WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Euro-Schuldenkrise "Das Gold ist jetzt unsere Währung, aber euer Problem!"

Wenn es zu einem verlustträchtigen "Privileg" wird, europäischen Pleitestaaten Geld leihen zu "dürfen", könnte bald der Punkt erreicht sein, an dem das System an seiner eigenen Absurdität scheitert!

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

"In Zeiten universeller Täuschung ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt." (George Orwell). Genau diese "Revolution" wagte in Europa nun die demokratisch frisch gewählte griechische Regierung. "Ich bin Finanzminister eines bankrotten Staates", stellte Yanis Varoufakis nicht nur umgehend fest, er forderte folgerichtig auch gleich die Einstellung der "Hilfsprogramme" für sein Land und einen drastischen Schuldenschnitt. Doch damit sorgte er im EU-Hauptquartier und in Berlin für blankes Entsetzen. Schließlich muss zur Aufrechterhaltung der Euro-Lebenslüge die Solvenz-Scheinwelt der Pleitestaaten um jeden Preis gewahrt werden.

Die prompte Umsetzung der Wahlversprechen der neuen griechischen Regierung fand jedoch nicht nur Finanzminister Wolfgang Schäuble "ziemlich unverantwortlich", zwang doch das Zentralkomitee in Brüssel die "Revolutionäre" nach mehreren Verhandlungsrunden und diverser Ultimaten erst einmal zum Bekenntnis, die bisherigen Spardiktate der "Troika" (jetzt "Die Institutionen" genannt) wenigstens (noch) für die nächsten vier Monate fortführen zu wollen.

Der Showdown zwischen David und Goliath wurde so zwar noch einmal – direkt in die heiße Wahlkampfphase in Spanien und Portugal – verschoben, doch angesichts der völlig hoffnungslosen ökonomischen Lage des Landes dürften Tsipras & Co noch für einige umwerfende Überraschungen gut sein. Denn es ist eben nur reiner Hohn, wenn der europäischen Bevölkerung die (bisherigen) rund 230-Milliarden-Euro-(Aufschuldungs-)Hilfen an Griechenland als ein Akt der großen Solidarität verkauft werden. In Wahrheit wurde Hellas im Jahr 2010 von seinen Rettern vorsätzlich geopfert, um den – in einem ökonomisch völlig maroden und von seinen Eliten geplünderten Land – dummer- oder gierigerweise mit 217,9 Milliarden Euro investierten europäischen Finanzsektor vor der drohenden Insolvenz zu retten!

Dass den Hellenen seitens der Troika dafür aufoktroyierte Spardiktat hat jedoch nicht nur zu einem vorhersehbar beispiellosen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 25 Prozent und einer verheerenden Arbeitslosigkeit geführt, sondern auch für eine humanitäre Katastrophe gesorgt. Obwohl inzwischen rund 60 Prozent der Griechen in Armut leben, sieht – stellvertretend für Europas Gesundbeter – Finanzminister Schäuble das mit 315 Milliarden Euro hoffnungslos überschuldete Land dennoch "auf einem guten Weg". Wie Griechenland aber seinen Schuldenberg jemals abtragen soll, wenn dieses nicht einmal Deutschland bei Rekord-Steuereinnahmen gelingt, bleibt allein das Geheimnis der europäischen Realitätsverweigerer.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Weitere Stationen im griechischen Schuldendrama

    Dass die politisch gewollte Währungsunion längst gescheitert ist, lässt sich nicht nur an dieser größten Insolvenzverschleppung der Geschichte ablesen, sondern auch am beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang ganz Südeuropas und insbesondere an dem jetzt anlaufenden 1,14-Billionen-Euro-Gelddruck-Tsunami der Europäischen Zentralbank (EZB).

    Westlicher Goldabfluss in asiatische Tresore

    Dieser könnte allerdings als die letzte Verzweiflungstat der bisher noch Omnipotenz ausstrahlenden Euro-Währungshüterin in die Geschichte eingehen, denn der Trend zu Negativzinsen (ein Anleihe-Volumen von 1,7 Billionen Euro wird bereits mit Negativzinsen gehandelt!) könnte mit dem gigantischen Kaufprogramm (vorläufig) noch einmal deutlich verstärkt werden. Aber wenn es zu einem verlustträchtigen Privileg wird, europäischen Pleitestaaten Geld leihen zu dürfen, könnte schnell der Punkt erreicht werden, an dem das System an seiner eigenen Absurdität scheitert!

    Obwohl sowohl die geopolitischen Risiken als auch die fundamentalen Entwicklungen, wie die rasante Abwärtsrevision der US-Gewinnerwartungen oder die des vorher gefeierten US-BIP-Q4-Wachstums von 5,0 auf 2,2 Prozent zur Vorsicht mahnen sollten, markierten Dow und Dax im Februar fast täglich neue Rekordstände. Selbst schlechte Nachrichten, ob nun von der Unternehmensseite oder der US-Zinsfront, sind zur Freude der Aktionäre derzeit feierwürdige Nachrichten, was in der Vergangenheit jedoch meist ein Alarmzeichen für eine gefährliche Blasenbildung war.

    Wenig Grund zur Freude hatten hingegen Goldinvestoren, war man sich doch an der Terminbörse Comex einig, den Goldpreis – jeweils nach dem zwischenzeitlichen Scheitern der Griechenland-EU-Verhandlungen – sofort tiefer zu setzen! Während sich verunsicherte westliche Goldbesitzer vielfach nur noch die Frage stellen, ob der Goldpreis jemals wieder steigen wird/darf, konzentriert man sich in Asien, insbesondere in China, angesichts der von den USA und Europa praktizierten Defizitfinanzierung per Druckerpresse offenkundig auf das Wesentliche. Chinas physische Goldnachfrage erreichte in den ersten sechs Wochen des Jahres mit 373,9 Tonnen (plus 18,3 Prozent gegenüber Vorjahr) gar neue Rekordhöhen.

    Geldanlage



    Wenn man sich den immensen Goldabfluss aus den westlichen in die asiatischen Tresore in den vergangenen Jahren anschaut, könnte man denken, dass sich die Asiaten bereits auf das Scheitern des westlichen Kreditgeldsystems mit dem Dollar als Weltreservewährung einstellen. Der damalige US-Finanzminister John Connally ließ die Welt kurz nach Abschaffung der Golddeckung des Dollar 1971 wissen: "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem". Die Asiaten könnten spätestens, wenn die westliche Reichtum-durch-Schulden-Illusion an der (Überschuldungs-)Realität scheitert, die Botschaft verkünden: "Das Gold ist jetzt unsere Währung, aber euer Problem!"

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%