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Essay Die Parallelgesellschaft der Finanzelite

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New York, Frankfurt, Singapur...

Auch ist die Häufigkeit von „Entsendungen“ ins Ausland nicht mehr das alles entscheidende Merkmal von Internationalität, wie dies noch in der Wirtschaftskultur der „Expatriats“ von Industriekonzernen der Fall war. Zwar verfügen deutsche Finanzmanager heute über deutlich größere Auslandserfahrungen als ihre Kollegen aus der Realwirtschaft, wie unsere eigenen Studien hierzu belegen: Die Vorstandsmitglieder der Banken am Finanzplatz Frankfurt beispielsweise haben zu 65 Prozent in Studium und Berufsleben längere Auslandserfahrung gesammelt, während dies in deutschen Industrieunternehmen nur bei der Hälfte der Top-Manager der Fall ist.

Dies verstärkt sich in den jüngeren Jahrgängen und unterhalb der Vorstandsetagen. Doch ist in Zeiten globaler Märkte und einer örtlich ungebunden digitalen Ökonomie der berufliche Wechsel ins Ausland nicht mehr der wichtigste Faktor in der Globalisierung des Finanzmanagements. Inzwischen ist hierfür die Transnationalisierung der Berufspraxis selbst, die weltweite Standardisierung ihrer zentralen Methoden, Kategorien, Geschäftsmodelle und Anschauungsweisen weitaus bedeutsamer geworden.

Investmentbanker, Fondsmanager, Trader und Analysten sind heute allein schon durch ihre Teilnahme an den globalen Finanzmärkten selbst beständig miteinander verbunden und bilden hierbei professionelle, kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten aus, in denen sie sich etwa in nationaler Hinsicht kaum mehr voneinander unterscheiden. Ihr ökonomisches Kapital stuft sie gleichermaßen als Angehörige der obersten Einkommenskategorien ihrer Gesellschaften ein, sofern sie im Top-Management nicht überhaupt zu den Spitzen in der Verteilung des Reichtums gehören.

Ihre Business-Praxis ist in Frankfurt nicht anders als in Sydney, New York oder Singapur auf Kurzfristigkeit, Effizienz und Gewinnoptimierung ausgerichtet, unterfüttert von einem finanzmathematischen Modelldenken und utilitaristischen Wirtschaftstheorien. Ausbildungsprogramme, Karrieren und professionelle Praktiken haben sich aus ursprünglich national geprägten Berufskulturen heraus entwickelt und weisen über die vergangenen Jahrzehnte durch Best-Practice-Modelle eine globale Vereinheitlichung auf. Die boundary-less careers in der Finanzbranche sind zudem mehr und mehr durch eine professionelle Eigenständigkeit charakterisiert, die es den Brokern, Tradern und Analysten erlaubt, als „interne Unternehmer“ innerhalb ihrer Firmen zu agieren und primär dem wirtschaftlichen Selbstinteresse zu folgen. Organisationsperspektive und Unternehmensbindung, wie sie typisch waren für das „klassische“ Banking und die gewerbliche Wirtschaft, werden abgelöst durch eine reine Marktorientierung: follow the money. Dies sind Charakteristika, die sich an allen Finanzplätzen in der Welt in derselben Weise auffinden lassen.

Nicht grundsätzlich anders stellen sich die kulturellen Praktiken der Financial Professionals dar, was nicht zuletzt an einem für die Finanzbranche typischen Konformismus liegt, der ästhetische Gleichförmigkeit erzeugt, egal, wo Banker oder Fondsmanager sich jeweils befinden. Bezeichnend ist neben den üblichen Statussymbolen ein demonstrativer Gestus kultureller Offenheit und Weltläufigkeit, in dem sich eine kosmopolitische Selbstdarstellung mit dem ökonomischen Interesse an der finanziellen In-Wert-Setzung jeglicher Ressourcen verbindet. Expansive Geschäftspraktiken und das Interesse an kultureller Diversität stehen in einem engen Zusammenhang.

Financial Professionals unterscheiden sich in ihrer gesellschaftlichen Position, ihrer Berufspraxis, Weltsicht und Lebensführung heute nicht wesentlich mehr nach nationalen oder kontinentalen Kategorien. Jenseits ihrer Herkünfte weisen sie untereinander so viele Ähnlichkeiten auf, wie sie sich von anderen Bevölkerungsgruppen distinguieren. So, wie das eigene Geschäftsmodell räumlich nicht mehr festgelegt ist, fügt sich auch die globale Finanzklasse keinen geografischen oder politischen Grenzen. Dies aber hat gravierende gesellschaftliche Folgen: Aufgrund ihrer Vernetzung, ihrer wirtschaftlichen Privilegierung und einer Abgrenzung nach außen ist eine Parallelgesellschaft der Hochverdiener entstanden, die sich in einer eigenen Wirklichkeit eingerichtet hat und von den gesellschaftlichen Prozessen um sie herum kaum noch erreichbar ist. Normative Verpflichtungen dem allgemeinen Wohl gegenüber relativieren sich in dem Maße, wie die Distanz zu den Realitäten konkreter Lebenswelten wächst. So entsteht eine abgegrenzte Elitenwelt mit antisozialen Reflexen, die nirgendwo zu Hause ist außer in den Refugien ihrer eigenen Privilegierung.

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