EZB-Sitzung: Warum die Europäische Zentralbank eine Verschnaufpause einlegt
Voller Durchblick? EZB-Präsidentin Christine Lagarde kämpft mit vielen Problemen gleichzeitig.
Foto: imago imagesEinmal tief Luft holen, das beruhigt die Nerven. Das dachte sich wohl auch die Europäische Zentralbank (EZB): Sie beschloss auf ihrer Sitzung am Donnerstag, die Leitzinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen. Der Refinanzierungssatz, zu dem Banken sich Geld bei der EZB leihen können, bleibt bei 4,5 Prozent. Nach zehn Zinsschritten rasch hintereinander legen die europäischen Notenbanker damit zum ersten Mal eine Pause ein.
Sinkende Inflationsraten, eine schwache Konjunktur, stark gestiegene Anleiherenditen und Sorge über die explosive Lage im Nahen Osten legten eine Zinspause nahe. Kurzfristig drohen Verwerfungen an den Märkten. Die EZB um ihre Präsidentin Christine Lagarde gleicht in dieser Gemengelage einem Jongleur, der alle paar Monate einen Ball mehr in der Luft halten muss. Die Frage ist, wie lange sie das durchhalten kann.
Die Teuerung schwächt sich zwar fürs Erste ab. In den nächsten Monaten drohen aber Rückschläge bei der Inflationsbekämpfung, wie Lagarde selbst einräumt. Die Rohölpreise sind im Zuge des Krieges im Nahen Osten bereits gestiegen, die Preise für Nahrungsmittel könnten aufgrund von Ernteausfällen infolge der Klimakrise weiter klettern. Und die Folgen neuer, höherer Lohnabschlüsse sind noch nicht vollständig abzusehen.
Es ist möglich, dass die EZB bald andere Mittel als den Leitzins nutzen wird, um die Inflation weiter zu drücken. Im Vorfeld der jüngsten Sitzung war etwa spekuliert worden, ob die Notenbanker ein vorzeitiges Ende der Anleihekäufe im Rahmen des Pandemieprogramms PEPP verkünden oder die Mindestreserve für Banken erhöhen würden. Beides hätte dazu geführt, dass Liquidität aus dem Finanzsystem abgesaugt und das Kreditwachstum – also die Geldschöpfung – gebremst wird. Beides hat die EZB jedoch vermieden: Nach aktuellem Stand sollen bis Ende 2024 auslaufende Staatsanleihen weiterhin durch neue ersetzt werden. Zuletzt hatte die EZB verstärkt italienische Staatsbonds gekauft.
Das bedeutet die Zinspause für Anleger
Obwohl die Märkte die Entscheidung der EZB erwartet hatten, ist die Zinspause für Aktienbesitzer tendenziell eine gute Nachricht. Der Dax notiert aktuell rund elf Prozent unter seinem Höchststand vom Juli. Neben der schwächelnden Wirtschaft liegt das vor allem an den gestiegenen Zinsen, die unter anderem die Finanzierungskosten für Unternehmen in die Höhe treiben.
Interessante Investmentchancen bieten sich für Anleger jetzt am Anleihemarkt. Die Renditen vieler Staats- und Unternehmensanleihen schossen in den vergangenen Tagen zeitweise auf das höchste Niveau seit der Finanzkrise – eine Folge gesunkener Kurse. Mit dem richtigen Timing sind jetzt etwa bei US-Staatsanleihen je nach Laufzeit teils fünf Prozent Rendite drin.
Die Kursverluste waren unter anderem darauf zurückzuführen, dass Anleger mittlerweile eine höhere Kompensation für die Risiken von Anleihen verlangen, sodass Staaten gezwungen sein dürften, neue Bonds mit höheren Zinskupons auszustatten. Die Kehrseite dieser Entwicklung: Für Staaten wird der Schuldendienst immer mehr zum Problem.
Marktexperten schließen bei wieder steigenden Inflationsraten weitere Zinserhöhungen nicht aus. Franck Dixmier von Allianz Global Investors warnt: „Die Märkte haben das Risiko weiterer Zinserhöhungen noch nicht eingepreist, und jede Anpassung der Erwartungen dürfte die Volatilität an den Anleihemärkten erhöhen.“ Obwohl sich die EZB mit der Zinspause erst einmal Luft verschafft hat, dürften die Nerven der Notenbanker also weiterhin angespannt bleiben.
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