EZB erhöht die Leitzinsen: Die Notenbanker machen aus der Not eine Tugend

EZB-Chefin Christine Lagarde.
Foto: dpaDie Europäische Zentralbank ist dabei geblieben: Mit der erwarteten zehnten Leitzinserhöhung in kurzer Folge ziehen die Notenbanker die geldpolitischen Zügel noch fester an. Angesichts der schwachen Konjunktur in Europa ist das ein wichtiges Zeichen: Im Zweifel geht die Preisstabilität vor.
Im Vorfeld war viel spekuliert worden: Würden sich die Notenbanker um Präsidentin Christine Lagarde wirklich trauen, die Zinsen weiter zu erhöhen, obwohl das die kriselnde europäische Wirtschaft weiter unter Druck setzt? Oder würden die Notenbanker doch eine Zinspause einlegen – und damit riskieren, dass die Inflation im Euroraum noch länger auf extrem hohem Niveau verharrt?
Die Antwort ist eindeutig: Mit dem neuen Zinsschritt steigt der Refinanzierungssatz, zu dem Banken sich Geld bei der EZB leihen können, auf 4,5 Prozent – so hoch lag er seit über 20 Jahren nicht. Lagarde begründete die Entscheidung vor allem mit der hartnäckigen Inflation im Euroraum. Im August lag diese bei 5,3 Prozent und damit noch meilenweit über dem eigentlichen Ziel von zwei Prozent.
Was bedeutet die Entscheidung für Anleger und Sparer?
Am Aktienmarkt könnte die neue Zinserhöhung vorübergehend für einige Bewegung sorgen. Erstens dürften die Zinsen für kurzfristige Anleihen steigen, was im Vergleich dazu Aktien erst einmal weniger attraktiv macht. Zweitens könnte die Leitzinserhöhung den Euro gegenüber dem Dollar aufwerten lassen. Das verteuert den Export insbesondere für die deutsche Wirtschaft und belastet die Unternehmen.
Deutsche Sparer können sich hingegen freuen: Die höheren Leitzinsen dürften einige Banken dazu veranlassen, ihre Angebote für Tages- und Festgeld weiter zu erhöhen. Schon jetzt bieten viele Banken Zinssätze von vier Prozent – sowohl für Tages- wie Festgeld. Zugleich dürfte der Druck auf knauserige Banken, die die Zinsen bisher nicht oder kaum an die Kunden weitergeben, zunehmen. Um die besten Konditionen zu finden, müssen Sparer aber weiterhin die Angebote vergleichen und einen Blick ins Kleingedruckte werfen: Denn nicht immer sind die besten Angebote empfehlenswert. Oft handelt es sich dabei um bloße Lockangebote für Neukunden, die nur für wenige Monate gelten.
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Kommt noch ein Zins-Schritt?
Trotz der Leitzinserhöhung dürfte der Zinsgipfel aber bald erreicht sein. Denn die Inflation im Euroraum hat – nach allem, was sich aktuell vorhersagen lässt – ihren Höhepunkt überschritten. Auch viele Geldinstitute rechnen spätestens im kommenden Jahr mit leicht sinkenden Zinsen. Das zeigt sich etwa daran, dass Sparer in der Regel für einjähriges Festgeld dieselben Zinsen bekommen wie für fünfjähriges. Wer also sicher weiß, dass er oder sie einen Teil der Ersparnisse für einen längeren Zeitraum nicht benötigt, für den sind auch Zinsangebote von vier Prozent für fünf Jahre interessant.
Die EZB hat sich am Donnerstag ausdrücklich alle Möglichkeiten offengehalten: Die Leitzinsen werden so lange auf hohem Niveau bleiben, bis die Inflation erkennbar zurückgehe, sagte Christine Lagarde. Auch eine weitere Anhebung der Leitzinsen wollte die Präsidentin nicht ausschließen. So viel Entschlossenheit gab es in der Vergangenheit nicht immer. Im besten Sinne haben die Notenbanker jetzt aus der Not eine Tugend gemacht. Chapeau.
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