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Crash am Ölmarkt (I) Wie ich einen Öltanker kaufen und wahnsinnig abkassieren wollte

Öl im Crash kaufen und teuer wieder verkaufen: Das scheint simpel. Was man braucht, ist ein Öltanker. Quelle: Getty Images

Öl kaufen, dafür Geld kassieren und dann teuer wieder verkaufen – das Geschäftsmodell scheint extrem einfach. Das einzige, was der smarte Krisenprofiteur dazu braucht, ist ein Tanker. Muss es doch gebraucht geben, dachte unser Autor – und machte sich auf die Suche.

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Auf dem Ölmarkt tanzt der Bär: Weil kein Mensch mehr Öl braucht – die US-Amerikaner etwa fahren wegen Corona so wenig Auto wie selten zuvor – laufen Raffinerien und Lager über. Produktionskürzungen der Opec und Russlands kommen erst noch, und auf den Terminmärkten, wo Hedgefonds und andere Spekulanten auf den Ölpreis wetten und große Verbraucher (wie Airlines) ihren Bedarf (aktuell gegen null) absichern, herrscht der Super-Contango. Contango nennt man die Situation, in der ein Rohstoff, der in Zukunft geliefert werden soll, teurer ist als aktuell. Soll heißen: Ein Barrel (159-Liter-Fass) Öl, das im Juli geliefert werden soll, kostet aktuell 20 Dollar. Ein Fass, das in den nächsten Tagen geliefert wird, kostete zum Beispiel am Montagvormittag nur vier Dollar. Am Nachmittag waren es teilweise minus 20 Dollar für die US-Sorte WTI, am Dienstag dann zeitweise minus 40 Dollar.

Das heißt: Wenn ich den Spekulanten, die in ein paar Tagen Millionen Fässer Öl physisch loswerden müssen – womit sie nie gerechnet haben, weil sie immer nur in virtuellen, an den Terminbörsen gehandelten Kontrakten gerechnet haben – Öl abnehme, bekomme ich pro Fass 40 Dollar obendrauf. Das Öl kann ich heute schon für 20 Dollar verticken, muss es aber lagern, bis ich es im Juli ausliefern kann.

Das Geschäftsmodell ist also vorgezeichnet: Tanker besorgen, Öl kaufen, 40 Dollar pro gekauftem Barrel kassieren, noch mal 20 Dollar für jedes per Juli verkaufte Barrel einstreichen. 60 Dollar pro Barrel minus Kosten sind mein Gewinn, in etwa 90 Tagen. Selbst verbrauchen geht nicht – mit dem europäischen Öl der Sorte Brent hat das Problem so gut wie nichts zu tun, es geht um die USA. Aber dort winken eben gewaltige Profite: Ein einziger Kontrakt sind 1000 Barrel, das macht schon 60.000 Dollar Umsatz. Kleines Problem: Abnahmeort ist Cushing in Oklahoma, der größte Öllagerplatz der USA – 600 Meilen entfernt vom Golf von Mexiko. Aber dahin wird es ja wohl eine Pipeline geben. Und Pipelines können, anders als ein Lagertank, nicht überlaufen – das Problem sollte zu lösen sein.

Ich scheine nicht als einziger auf diese Idee gekommen zu sein. Beim Nachrichtendienst Bloomberg lese ich, dass BP, Royal Dutch Shell und der Schweizer Ölhändler Vitol SA Tanker buchen, um diese nach Asien zu lenken und dort das billig gekaufte Öl zu verkaufen. Die Rede ist immer von Very Large Crude Oil Carriers (VLCC) , also Supertankern, die zwei Millionen Barrel fassen. Vor einem Jahr sollen die noch für 20.000 Dollar Charter am Tag zu haben gewesen sein, jetzt wurden zeitweise 400.000 Dollar am Tag bezahlt, berichten Bloomberg und Reuters mit Verweis auf Schiffsbroker.

Auf der Route nach Asien brauchen die Schiffe normalerweise 60 Tage, jetzt könnten sie extra langsam fahren oder auch mal ankern, weil später noch höhere Preise drin sind. 90 Tage mal 400.000 Dollar sind 36 Millionen Dollar Charterkosten – die gingen dann ab von den zwei Millionen Barrel mal 60 Dollar gleich 120 Millionen Dollar, die bei Kauf für minus 40 Dollar und Verkauf zu 20 Dollar drin wären.

Immer noch ein hübsches Sümmchen.

Wie aber komme ich an einen Tanker, wenn Shell, Vitol und womöglich auch Goldman Sachs und Co. den Markt schon gekapert haben? Immerhin – auch in Deutschland gibt es Schiffsbroker. Einer schreibt auf seiner Webseite: „Angebote für neue und gebrauchte Öltanker ab einer gewissen Größe findet man relativ schwer, da nicht jede Werft über solche Kapazitäten verfügt. Allgemein kann man aber sagen, dass mittlerweile die meisten Tanker in Asien gebaut werden.“ Und weiter: Er verfüge „über gute Verbindungen zu fast allen in Frage kommenden Werften“ und könne bei der Auswahl behilflich sein. Der Broker hat aber offensichtlich Corona-Pause, er geht weder ans Telefon noch ans Handy und antwortet auch nicht auf eine E-Mail.

Also probiere ich es direkt in Asien. Die chinesische Internetplattform Alibaba.com hat auch einen Bereich für Investitionsgüter. Dort wird mir tatsächlich ein Tanker angeboten. Ich soll die gewünschte Menge angeben und trage mal ein: 100.000 Fässer. Aber jetzt soll ich erst mal meine Daten an einen Prince Charming Sering schicken. Klingt irgendwie nicht vielversprechend, der Prince. Ich lasse es.

Ein anderer Anbieter klingt solider: Die „Shanghai Super Above Industry.“ Die bietet laut Alibaba auch gebrauchte Tanker an, Liegeort Shanghai, Preisspanne: 1,8 bis 2 Millionen Dollar. Zahlbar mit Visa, mit Handelsversicherung. Shanghai Super Above Industry Holdings scheint zwar auf Baumaschinen spezialisiert, bietet aber auch Schiffe an: „Chinesische Hohe Qualität Öltanker Schiff“ von „China Top Schiff Builder“. Geliefert wird per Seefracht, „seetüchtig verpackt“, logisch. Den aktuellen Preis soll ich von Winnie Wong bekommen, der Marketingdirektorin. Ich schreibe ihr. „Verkaufen Sie Öltanker? Was kosten sie? Können Sie Details schicken? Verchartern Sie auch?“

Ich warte auf die Antwort – und rechne. Die Tanker auf Alibaba, etwa die „Lombardia“ oder die „PAC Deneb“, sind keine VLCC, kosten dafür aber auch keine 40 Millionen Dollar. Einer der Tanker fasst 55.000 Tonnen. Ich rechne mal laienhaft: 7,3 Barrel sind eine Tonne. Das heißt, der Tanker packt 400.000 Barrel, macht bei 60 Dollar Profit pro Barrel 24 Millionen. Minus zwei Millionen für den Tanker, bleiben immer noch 22 Millionen. Reichlich Geld für Diesel, Crew, Pipeline und sonstige Kosten. Kleines Problem: Der Tanker liegt offenbar in Shanghai.

Keine zwölf Stunden später ist die Antwort da. Nervös öffne ich die Alibaba-Nachricht: Frau Wong schickt eine chinesische Mobilfunknummer und bittet um Kontaktaufnahme über WhatsApp. Ich frage sie erneut, ob sie die auf Alibaba aufgeführten Tanker verkaufe. Die Antwort fällt dann ernüchternd aus: „Nein, wir bauen ausschließlich neue Tanker,“ schreibt sie. Weitere Nachfragen scheinen ihr dann offensichtlich zu dumm. Oder bei ihr sind jetzt doch – nicht ganz unberechtigte – Zweifel an meiner Zahlungsfähigkeit in Sachen Supertanker gekommen.

Ziemlich ernüchtert lasse ich es erst mal. Ich werde es doch lieber mit Ölaktien versuchen. Rosneft sehen gut aus – und irgendwann wird der Ölpreis bestimmt steigen. Spätestens dann, wenn die Riesenpötte von Shell und Vitol ihre Millionen Barrel in Asien verkauft haben.

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