WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Die Zahlenfrau
Quelle: REUTERS

Die Wahrheit beim Investieren liegt irgendwo zwischen Festgeld und Elon-Musk-Tweets

Bisher liegt das Geld der Deutschen meistens brach und wird kaum investiert. Aber damit ist jetzt Schluss. Und das ist gut – oder etwa nicht?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

„Die traditionelle Finanzbranche wird aus ihrem Dornröschenschlaf gerüttelt,“ titelte vor ein paar Wochen die “Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und was soll ich sagen: Ich bin begeistert! Wenn es nämlich ums Investieren geht, wird uns Deutschen ja nachgesagt, dass wir konservativ und risikoavers seien. Das Tagesgeldkonto ist unser liebster Freund, oder besser noch, Bargeld unterm Kopfkissen. Für mich, die ich mich beruflich tagtäglich mit Finanzthemen auseinandersetze, ein absoluter Graus. Besonders wenn ich mir anschaue, wie wenig Frauen hierzulande mit ihrem Geld anstellen. Unser Geld liegt brach. Aber damit ist anscheinend jetzt Schluss. Und das ist gut. Ist es das?

Der Krypto-Boom bewegt die Massen

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn sich ein Finanz Boom abzeichnet: Verstehen die Menschen wirklich, worin sie ihr Geld investieren? Ich mache dazu einen kurzen Abstecher in die 1990er und 2000er Jahre – erinnern Sie sich an den Boom sogenannter geschlossener Fonds? Einer Auswertung der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2013 zufolge beteiligten sich allein Kleinsparer mit fast 10 Milliarden Euro an diesen unternehmerischen Beteiligungen. Mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit verloren sie dabei Geld – und zwar richtig viel.

Für Kleinanleger waren die Verluste besonders hart, denn sie haben oft ihr gesamtes Erspartes investiert. Seit 2013 hat sich der Markt grundlegend verändert – er wurde reguliert. Ein Problem, das geschlossene Fonds mit sich gebracht hatten: Sie wirkten attraktiv auf Papier, aber Kleinanleger haben das Produkt in den meisten Fällen nicht verstanden.



Zurück im Jahr 2021 erleben wir nun einen Run auf Kryptowährungen. Die Frankfurter Börse war im Juni 2020 die erste, die ein Bitcoin-Wertpapier im regulierten Börsenhandel und mit zentraler Abwicklung anbot. Heute gibt es vier börsengehandelte Bitcoin-Papiere, drei auf Ethereum, eines auf Bitcoin Cash und eines auf Bitcoin. Besonders der Erfolg des „BTCetc - Bitcoin Exchange Traded Crypto“ sticht hervor, denn es hat im ersten Quartal dieses Jahres einen Handelsumsatz von 2,5 Milliarden Euro erzielt und damit mehr als jeder börsengehandelte Indexfonds (ETF) auf den Dax oder den MSCI World. Und damit stellt sich mir wieder einmal die Frage: Verstehen Privatanleger wirklich, in was sie ihr Geld investieren?

Finanz-Know-how muss zur Grundausbildung werden

„Vor allem junge Erwachsene scheinen sich für Kryptowährungen und die oft dahinterstehende Blockchain-Technologie zu interessieren. Keiner meiner Studenten interessiert sich noch für Aktien, die reden alle nur über Kryptowährungen“, zitierte die „FAZ“ Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance, im Dornröschenschlaf-Artikel. Anleger, und in diesem Fall vor allem junge, scheinen also traditionellen Wertpapierhandel mal wieder zu überspringen für vermeintlich lukrativere Anlagen. Lukrativ sind Kryptowährungen sicher, aber sie sind auch extrem volatil.

Dazu möchte ich an dieser Stelle Elon Musk ins Spiel bringen, der schon Auslöser mehrfacher Kursturbulenzen in der Kryptowelt war. Genauer gesagt schafft es der Tesla-Chef mit ziemlich simplen Tweets, die Kurse zu verändern – zuletzt wieder ins Negative, denn sein letzter Tweet - bestehend aus dem Hashtag „#Bitcoin“, einem Symbol für die Kryptowährung und einem zerbrochenen Herzen, kostete Bitcoin 35 Prozent im Mai und damit ihren ersten Monatsverlust seit mehr als zwei Jahren.

Genau zu dieser Thematik sprach ich die Tage auch mit Jenny Boldt, Head of Growth bei der Finanz-App wajve. Auf die Frage, was ihr beim aktuellen Run auf Krypto Sorgen bereite, sagte sie: „ Ich freue mich, dass sich immer mehr junge Menschen für Finanzprodukte interessieren. Wichtig beim Investieren ist aber, dass man nur in Produkte investiert, die man auch versteht, damit man einschätzen kann, wie hoch das Risiko ist und ob und wie viel Geld man investieren möchte. Genau deshalb brauchen wir endlich mehr und bessere Finanzbildung in Deutschland!



Damit sich Menschen jeden Alters und jeden Geschlechtes trauen, ihr Geld sinnvoll und entsprechend ihrer individuellen Zielsetzung anzulegen. Damit müssen wir bereits bei der Jugend beginnen. In einer kürzlich verabschiedeten Studie der Schufa hieß es „Jugendliche geben sich selbst nur noch die Note 3,3, was ihr Wissen rund um Finanzthemen angeht“. Trotzdem verwenden 15 Prozent laut der Studie Trading Apps - was mich an sich ja sehr freut, wenn sie denn wissen, was sie da tun.“

Wenn wir also davon ausgehen, dass vor allem junge Anleger ihr Geld in Krypto stecken, geht da mitunter viel Erspartes verloren. Und ich bin mir sehr sicher, dass viele junge Menschen in Krypto investieren, weil es aufregend ist, weil es cool ist – nicht aber, weil sie das Finanzkonstrukt und die Marktbewegungen dahinter wirklich verstehen. Denn das lernen wir nicht in der Schule.

Jenny ergänzt dazu: „Frühe Finanzbildung bringt viele positive und essentielle Effekte mit sich: Sie sorgt für mehr Sicherheit im Umgang mit Investitionen, für mehr Chancengleichheit und im Alter für weniger Vermögensungleichheit.“

Frauen, Finanzen und die Rolle der Influencerinnen

Wie stellen wir also sicher, dass junge Menschen – vor allem Mädchen und junge Frauen – sich das richtige Know-how für Finanzthemen aneignen können? Ein Weg, den ich auch immer mehr beobachte, ist der Weg über Influencer. Es gibt mittlerweile verschiedene klar auf Frauen und Finanzen fokussierte Netzwerke wie herMoney oder die Fondsfrauen. Aber auch Finanzinfluencerinnen wie „Madame Monneypenny“ oder „Frau Verhandelt“ setzen das Thema Geld auf die Agenda deutscher Frauen. Sie leisten Pionierarbeit und klären auf, sie unterstützen mit Tipps rund ums Investieren beziehungsweise sie bringen Frauen das Thema Geld auf ganz pragmatische Weise näher.

Besonders seit Anfang des Jahres sehe ich aber auch andere Influencerinnen das Thema Investieren aufgreifen und an breitere Massen tragen. So erzählt Diana zur Löwen ihren mittlerweile eine Million Followern auf Instagram, dass und wie sie ihr Geld investiert. Auch Unternehmerin Franziska von Hardenberg spricht über Investment-Themen auf Instagram. Damit erreichen die Influencerinnen eine breite Masse an Frauen und wecken deren Interesse an Geldanlage. Das scheint zu wirken!

Laut einer von J.P Morgan initiierten Studie legen immer mehr Frauen Geld an und investieren, und sie beschäftigen sich mit Finanzen, Rendite und Anlagestrategien. Eine Erkenntnis der Studie: Die Pandemie war für viele Frauen der Auslöser, sich mit Finanzen, Altersvorsorge und dem eigenen „Notgroschen“ zu beschäftigen. Hürden sind laut der Studie die Komplexität und Schwankungen des Kapitalmarktes – und damit auch Kontrollverlust.

Dennoch wollen noch mehr Frauen investieren. Und damit wären wir wieder bei der Frage: Wie können wir sicherstellen, dass junge Menschen, vor allem Frauen, sich das richtige Finanz-Know-how aneignen können, um ihr Geld smart anzulegen und nicht zum Fenster rauszuwerfen, nur weil sie einem Trend folgen, den sie aber eigentlich nicht verstehen.

Jenny Boldt hat 4 einfache Tipps, die wirklich jedem weiterhelfen:

1. Tipp: Definiere eine klare Zielsetzung für deine Anlage – was willst du wann erreichen?
2. Tipp: Überprüfe, ob deine Zielsetzung zu deiner individuellen Lebenssituation, deiner Risikoeinstellung und deiner finanziellen Planung passt.
3. Tipp: Investiere nur in Produkte, bei denen du die Funktionsweise und damit die Risiken nachvollziehen kannst – wenn du das Produkt nicht verstehst, weißt du auch nicht, welches Risiko du damit eingehst und kannst nicht abschätzen, ob es zu deiner Zielsetzung passt.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


4. Tipp: Achte auf Diversifikation – investiere breit gestreut über mehrere Anlageklassen hinweg in verschiedenen Branchen und vielleicht sogar unterschiedlichen Regionen. In dem du breiter „streust“, setzt du sprichwörtlich nicht alles auf eine Karte.

Und diese Tipps sieht sie für Frauen ebenso wie für Männer als sinnvoll. Und dem stimme ich voll und ganz zu.

Mehr zum Thema: Eine neue Studie zeigt: 61 Prozent der Deutschen würden ein Konto bei Händlern wie Amazon, Lidl oder dm eröffnen. Wozu brauchen wir dann noch eine Bank?

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%