach wie vor hoch verschuldet. Die USA und andere Länder verdanken von dem Wachstum der vergangenen 30 Jahre einer Ausweitung der Kredite und der Verschuldungsquoten. Wenn die kapitalhungrigen Länder und Unternehmen erkennen, dass sie nicht mehr mit dem gleichen Tempo Schulden anhäufen können, verlangsamt sich das Wachstum. Auch demografische Faktoren spielen eine Rolle bei der Abschwächung des Wachstums. Die Baby-Boomer boomen nicht mehr, sie werden älter und gehen in Ruhestand.

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Die meisten Baby-Boomer brauchen eine Gesundheitsversorgung, aber ein weiteres Haus oder ein drittes Auto brauchen sie nicht. Die Alterung unserer Gesellschaft drosselt das Wirtschaftswachstum. Der dritte Punkt ist die Technologie; sie ist ein Segen und ein Wunder, aber sie vernichtet Jobs, die nicht im gleichen Tempo ersetzt werden. Apple ist großartiges Unternehmen, aber sie stellen nicht so viele Leute ein wie die guten, alten General Motors. Und schließlich ist auch die Globalisierung ein Thema. Da hat die USA seit dem Zweiten Weltkrieg die Nase vorn. Wir haben von der Ausweitung des Handels profitiert, weil der Dollar die Reservewährung war. Jetzt laufen die Dinge im Ausland nicht so gut. Und wenn man Gegenwind hat, fliegt man nicht so schnell.

Viele Anleger glauben, der Anleihemarkt komme nach seiner 30-jährigen Rally in eine Phase mit starkem Gegenwind. Teilen Sie diese Meinung?

Dreijährige deutsche Bundesanleihen notieren mit einer negativen Rendite von sechs Basispunkten. Wenn das nicht Gegenwind ist, weiß ich nicht, was Gegenwind wäre. Die Zinsen sind weltweit niedrig. Das heißt nicht, dass die Renditen nicht trotzdem fallen und die Anleihekurse steigen können, wenn sich die Menschen von irgendetwas stark beunruhigen lassen, sei dies die Wachstumsabschwächung in China oder die Ausbreitung des Ebola-Virus. Anleihen sind ein Schutz gegen Inflation und Katastrophen. Zunächst erwarte ich, dass die Wirtschaft geringfügig wachsen und Anleihen ihren Kupon verdienen werden. Die Fed hat erklärt, der angemessene Zins, um die US-Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten, liege bei 3,75 bis 4,0 Prozent. Ich sage, es sind zwei Prozent. Wenn die Fed ihr Vorhaben durchzieht und die Leitzinsen in den nächsten Jahren auf vier Prozent anhebt, ist auf allen Märkten und bei allen Vermögenswerten der Bär los.

Warum unterscheidet sich Ihr Ausblick so stark von dem der Fed?

Es gibt kein Modell, an dem man sich nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers orientieren könnte – abgesehen vielleicht den USA in den Dreißigerjahren oder dem Platzen der Vermögenspreisblase in Japan. In einer hoch verschuldeten Welt kann es aus Sicht des gesunden Menschenverstandes nicht sinnvoll sein, die Leitzinsen auf das frühere Normalniveau von vier Prozent anzuheben. Einige Fachleute meinen, es wäre sinnvoll, die Zinsen bis zur Gesundung der stark gehebelten Wirtschaft unter dem Normalniveau zu halten. Die von mir genannten zwei Prozent sind nur ein ungefährer Richtwert, ein Schuss ins Blaue wie die vier Prozent der Fed. Was ich eigentlich sagen will: Die Zinsen müssen wegen der strukturellen Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, länger niedrig bleiben, als die Zentralbanken erwarten. Das heißt nicht, dass Gross und Janus klüger sind als die Fed, aber Fed-Chefin Janet Yellen und ihre Mitarbeiter orientieren sich an einem Modell, und sie wissen nicht, wie sie die genannten strukturellen Veränderungen da einbauen sollen. Es gibt Dinge, die sich nicht in ein Modell pressen lassen.

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