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Digitales Bezahlen Warum Deutschland noch Bargeldland bleibt

Die Liebe zum Bargeld lässt in Deutschland nur langsam nach. Quelle: Imago

Obwohl viele Bürger mehr digitale Bezahlmöglichkeiten fordern, setzen sie sich nur langsam durch. Dabei kommt der Handel dem Wunsch nach bargeldlosen Alternativen entgegen. Warum ist Deutschland noch Bargeldland?

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Die Deutschen zahlen gerne bar. Ob am Kiosk, beim Bäcker oder Metzger: Insbesondere kleine Beträge werden fast immer mit barer Münze beglichen. Wer gerade kein Geld zur Hand hat, greift selbstverständlich zur Karte. Ist digitales Bezahlen allerdings nicht möglich, rufen Kunden nach mehr Digitalisierung. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Bitkom ärgern sich rund zwei Drittel der Bundesbürger, weil sie nicht überall bargeldlos bezahlen können. 62 Prozent sind sogar der Meinung, dass die Möglichkeit zur Kartenzahlung in Deutschland gesetzlich verpflichtend sein sollte. Dennoch erfolgen drei Viertel der Zahlungen im deutschen Einzelhandel mittels Bargeld, obwohl digitales Bezahlen in neun von zehn Geschäften möglich ist. Woran liegt es also, dass sich digitale Bezahlmethoden hierzulande verhältnismäßig langsam durchsetzen?

Kartenzahlung ist für Händler günstiger geworden

Auf den ersten Blick scheint es voran zu gehen: Der deutsche Einzelhandel verzeichnete 2018 erstmals einen höheren Umsatz durch Kartenzahlungen (48,6 Prozent), als durch Zahlungen mit Bargeld (48,3 Prozent). Das geht aus einer aktuellen Studie des Handelsforschungsinstituts EHI Retail hervor. Haupttreiber dieser Entwicklung war laut der Studie das Girocard-System der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), das alleine über 30 Prozent des Umsatzes ausmacht und für Händler durch eine Konditionenangleichung mit dem SEPA-Lastschriftverfahren deutlich günstiger geworden sei.

Die Gebühren, die Händler für bargeldloses Bezahlen tragen, variieren je nach Karte. Aktuell sind es laut Horst Rüter, Leiter des Forschungsbereichs Zahlungssysteme des EHI Retail Institute, durchschnittlich 0,185 Prozent vom Umsatz. Den genauen Prozentsatz verhandelten die Händler mit der DK. „Damit wurden die früheren Monopolgebühren von 0,3 Prozent des Umsatzes durch das Bundeskartellamt ausgehebelt“, sagt Rüter. Bei einem Einkauf von 50 Euro, der mit Karte bezahlt wird, muss ein Händler also derzeit im Schnitt rund neun Cent bezahlen - im Gegensatz zu 15 Cent im vorherigen Modell. Nach Berechnungen des EHI habe der Handel durch dieses Verhandlungsgebot im Jahr 2018 rund 175 Millionen Euro gegenüber der vorherigen Monopolsituation eingespart. Am meisten kosten den Einzelhandel Zahlungen mit Kreditkarte, die knapp sieben Prozent des Zahlungsvolumens ausmachen: Hier fallen Gebühren zwischen 0,9 und drei Prozent vom Umsatz an.

Für Kunden bedeuten die sinkenden Transaktionskosten auch, dass die ungeliebten Mindestbeträge für Kartenzahlungen immer seltener werden. "Bis vor einigen Jahren gab es eine Mindestgebühr von acht Cent für Girocard-Zahlungen, hinzu kamen fixe Abwicklungsentgelte von oft zehn Cent. So konnten gerade bei Produkten mit geringen Werten und festen Preisen wie zum Beispiel Briefmarken, Lotterie oder Presseerzeugnissen schnell Beträge zusammenkommen, die den Gewinn aufzehren", erklärt Ulrich Binnebößel, Geschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE) den Ursprung der Mindestbeträge.

Kundenverhalten ändert sich nur langsam

Doch auch wenn das Girocard-System für Händler nun erschwinglicher ist und Kartenzahlungen den größten Teil des Umsatzes im Einzelhandel ausmachen: Die Deutschen greifen an der Kasse lieber zum Bargeld. Laut der Studie wurden 2018 über 76 Prozent aller Einkäufe im Einzelhandel bar beglichen.

Das liege allerdings nicht an mangelnder Verfügbarkeit von digitalen Zahlungsmöglichkeiten, sondern an der recht langsamen Veränderung des Kundenverhaltens, sagt Binnebößel: „Insbesondere fallen Kleinstbetragszahlungen auf, die heute noch überwiegend in bar stattfinden. Dieses Verhalten ist noch fest verankert und löst sich erst langsam.“ Das zeigt auch eine Studie der Bundesbank zum Zahlungsverhalten in Deutschland im Jahr 2017. Laut dieser werden Beträge bis zu fünf Euro zu 96 Prozent bar bezahlt, Beträge bis zehn Euro zu 88 Prozent. „Je höher der Betrag ausfällt, desto häufiger wird mit Karte bezahlt. Daher ergibt sich die Diskrepanz zwischen dem Kartenzahlungsanteil am Umsatz und der Anzahl der Transaktionen“, fasst Binnebößel zusammen.

Keine Probleme für Kunden bei Barzahlung

Laut Rüter ist Kartenzahlung in rund 90 Prozent der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland möglich. Allerdings ziehen nicht alle Branchen mit: „Noch ist es an Kiosken, Büdchen und Trinkhallen schwierig, da die Pulle Bier oder Schachtel Zigaretten gerne noch mit klingender Münze bezahlt wird. Aber das ist ja auch okay – aus unserer Sicht sollte jeder so bezahlen, wie er möchte“, sagt der EHI-Experte. Aber auch viele Betriebe des handelsnahen Handwerks wie Metzgereien, Bäckereien oder Gastronomiebetriebe hätten „erhebliches Nachholpotenzial“.

Die Faustregel „Kleiner Betrag bar, großer mit Karte“ ist dafür allerdings nicht der einzige Grund. Binnebößel hält es für möglich, dass einzelnen Händlern bisher kein Bedarf signalisiert wurde, da Kunden nicht auf Kartenzahlung bestünden: „Deutschland ist nach wie vor Bargeldland und Barzahlung funktioniert überall problemlos. Kunden haben daher kein Problem, das mit Kartenzahlung gelöst wird“. Erst allmählich wachse die Zahl der Kunden, die Bargeld als lästig einstufe und Alternativen erwarte, so der HDE-Geschäftsführer.

Barzahlung ist für Händler günstiger

Mit der Einführung der kontaktlosen Girocard gäbe es allerdings auch in den bislang bargeldlastigen Branchen eine Ausweitung der Kartenakzeptanz, beobachtet Binnebößel: „Kunden erwarten zunehmend Kartenzahlung, daher sollten sich Händler mit der Kartenakzeptanz und insbesondere mit neuen Technologien in diesem Bereich befassen“.

Kartenzahlung habe sich zum „must-have“ entwickelt und jeder Händler sollte hier aktiv sein, so der HDE-Geschäftsführer. Laut Rüter rege das kontaktlose Bezahlen auch dazu an, kleinere Beträge mit Karte zu bezahlen: „Der frühere Geschwindigkeitsvorteil von Bargeld ist heute durch das kontaktlose Bezahlen nicht mehr gegeben“, sagt der EHI-Experte.

Welche Bezahlmethode für Händler die günstigste ist, lässt sich laut Binnebößel nicht pauschal sagen. Dabei käme es unter anderem auf die Zahlungsfrequenz an der Kasse sowie die durch Bargeld entstehenden Kosten, wie beispielsweise durch Wechselgeld oder Einzahlungen an. Betrachte man jedoch nur die Kosten einer einzelnen Transaktion, so sei Bargeld nach wie vor verhältnismäßig kostengünstiger als Kartenzahlung, erklärt der HDE-Geschäftsführer.

Das zeigt auch eine Studie der Bundesbank. Laut ihr sind insbesondere Barzahlungen bis 50 Euro günstiger, da die Fixkosten dabei niedriger seien. Der Studie zufolge kostet eine Barzahlung durchschnittlich 24 Cent gegenüber 33 Cent bei Zahlungen mit Girocard oder Lastschriftverfahren. Laut dem HDE-Geschäftsführer fließen die Kosten sowohl für Bargeldzahlungen als auch für Zahlungen mit Karte in die allgemeine Preiskalkulation des Handels mit ein. Barzahler kämen somit in gewisser Weise für die Kosten der Kartenzahlung auf und umgekehrt.

Für Binnebößel stellt sich die Frage, ob ein Händler statt Bargeld auf Kartenzahlung setzen sollte, nicht. Er sagt, Händler müssten beide Zahlungsarten anbieten: „Stand heute kann nicht auf Bargeld verzichtet werden, viele Kunden wollen weiterhin so bezahlen. Eine zunehmende Zahl an Kunden verlangt aber Kartenzahlung“.

Strukturelle Besonderheiten sorgen für schnelleren Umstieg im Ausland

Die Bezahllandschaft in Deutschland wird also zunehmend digital, der Ruf des Bargeldlands allerdings noch einige Zeit erhalten bleiben. Viele andere Länder, wie zum Beispiel Schweden, haben schneller auf Kartenzahlung umgestellt. Dort werden laut der schwedischen Zentralbank nur noch 15 Prozent des Zahlungsverkehrs in bar abgewickelt. Das liegt aber nicht nur am Zahlungsverhalten der Deutschen oder den noch bestehenden Mehrkosten für hiesige Unternehmen. Vor allem strukturelle Besonderheiten treiben im Ausland das bargeldlose Bezahlen voran: „In Schweden ist in Anbetracht des Verhältnisses von Fläche zu Einwohnerdichte die Bargeldversorgung der Bevölkerung über Geldausgabeautomaten und Bankfilialen viel schwieriger als hierzulande“, erklärt Rüter. Das fördere die Tendenz zur Digitalisierung.

Auch China und Indien waren wesentlich schneller bei der Einführung digitaler Zahlungsmethoden. Laut Rüter hatte das vor allem damit zu tun, dass es zuvor keine flächendeckende, gewachsene Struktur für unbares Bezahlen gab. Dabei sei die Abschaffung bestimmter Banknoten in Indien zwischenzeitlich für manche Leute zu einem existenziellen Problem geworden. Rüter: „Wir machen das hier zum Glück nicht mit der Brechstange, sondern marktwirtschaftlich. Das ist zwar etwas langsamer, aber dafür freiwillig.“

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