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DAB-Bank Hoffnung für geschädigte Accessio-Anleger

Erstmals könnte die DAB-Bank für Berater des insolventen Wertpapierhandelshauses Accessio, vormals Driver & Bengsch, haften. Für geschädigte Anleger steigt die Chance auf Schadensersatz.

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Beratung abgetreten - Die DAB-Bank könnte wegen Kooperation mit Accessio in Bedrängnis geraten Quelle: Pressebild

Beim Münchener Projektentwickler Dieter Hartung (Name geändert) brummt es. Schon einmal, 2006 und 2007, lief das Geschäft ähnlich gut. Pech, dass er 2006 seine Gewinne aus seiner Selbstständigkeit dem Wertpapierhandelshaus Driver & Bengsch (2009 in Accessio umbenannt) anvertraute. Angelockt hatten ihn hohe Tagesgeldzinsen. Damals zahlte Driver & Bengsch 4,5 Prozent aufs Tagesgeld. Hartung war zunächst vorsichtig und parkte nur einige Zehntausend Euro auf dem Tagesgeldkonto. 2007 empfahlen ihm die Berater von Driver & Bengsch, weiteres Geld in Anleihen und Genussscheine von kleinen Unternehmen zu investieren, darunter die Konservenfabrik Zachow und die Cargofresh AG. Nach und nach vertraute Hartung Driver & Bengsch insgesamt 550.000 Euro an. Ein schwerer Fehler, wie sich herausstellte.

Übersicht zu den insolventen Unternehmen, deren Wertpapiere Accessio vermittelt hat (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Viele Unternehmen, deren Papiere Driver & Bengsch empfahl, sind inzwischen insolvent. Die WirtschaftsWoche hatte bereits im Januar 2009 vor dem „Netz der Geldsauger“ gewarnt. Driver & Bengsch stand einem Netzwerk von kleinen und mittelständischen Unternehmen nahe, das über Personen, Beteiligungen und Geschäftsbeziehungen miteinander verknüpft war. Driver & Bengsch vermittelte vielen Anlegern, die ursprünglich nur ein risikoloses Tagesgeldkonto wollten, Genussscheine, Aktien und Anleihen dieser Unternehmen. Als einzelne Emittenten pleitegingen, zog ein Teil der betroffenen Anleger vor Gericht.

Das Landgericht Itzehoe verurteilte das inzwischen in Accessio umbenannte Wertpapierhandelshaus Ende 2009 unter anderem in zwei Fällen wegen Fehlberatung zu Schadensersatz (7 O 257/09, 137/09). Die Richter hatten moniert, dass das Wertpapierhandelshaus die Risiken der von ihr vermittelten Beteiligungen falsch dargestellt habe. Derzeit laufen die noch nicht vom Landgericht Itzehoe abgeschlossenen Verfahren über den Insolvenzverwalter von Accessio weiter.

Zahlungen kaum zu erwarten

Dass die Anleger Geld sehen, ist unwahrscheinlich. Denn seit Juli 2010 ist Accessio selbst pleite. Insolvenzverwalter Klaus Pannen aus Hamburg kann im Wesentlichen lediglich auf eine Million Euro aus einer Haftpflichtversicherung verweisen. Demgegenüber stehen 30 Millionen Euro, die Anleger mit etwa 300 Klagen eingefordert haben. „Wir versuchen, einen Großteil der Klagen über Vergleiche abzuwickeln“, sagt Pannen. Dafür habe er ein Team von Anwälten beschäftigt. Bei einem Verhältnis von einem Euro aus der Versicherung je 30 Euro Verlust haben Anleger aber nicht viel zu erwarten.

Deshalb halten sich die Geschädigten nun an die DAB-Bank. Diese verwaltete mehrere Zehntausend Depots von Accessio-Kunden. „Wenn ich nicht über einen Werbe-Flyer fürs Tagesgeld von Driver & Bengsch mit dem Logo der DAB-Bank aufmerksam geworden wäre, dann hätte ich mich nie auf diese Investments eingelassen“, sagt Hartung. Die Kooperation mit der DAB-Bank habe ihm signalisiert, es handele sich um ein seriöses Angebot.

Bisher waren die Klagen gegen die Münchner Direktbank jedoch wenig erfolgreich. Gerichte sahen es häufig nicht als erwiesen an, dass die DAB-Bank mehr als nur ein Dienstleister für Driver & Bengsch beziehungsweise Accessio war. In den Depot-Eröffnungsverträgen der DAB-Bank für Kunden von Driver & Bengsch stand: „Die DAB-Bank AG spricht weder Empfehlungen für den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren aus, noch bietet die Bank Beratungsleistungen.“ Demnach musste die DAB-Bank nicht für die Beratung der Anleger durch Accessio haften.

Mitarbeiter bestreiten Kooperation

Warum Kunden ihrem Banker misstrauen
Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Finanzanleger negativ beeinflusst. Zu diesem kommt die aktuelle Studie der Nürnberger Puls Marktforschung unter 1.000 deutschen Bankkunden. Deren deutliche Mehrheit ist inzwischen der Meinung, sich eigenständig über Geldanlagen informieren zu müssen. Quelle: dpa
74 Prozent der Befragten geben an, dass man bei reinem Vertrauen in den Berater ohne eigene zusätzliche Information „selbst Schuld“ bei Verlusten sei. Dies sehen speziell Männer, Ältere und Besserverdienende so. Quelle: dpa-tmn
Beratungsgespräch in einer Bank Quelle: Fotolia
Auch bei der Frage, welchen Informationsquellen die Bankkunden vertrauen, kommt die Studie zu einem ernüchterndem Ergebnis: Eigentlich keiner so richtig. Aber: „Die persönliche Beratung bei unabhängigen Stellen, wie etwa der Verbraucherberatung, werden von heutigen Kunden noch am ehesten als vertrauenswürdig angesehen,“ fasst Dr. Konrad Weßner, Puls-Geschäftsführer, zusammen. Quelle: picture-alliance
Gerade mal 17 Prozent der Befragten vertrauen dem persönlichen Berater, 15 Prozent unabhängigen Institutionen. Quelle: dpa
Die Weiten des Internets taugen bei der Mehrheit auch nicht für Anlagetipps, sondern als reine Informationsplattform wie etwa zu Aktienkursen. Quelle: dpa
Das Beratungsprotokoll findet bei Anlegern mehr Anklang als vermutet: 95 Prozent derjenigen, die ein Protokoll erhalten haben, lesen es durch. Die Hälfte von ihnen ausführlich, die anderen überfliegen es zumindest. Quelle: dpa

Die Prozesse endeten auch deshalb zugunsten der DAB-Bank, weil die Aussagen der Zeugen keine klaren Belege für die Zusammenarbeit von Bank und Wertpapierhandelshaus lieferten. „Viele Zeugen, zumeist ehemalige oder aktive Mitarbeiter der DAB-Bank, konnten sich vor Gericht nicht an eine enge Kooperation zwischen DAB und Driver & Bengsch erinnern“, sagt Paul Naacke, Anwalt in der Berliner Kanzlei Kälberer & Tittel. Jedoch auch ohne Aussagen von Zeugen ließe sich belegen, dass die DAB-Bank Beratungsleistungen quasi an Accessio ausgelagert habe, so Naacke.

Blatt hat sich gewendet

Inzwischen denken nicht nur Anleger-Anwälte so. In zwei Fällen verurteilte das Oberlandesgericht München die DAB-Bank im Zusammenhang mit geschädigten Accessio-Anlegern zu Schadensersatz. Im ersten Fall ging es um ein Anlegerpaar, dass je 10.000 Euro in Genussscheine von Driver & Bengsch sowie in Inhaberteilschuldverschreibungen der Cargofresh investiert hatte (5 U 3242/11). Laut Urteil soll die DAB-Bank dem Paar insgesamt 21.891 Euro plus Verzugszinsen zahlen. Im Gegenzug erhält die DAB die wertlosen Papiere. Noch allerdings ist das Urteil nicht rechtskräftig, da die DAB-Bank Revision vor dem Bundesgerichtshof einlegen kann, was die Münchner bereits angekündigt haben. Einen Kommentar zum Urteil lehnt die Direktbank mit Hinweis auf weitere laufende Gerichtsverfahren ab.

Die Richter stützen ihr Urteil darauf, dass die Dienstleistungen von DAB-Bank und Accessio rechtlich nicht zu trennen sind: „Die Zusammenarbeit zwischen Bank und Accessio AG stellt sich als Auslagerung derjenigen Aufklärungs- und Beratungsleistung dar, die – wie die Beklagte wusste – notwendigerweise der Erteilung eines Wertpapierauftrags vorgelagert war und vom Kunden erwartet wurde.“ Insofern hafte die DAB auch für die Beratung durch Accessio.

„So gründlich hat bisher kein Gericht die Geschäftsbeziehung zwischen Direktbank und Accessio durchleuchtet“, sagt Thorsten Krause, Anwalt bei KAP Rechtsanwälte München. Krause vertritt etwa 150 Anleger gegen die DAB-Bank, die sich zum Teil zu einer Klägergemeinschaft zusammengeschlossen haben. Er glaubt, das Münchner Urteil könnte nicht nur ehemaligen Accessio-Kunden helfen, sondern auch Anlegern, die bei anderen Kooperationspartnern der DAB-Bank investiert haben.

Bank und Broker vernetzt

Die Wahrheit über Bankberater
ZeitnotBeim Beratungsgespräch drängen viele Berater zur Eile. 61 Prozent der Gespräche dauern weniger als eine Stunde. Das ist knapp bemessen. Bei einer seriösen Beratung zur Anlagestrategie müssen Banker unter anderem Risikoneigung, Lebens- und Jobsituation, Steuerstrategie oder vorhandenen Immobilienbesitz ermitteln um daraus Empfehlungen für die Aufteilung des Depots abzuleiten. Die Ergebnisse stammen aus einer Umfrage des Privat Finance Instituts der EBS Business School unter mehr als tausend Bankberatern dauert jedes vierte Gespräch aber weniger als eine Dreiviertelstunde. Lesen Sie, wie frustriert die Berater sind und warum Provisionen bei der Beratung nach wie vor entscheidend sind. Quelle: AP
KundenstauDie Arbeitsleistung vieler Berater ist beachtlich. Jeder Banker führt im Schnitt 2,6 Gespräche pro Tag. Jeder fünfte Berater empfängt laut EBS Universität aber mehr als vier Kunden am Tag. Einige sogar mehr als zehn. Quelle: dpa
Nichts dazugelerntDie Banker haben offenbar keine Lehre aus der Finanzkrise gezogen. Nur zwölf Prozent gaben an, dass die Bemessungsgrundlage für einzelne Produkte und Dienstleistungen seitdem verändert wurde. In sieben Prozent der Fälle wurden Vertriebsvorgaben verringert. Für die  Masse der Berater (49 Prozent) haben sich die Vertriebsvorgaben nicht verändert. Bei mehr als jedem fünften Berater wurden die Vertriebsziele sogar erhöht. Quelle: dpa
Cash is KingDie meisten Banken steuern laut den Beratern ihren Vertriebe nach den Provisionserlösen, sagen 74 Prozent der Befragten und dem Volumen der verkauften Produkte (62 Prozent). Die Kundenzufriedenheit belegt abgeschlagen Platz neun (34 Prozent). Quelle: AP
Kunden zahlen die ZecheDie Kunden leiden unter dem Verkaufsdruck in den Instituten. Vier von zehn Beratern geben an, dass ihre Vertriebsvorgaben dem Kundeninteresse „häufig“ oder „fast immer“ widersprechen. Quelle: dpa
Berater unter DruckDie Kontrolle der Mitarbeiter ist in der Branche in den vergangenen jahren stark angestiegens. 74 Prozent der befragten Banker gaben an, dass die Vertriebsvorgaben bis auf den einzelnen Mitarbeiter runtergebrochen werden. Meistens gelten Jahresvorgaben. Wer nicht genügend vorgegeben Produkte verkauft oder Ertrag erwirtschaftet, steht als Berater häufig unter Rechtfertigungsdruck. 42 Prozent der Mitarbeiter gibt an, dass die Vorgesetzten Ranglisten führen. Quelle: dpa
HamsterradViele Berater fühlen sich überfordert. Jeder dritte Befragte gibt an, dass er seine Betriebsvorgaben nur schwer erreichen kann. 13 Prozent finden die Vorgaben „unrealistisch“. Zum Vergleich: Nur sieben Prozent der Banker erklärte, dass die Ziele gut erreichbar seinen. Quelle: dpa

Über den Inhalt von Verträgen lässt sich nur spekulieren. Es gibt aber weitere Hinweise, dass Accessio mehr als nur einer von vielen Kooperationspartnern war. So war die DAB-Bank von 2005 bis Juni 2007 mit der Revision bei Driver & Bengsch betraut. Zudem saß Robert Weiher, Bereichsleiter Vertrieb der DAB, bis Anfang 2008 im Aufsichtsrat von Driver & Bengsch. 2007 verließ Weiher die DAB-Bank, derzeit ist er Vertriebs-Chef bei der V-Bank. Weiher verweist darauf, dass er als Zeuge in Verfahren gegen die DAB aussagen müsse. Er lehne daher jede Stellungnahme ab.

DAB stellt sich ahnungslos

Dass die DAB-Bank nichts von den Unregelmäßigkeiten bei den von Accessio empfohlenen Unternehmen bemerkt haben will, ist für einige Anleger nicht nachvollziehbar. Schließlich beaufsichtigten vier leitende Angestellte der DAB-Bank im Verwaltungsrat bis 2008 den Fonds Adviser II, der in Anleihen und Genussscheine von Unternehmen investierte, die Accessio-Berater ihren Kunden empfohlen hatten.

Dass die DAB-Bank Einblick in die Anlagepolitik des Fonds Adviser II hatte, belegt ein 2007 veröffentlichter Prüfbericht der KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft. Den Prüfbericht hatte das Aufsichtsamt BaFin in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob Accessio die Verhaltensregeln des Wertpapierhandels- und Kreditwesengesetzes eingehalten hat. Dem Bericht zufolge, habe die DAB-Bank in ihrem für Accessio erstellten Compliance-Bericht für das dritte Quartal 2006 die Investmentpolitik des Fonds Adviser II moniert. So habe die Compliance-Stelle der Direktbank kritisiert, dass der Fonds in Aktien der Driver & Bengsch AG investiert hatte. Gerichte könnten daraus Interessenkonflikte ableiten. Die Position sollte daher abgebaut werden, riet seinerzeit die DAB-Bank.

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Auch Anleger Hartung hatte in den Fonds investiert und gab nach „enttäuschender Wertentwicklung“ Anteile verlustfrei zurück. Das Geld investierte er in Wertpapiere von mittelständischen Unternehmen aus dem Accessio-Netzwerk. Das nutzte ihm jedoch nichts: 2010 ging die Cargofresh AG in die Insolvenz. Hartung verlor durch die Pleite des Unternehmens etwa 45 000 Euro. Das Unternehmensgeflecht fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Eine Pleite folgte der nächsten. Schließlich war Accessio selbst insolvent.

Nun hofft der Münchner Unternehmer wie Tausende andere Anleger, dass das Urteil der Münchner Richter auch ihm verlorenes Geld zurückbringen wird. Ob sie tatsächlich Schadensersatz bekommen, ist derzeit noch völlig offen. Wenn die DAB-Bank tatsächlich in Revision ginge, müsste noch der BGH entscheiden.

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