Engelmanns Eigenhandel

Spanien-Renditen: Draghis Meisterstück

Nur mit Worten hat der Präsident der EZB es geschafft, die Märkte über ein Jahr lang in Schach zu halten. Spanien befindet sich weiter in einer Wirtschaftskrise. Die Rechnung für Draghi und den Euro kommt später.

Man übertreibt wohl nicht, wenn man die Hausse der Anleihen aus Staaten der Euro-Land-Peripherie als das Meisterstück Mario Draghis bezeichnet. Quelle: dpa

Immer, wenn ich im Büro auf meinen Bildschirm schaue und die Notierungen spanischer Staatsanleihen verfolge, dann beschleicht mich das Gefühl, als lebte Norbert Maria Berger noch. Denn wenn ich sehe, in welch luftige Höhen sich die Kurse der Anleihen Spaniens seit dem denkwürdigen Versprechen Mario Draghis, (nahezu) unbeschränkt Staatsanleihen der Euro-Zone am Sekundärmarkt kaufen zu wollen, sollte dies zur Rettung des Euro erforderlich sein, empor geschwungen haben, meine ich den Klang jener Gitarren zu vernehmen, denen Bert Berger - gemeinsam mit seiner Frau Cindy - bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein musikalisches Denkmal setzte. "Spaniens Gitarren, die geben sie uns wieder, die Freude am Leben", so trällerten Cindy und Bert und stellten ganz zum Schluss ihres fröhlichen Liedchens fest: "Es muss Nacht sein, es muss Nacht sein, dann kommt Spanien so spanisch Dir vor!"

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)"Das vorrangige Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", heißt es in Artikel 105 des Maastricht-Vertrags. Zwar soll die EZB auch für Stabilität an den Märkten sorgen und die Wirtschaftspolitik der EU unterstützen. Das allerdings nur, wenn dadurch das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird. Diese klare Abgrenzung hat anfangs funktioniert. Seit der Euro-Krise jedoch ist die Geldpolitik Teil der EU-Wirtschaftspolitik. Die EZB begründet ihre Eingriffe mit ihrem Mandat der Marktstabilität und behauptet, dass hierdurch die Geldwertstabilität nicht gefährdet sei. Quelle: dapd
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses: "Wir sind dagegen, dass die mächtigste Institution der EU ausschließlich von Männern geleitet wird." Quelle: dapd
Bank of England (BoE)Die "Old Lady" von der Londoner Threadneedle Street ist die älteste Notenbank der Welt. Doch erst 1997 wurde sie nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank in eine – relative – politische Unabhängigkeit entlassen. Der Einfluss der Politik ist geblieben: Der britische Schatzkanzler gibt der Notenbank ein konkretes Inflationsziel von 2,0 Prozent vor. Wird dieses Ziel verfehlt, muss der Notenbankchef dies gegenüber der Regierung rechtfertigen. Quelle: REUTERS
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen, "dass es breite Unterstützung für Restriktionen geben könnte, wenn der Kongress mit der Fed-Politik nicht zufrieden ist", warnt der renommierte US-Ökonom Martin Feldstein. Die Notenbank stehe vor einem Dilemma: "Strafft sie die Geldpolitik, um die Inflation einzudämmen, riskiert sie Gegenmaßnahmen des Kongresses, die ihr die künftige Inflationsbekämpfung erschweren." Quelle: dapd
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS
Bank of Japan (BoJ)Doch auch über die Mitglieder im Lenkungsrat der Bank versucht die Regierung eine expansive Geldpolitik durchzusetzen. Im Sommer setzte das Finanzministerium durch, dass die beiden Ex-Banker Takahiro Sato und Takahide Kiuchi gegen den Widerstand von Notenbankgouverneur Masaaki Shirakawa in das Spitzengremium berufen wurden. Die beiden sind Anhänger einer sehr lockeren Geldpolitik und dürften nun dafür sorgen, dass die Notenbank noch viel mehr Wertpapiere aufkauft. Der amtierende Notenbankchef hat zwar zu verstehen gegeben, er glaube nicht, dass die Geldpolitik noch etwas für die Wirtschaft tun könne. Trotzdem kauft er fleißig weiter ein, weil die Regierung es so will: Der Wert der von der Notenbank erworbenen japanischen Staatsanleihen im Fiskaljahr 2012 entspricht fast genau dem staatlichen Haushaltsdefizit. Quelle: dapd

Freifahrschein für Anleihebesitzer

Wüsste man nicht um Draghis Freifahrschein für Besitzer europäischer Staatsanleihen, könnte einem schon tagsüber so manches spanisch vorkommen. Vor allem die Renditen der Staatsanleihen aus Madrid. Die bewegen sich seit dem Sommer des vergangenen Jahres, seit eben jenem denkwürdigen 26. Juli 2012, an dem der Präsident der Europäischen Zentralbank erklärt hatte, "alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten", kontinuierlich abwärts. Im Zehnjahressegment sank die Rendite beispielweise von einem Mehrjahreshoch bei 7,75 Prozent binnen Jahresfrist auf unter 4 Prozent. Und das, obwohl sich die Äußerungen Mario Draghis eigentlich auf das Segment ein- bis dreijähriger Anleihen bezogen hatten. Auch der Renditeabstand zu deutschen Staatsanleihen verringerte sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich.

Man übertreibt wohl nicht, wenn man die Hausse der Anleihen aus Staaten der Euro-Land-Peripherie als das Meisterstück Mario Draghis bezeichnet. Nur mit Worten hat der Präsident der EZB es geschafft, die Märkte über ein Jahr lang in Schach zu halten, und das, obwohl es zwischenzeitlich an schlechten Nachrichten keineswegs gemangelt hat. Am Beispiel Spaniens: Das Land befindet sich weiter in einer schweren Wirtschaftskrise, die Arbeitslosenzahlen gehen durch die Decke und auch die politische Situation erscheint bisweilen instabil. Die interessante Frage ist: Wo handelten italienische, spanische und andere Anleihen finanziell angeschlagener Länder der Euro-Zone wohl, wäre das freie Spiel der Marktkräfte nicht durch die Notenbank außer Kraft gesetzt worden? Einerseits möchte man gar nicht darüber nachdenken. Andererseits muss man es wohl!

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