Copy Trading im Selbstversuch Wie ich das Portfolio einer mir völlig unbekannten Mexikanerin kopierte

Quelle: PR

Die Portfolios anderer Nutzer zu kopieren, liegt dank YouTube und TikTok im Trend. Was kann das sogenannte Copy Trading und wie riskant ist es? Ein Selbstversuch.

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Schon mehrmals hat mich der israelische Onlinebroker eToro gefragt, ob ich mich nicht anmelden und eines seiner Angebote ausprobieren will: das Depot eines ausgewählten anderen Nutzers zu kopieren. Neu ist das nicht. Bei einigen anderen Unternehmen ist diese Art des Investierens, die als Social oder Copy Trading bezeichnet wird, bereits seit Jahren möglich. Durch Finanz-Influencer auf Youtube und TikTok hat Copy Trading aber zuletzt an Bedeutung gewonnen. Also: Alles klar, eToro! Ich bin dabei.

Der Anmeldeprozess nervt. Erst testet eToro mein Finanzwissen mit eher abseitigen Fragen, etwa zu gehebelten Derivaten, bei denen ich teils raten muss. Dann scheitere ich an der Onlineidentifikation, weil die Mitarbeiterin mein vorläufiges Ausweisdokument nicht anerkennt (mein Ausweis ist abgelaufen). Schließlich sind alle Hürden überwunden, es kann losgehen. Eigentlich will ich nur wenig Geld einsetzen. Ich stelle aber rasch fest: Die Mindestanlage für viele (alle?) der mehreren Tausend Portfolios, die man kopieren kann, liegt bei 200 Dollar. Zähneknirschend schicke ich per PayPal noch einen Hunderter rüber. Irgendwo unterwegs zieht eToro eine Gebühr ein. 

Dem Unternehmen zufolge beträgt die Mindestanlagesumme beim Copy Trading sogar 500 Dollar. Das verwirrt mich. Später werde ich allerdings feststellen, dass in meiner Portfoliokopie eine Aktie aus dem Originalportfolio fehlt. Die Lücke ist offenbar meiner zu niedrigen Anlagesumme geschuldet.

von Philipp Frohn, Julia Groth, Niklas Hoyer, Saskia Littmann

Ich entscheide mich dazu, das Portfolio der Nutzerin MercedesSotelo zu kopieren. Sie wird mir auf der Startseite des Copy-Trading-Features angezeigt, wenn auch offenbar nur zeitweise – einige Tage später finde ich sie dort nicht mehr. Laut ihrem Profil heißt sie Mercedes Sotelo Miranda und kommt aus Mexiko. Ihr Portfolio enthält 50 Werte, fast ausschließlich Techaktien wie Apple, Microsoft, Tesla und Alibaba. Dazu kommen Kryptowährungen wie Ethereum und Bitcoin und der technologielastige Ark Fintech Innovation ETF der US-Investorin Cathie Wood.

Hype-Investments wie Tesla und Kryptowährungen wie Bitcoin habe ich bisher nicht im Depot. Hier etwas Spielgeld einzusetzen, könnte Spaß machen. Außerdem muss man sagen: Mercedes“ Portfolio ist eines der konservativeren. Als „Top-Investoren“ bezeichnete Nutzer halten teilweise nur eine Handvoll spekulativer Einzelwerte oder gehen riskante Währungswetten ein. Bei vielen Tradern ist überhaupt keine Strategie erkennbar. Zugleich bewirbt eToro sein Copy-Trading-Feature damit, dass Anlageeinsteiger so das Investieren lernen könnten. Daran habe ich ernste Zweifel.

Währungsspekulation mit Minimalrisiko?

Prinzipiell könne bei eToro jeder jeden kopieren, heißt es von dem Unternehmen. Kein Wunder also, dass viele wilde Portfolios dabei sind. Nur jene, deren Portfolios besonders viele Nachahmer finden, müssen sich für das sogenannte Popular-Investor-Programm anmelden und einige Vorgaben erfüllen – unter anderem einige nicht näher benannte Risikoparameter einhalten. Momentan gibt es bei eToro rund 2600 Popular Investors. Sonderlich hoch können die Ansprüche an das Risikomanagement nicht sein. Unter den Top-Investoren ist etwa ein Universitätsdozent aus Singapur, der mittels eines selbst entwickelten simulationsbasierten Algorithmus auf Wochenbasis mit einigen wenigen Währungspaaren handelt und das Portfolio mit Gold absichert. Damit war er bisher zwar erfolgreich. Aber riskant ist die Anlagestrategie schon, und für Investment-Einsteiger ungeeignet. 

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eToro bewertet das Risiko des Portfolios derweil auf einer Skala von eins bis zehn mit einer freundlichen Drei – eine Zehn stünde für das höchste Risiko. Das Portfolio eines deutschen Top-Users, der 68 Einzelaktien hält, darunter Dickschiffe wie Microsoft, SAP und Activision Blizzard, wird mit einem Siebener-Risiko bewertet.

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Unerfahrene Anleger können mit Copy Trading hohe Verluste erleiden. Auf manchen Social-Trading-Plattformen frisieren Anleger mit vielen Followern ihre Erfolgsbilanz, beispielsweise, indem sie schlecht laufende Positionen nicht schließen, sondern weiterlaufen lassen. Diese tauchen dann in der (Miss-)Erfolgsstatistik nicht auf. Nachahmer, die sich Sicherheiten und Haltegebühren für offene Positionen nicht leisten können, sind dagegen gezwungen, die Trades zu beenden, und realisieren dadurch Verluste.

Von eToro heißt es allerdings: Wer mindestens einen anderen Nutzer für nicht weniger als drei Monate kopiere, schneide laut selbst erhobenen Daten durchweg besser ab als Anleger, die ihr Portfolio ausschließlich auf eigene Faust zusammenstellten. Spricht das wirklich für die Investment-Vorbilder oder eher gegen die Anlageexpertise der breiten Masse an eToro-Nutzern? Schwer zu sagen.

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Aber wie steht es nun um mein eigenes Portfolio, beziehungsweise das von Mercedes? Nun ja. Nach einer Woche habe ich rund sieben Dollar Verlust gemacht. Aber: Die Zeiten für Wachstumsaktien sind schwierig, ihre Kurse leiden unter den steigenden Zinsen in den USA. Und: Mercedes fährt explizit eine Langfriststrategie. Ich bleibe deshalb noch eine Weile dabei. 

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