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EZB-SitzungWarum die Europäische Zentralbank eine Verschnaufpause einlegt

Die EZB lässt den Leitzins unverändert. Das soll die Märkte beruhigen und zugleich die Inflation weiter drücken. Für Anleger bieten sich jetzt Chancen am Anleihemarkt.Felix Petruschke 26.10.2023 - 18:20 Uhr

Voller Durchblick? EZB-Präsidentin Christine Lagarde kämpft mit vielen Problemen gleichzeitig.

Foto: imago images

Einmal tief Luft holen, das beruhigt die Nerven. Das dachte sich wohl auch die Europäische Zentralbank (EZB): Sie beschloss auf ihrer Sitzung am Donnerstag, die Leitzinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen. Der Refinanzierungssatz, zu dem Banken sich Geld bei der EZB leihen können, bleibt bei 4,5 Prozent. Nach zehn Zinsschritten rasch hintereinander legen die europäischen Notenbanker damit zum ersten Mal eine Pause ein.

Sinkende Inflationsraten, eine schwache Konjunktur, stark gestiegene Anleiherenditen und Sorge über die explosive Lage im Nahen Osten legten eine Zinspause nahe. Kurzfristig drohen Verwerfungen an den Märkten. Die EZB um ihre Präsidentin Christine Lagarde gleicht in dieser Gemengelage einem Jongleur, der alle paar Monate einen Ball mehr in der Luft halten muss. Die Frage ist, wie lange sie das durchhalten kann.

Die Teuerung schwächt sich zwar fürs Erste ab. In den nächsten Monaten drohen aber Rückschläge bei der Inflationsbekämpfung, wie Lagarde selbst einräumt. Die Rohölpreise sind im Zuge des Krieges im Nahen Osten bereits gestiegen, die Preise für Nahrungsmittel könnten aufgrund von Ernteausfällen infolge der Klimakrise weiter klettern. Und die Folgen neuer, höherer Lohnabschlüsse sind noch nicht vollständig abzusehen.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Es ist möglich, dass die EZB bald andere Mittel als den Leitzins nutzen wird, um die Inflation weiter zu drücken. Im Vorfeld der jüngsten Sitzung war etwa spekuliert worden, ob die Notenbanker ein vorzeitiges Ende der Anleihekäufe im Rahmen des Pandemieprogramms PEPP verkünden oder die Mindestreserve für Banken erhöhen würden. Beides hätte dazu geführt, dass Liquidität aus dem Finanzsystem abgesaugt und das Kreditwachstum – also die Geldschöpfung – gebremst wird. Beides hat die EZB jedoch vermieden: Nach aktuellem Stand sollen bis Ende 2024 auslaufende Staatsanleihen weiterhin durch neue ersetzt werden. Zuletzt hatte die EZB verstärkt italienische Staatsbonds gekauft.

Das bedeutet die Zinspause für Anleger

Obwohl die Märkte die Entscheidung der EZB erwartet hatten, ist die Zinspause für Aktienbesitzer tendenziell eine gute Nachricht. Der Dax notiert aktuell rund elf Prozent unter seinem Höchststand vom Juli. Neben der schwächelnden Wirtschaft liegt das vor allem an den gestiegenen Zinsen, die unter anderem die Finanzierungskosten für Unternehmen in die Höhe treiben.

Immobilienfinanzierung

Warum die Bauzinsen die Fünf-Prozent-Marke durchbrechen dürften

Interessante Investmentchancen bieten sich für Anleger jetzt am Anleihemarkt. Die Renditen vieler Staats- und Unternehmensanleihen schossen in den vergangenen Tagen zeitweise auf das höchste Niveau seit der Finanzkrise – eine Folge gesunkener Kurse. Mit dem richtigen Timing sind jetzt etwa bei US-Staatsanleihen je nach Laufzeit teils fünf Prozent Rendite drin. 

Die Kursverluste waren unter anderem darauf zurückzuführen, dass Anleger mittlerweile eine höhere Kompensation für die Risiken von Anleihen verlangen, sodass Staaten gezwungen sein dürften, neue Bonds mit höheren Zinskupons auszustatten. Die Kehrseite dieser Entwicklung: Für Staaten wird der Schuldendienst immer mehr zum Problem.

Marktexperten schließen bei wieder steigenden Inflationsraten weitere Zinserhöhungen nicht aus. Franck Dixmier von Allianz Global Investors warnt: „Die Märkte haben das Risiko weiterer Zinserhöhungen noch nicht eingepreist, und jede Anpassung der Erwartungen dürfte die Volatilität an den Anleihemärkten erhöhen.“ Obwohl sich die EZB mit der Zinspause erst einmal Luft verschafft hat, dürften die Nerven der Notenbanker also weiterhin angespannt bleiben.

Lesen Sie auch: Darum peilt die EZB ausgerechnet zwei Prozent Inflation an

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