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CO2-Zertifikate Zocken gegen Klimasünder

Industriebetriebe, die mehr CO2 durch die Schornsteine jagen als sie an EU-Emissionsrechten besitzen, müssen sie an der Börse zukaufen. Quelle: dpa

Der Preis für CO2-Emissionsrechte geht durch die Decke. Anleger können mit Zertifikaten daran verdienen. 

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Drei, zwei, eins, meins. Die Strombörse in Leipzig (EEX) ist so etwas wie das Ebay für CO2-Emissionsrechte. Denn die EEX organisiert die Versteigerung der Verschmutzungsrechte für 25 Mitgliedsstaaten der EU. Unternehmen, die mit den zuvor vom Staat verteilten Emissionsrechten nicht auskommen, müssen hier mitsteigern. Je knapper das Angebot für den jeweiligen Zeitraum ist, desto höher ist der Preis. 

Momentan herrscht am Emissionsrechtemarkt Goldgräberstimmung. Denn der EU ist es gelungen, CO2-Verschmutzungsrechte so knapp zu halten, dass Unternehmen gezwungen sind, in großem Ausmaß zuzukaufen. Lange Zeit gab es ein Überangebot, weil die EU-Staaten Emissionsrechte sehr großzügig an die Industrie verteilt hatten. Der CO2-Börsenpreis stürzte ab und der Emissionsrechtehandel war keine Hilfe beim Erreichen der Klimaziele. Jetzt allerdings scheint die CO2-Börse als Werkzeug zum Klimaschutz zu funktionieren.

Börsenprofis wie Hedgefonds haben den Zeitenwechsel am CO2-Markt erkannt und zocken jetzt munter mit. Das treibt den Börsenpreis für CO2 zusätzlich nach oben. Die an der EEX gehandelten Emissionsrechte legten seit Anfang November von 23,70 Euro je Tonne auf zwischenzeitlich 40 Euro je Tonne zu. Das ist ein Anstieg von knapp 70 Prozent. Derzeit notiert der CO2-Börsenpreis bei rund 37 Euro je Tonne. Für einen Teil dieser Rally sind Hedgefonds verantwortlich.

Profis wie Hedgefonds können direkt in den CO2-Markt investieren. Sie erfüllen die staatlichen Regularien und haben das nötige Geld, sich ein Handelskonto an einer Emissionsrechtebörse zu leisten. Meist zocken Fonds, die sich auf Energiemärkte spezialisiert haben, mit CO2-Verschmutzungsrechten. Dazu zählt beispielsweise Andurand Capital Management. Den französischen Fonds-Gründer Pierre Andurand haben Energiewetten, vor allem auf den Ölpreis, reich gemacht. Er zählt zu den weltweit bestverdienenden Hedgefondsmanagern.

Privatanleger müssen den Umweg über CO2-Zertifikate gehen, die den Preis für Emissionsrechte über einen Index nachbilden. Solche Anlagevehikel bietet beispielsweise die französische Bank Société Générale an (DE000DR1WBM0). Seit 1. November vergangenen Jahres hat das Zertifikat um rund 60 Prozent zugelegt. Alternativ bietet sich auch das Zertifikat der Investmentbank Morgan Stanley an (DE000MC3SF55). Grundsätzlich sind Indexzertifikate mit endloser Laufzeit sinnvoll. Befristete Zertifikate haben den Nachteil, dass Anleger im schlimmsten Fall in einem Zeitraum gefangen sind, in dem der CO2-Preis ausschließlich fällt.

Mit den Zertifikaten verdienen Privatanleger zwar an einem steigenden CO2-Preis. Gegenüber den Profis haben sie jedoch einen Nachteil. Die Zertifikate müssen um den Index nachzubilden, einen Terminkontrakt an den anderen hängen. Dabei entstehen zusätzliche Kosten, sogenannte Rollverluste. Diese Kosten sorgen dafür, dass der Anleger nicht eins zu eins am CO2-Börsenpreis partizipiert. Je häufiger ein Zertifikat Terminkontrakte tauschen muss, desto größer wird in der Regel der Abstand zwischen dem Kurs des Zertifikats und dem CO2-Börsenpreis. Das heißt, die CO2-Papiere eignen sich eher zum kurzfristigen Zocken. 

Richtiges Timing ist für erfolgreiche Börsengeschäfte mit CO2-Emissionsrechten unerlässlich. Anfang November 2020 wäre demnach der ideale Zeitpunkt zum Einsteigen gewesen. Jetzt bewegt sich der CO2-Markt dagegen am oberen Ende der bisherigen Preisentwicklung. Die vom Andurand-Hedgefonds ins Spiel gebrachten 100 Euro je Tonne als Kursziel innerhalb von maximal zwei Jahren sind wohl unrealistisch.

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Denn der CO2-Markt ist nach wie vor hochpolitisch. Die betroffenen Unternehmen, beispielsweise Energieversorger oder Zementhersteller, werden angesichts des Preisanstiegs politischen Druck auf ihre nationalen Regierungen ausüben. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die EU eingreift, wenn der Preis zu hoch ist. Ab welchem Preis das geschieht, lässt sich nur schätzen. Wahrscheinlich ist, dass die EU einen Preis von 50 Euro je Tonne CO2 noch tolerieren wird. Denn erst ab diesem Preis lohnen sich Investitionen in klimafreundliche Technologien. Somit bleibt noch Luft nach oben. Wegen des politischen Risikos bleiben Wetten auf CO2-Emissionsrechte jedoch hochriskant.

Mehr zum Thema: Die im Klimaschutz-Programm vorgesehene CO2-Steuer auf Benzin, Öl und Gas ist seit 2021 da. Alles, was Verbraucher dazu wissen müssen.

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