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Elsässers Auslese

Bankaktien – die Ampeln springen auf rot

Markus Elsässer Value Investor

Gehen die Banken in den nächsten Jahren in die Knie? Hinter den Kulissen sieht es nicht gut aus. Ein Abgesang auf eine einst herausragende Branche. Eine Kolumne.

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Die technologischen Neuerungen auf dem Markt stellen eine Bedrohung für die Großbanken dar, meint Kolumnist Markus Elsässer. Quelle: REUTERS

Von 1975 bis 1977 habe ich voller Stolz eine Banklehre in Köln absolviert. Dabei habe ich für meinen späteren Beruf als Value Investor dort mehr gelernt, als an der Universität im Studium samt Promotion. Die Ausbildung bei den deutschen Banken war fantastisch. Heute tut es mir in der Seele weh, wenn ich sehe, was aus unseren Banken geworden ist.

Werfen wir einen Blick weiter zurück: Die drei Großbanken, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank im Verbund mit den Sparkassen- und Genossenschaftsorganisationen haben wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Eigenkapital der Bevölkerung und der Industrie war zerstört. Mit umfangreichen Kreditfinanzierungen griffen sie jahrzehntelang Unternehmern unter die Arme. Nur so konnte nach und nach die Eigenkapitalbasis in Deutschland wieder aufgebaut werden. Darüber hinaus engagierten sich die Leiter der Banken in den Aufsichtsräten der Industrie. Ihr branchenübergreifendes Wissen und ihre Personalkontakte waren von großer Wichtigkeit.

Zur Person

Sie agierten nicht einfach als Financiers, sondern zugleich auch als Mentoren, Unternehmensberater und Headhunter in einem bei den Unternehmen im Mittelstand und Großindustrie.

Bankmanager wie Herman Josef Abs von der Deutschen Bank, Jürgen Ponto von der Dresdner Bank, „Paulchen“ Lichtenberg von der Commerzbank sind hier als tonangebende Persönlichkeiten der ersten Stunden zu erwähnen. Sie prägten eine ganze Generation nachfolgender Führungspersönlichkeiten in ihren Banken. Auf der regionalen Ebene operierten die Leiter der Großfilialen, den sogenannten Kopfstellen, mit weitgehender Autonomie. Sie konnten ihre genaue Kenntnis der persönlichen Verhältnisse der Unternehmerfamilien in das Bankgeschäft mit einfließen lassen. Chef der Dresdner Bank in Münster, Ulm oder Lübeck zu sein, war ein toller Job, eine autonome und hoch angesehene Position. Unter dem Gesichtspunkt täglicher Berufszufriedenheit war das sicher viel besser als in den Vorstand nach Frankfurt befördert zu werden.

Welche Zahlungsmittel Europäer bevorzugen
Das Geschäft mit dem Versenden von Geld über Smartphone-Apps lockt jetzt auch etablierte Banken an. Die Deutsche Kreditbank (DKB) kooperiert dafür mit dem Startup Cringle. Pro Monat kann ein Nutzer bis zu 100 Euro über die Cringle-App verschicken, abgewickelt wird die Zahlung per Lastschrift von der DKB. Pro Transaktion werden 20 Cent fällig, zum Start wurde die Gebühr auf 10 Cent gekappt. Das neue Angebot trifft bereits auf Wettbewerb im Markt. So bietet der Online-Bezahldienst PayPal seit Juli das Versenden von Geld über seine Smartphone-App in Deutschland an. Für Kunden, die ihren PayPal-Account mit einem deutschen Bankkonto verknüpft haben, ist das Angebot kostenlos, bei Kreditkarten wird eine Gebühr fällig. In vielen europäischen Ländern tun sich moderne Bezahlsysteme jedoch noch so schwer... Quelle: dpa
ÖsterreichOhne Bargeld geht in Österreich gar nichts. 86 Prozent bezahlen an der Kasse in bar, 12 Prozent mit EC-Karte. Eine Kreditkarte kommt nur in einem Prozent der Fälle zum Einsatz. Auf sonstige Alternativen wie Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug oder Ähnliches entfällt insgesamt nochmal ein Prozent. Quelle: Deutsche Bundesbank; Europäische Kommission; Deloitte (Stand: 2014) Quelle: dpa
PolenIn Polen werden 80 Prozent der Bezahlvorgänge an der Kasse bar beglichen. Eine EC-Karte nutzen –ähnlich wie in Österreich – 13 Prozent der Bevölkerung. Immerhin werden auch drei Prozent der Bezahlvorgänge durch Kreditkarten abgewickelt. Auf die alternativen Zahlungsmittel entfallen vier Prozent. Quelle: dpa
DeutschlandAuch die Deutschen haben ihr Geld beim bezahlen lieber in fester Form in der Hand – in 79 Prozent der Fälle wird bar bezahlt. Zwölf Prozent der Käufe werden mit der EC-Karte beglichen, weitere sechs Prozent per mit Lastschrifteinzug, Scheck und anderen alternativen Zahlungsmethoden. Quelle: dpa
ItalienZwar ist Bargeld mit 69 Prozent noch immer das beliebteste Zahlungsmittel in Italien, aber auf Platz zwei kommen auch schon alternative Zahlungsmittel mit 17 Prozent. So sind Schecks, Kundenkarten, PayPal und andere Alternativen zusammen genommen bei den Italienern beliebter als die EC-Karte mit neun Prozent und die Kreditkarte mit sechs Prozent. Quelle: dpa
Sagrada Familia Quelle: AP
London Tower Bridge Quelle: dpa

Wertpapierprofis in fast jeder Filiale

Die Großbanken in Deutschland boten dem Kunden einen echten Service rund ums Geld und Kapital. Fast in jeder Filiale gab es einen Wertpapierberater beziehungsweise eine Wertpapierabteilung. Diese Leute waren wirkliche Profis und hatten langjährige Erfahrung in ihrem Metier. Sie durften ihre eigenen Ansichten über die verschiedenen Aktien vertreten.

Ich erinnere mich gut, wie wichtig meiner Großmutter als „lebenslänglicher“ Kundin der Deutschen Bank in Karlsruhe ihr Wertpapierberater war. Man saß regelmäßig, auch ganz spontan, in der Kassenhalle zusammen und stritt sich intensiv darüber, ob es zum Beispiel an der Zeit war, bei der Rheinelektra AG auszusteigen und ob man bei KSB-Pumpen einsteigen sollte. Ja, bundesweit wurde ein individueller Service auf hohem Fachniveau geboten. Und zwar ohne „Private Wealth“ Abteilungen oder Vermögensverwaltungsverträge. Man war Bankkunde mit Konten, gegebenenfalls Krediten und Aktiendepots, etc. Das genügte.

Und warum gibt es das heute nicht mehr? „Ja, das rechnet sich alles nicht mehr“, bekomme ich immer wieder zu hören. Doch das Argument hinkt. Denn wie sah es damals mit den Aktionären und dem Geschäft der Banken aus? Schauen Sie sich mal die alten Bilanzen an. Die Banken florierten, sie konnten das Filialnetz aufbauen, machten Jahr für Jahr Gewinne und zahlten den Aktionären regelmäßig Dividenden. Die Bankaktien waren eine gute Geldanlage. Das ist doch erstaunlich.

Wohlstandsgesellschaft war nie vermögender

Seitdem hat sich die Ausgangslage noch verbessert: Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist dank permanenter Zuwanderung und Wiedervereinigung stark gestiegen. Es gibt also mehr Kunden als zuvor. Durch den Wohlstand ist die Bevölkerung so vermögend wie noch nie zuvor. Beim Thema Kapitalanlagen gibt es einen riesigen Beratungsbedarf. 

Bei einer solch guten Ausgangslage muss man sich fragen: Was ist da eigentlich schief gelaufen? 

Der Banker und die Weltfinanz

In den Neunziger Jahren nahm ein unsäglicher Trend seinen Anfang. Der Banker wurde geboren. Die Vorstände schielten nach New York und London. Sie wollten mit der Weltfinanzelite aufschließen. Besonders gefielen den Topmanagern die Bonus-Bezahlungssysteme. Die Gehalts-Geldgier nahm ihren Anfang. Banken waren mit der alten Rolle eines Dienstleisters für den braven Kunden nicht mehr zufrieden.

Die Köpfe des Aufsichtsrates
Foto von Frank Bsirske Quelle: dpa
Henning Kagermann Quelle: dpa
Johannes Teyssen Quelle: dapd
John Cryan Quelle: dpa
Katherine Garrett-Cox Quelle: REUTERS
Paul Achleitner Quelle: dapd
Peter Löscher Quelle: dapd

Der Bankangestellte mutierte zum Finanzmanager, der mehr aus dem „ Laden“ für sich heraus holen wollte. Die Chance, in kurzer Zeit als Top-Banker doch Multimillionär zu werden, war so verlockend, dass die Bankkultur samt Kundeninteressen über den Haufen geworfen wurde. Verheerend war der Schulterschluss von den Bank-Aufsichtsräten mit den Bankvorständen. Es war keiner da, der den fatalen Rollenwechsel untersagt hätte.

Das passierte natürlich nicht alles von heut auf morgen. Nach außen wird es bis heute anders verpackt und mit Hinweis auf die Zwänge der internationalen Finanzwelt begründet.  Es ist nun aber mal so, dass die meisten Katastrophen und Fehlentwicklungen ganz simpel zu erklären sind. Der Kern des Übels liegt häufig in charakterlichen Defiziten oder Fehlentscheidungen einiger weniger, verantwortlicher Personen.

Auf einen Blick: Probleme bei der Deutschen Bank

Und wozu hat das Ganze geführt? Wo stehen wir heute im Großbankensystem?

Aberwitzige Summen werden von Banken für Rechtsstreitigkeiten und Anwälte ausgegeben. Die Mitarbeiter sind verunsichert. Statt Kontinuität in der Geschäftsstrategie und Führung wird die Kundschaft mit ständigen Wechseln erschreckt. Die individuelle Beratung breiter Bevölkerungskreise mit einem Vermögen von bis zu Euro 100.000 Euro - sie ist dahin. Echte Wertpapierfachleute für Durchschnittskunden gibt es kaum noch. Das Börsen Know-how bei den Bankberatern nimmt ab. Aus treusorgenden Bankangestellten sind per „Order di Mufti“ Verkäufer von vorgegebenen Finanzprodukten geworden.

Aufgeblähte Bilanzen statt Kundengeschäft

Typische Anzeichen des aktuellen Szenarios in der Großbankenszene: Aufgeblähte Geschäftsvolumina, Bilanzen, die kein Aktionär mehr durchblicken kann, statt Kundengeschäft, riskante Eigengeschäfte im spekulativen Bereich. Aus einstigen Substanzriesen mit Immobilienbesitz im allerbesten Lagen sind kostenlastige Zentral-Organisationen mit überteuerten Büromieten geworden. Der Typ des überbezahlten Mitarbeiters mit wenig Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber ist keine Seltenheit und symptomatisch für den Werteverfall.

Was heißt das nun für den Geldanleger? Als Value-Investor versuche ich vor einer Investitionsentscheidung immer zwei Fragen zu beantworten:

  1. Wo liegen die Wurzeln der Branche, wie ist der Status Quo und wo geht die Reise in den nächsten zehn bis 15 Jahren wohl hin?

  2. Hat die Branche überhaupt eine echte Existenzberechtigung? Liefert sie ein Produkt oder eine Dienstleistung, die wirklich gebraucht wird?

Und da mache ich mir bei den Aktien der Großbanken doch einige Sorgen. Der Verlust an Kundenorientierung wiegt schwer. Und auch die mangelnde Bereitschaft, die Organisations-Strukturen an die Bedürfnisse des Kern-Kundengeschäftes anzupassen, verheißt nichts Gutes.

 

Technologische Neuerungen bedrohen Großbanken

Weiterhin: Wenn ich an die Geschwindigkeit denke, mit der bahnbrechende technologische Neuerungen auf den Markt kommen, wird mir ganz schwarz vor Augen. Vieles steckt da noch in den Kinderschuhen, aber die Zeichen sind an der Wand zu erkennen. Hierzu nur einige Beispiele für die Bedrohung der Großbanken:

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

  1. Börsengänge, also Eigenkapitalbeschaffung für Unternehmen, an den Banken vorbei via Internet und Cloud-Financing.

  2. Statt Zweigstellen und Filialbetrieben fungiert das Smartphone als die Bankstelle der Zukunft.

  3. Preis- und Zinstransparenz bis auf die Knochen durch Internetanbieter bei Hypothekendarlehen.

  4. Börsentransaktionen online direkt zwischen Börsen und Geldanlegern, zu Minigebühren.

  5. Kreditvermittlung direkt über digitale Abwicklungsplattformen.

Den Unterschied zwischen überholter Bankstruktur und modernem, sicheren Finanzgeschäft kann man gut erkennen, wenn man als Investor beispielsweise die Entwicklung derAktien von Deutscher Bank und der HSBC mit der der Mastercard-Organisation vergleicht:

  1. Zu Anfang 2011 stand die Aktie der Deutschen Bank bei 39 Euro, heute bei 24 Euro.

  2. Zu Anfang 2011 notiert HSBC in London bei 6,80 Pfund. Heute bei 5,20 Pfund.

  3. Mastercard stand zu Anfang 2011 bei 23 Dollar und ist seitdem konstant auf beachtliche 98 Dollar gestiegen!

Gott sei Dank gibt es in der Welt der Finanzen immer noch einige eher kleinere Bankinstitute, die sich spezialisiert haben, über echtes Mitarbeiter-Know-how verfügen und dem Kunden einen echten Mehrwert offerieren. Leider sind diese Institute meist privat gehalten.

Geldanlage



Für mich als Investor steht fest: Bei Großbanken vermisse ich den „Value“. Am weiten Horizont sehe ich eine existenziell bedrohte Branche. Ich bin mir nicht sicher, ob es „Großbanken“, wie wir sie kennen, in zehn Jahren überhaupt noch geben wird.

Dr. Markus Elsässer ist Gründer und berät den ME Fonds- Special Values (WKN: 663307) und den Rohstoff-Aktienfonds ME Fonds Pergamon (WKN: 593117). Diese beiden Fonds könnten Positionen in Titeln halten, die in dieser Kolumne genannt sind.

Für den Fall, dass Leser dieser Kolumne Positionen eines genannten Titels in einem Umfang erwerben, der dazu geeignet ist, den Preis des Titels zu beeinflussen, könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide die Fonds im Falle der Veräußerung des Titels aus deren Portfolio nach einem solchen Kursanstieg vom Erwerb des Titels durch die Leser der Kolumne profitieren. Auch im Falle eines Verkaufs in einem entsprechenden Umfang durch Leser der Kolumne könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide Fonds von fallenden Kursen durch günstigere Einstiegskurse im Falle eines späteren Kursanstiegs profitieren.

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