Engelmanns Eigenhandel

Sind italienische Staatsanleihen ein Kauf?

Für unseren Kolumnisten ist Beppe Grillo kein "Clown" – er nimmt dessen pessimistisches Szenario sehr ernst und rät Privatanlegern vom Kauf italienischer Bonds ab.

Clown oder kein Clown? Der Meinung von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zum Trotz nimmt Kolumnist Engelmann Beppe Grillo durchaus ernst - Und rät Anlegern von italienischen Fonds ab Quelle: Reuters

"Clown (klaun), der; -s, -s (engl.) (Spaßmacher)" - ein Clown ist also ein "Spaßmacher“, so nachzulesen im Duden. Blickt man mit etwas Abstand auf die umstrittene Äußerung des Kanzlerkandidaten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Peer Steinbrück, er sei darüber entsetzt, dass zwei Clowns (die Parlamentswahl in Italien) gewonnen haben, könnte man fast zu dem Urteil gelangen, der wahre Clown sei Steinbrück selbst. Doch eine solche Einschätzung wäre genauso verfehlt wie die Kritik aus den Reihen der Regierungsparteien heuchlerisch ist. Wer glaubt, Steinbrück habe nur spontan eine billige Pointe reißen wollen, unterschätzt den Mann. Dass Steinbrück sich als Enkel des inzwischen von der ganzen Bevölkerung ikonenhaft verehrten Alt-Kanzlers Helmut Schmidt sieht, ist bekannt. Und so eifert er "Schmidt Schnauze" nun auch rhetorisch nach - immer in der Hoffnung, mit seinen flotten Sprüchen die Wähler für sich zu gewinnen. Im Gegensatz zu Angela Merkel muss der Kandidat dabei keine besonderen außenpolitische Rücksichten nehmen: Merkel ist bereits Kanzlerin, Steinbrück will es erst noch werden. Der Duden definiert solcherlei Verhalten mit folgendem Begriff: "Populismus, der; - (opportunistische Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht)".

Wer in Italien um die Macht ringt
In Höchstform: Silvio Berlusconi (Mitte-Rechts-Bündnis)Mit Speck fängt man Mäuse. Silvio Berlusconi lockt die Wähler damit, die Eigenheimsteuer abzuschaffen, die bereits bezahlte Steuer zurück zu zahlen und eine Generalamnestie für Steuer- und Bausünden zu erlassen. Auch der viermalige Ministerpräsident Berlusconi stand vergangenes Jahr wegen Steuerhinterziehung vor Gericht.  Hinzu kommen unter anderem Sex-Eskapaden mit der Marokkanerin Ruby im Jahr 2010. Trotzdem ist der Milliardär bei den Italienern beliebt, der aktuell in zahlreichen Talkshows seinen Charme spielen lässt. Der medienerprobte 76-Jährige ist zwar Gesicht und Initiator des Mitte-Rechts-Bündnisses, Kandidat für das Ministerpräsidentenamt ist jedoch Angelino Alfano. Chancen: Laut den letzten Umfragen vom 8. Februar liegt das mögliche Ergebnis des Mitte-Rechts-Bündnisses zwischen 27.8 und 29.5 Prozent. Damit wäre es zweitstärkste Kraft. Berlusconis Ziel ist daher eine möglichst instabile Regierungskoalition, um bei Gesetzesentwürfen mitreden zu können. Quelle: dpa
Berlusconis Marionette: Angelino Alfano (Mitte-Rechts-Bündnis)Sollte Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis die Wahl gewinnen, dann würde nicht Berlusconi, sondern sein ehemaliger Justizminister Angelino Alfano (rechts) Ministerpräsident werden. Da laut Umfragen das Bündnis ohnehin wohl nur zweitstärkste Kraft wird, kann Silvio Berlusconi dies egal sein. Denn er zielt darauf ab, die Regierungskoalition aus der Opposition heraus zu beeinflussen. Sein offizieller Kandidat war bereits wegen Verbindungen zur Mafia in der Presse. Quelle: dpa
Der moderate Mann: Pier Luigi Bersani („Italia. Bene Commune.“)Einen erfahrenen Wirtschaftsexperten schickt das Mitte-Links-Bündnis „Italia. Bene Commune.“ ins Rennen. Ihr Spitzenkandidat Per Luigi Bersani will gegen die Probleme Italiens mit einer gemäßigten Politik vorgehen: Eine moderate Sparpolitik und eine moderate Sozialpolitik stehen auf seinem Programm. Der Sprössling einer Handwerkerfamilie aus bescheidenen Verhältnissen kennt sich auf dem politischen Parkett bestens aus. Der ehemalige Lehrer war unter anderem Wirtschaftsminister unter Romano Prodi und Koalitionspartner von Mario Monti. Chancen: Die letzten Umfragen vom 8. Februar sagen dem Mitte-Links-Bündnis ein Ergebnis zwischen 33,2 und 35 Prozent voraus:  Damit liegt Bersani vorn. Quelle: AP/dpa
Italiens Anti-Politiker: Beppe GrilloEr sieht sich nicht als Politiker, sondern als Aktivist: Beppe Grillo mischt Italiens politische Landschaft mit seiner „MoVimento 5 Stelle“ (Bewegung 5 Sterne) auf. Während sich Berlusconi im Fernsehen inszeniert, sind Internet und öffentliche Plätze die Bühne von Beppe Grillo. TV-Auftritte meidet er, stattdessen spricht er in Italiens Städten. Dabei lockt er stets Menschenmassen an, so wie auf diesem Foto am 16. Februar in Turin. Sein Blog beppegrillo.it gehört zu den erfolgreichsten der Welt. Er selbst tritt jedoch nicht als Spitzenkandidat an – dies erlaubt sein Parteiprogramm nicht, das keine vorbestraften Politiker ins Parlament lassen will. Seine Bewegung tritt überhaupt ohne Spitzenkandidat an. Das gehört zu seinem Feldzug gegen die politischen Verhältnisse. Chancen: Obwohl er politischer Neuling ist, ist Grillos Bewegung laut Umfragen bereits drittstärkste Kraft. Die Prognosen vom 8. Februar gehen von einem Ergebnis zwischen 14,7 und 18,8 Prozent aus. Damit liegt der Aktivist vor dem 2012 abgetretenen Präsidenten Mario Monti. Quelle: dpa
Der gefallene Stern: Mario Monti (Agenda Monti per l'Italia)Der ehemalige italienische Ministerpräsident feierte Erfolge: Er brachte das Land auf Sparkurs und stellte das internationale Vertrauen in Italien wieder her. Doch die zahlreichen eingeführten Abgaben und Steuern machten ihn bei den Wählern wenig populär. Schließlich sprach ihm die Berlusconi-Partei „Popolo della Libertà“ Anfang Dezember 2012 nicht mehr ihr Vertrauen aus, Monti trat zurück. In der jetzigen Parlamentswahl tritt er mit seiner „Agenda Monti per l'Italia“ (Aagenda Monti für Italien) an, die sich aus Parteien der Mitte zusammen setzt. Bei den meisten Italienern wirkt der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar und Mailänder Professor jedoch zu technisch, gestelzt und abgehoben. Chancen: Viertstärkste Kraft soll Mario Montis Bündnis werden, wenn man nach den Umfrageergebnissen vom 8. Februar geht. Demnach erlangt seine Agenda zwischen 12,9 und 16 Prozent der Stimmen. Quelle: dpa
Der Mafia-Schreck: Antonio Ingroia (Rivoluzione Civile)Als Staatsanwalt widmet sich der 53-Jährige Antonio Ingroia dem Kampf gegen die Mafia, mit der er auch in zahlreichen Publikationen auseinander setzt. Mit der neu gegründeten "Rivoluzione Civile", der "Bürgerlichen Revolution" ist er nun in den Wahlkampf gezogen, der vor allem Mitte-Links-Parteien angehören. Chancen: Antonio Ingroias Bündnis bildet laut Umfragen das Schlusslicht unter den aussichtsreichsten Kandidaten. Die Prognosen vom 8. Februar gehen von einem Ergebnis zwischen 3,7 und fünf Prozent aus. Quelle: Reuters

Etwas mehr Respekt, bitte!

Doch mal ganz abgesehen davon, dass die Führer zweier Parteien, die in freien und demokratischen Wahlen substantielle Stimmenanteile auf ihre Parteien vereinen konnten, als "Clowns" zu verspotten, sicherlich nicht die feine englische Art ist - zumal, wenn es sich um ausländische Politiker handelt und man mit ihnen zugleich auch ihre Wähler zu Figuren eines Kuriositätenkabinetts herabwürdigt - stellt sich die Frage, ob Silvio Berlusconi und Beppo Grillo tatsächlich "Spaßmacher" im Sinne des Duden sind. In Bezug auf Beppo Grillo könnte man mit Blick auf seinen Lebenslauf durchaus versucht sein, Steinbrücks Einschätzung zu teilen. Schließlich wirkte Grillo über viele Jahre als Komiker und Kabarettist im italienischen Fernsehen. Doch aus dem "Spaßmacher" ist über die Jahre ein politischer Aktivist geworden, der die Zustände in seiner Heimat deutlich kritisiert und damit auf viel Zuspruch in der Bevölkerung stößt. Weniger allerdings bei den etablierten Parteien. Denn gerade in der politischen Kaste Italiens sieht Grillo das größte Problem des Landes. Fakt ist: Bei den Parlamentswahlen konnte Grillos Partei "MoVimento 5 Stelle" landesweit ein Viertel aller Stimmen auf sich vereinigen - ein beachtliches Ergebnis!

Düsteres Bild von Italien

Wer 25 Prozent aller abgegebenen Stimmen und damit mehr als jeder andere Kandidat errungen hat, kann wohl schwerlich ein "Clown" sein! Gewiss: Der Forderungskatalog Grillos klingt utopisch und seine Vorhersagen für die politische und wirtschaftliche Zukunft Italiens lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Doch wie jeder andere Politiker arbeitet auch der Vorsitzende der "5 Sterne Partei" mit dem Stilmittel der Übertreibung, zum einen, um bei einer eventuellen Regierungsbeteiligung einen Teil seiner Maximalforderungen im Wege des Kompromisses durchsetzen zu können, zum anderen, um den Bürgern Italiens und Europas die Augen über den schlechten Zustand des Landes zu öffnen. Erst am Wochenende malte Beppo Grillo wieder ein düsteres Bild von der Zukunft Italiens. Grillo geht davon aus, dass das politische System Italiens noch in diesem Jahr zusammenbrechen wird und forderte einen Schuldenschnitt, um Italien von seiner erdrückenden Zinslast zu befreien.

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