Europas Börsen "Einen glatten Start-Ziel-Lauf wird es nicht geben"

Europäische Börsen haben einen fulminanten Start ins neue Jahr hingelegt. War das nur ein Strohfeuer? Fondsmanager erklären, wo die Reise an Europas Märkten hingeht und wo es jetzt noch Einstiegsmöglichkeiten gibt.

Uwe Zöllner (rechts), Chef-Fondsmanager für paneuropäische Aktien bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, und Stefan Dudacy vom Bankhaus Metzler , verantwortlich für den Fonds Metzler Aktien Deutschland und mehrere Spezialfonds für Großanleger der Privatbank, im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Presse

Stefan Dudacy vom Bankhaus Metzler ist verantwortlich für den Metzler Aktien Deutschland und mehrere Spezialfonds für Großanleger der Privatbank mit einem Gesamtvolumen von 200 Millionen Euro. Der Deutschland-Fonds erzielte 2012 ein Plus von 27 Prozent durch eine Mischung aus 30 Einzeltiteln, davon rund 20 aus dem Dax und zehn aus MDax und Nebenwertesegmenten.

Uwe Zöllner ist Chef-Fondsmanager für paneuropäische Aktien bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton und verantwortlich für die Aktienfonds Franklin Templeton Euroland Core, Franklin Templeton European Core und den auf dividendenstarke Aktien konzentrierten Franklin European Dividend. Die Fonds erzielten 2012 ein Plus zwischen 14 und 20 Prozent.

WirtschaftsWoche: Herr Zöllner, die Kurse europäischer Aktien sind stark gestiegen. Ist das Potenzial inzwischen schon wieder ausgereizt?

Zöllner: Nein. Die Chancen, dass wir auch 2013 mit einem positiven Ergebnis aus dem Markt gehen werden, sind gut. Aber es wäre mir lieb, wenn es mit halber Geschwindigkeit weiterlaufen würde, denn einen glatten Start-Ziel-Lauf wird es auch in diesem Jahr nicht geben. Ich erwarte schon ein ordentliches Auf und Ab im Verlauf des Jahres.

Dudacy: Kurzfristig gehe ich davon aus, dass nach dem starken Anstieg von elf Prozent seit November die große Euphorie zunächst vorbei sein könnte. Zumindest wird es keine so starke Fortsetzung geben, denn jetzt ist eine Zwischenlösung in den USA gefunden worden und alles blickt auf die kommende Berichtssaison der Unternehmen zum vierten Quartal 2012, die mit Alcoa in den USA beginnt und Ende Januar mit den Dax-Unternehmen weitergeht. Es kommt vorrangig auf ihre Ausblicke für 2013 an und zwischenzeitlich sind durchaus leichte Gegenbewegungen möglich, es kann aber auch auf dem hohen Niveau etwas seitwärts gehen.

Zehn Szenarien für 2013 - und was sie für Anleger bedeuten
Der Euro wird überlebenDie europäische Währung, Dauerpatient auf der Intensivstation, wird bis 2013 nicht sterben - davon gehen jedenfalls die Analysten der Research-Abteilung von HSBC Trinkaus aus. Ihre Prognose begründen sie mit den Treuebekundungen der europäischen Politiker zum Euro und dem Versprechen der EZB unbegrenzt Staatsanleihen klammer Staaten zu kaufen, die einen Hilfsantrag beim Euro-Rettungsschirm gestellt haben. Die Märkte werden sich langfristig beruhigen, sofern die Euro-Länder ihre Hausaufgaben machen. Quelle: dpa
Niedrige Zinsen, niedrige InflationDie Zinsen werden mittelfristig niedrig bleiben. Die Analysten der HSBC rechnen damit, dass die EZB ihre Niedrigzinspolitik auch noch 2013 fahren wird. Allerdings gehen sie auch von einer niedrigen Teuerungsrate aus. Paradox? Nein. Denn die Geldflut der EZB werde nicht über Kredite in die Realwirtschaft fließen und zwar wegen hoher Arbeitslosigkeit und Unterkapazitäten in der Euro-Zone. Ausnahme bleibe Deutschland: Hierzulande könnte die Inflation stärker anziehen - dank Lohnsteigerungen und robustem Arbeitsmarkt. Quelle: dpa
Keine ImmobilienblaseEine Immobilienblase in Deutschland sehen die Experten nicht. Das heißt aber nicht, dass Immobilien nicht gefragt sein werden. Dafür sprechen niedrige Zinsen und damit niedrige Finanzierungskosten. Zudem sei der Arbeitsmarkt robust - und wer einen sicheren Job hat, der will auch ein eigenes Häuschen. Doch Immobilien könnten auch als Anlageklasse interessanter werden – dank niedriger Renditen bei festverzinslichen Papieren und volatiler Aktienmärkte. Quelle: dpa
Dollar könnte unter die Räder kommenFür eine Belastung des Dollar-Kurses sehen die Analysten der HSBC für 2013 drei Faktoren. Erstens: Die lockere Geldpolitik der US-Notenbank und wahrscheinlich werden weitere quantitative Maßnahmen folgen. Zweitens driften die USA auf die Schuldenobergrenze zu. Wenn diese nicht erhöht wird, wird die US-Regierung zahlungsunfähig, was die Wirtschaft belasten und automatisch Steuererhöhungen mit sich bringen wird. Als dritten Grund sehen sie eine mögliche Verlagerung der Aufmerksamkeit. Während derzeit alle Welt auf die Staatsfinanzen der Euro-Länder schauen, könnte sich in Zukunft die Diskussion auf die USA konzentrieren. Quelle: dpa
Gold glänztDer Goldpreis wird weiter steigen. Weil Notenbanken Gold kaufen, die Realzinsen negativ sind und Währungen abgewertet werden, steigt die Beliebtheit des Edelmetalls weiter. Sorgen um eine wachsende Inflation verstärken diesen Trend noch. Die Geldflut dürfte außerdem ihren Weg zum Gold finden, das im Gegensatz zur Währung nicht beliebig vermehrt werden kann. Quelle: dpa
Unternehmensanleihen sind interessantAufgrund ihrer Prognosen für das Jahr 2013 hat die HSBC auch bestimmte Anlagestrategien empfohlen. Die Investmentgrade-Unternehmensanleihen gehören dazu. Denn selten sei der Aufschlag im Verhältnis zur Rendite so hoch gewesen. Langfristig sei das Chance-Risiko-Verhältnis besonders attraktiv. Gegen ein kurzfristiges Investment in diese Anlageklasse spreche dagegen vor allem die geringe Liquidität. Bei Staatsanleihen von Ländern mit einem guten Rating sind die Renditen kleiner als die Inflation und deshalb unattraktiv. Quelle: dpa
Spekulativ: Hoch-Zins-AnleihenIn Tagen der Niedrigzinspolitik ist bei Staatsanleihen wenig zu holen. Die Analysten der HSBC empfehlen deshalb spekulativen Investoren High-Yield-Anleihen - jedoch nur als Beimischung. Allerdings ist bei Unternehmens-Hochzins-Anleihen Vorsicht geboten: Die hohen Zinsen gibt es wegen der schlechten Kreditwürdigkeit der Unternehmen. HSBC empfiehlt deshalb, sich die Unternehmen genau anzuschauen und solche auszuwählen, die ein solides Geschäftsmodell und geringe Verschuldung. Quelle: dpa

Was trübt die Aussichten?

Zöllner: Zunächst die positiven Aspekte. Und da sind die Marktdaten aus den USA und China erfreulich. Die USA gehen ihre Schuldenprobleme allerdings gar nicht offensiv an und schieben das Problem vor sich her. Dass kann dazu führen, dass in ein paar Jahren Europa wesentlich besser dastehen wird als die USA, weil sie schon jetzt stark unter Druck stehen und Lösungen präsentieren. Inzwischen gibt es Hoffnungszeichen aus den Schuldenländern Südeuropas. Spanien und Portugal haben zumindest wieder eine positive Zahlungsbilanz und ihr Außenhandelsdefizit abgebaut, die Lohnstückkosten sind gesunken und damit ist schon mal eine erste Basis für eine spätere wirtschaftliche Erholung geschaffen worden. Es ist aber noch nicht sicher, ob Spanien nicht doch Hilfe durch die Europäische Zentralbank benötigen wird und ob sie sich freiwillig dafür melden oder sie der Markt erst wieder so stark unter Druck setzen muss, dass sie die Hilfe annehmen. Das fällt bei mir unter "Schlagzeilenrisiko". Der Aktienmarkt wird auf all diese Meldungen besonders nervös reagieren.

Dudacy: Mittelfristig fehlen keine weiteren Kurstreiber. Die Bewertungen der Aktien sind attraktiv mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax von elf auf Basis der für 2013 erwarteten Gewinne. Langfristig ist ein Wert von 14 durchaus üblich. Auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis, also der Börsenwert im Verhältnis zu den Vermögenswerten der Unternehmen ist mit 1,5 für 2013 attraktiv. Er liegt unter dem 35-jährigen Durchschnitt von 1,9. Zudem liegt die Dividendenrendite im Dax mit den erwarteten Ausschüttungen bei drei Prozent und damit viel höher als die 1,4 Prozent Rendite, die es für zehnjährige Staatsanleihen gibt. Wir können zudem verstärkt bei institutionellen Investoren sehen, dass sie Umschichtungen von Anleihen in Aktien beginnen oder auch fortsetzen wollen.

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