WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

DWS-Fondsmanager „Die Türkei ist nicht nur Döner“

Die Ausschreitungen in der Türkei erschüttern nicht nur das Land, sondern auch die Börse. DWS-Fondsmanager Sebastian Kahlfeld über das Risiko, das von Erdogan ausgeht. Und warum es sich trotzdem lohnt, zu investieren.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Sebastian Kahlfeld ist Fondsmanager der DWS.

Düsseldorf Handelsblatt: Herr Kahlfeld, der türkische Aktienmarkt blieb von den gewaltvollen Protesten nicht ungerührt. Gestern fiel der Leitindex erneut, und das um mehr als fünf Prozent. Droht dem Aktienmarkt ein nachhaltiger Kurssturz?
Sebastian Kahlfeld: Ich denke, das politische Risiko ist im Markt eingepreist, jedenfalls solange sich die Lage nicht verschärft. 

 

Aber dass die Kurse derart schnell fallen würden, damit konnte niemand rechnen.
Das war in gewisser Weise ein Einbruch auf Raten. Eigentlich waren es zwei Abstürze: Zunächst sorgten die uneindeutigen Aussagen der Fed zur Geldpolitik für einen ersten Rücksetzer, dann kam die politische Situation hinzu – und die Kurse fielen um weitere 10 bis 15 Prozent.

 

Bedeutet die Lage in der Türkei, so prekär sie auch sein mag, mit niedrigen Kursen eine Einstiegschance?
Wir sind Langfristinvestoren und haben eine entsprechende Perspektive. Es ist immer schwer auf kurzfristige Entwicklungen zu wetten, das ist reine Spekulation und nichts anderes.

  

Was sind die Risiken?
Nach meiner Auffassung hängt die Situation zu großen Teilen von Premier Erdogan ab, der mit seiner Rhetorik die Sachlage bestimmt. Dass sich dies so entwickeln würde, hätte vor einem Monat niemand gedacht – und ist insofern verwunderlich, als dass Erdogan in der Vergangenheit mehr und mehr an Zustimmung gewonnen hat. In seiner mehr als zehnjährigen Amtszeit hat das Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der viele, die jetzt gegen ihn auf der Straße protestieren, erst zu Wohlstand geführt hat. 

 

Was spricht für die Türkei aus Anlegersicht?
Ganz einfach: Die Wirtschaft brummt, das BIP hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verdreifacht. In diesem Jahr ist von einem Wachstum zwischen drei und vier Prozent auszugehen. Radikale Schnitte sind nicht zu erwarten. Und die Abschwächung der Lira führt dazu, dass die Exporte nochmal attraktiver werden. Hinzu kommen die niedrigen Zinsen und die geringen Schulden. Alles in allem ist es eine Erfolgsstory – und das mehr oder weniger direkt vor unserer Haustür. Dafür wird das Land jedoch nach wie vor zu wenig beachtet. 

 


„Wir kaufen im Finanzsektor“

Woran liegt das?
Es gibt immer noch zu viele Stereotypen im Markt, die die tatsächliche wirtschaftliche Leistungsstärke verkennen. Man glaubt gar nicht, wie viele Produkte aus der Türkei kommen, mal abgesehen von Döner Kebab, um es mal flapsig zu formulieren, die wir in Deutschland tagtäglich nutzen. Vielleicht nicht im Hochtechnologiebereich, aber eine ganze Reihe von Gebrauchsutensilien und -elektronik, Waschmaschinen, Automobile etwa. 

 

Was gibt es für Investment-Alternativen?
Wenn Sie mich fragen, in den Emerging Markets des EMEA-Raums (Europa, Naher Osten und Afrika, Anm. d. Redaktion) kaum. In Tschechien ist die Regierung gestürzt worden. Ungarn erhöht unter Orbán die Steuern. Russland ist seit Jahren überaus günstig bewertet, es fehlt aber der Reformeifer. In Ägypten ist die Situation seit dem Arabischen Frühling instabil, und in Südafrika sieht es, bis aufs Wetter, ebenfalls nicht besonders sonnig aus. Im Vergleich dazu befindet sich die Türkei immer noch in einer guten Position. 

 

Also alles wie gehabt. Haben Sie denn ihr Portfolio im Zuge der Ausschreitungen angepasst?
Bedingt. Wir haben unsere begonnene Umschichtung fortgesetzt, das heißt, wir haben Positionen im Finanzsektor abgebaut, weil dieser sehr stark vom Zinsniveau abhängig ist. Und mit steigenden Renditen im amerikanischen Raum gehen steigende Renditen in der Türkei einher, und die sind ein natürlicher Feind der hiesigen Banken. Das frei gewordene Geld haben wir in Infrastrukturunternehmen und Konsumwerte gesteckt. 

 

Gibt es Einzelwerte in ihrem Fonds, die sich trotz der gegenwärtigen Krisenlage positiv entwickeln?
Oh ja! Wir haben gerade im Konsumsegment einige Werte, die sich trotz der Krise sehr positiv entwickeln. Trotzdem dürfte die politische Lage, zumindest kurzfristig, negative Auswirkungen haben, das sieht man aktuell in der Tourismusbranche, die, vor allem in Istanbul. Dort werden weniger Reservierungen verbucht. 

 

Und wie steht’s um türkische Anleihen?
Das Zinsniveau in der Türkei ist historisch betrachtet nach wie vor äußerst niedrig, selbst wenn es um einen Prozentpunkt nach oben geht. Dies würde dem wirtschaftlichen Aufschwung keinen Abbruch tun. Dazu müssten die Zinsen deutlich stärker steigen, was natürlich passieren kann, wenn sich das politische Klima weiter aufheizt oder das Geld in den USA nicht mehr so locker sitzt. Aber davon gehen wir kurzfristig nicht aus. 

 

Herr Kahlfeld, vielen Dank für das Interview.

 

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%