WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Engelmanns Eigenhandel

Mit Bundesanleihen auf Kursgewinne zu spekulieren ist riskant

Die Krim-Krise ist bald Geschichte, kurze wie langlaufende Bundesanleihen bieten mehr Risiken als Chancen für private Anleger: Zu Beginn des neuen Quartals wagt unser Kolumnist eine Prognose für die kommenden Monate.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Zum Jahreswechsel war sich die Analystenzunft weitestgehend darüber einig, dass es mit den Renditen für Bundesanleihen eigentlich nur bergauf gehen könnte. Quelle: dpa

Erinnern wir uns kurz an die Ausgangslage zu Beginn des neuen Jahres. Die Analystenzunft war sich zum Jahreswechsel weitestgehend darüber einig, dass es mit den Renditen für Bundesanleihen eigentlich nur bergauf gehen könnte. Betonung auf „eigentlich“. Denn wie so oft an der Börse kam es erstens anders und zweitens als man dachte. Kaum hatten die Händler für Staatsanleihen am 2. Januar an ihren Tischen Platz genommen, da setzten die Renditen auch schon zu einem steilen Sinkflug ein. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sackte von 1,97 Prozent auf 1,598 Prozent ab, bevor der Markt Anfang Februar in eine Seitwärtsbewegung überging.

Schwache Schwellenländer

Ursächlich für den Verfall der Renditen war die Schwäche verschiedener Schwellenländer-Währungen. Diese Schwäche schürte Sorgen, das Wirtschaftswunder, das jene ökonomischen Musterknaben, vor allem die in Asien, seit vielen Jahren erleben, könnte sich abrupt seinem Ende nähern. Dies hätte auch die Konjunktur in den Vereinigten Staaten und in Europa belastet, beziehen doch viele jener Unternehmen, die zu Dumpinglöhnen in Asien Massenprodukte herstellen, ihre Maschinen aus den alten Industrieländern. Auch der Absatz hochwertiger Konsumgüter wie zum Beispiel der von Autos deutscher Nobelmarken wäre dann gefährdet gewesen.

So viel Geld brauchen Krisenländer 2014
Jon Serrano aus Spanien könnte schon bald ins hessische Bad Homburg umsiedeln. Wenn sein Praktikum weiterhin so gut läuft, winkt ihm eine Lehre in einem Sanitärbetrieb. Wie Jon geht es vielen jungen Spaniern. Arbeit finden sie leichter im Ausland. Die Lage im eigenen Land entspannt sich dagegen nur langsam. Zwar war die Anzahl der Arbeitssuchenden zuletzt um mehr als 100.000 zurückgegangen, doch seien laut Behörden immer noch 4,7 Millionen Spanier ohne Job. Neben der Situation am Arbeitsmarkt machen auch notleidende Kredite Spaniens Banken weiter zu schaffen: Wie die Zentralbank noch im Herbst mitteilte, belaufen sich die Problemkredite auf wertlose Immobilien mittlerweile auf rund 180 Milliarden Euro. Dennoch will es Spanien ab jetzt alleine schaffen: Regierungschef Marian Rajoy hatte zuletzt noch einmal bekräftigt, dass sein Land keine weiteren EU-Hilfen mehr beantragen werde. Rund 1,3 Billionen Euro hält Spanien derzeit an Verbindlichkeiten in Form von Staatspapieren, ungefähr so viel, wie das Land jährlich erwirtschaftet. Rund 189 Milliarden konnte das Land dabei 2013 von Investoren einsammeln, 230 Milliarden muss es in 2014 refinanzieren. Quelle: dpa
Auch die Ratingagenturen sind von der Reformwilligkeit der Spanier mittlerweile überzeugt und sehen Licht am Ende des Tunnels. Zwar beließen die großen Agenturen mit Baa3 (Moody's) und BBB- (Standard & Poor's) ihr Rating an der unteren Schwelle des Investment-Grades. Weil sich die mittelfristigen Aussichten für die Wirtschaft aber verbessert hätten, korrigierten beide Agenturen ihren Ausblick von „negativ“ auf „stabil“. Dass Investoren langsam aber sicher das Vertrauen in die Krisenstaaten zurückgewinnen, spiegelt sich auch an den gesunkenen Renditen auf Staatsanleihen wieder. Während auf dem Höhepunkt der Angst, im Juli 2012, Anleger für spanische Zehnjahresbonds noch 7,62 Prozent Rendite forderten, genügt ihnen heute die Hälfte. Damit kann sich Spanien gerade günstiger refinanzieren als Anfang 2010. Quelle: dpa
Tausende Pilger aus aller Welt kamen in diesem Jahr nach Rom, um den neuen Papst Franziskus zu sehen. Außer dem Kirchenoberhaupt hat es 2013 noch so manch andere Neuerung in Italien gegeben. Im April etwa löste der Demokrat Enrico Letta den Wirtschaftsprofessor und Interimspremier Mario Monti an der Regierung ab. Vorangegangen war ein zäher Kampf mit dem populistischen „Volk der Freiheit“, Partei des europäischen Dauerquerulanten Silvio Berlusconi. Trotz der politischen Stabilität, sehen die Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P) und Moody's Italien weiterhin nur als durchschnittlich gute Anlage (BBB bzw. Baa2), Ausblick: „negativ“. Zu wenig sei bislang bei den Sparanstrengungen rumgekommen, lautet die Kritik. Auch die notleidenden Kredite könnten 2014 ein großes Problem für Italiens Banken werden. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stünden weiter unter Druck. Eine Entspannung bei den Kreditforderungen der Banken in Höhe von etwa 144,5 Milliarden Euro könnte längere Zeit in Anspruch nehmen. Quelle: REUTERS
Rund 2,3 Billionen Euro schuldet der Stiefelstaat den Gläubigern am Kapitalmarkt – das sind rund 200 Milliarden mehr als die Italiener 2013 erwirtschaftet haben. Doch die hohen Verbindlichkeiten können Investoren nicht abschrecken, wieder mehr in Italien zu investieren: 363 Milliarden Euro konnte die Regierung in Rom 2013 einsammeln, rund 100 Milliarden Euro mehr wird sie 2014 brauchen, um fällige Verbindlichkeiten zu bedienen. Doch auch das sollte gelingen. So stehen die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen derzeit mit 3,9 Prozent so hoch wie im Mai 2010. Höchststände von mehr als sieben Prozent im November 2011 scheinen weit weg. Quelle: dpa
Seit die Finanzkrise Portugal traf, ist die Lissaboner Innenstadt abends oft menschenleer. Viele Geschäfte haben geschlossen, Wohnungen stehen leer. Die Reformen, die das Zehn-Millionen-Einwohner-Land zu schultern hat, verlangen den Bürgern einiges ab. Denn um den Haushalt auf eine schwarze Null zu bringen, gingen unter anderem Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung flöten, Löhne und Renten wurden gekürzt. Seit Mitte 2013 scheinen die Reformen jedoch Wirkung zu zeigen. Der Industrie geht es besser, die Exporte ziehen langsam aber sicher wieder an. Tatsächlich muss es Portugal ab dem Sommer wieder alleine schaffen. Dann nämlich läuft das dreijährige EU-Hilfsprogramm aus, im Rahmen dessen Portugal insgesamt 78 Milliarden Euro erhalten hat. Erst am Freitag hatte die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) ihren Ausblick von langfristig negativ auf einfach negativ geändert. An der eigentlichen Bonitätsbewertung BB (Non-Investment-Grade) hat sich allerdings nichts getan. S&P begründen ihre bleibende Skepsis damit, dass das oberste Gericht im Lande immer noch das Reformpaket von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho kippen könnte. Quelle: dpa
Aller Skepsis zum Trotz sind Portugal-Anleihen bei Investoren wieder gefragt. Die Rendite für zehnjährige Papiere lag zuletzt mit 5,38 Prozent so niedrig wie im Juli 2010. Die Chance ist da, dass Portugal die rund 58 Milliarden Euro einsammeln kann, die 2014 fällig werden. Selbst 2013 konnte das gebeutelte Land etwa 16,6 Milliarden Euro an den Märkten aufnehmen. Insgesamt liegen die portugiesischen Verbindlichkeiten an Investoren mit rund 150 Milliarden Euro etwa 10 Prozent niedriger als das Bruttoinlandsprodukt. Quelle: dpa
Sanfte Töne aus Irlands Hauptstadt Dublin: Im Dezember hatte der EU-Musterschüler offiziell den EU-Rettungsschirm verlassen. Irland war vor drei Jahren das erste Euro-Land, das bei den europäischen Partnern um Notkredite bitten musste – insgesamt 67,5 Milliarden Euro waren seither geflossen. Mit fast 350 Milliarden Euro hatte es sein aufgeblähtes Bankensystem vor dem Untergang retten müssen. Künftig will sich das Land wieder allein über die Kapitalmärkte finanzieren. Die Ratingagentur Moody´s allerdings bewertet Irland immer noch als Ramsch (Ba1). Es bleibe die Sorge, dass die Regierung die zugesagte Summe von 64 Milliarden Euro für die Unterstützung der maroden Banken wird aufstocken müssen. Allerdings hofft man auf der grünen Insel, dass Moody's es eher früher als später den anderen beiden Ratingagenturen, Standard & Poor's und Fitch, gleichtut und Irland wieder Investment-Grade-Status zuspricht. Der Nachfrage nach Irland-Anleihen könnte das einen Schub verleihen: Denn mit einem Junk-Rating hat Irland keinen Zugang zu den Investoren, die nur Investment-Grade-Papiere kaufen dürfen. Quelle: AP

Sicherer Hafen

In der Logik der Rentenhändler war diese Schwäche der riskanteren Währungen ein klares Kaufsignal für den sicheren Hafen Bund ­ fallende Bund-Renditen versprechen steigende Kurse. Ebenso dürften Umschichtungen aus den Kapitalmärkten der aufstrebenden Staaten in  Bundesanleihen für die starke Nachfrage nach deutschen Bonds ausschlaggebend gewesen sein. Im Anschluss ging der Markt in eine Seitwärtsbewegung über. Nach annähernd sechs Punkten Kursgewinn im Bund-Future ist das wenig verwunderlich. In der Folge pendelten die Renditen einige Tage zwischen 1,598 und 1,724 Prozent, bevor die Krise auf der Krim für einen  erneuten Schub sorgte. Ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am 14. März mit knapp 1,5 Prozent.

Kurze Beine

„Politische“ Börsen sind in der Regel kurze Börsen – so weiß man in der Kulisse. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, warum der Bund-Future nach seinem Ausbruch aus der Seitwärtsbewegung bei 142,25 nur bis auf 144 anstieg, um sofort anschließend wieder auf das Ausbruchsniveau zurückzufallen und seitdem munter zwischen diesen Polen hin und her zu handeln. Die Darstellung der Vorkommnisse rund um das Referendum auf der Krim und die sich direkt anschließende, mit großem Tamtam im Kreml proklamierte Einverleibung jener für Russland strategisch wichtigen Halbinsel wurde in Presse, Funk und Fernsehen zu einem ähnlich dramatischen Ereignis wie die Kubakrise hochstilisiert. Dies war zwar reichlich übertrieben, entspricht aber im Ergebnis jener Sensationsgier, die viele Redaktionen, aber auch viele Politiker kultivieren.

Altkanzler mit klarer Kante

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

Für die Lage Russlands oder der auf der Krim lebenden Russen wurde dagegen in der Kommentierung des Geschehens nur wenig Verständnis aufgebracht. Einzig Altkanzler Schmidt bezog deutlich pro Russland Stellung. Und das mit genau jener stoischen Gelassenheit, die auch die Eiche auszeichnet, wenn die Sau sich an ihr reibt. Denn genau das geschah – sehr zur Überraschung der Medienlandschaft! Für gewöhnlich werden die Worte des Altkanzlers als absolute Wahrheiten betrachtet. Dieses Mal hätte nicht viel gefehlt und so mancher Kommentator hätte Schmidt als senil eingestuft. Unabhängig davon, wie man das Vorgehen Präsident Putins völkerrechtlich bewertet, muss man allerdings konstatieren, dass mit keiner anderen Reaktion zu rechnen war. Putin dürfte von Anfang an klar gewesen sein, dass sich die Ukraine nach einem von innen herbeigeführten Umsturz – einer „echten“ Revolution also – Europa zuwenden würde.

Exzellenter Schachspieler

Schon die Entwicklung der baltischen Staaten, von denen mittlerweile sogar zwei über den Euro als offizielle Währung verfügen, dürfte exemplarisch für die Richtung sein, die viele vormalige russische Trabanten seit dem Sturz der Sowjetunion eingeschlagen haben. ‚Warum sollte  also die Ukraine einen anderen Weg einschlagen? ‘, so dürfte sich der Herrscher im Kreml gedacht und daraus die Konsequenz gezogen haben, als Preis dieser Abwendung von Russland die Krim zu verlangen. Wie gesagt: Völkerrechtlich ist dieses Verhalten fragwürdig. Doch in der Welt gilt – auch wenn wir uns alle als Idealisten anderes wünschen - faktisch doch zumeist das Recht des Stärkeren. Die Russen sind als exzellente Schachspieler bekannt. Putin hat seine Züge lange im Voraus berechnet. Ihm wird klar gewesen sein, dass die Vereinigten Staaten von Amerika keinerlei Interesse daran haben, die Krim mit Waffengewalt zu verteidigen. Ketzerisch könnte man formulieren: weil es dort nichts zu holen gibt!

Stumpfes Schwert

Und die Sanktionen? Musste Putin ebenfalls nicht fürchten. Denn die Wirtschaft Russlands und die Europas sind mittlerweile so eng miteinander verwoben, dass ein auf ökonomischer Ebene ausgetragener Disput um eine ohnehin mehrheitlich von Russen bewohnte Halbinsel wohl kaum von langer Dauer sein dürfte. Putins letzter Zug: Er willigt in Verhandlungen ein und verspricht das zu unterlassen, was er ohnehin nicht vorhatte: den Einmarsch in die Ukraine. Meiner Meinung nach wird sich die Lage schon bald beruhigen und im Herbst spricht kein Mensch mehr von der Krim. Ein ähnliches Beispiel für die Kurzlebigkeit politischer Börsen stellte übrigens auch der arabische Frühling des Jahres 2011 dar. Hatte der zu Beginn noch für Verunsicherung an den Märkten gesorgt, wurde er nur kurz darauf schlichtweg ignoriert.

Fed zieht Zügel an

Wichtiger als die politischen Ereignisse in der Ukraine dürfte für die mittel- und langfristige Renditeentwicklung deutscher Staatsanleihen die Geldpolitik der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank sein. Hier widersprachen sich die Signale, die die beiden Notenbanken im ersten Quartal des Jahres aussandten. Auf der einen Seite die Federal Reserve, die unter Führung ihrer neuen Präsidentin Janet Yellen für viele überraschend am bereits im vergangenen Jahr eingeschlagenen Kurs der geldpolitischen Straffung festhielt und sogar eine weitere Verschärfung für das kommende Jahr in Aussicht stellte. So wurden die Käufe von Wertpapieren, die unter dem Begriff „Quantative Easing“ zur Stützung der Wirtschaft durchgeführt wurden, auch in diesem Jahr weiter zurückgeführt. Zudem ließ Frau Yellen verlautbaren, binnen sechs Monaten nach Ende des Quantitative Easing den Leitzins erhöhen zu wollen. Nun könnte das zwar auch bedeuten, der Zins würde am Sankt Nimmerleinstag erhöht – schließlich gibt es für das Tapering keinen verbindlichen Fahrplan -, doch geht man am Markt mehrheitlich davon aus, dass die Federal Reserve im Jahre 2015 an der Zinsschraube drehen wird. Bis dahin wird  aber noch viel Wasser den Potomac herunterfließen.

"Dicke Bertha" startklar

EZB belässt Leitzins bei 0,25 Prozent

Ebenso den Main. Und hier stellt sich die Lage noch ganz anders dar. Denn in Europa wird eher noch eine weitere Zinssenkung als eine Erhöhung des Leitzinses diskutiert. Es sind sogar noch drastischere Maßnahmen im Gespräch. Oder sollte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, sein kürzlich abgegebenes Bekenntnis zu einem wie auch immer ausgestalteten „Quantitative Easing“ völlig im luftleeren Raum abgegeben haben? Schwer vorstellbar! Und auch die Frage, ob der Präsident der EZB, Mario Draghi, am Ende nicht doch noch einen weiteren Schuss aus der „Dicken Bertha“ abgibt, sprich die Banken erneut mit einem mehrjährigen Tender zum Niedrigstzins mit Liquidität versorgt, ist noch nicht abschließend beantwortet. Die an diesem Montag bekannt gegebenen Inflationsdaten für die Euro-Zone ließen der EZB auf jeden Fall Spielraum. Wobei ich die Diskussion, ob wir nun eine Deflation mehr zu fürchten haben als eine Inflation, gar nicht erst eröffnen möchte. Eine Erhöhung des Leitzinses in der Euro-Zone erscheint jedenfalls zurzeit so exotisch wie eine Curry-Wurst im Gourmet-Tempel. Warum also sollten die Renditen von Bundesanleihen massiv ansteigen?

Abwarten

Zu Jahresbeginn hatte ich Ihnen an dieser Stelle empfohlen, bereits einen moderaten Renditeanstieg der Bundesanleihen zum Kauf zu nutzen. Meine Hoffnung ging dahin, Richtung 2.25 Prozent zuschlagen zu können. Diese Hoffnung wurde gleich zu Jahresbeginn durchkreuzt. Nun ist guter Rat teuer. Oder auch nicht. Denn im Grunde ist die Sache klar. Kurze wie langlaufende Bundesanleihen bieten derzeit kaum Chancen für den privaten Anleger. Glaubt man der offiziellen Statistik, der zufolge die Inflation knapp unterhalb 1 Prozent liegt, würde man nach Abzug von Steuern nur einen minimalen Ertrag erwirtschaften. Und wer glaubt schon an die offiziellen Inflationsdaten?

Geldanlage



Aber auch bei einem Renditeniveau von 1,5 Prozent mit Bundesanleihen auf Kursgewinne zu spekulieren, erscheint mir für den Privatanleger wenig sinnvoll. Das Chance/Risiko-Profil wäre bei einem Münzwurf günstiger. Gewiss: Der Bund-Future kann nach einem Ausbruch oberhalb der 144 noch gut und gerne 2 bis 3 Punkte laufen. Vielleicht werden sogar wieder die historischen Tiefststände der Renditen bei 1.12 Prozent erreicht. Aber der Segen liegt bekanntlich im Einkauf. Abwarten und Tee trinken heißt deshalb die Devise dieser Tage.

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Artikel gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%