Ex-Goldman-Sachs-Banker vor Gericht Fabrice Tourre hat große Gedächtnislücken

Am ersten Tag im Zeugenstand windet sich der smarte Banker, mit dessen Wertpapier Abacus Investoren Milliardenverluste erlitten, wie ein Aal im trüben Gewässer. Die Aufarbeitung der Finanzkrise nimmt mit dem Gerichtsverfahren gegen Fabrice Tourre einen neuen Anlauf. Die US-Börsenaufsicht wirft dem Ex-Goldman-Sachs-Banker Anlagebetrug vor.

Ex-Goldman-Sachs Bond-Händler Fabrice Tourre (links) kommt mit seinem Anwalt Sean Coffey am Gericht an. Quelle: REUTERS

Der Ordner mit den Beweisen ist mindestens zweimal so dick wie das Telefonbuch von New York City. Kaum hat Fabrice Tourre seinen Eid im holzgetäfelten Verhandlungssaal 15A am südlichen Bezirksgericht von Manhattan geleistet und im Zeugenstand Platz genommen, befördert er beim Öffnen dieses dicken Ordners erst einmal die Kaffeekanne auf den Boden des Gerichtssaales.

Seelenruhig schreitet Ankläger Matthew Martens, Anwalt der US-Börsenaufsicht SEC, nach vorn zum Zeugensitz und hebt die schwarze Kanne auf. Ist der Banker, Ex-Investmentprofi beim Top-Investment-Institut Goldman Sachs, etwa nervös bei seiner ersten Vernehmung?

Der 34-Jährige windet sich im Laufe der Vernehmung allerdings wie ein Aal im trüben Gewässer, kann sich an wichtige Details nicht erinnern, nicht einmal daran, ob er eine E-Mail tatsächlich gelesen hat, die er weitergeleitet hat, und auf deren Inhalt er in seiner Mail Bezug nimmt.  Er scheut sich gleichzeitig nicht, den Ankläger auch mal mit Finanzexpertise zu belehren („Sie verwechseln hier zwei Begriffe“) oder dem Gericht zu erklären, dass die Abkürzung i.e. für „das heißt“ steht. Immer wieder erkämpft er sich Zeit, zu überlegen, was er genau sagt, in dem er den Ankläger bittet, die Frage an ihn zu wiederholen.

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Es ist der achte Verhandlungstag im Fall SEC gegen Tourre, Aktenzeichen 10-cv-03229, in New York City. Mit ihm nimmt die Aufarbeitung der Finanzkrise von 2007 und 2008 ihren wohl letzten Anlauf. Fabrice Tourre steht persönlich vor Gericht wegen des von ihm konstruierten Finanzproduktes Abacus. Die US-Börsenaufsicht wirft Tourre Anlagebetrug und Irreführung der beteiligten Kapitalgesellschaft ACA Capital vor. 

In den ersten Tagen des Prozesses sind zig Zeugen vernommen worden, Litaneien von E-Mails warfen Ankläger Martens und Tourres Verteidiger auf die Leinwand im Gerichtssaal. Stundenlang müssen die Juroren, allesamt Laien und keine Finanzexperten, dem Finanzkauderwelsch lauschen und sich aus all dem einen Reim machen – und am Ende der Verhandlung zu einem gerechten Urteil gegen Fabrice Tourre kommen.

Das Wertpapier, um das es in dem Prozess geht, schrieb Finanzkrisengeschichte. Das Besondere an Abacus: Hedgefondsmanager John Paulson soll mit der Investmentbank Goldman Sachs für dieses Wertpapier hochriskante Subprime-Hypothekenkredite ausgesucht haben.

Während Goldman-Sachs-Händler Tourre das Anlageprodukt an Kunden verkaufte, wettete Paulson zugleich auf den Ausfall dieser hochriskanten Kredite. Mit Erfolg: Paulson strich beim Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes Milliarden ein, während die Investoren mit diesem Schrottpapier Milliardenverluste erlitten.

Die US-Börsenaufsicht nennt das Betrug. Sie versucht nachzuweisen, dass Tourre in seiner Funktion als Goldman-Sachs-Händler den Investoren bewusst verschwiegen habe, dass Paulson mitbestimmte, welche schwachen Hypothekenkredite in das Wertpapier gepackt worden sind und dass er gleichzeitig auf den Ausfall des Produktes gewettet hatte.

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