Deutsches Fintech Website von Savedroid nicht mehr erreichbar

Ein Screenshot der Firmenwebsite von Savedroid, die derzeit nicht mehr erreichbar ist. Quelle: Screenshot

Wurde das deutsche Start-up Savedroid nach seinem ICO Opfer eines Hackerangriffs? Anleger fürchten, die Gründer könnten sich mit ihrem Geld aus dem Staub gemacht haben.

Aktualisierung: Dieser Artikel stammt vom Mittwoch, 18. April 2018. Seit Donnerstagmorgen ist die Savedroid-Website wieder online und Gründer Hankir hat sich mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit gewandt. Mehr dazu lesen Sie hier.

Es war eine der größten Finanzierungsrunden über ein Initial Coin Offering (ICO) in Deutschland. Das Frankfurter Start-up Savedroid, das bereits 2015 gegründet wurde, gab im März sechs Milliarden Tokens zum Preis von je einem Euro-Cent an Anleger aus, eine Art digitalen Gutschein. Mit verschiedenen Kryptowährungen konnten Anleger in die Tokens von Savedroid investieren. Insgesamt sollen mehr als 35.000 Anleger zugegriffen haben. Doch am Mittwochvormittag war die Seite von Savedroid nicht erreichbar. Lediglich ein Bild mit einer Zeichnung aus der TV-Serie „South Park“ erschien noch auf der Seite - mit dem Hinweis „And it’s gone“ – weg ist sie.

Ein Savedroid-Anleger, der sich per E-Mail bei der WirtschaftsWoche meldete, sagte, dass am Mittwoch auch in der offiziellen Supportgruppe in der Nachrichtenapp Telegram keine Rückmeldung von Vertretern des Start-ups zu bekommen sei. Telegram wird von vielen ICO-Start-ups als eine Art Investor-Relations-Kanal genutzt, um den Kontakt zu ihren Anlegern zu pflegen. „In der Gruppe ist Chaos ausgebrochen, seit die Website nicht mehr erreichbar ist“, sagte der Anleger der WirtschaftsWoche. Er habe nach dem ICO auch bislang keine Tokens in seiner digitalen Geldbörse erhalten. Überprüfen ließ sich das am Mittwoch für die WirtschaftsWoche nicht.

Wurde das deutsche Start-up Opfer eines Hackerangriffs? Oder hat sich das Gründerteam gar mit dem Geld der Investoren aus dem Staub gemacht? Ein Tweet aus dem Account von Gründer Yassin Hankir, der am Mittwoch um 12.30 Uhr erschien, sorgt für Unruhe in den sozialen Medien:

Beispiele für Betrugsfälle, bei denen vermeintliche Gründer nach einem ICO mit dem Geld der Anleger verschwinden, gibt es bereits zuhauf. Hankir war am Mittwoch auf seinem Mobiltelefon nicht zu erreichen.

Ein deutscher Fintech-Gründer, der das Savedroid-Team gut kennt, hat noch eine andere Interpretation der heutigen Ereignisse. „Vielleicht ist es ein PR-Stunt, wie der Aprilscherz von Tesla Gründer Elon Musk“, sagte er am Mittwoch der WirtschaftsWoche. „Das würde ich Yassin Hankir zutrauen, um Aufmerksamkeit für sein Projekt zu erzeugen. Aber nicht, dass er mit dem Geld der Anleger verschwindet.“

Gründer Hankir und sein Team gehören zu den deutschen Vorzeige-Fintechs. Savedroid war Teil des Deutsche-Börse-Fintech-Hubs in Frankfurt, erhielt unter anderem Finanzierung vom Wagniskapitalarm der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB). „Mit dem Unternehmen Savedroid ist alles in Ordnung“, sagte die ISB auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Heute habe man noch keinen Kontakt gehabt. „Aber wir haben keine Bedenken.“

Vor Kurzem war Savedroid in ein neues Büro umgezogen. Könnte der heutige Seitenausfall damit zu tun haben? Doch auch dann wäre es ungewöhnlich, dass besorgte Anleger in der Telegram-Gruppe keine Auskunft erhalten.

Auch Alfred Schorno von der Deutsche-Börse-Tochter 360T und Krypto-Experte Dennis Weidner sollen sich in einer aktuellen Finanzierungsrunde beteiligt haben, die bereits vor dem ICO 1,5 Millionen Euro für Savedroid einbrachte. Weidner war am Mittwochvormittag zunächst telefonisch nicht erreichbar. Am Nachmittag sagte er der WirtschaftsWoche, auch er habe keine aktuellen Informationen zur Lage bei Savedroid. Von 360T kam nach einer Anfrage der WirtschaftsWoche keine unmittelbare Rückmeldung vor Erscheinen des Artikels.

Die Tokens hatte Savedroid nicht nur für die Finanzierung der Expansionspläne ausgebeben. Ersten Schätzungen zufolge könnte das Start-up damit rund 40 Millionen Euro eingenommen haben. Eine gigantische Summe für den deutschen Fintech-Sektor, in den laut Zahlen des Beraters Barkow Consulting 2017 insgesamt 716 Millionen Euro flossen.

Die Tokens sollten auch Grundlage für eine neue Dienstleistung innerhalb der Spar-App von Savedroid werden: Sparen in verschiedensten Kryptowährungen mit kleinsten Beträgen. Noch ist es für unerfahrene Nutzer sehr komplex, sich eigene digitale Geldbörsen anzulegen, um dort Kryptowährungen zu halten. Savedroid wollte Kryptowährungen mit der neuen Sparfunktion massentauglicher machen. Im Herbst sollte diese Funktion in seiner App starten, bestätigte Savedroid-Gründer Hankir der WirtschaftsWoche noch vor einigen Tagen. Aktuell lief auch die Planung für eine Notierung der Savedroid-Tokens an fünf Krypto-Handelsbörsen.

Ob Savedroid nun Opfer eines Hackerangriffs wurde oder doch etwas anderes hinter dem Verschwinden der Inhalte auf der Website steckt – es ist in jedem Fall ein weiterer Rückschlag für den Ruf der jungen Krypto-Industrie. Oder tatsächlich ein grandioser PR-Stunt, der aber für großen Unmut bei den Anlegern sorgen dürfte.

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