EZB-Zinsentscheid Vergesst die Inflation!

Die Inflation in der Eurozone ist aktuell hoch – davon sollten sich Anleger aber nicht allein leiten lassen, sondern die Inflationserwartungen im Blick behalten. Quelle: imago images

Die Inflation ist hoch, die Zinsen sind niedrig – mit Zinsinvestments verliert man real also Geld. Das klingt logisch, stimmt aber so nicht. Ein Kommentar.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre erste Zinserhöhung seit mehr als einem Jahrzehnt festgelegt: 0,5 Prozent. Viel wird nun sicher darüber zu lesen sein, dass die Leitzinsen und auch die Kapitalmarktzinsen noch immer deutlich zu niedrig sind, um die Inflation auszugleichen.

Wer jetzt in Anleihen investiere, werde mit Sicherheit real, also nach Abzug der Inflation, Kapital verlieren. Auf den ersten Blick stimmt das ja auch: Die Inflationsrate in der Eurozone betrug im Juni 8,6 Prozent – meilenweit oberhalb der Leitzinsen. Egal, ob die nun um 25 oder 50 Basispunkte erhöht werden. Und auch am Anleihemarkt sind 8,6 Prozent nur mit waghalsigen, nicht empfehlenswerten Investments drin. Eine zehnjährige Bundesanleihe dagegen rentiert mit müden 1,2 Prozent. Sind Zinsinvestments also sichere Verlustbringer?

Ganz so eindeutig ist das nicht. Denn wie hoch die Inflation aktuell ist, kann jemandem, der jetzt Anleihen kauft, egal sein. Er investiert schließlich von heute an (in der Regel) für einige Jahre in die Zukunft. Wie hoch die reale Rendite dieses Investments ausfällt, hängt nur davon ab, wie hoch die Inflationsrate in dieser Zeit sein wird.



Die 8,6 Prozent aber sind eine Vergangenheitsbetrachtung. Sie geben an, wie stark die Preise zwischen Juni 2021 und Juni 2022 gestiegen sind. Diese Daten sind relevant für Anleiheinvestoren, die in dieser Zeit Anleihen hielten – ihr Geld entwertet dieser Anstieg. Bei Neuinvestoren ist das nicht so; sie sollten sich einzig an der künftig zu erwartenden Teuerungsrate orientieren.

An den Kapitalmärkten lassen sich diese Erwartungen messen. Mit sogenannten Zinsswaps können Profi-Investoren das Inflationsrisiko eines Investments absichern. Aus den Preisen dieser Swaps lässt sich ableiten, wie viel Inflation die Marktteilnehmer für die Zukunft erwarten.

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In der Euro-Zone liegt dieser Wert laut Datenanbieter Bloomberg nach einem Hoch von 2,5 Prozent Anfang Mai derzeit nur noch bei 2,1 Prozent erwarteter Teuerungsrate für die kommenden fünf Jahre. Das ist noch immer mehr als der Zielwert der EZB (unter zwei Prozent) und doppelt so viel, wie eine fünfjährige Bundesanleihe an Rendite abwirft (1,1 Prozent).

Aber: Es ist eben weit weg von den außergewöhnlich hohen Inflationsraten, die wir aktuell messen. Mit Euro-Unternehmensanleihen guter Bonität lassen sich durchaus Renditen oberhalb von 2,1 Prozent über fünf Jahre erzielen – also ein reales Plus. In den USA rentieren sogar fünfjährige Staatsanleihen (3,2 Prozent) aktuell über den Inflationserwartungen für diesen Zeitraum (2,5). Das zeigt: Reale Renditen mit Anleihen sind gar nicht so utopisch, wie es derzeit oft suggeriert wird.

Klar ist natürlich auch, dass das Prognosen sind und es letztlich mehr Inflation geben kann (oder sogar weniger – wer weiß?). Aber: Bei Zinsinvestments Prognosen heranzuziehen ist in jedem Fall sinnvoller, als die aktuell schockbedingt hohen Inflationsraten über den gesamten Investitionszeitraum fort- und Anleihen als Investment grundsätzlich abzuschreiben.

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