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Gefährliche Renditen bei Bundesanleihen

Unser Kolumnist, der lange Zeit sinkende Renditen und steigende Kurse für Bundesanleihen richtig vorhergesagt hat, wird vorsichtiger. Den Kauf deutscher Staatsanleihen würde er nach den Beschlüssen des Brüsselers Gipfels, die Krisenstaaten wieder billiges Geld beschaffen, erst auf einem höheren Renditeniveau wieder erwägen.

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Entwicklung der Staatanleihen in der Schuldenkrise
Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe seit Januar 2010 Quelle: Bloomberg
Bundesanleihen USA Quelle: Bloomberg
Staatsanleihen Griechenland Quelle: Bloomberg
Bundesanleihen Portugal Quelle: Bloomberg
Bundesanleihen Irland Quelle: Bloomberg
Bundesanleihen Italien Quelle: Bloomberg
Bundesanleihen Spanien Quelle: Bloomberg

Man kann das Bundesverdienstkreuz dafür verliehen bekommen, jahrzehntelang den Lebensraum der Bachstelze in der südlichen Wetterau vor Zerstörung bewahrt zu haben. Oder für ein "kompromissloses Bekenntnis zu gesellschaftspolitischer Verantwortung". So wie Marius Müller-Westernhagen. Dem heftete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 höchstselbst den Orden an die Brust - am Bande, versteht sich! Westernhagen mache sich für Integration und Toleranz stark, so hieß es damals in der Begründung für die Verleihung des höchsten deutschen Ordens.

Ein famoses Beispiel für Westernhagens Liebe zu Integration und Toleranz verkörpert der Text seines Erfolgshits "Dicke". Darin heißt es unter anderem: "Dicke haben schrecklich dicke Beine. Dicke haben 'n Doppelkinn. Dicke schwitzen wie die Schweine, stopfen, fressen in sich rinn." Wer diese Zeilen liest, den springen die Schlagworte Integration und Toleranz geradezu an.

Kummer gewohnt

Doch Dicke sind Kummer gewohnt. Es machen sich nicht nur Verdienstkreuz behangene Barden über Sie lustig, sondern auch Vertreter jener Spezies, die eigentlich für das seelische Heil ihrer Schutzbefohlenen Verantwortung tragen. So mancher "Pädagoge" empfindet es als besonderen Ausweis seines Humors, adipöse Kinder im Sportunterricht vor versammelter Klasse bloß zu stellen. So wie einer der Sportlehrer meiner Kindertage, der mich den Hürdenlauf auf einer separaten Bahn üben ließ - dort hatte er zuvor die Hindernisse auf den Kopf gestellt, so dass selbst eine fußkranke Maus sie problemlos hätte überwinden können.

Ein einziger Gedanke tröstet mich noch heute über jene schwere Demütigung hinweg: Der Sportlehrer wird noch viele Jahre in seiner muffigen Turnhalle verbracht haben, während ich das Glück hatte, mit meinem adipösen Körper durch die Weltgeschichte gondeln zu dürfen.

Hürden abgesenkt

Vielleicht tue ich jenem Sportlehrer aber auch Unrecht - vielleicht wollte er mir nur etwas Gutes tun. Denn manchmal müssen Hürden einfach abgesenkt werden, damit sie auch von Schwächeren überwunden werden können. Das scheint auch das Credo der Staats- und Regierungschefs gewesen zu sein, die sich am vergangenen Donnerstag und Freitag zu einem weiteren Krisengipfel im malerischen Brüssel trafen. Das Ei des Kolumbus, das sie in der Nacht von Donnerstag auf Freitag legten, besteht - vereinfacht gesprochen - aus einem Absenken der Hürden, die es bislang für finanzschwache Staaten zu überwinden galt, wollten sie finanzielle Hilfen der europäischen Partner in Anspruch nehmen.

Bemerkenswert an der Entscheidung, die Vergabe von finanziellen Hilfen künftig nicht mehr an strenge Sparprogramme zu knüpfen, die von der mittlerweile wohl berühmtesten Troika der Weltgeschichte aus Europäischer Zentralbank (EZB), Europäischer Union (EU) und Internationalem Währungsfonds (IWF) überwacht werden, ist, dass in Europa augenscheinlich mit zweierlei Maß gemessen wird. Während die Griechen, Iren und Portugiesen unter der Last der ihnen aufgebürdeten Sparprogramme ächzen, sollen Spanier und Italiener davon weitestgehend verschont bleiben.

Euro und Dax zogen stark an

Die Flaggen der Mitgliedsländer der Europäischen Union wehen vor dem Europa-Parlament in Straßburg Quelle: dpa

Es wird wohl nicht lange dauern, bis auch die Länder, die bereits unter strengen Sparauflagen Kredite erhalten haben, auf eine Nachbesserung pochen werden. Dass notleidende Banken der Euro-Zone künftig direkt Mittel des neu zu errichtenden Hilfsmechanismus beziehen dürfen, stellt ebenfalls einen erheblichen, konzeptionellen Wandel dar, von dem in der Beschlussvorlage des Deutschen Bundestages zur Abstimmung über den Beitritt zum Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) kein Wort gestanden haben dürfte.

Kursfeuerwerk

An den Märkten entfachten die Brüsseler Beschlüsse zum Wochenschluss ein beeindruckendes Kursfeuerwerk. Anleihen der Peripherie verteuerten sich um 50 bis 100 Basispunkte. Insbesondere die Entscheidung, Kredite des ESM nicht vorrangig gegenüber Krediten anderer Geldgeber zu behandeln, stieß am Markt auf Erleichterung. Dass der ESM zukünftig die Märkte der Peripherie durch den Ankauf von Staatsanleihen im Primär- wie im Sekundärgeschäft unterstützen kann, tat ein Übriges. Der Dax gewann am vergangenen Freitag 267 Zähler auf 6.416 Punkte und der Euro - eigentlich schon abgebogen, um Kurs auf die 1,20 zum Dollar zu nehmen, zog deutlich an. Bundesanleihen hingegen verloren und setzten damit ihre nun schon einige Wochen andauernde Konsolidierung fort.

Zinswende schon da?

Wobei man sich die Frage stellen muss, ob es sich wirklich noch um eine Konsolidierung oder bereits um die schon so oft vergeblich heraufbeschworene Zinswende handelt.

Wie regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, war ich sehr lange Zeit davon überzeugt, dass die Renditen von Anleihen des Bundes deutlich sinken werden. Diese Tendenz war soweit richtig - einzig das sicher sehr aggressiv gewählte Ziel einer Rendite von einem Prozent im Zehnjahressegment wurde mit 1,127 Prozent knapp verfehlt.

Welche Faktoren sprechen nun für dauerhaft niedrige, vielleicht sogar weiter fallende Zinsen, welche für das Gegenteil? Dafür, dass die Zinsen für Bundesanleihen weiterhin niedrig bleiben könnten, spricht zunächst einmal die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Bald, vielleicht sogar schon in dieser Woche, dürfte die den Leitzins erneut senken, und mancher Volkswirt rechnet sogar damit, die Notenbank könne weitere Tendergeschäfte mit mehrjähriger Laufzeit anbieten - solcherlei preisgünstige Liquidität hatte die Märkte bereits Ende des vergangenen Jahres beflügelt.

Sparer weiter  in Sorge

Dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in Europa einzutrüben beginnt, könnte der EZB dabei als gediegenes Argument dafür dienen, die geldpolitischen Zügel (noch mehr) zu lockern (während die Inflationsrate im Euro-Raum wohl kaum dazu geeignet wäre). Angesichts der weiterhin fragilen Lage in einigen südeuropäischen Ländern dürfte auch die Karawane all derer, die ihr Vermögen in Deutschland in Sicherheit bringen wollen, so schnell nicht abreißen.

Auch wenn die Furcht vor einem Austritt verschiedener Länder aus der Euro-Zone in den vergangenen Tagen etwas abgenommen hat, bleiben viele Sparer in Sorge. Etwas in den Hintergrund getreten zu sein, scheint dagegen die Spekulation, Deutschland könne unter Umständen aus dem Euro austreten. Das Einlenken der Bundeskanzlerin in Sachen ESM-Kompetenzen zeigt deutlich, dass die Regierung ein solches Szenario überhaupt nicht erwägt (Die Opposition übrigens erst recht nicht).

Dämpfer für Bond-Bullen

Merkel auf dem EU-Gipfel Quelle: dapd

Der heilige Schwur, es werde unter einer Kanzlerin Merkel keine Vergemeinschaftung von Staatsschulden geben, bröckelt dagegen bereits. Wer weiß, ob die Haftung, die sich für Deutschland aus dem ESM ergibt, tatsächlich begrenzt ist? Am Ende heißt es vielleicht: mitgefangen, mitgehangen! Die Sorge, die Bundesrepublik könne sich mit den Verpflichtungen im Rahmen der europäischen Rettungsfazilitäten überheben, ist in den vergangenen Wochen stark gestiegen und hat die Überlegungen, Deutschland könne am Ende aus dem Euro austreten, deutlich überlagert.

Die Entwicklung der Bundesanleihen spricht darüber Bände. Von 1,127 Prozent ging die Rendite binnen weniger Tage kontinuierlich bis auf 1,70 Prozent hinauf - ein herber Dämpfer für Bond-Bullen wie mich. Wohin die Reise geht, ist meiner Meinung nach noch nicht abschließend entschieden. Trotzdem würde ich mich mittlerweile denjenigen anschließen, die den Kauf deutscher Staatsanleihen erst auf einem höheren Renditeniveau wieder erwägen.

Gold-Anleger sehen das böse Ende

 Zum Schluss noch ein Blick auf das Gold: Hatte das Edelmetall vor dem Gipfel in Brüssel noch zur Schwäche tendiert, sprangen die Notierungen am Freitag deutlich an. Und das zeigt eines: Man mag sich in Brüssel auf einen Weg verständigt haben, wie Staaten, die sich am Kapitalmarkt nur noch zu vergleichsweise hohen Zinsen verschulden können, (vorerst) "billig" an Geld kommen können, ohne große Zugeständnisse in Sachen Sparsamkeit machen zu müssen. Doch viele, das alte Wilhelm Busch Motto vom bösen Ende bedenkende Anleger bleiben kritisch. Sie sehen in den geringeren Hürden für die Mittelaufnahme eine langfristige Gefahr für den Geldwert.

Grundproblem bei weitem nicht gelöst

Und nicht nur das, auch eine andere Gefahr droht: Zwar ist das Auseinanderbrechen der Währungsunion für Erste vertagt, doch wurden die Probleme lediglich von der einzelstaatlichen auf eine gesamteuropäische Ebene verlagert. Am Grundproblem, nämlich dem, dass die Staatsausgaben in allen Ländern Europas über Jahrzehnte höher waren als die Einnahmen, dass die "schwäbische Hausfrau" also schon lange tot ist - sogar in ihrer Heimat -, hat sich dadurch nichts geändert. Schuldenbremsen sind bislang nur Versprechen - ungedeckte Wechsel auf eine finanziell solidere Zukunft.

Geldanlage



Aber was, wenn wir am Ende auch auf gesamteuropäischer Ebene scheitern? Wenn die Bremsen nicht greifen? Man mag es sich - offen gesagt - gar nicht vorstellen. So wenig, wie man sich als "Dicker" eine Platte von Westernhagen anhören möchte!

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