Finanzmarktregulierung Brüssel macht sich für grüne Investitionen stark

Umweltfaktoren und Nachhaltigkeit sollen zukünftig stärker an den Kapitalmärkten berücksichtigt werden Quelle: imago

EU-Kommission will am kommenden Mittwoch einen umfassenden Aktionsplan für mehr Nachhaltigkeit an Kapitalmärkten vorstellen. Die Initiative ist umstritten.

Das Thema Nachhaltigkeit wird von Kapitalmärkten bisher zu wenig beachtet. Zu dieser Einschätzung kommt wenigstens die EU-Kommission. Damit soziale Aspekte und Umweltfaktoren künftig stärker berücksichtigt werden, stellt die Kommission am kommenden Mittwoch einen umfassenden Aktionsplan vor. In dem Entwurf des vertraulichen Papiers, das der WirtschaftsWoche vorliegt, schlägt die Brüsseler Behörde Standards für grüne Investmentprodukte, aber auch eine Umstellung auf Nachhaltigkeit bei der Finanzberatung, Benchmarks und Ratings vor. Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber sieht die Vorschläge als einen „Paradigmenwechsel“.

Weil es bisher noch nicht einmal einheitliche Kriterien für „nachhaltige“ Investitionen existieren, will die EU-Kommission noch im ersten Halbjahr 2018 eine Verordnung vorlegen mit einer Klassifizierung von Aktivitäten im Bereich Klimaschutz, Umwelt und Soziales. Dies soll nur ein erster Schritt sein, eine umfassende Einordnung wird mehr Zeit erfordern. Bis zum dritten Quartal 2019 etwa soll die Prospektverordnung so erweitert werden, dass Investoren wissen, was sie in einer grünen Anleihe erwerben.

Grüne Anleihen ermöglichen Unternehmen, Banken und Regierungen, heute schon Geld bei Investoren einzusammeln, um damit grüne Projekte zu finanzieren. Bisher fehlt aber ein Standard für solche Anleihen, was auch ihre eingeschränkte Beliebtheit erklärt. Weniger als ein Prozent der weltweit begebenen Anleihen sind grüne Anleihen.

Im ersten Halbjahr 2018 will die EU-Kommission eine Debatte anstoßen, wie Nachhaltigkeitsfaktoren künftig in Ratings einfließen könnten. Dabei soll sogar untersucht werden, ob eine eigene Ratingagentur geschaffen werden soll, die sich auf langfristige Risiken etwa durch den Klimawandel spezialisieren würde. Die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA soll bis zum dritten Quartal 2019 untersuchen, in wieweit Ratingagenturen Umweltaspekte und Soziales schon berücksichtigen und sie dazu anregen, dies künftig stärker zu tun.
Obwohl es bisher keinen Nachweis gibt, dass grüne Investitionen weniger riskant sind als andere, erwägt die EU-Kommission eine Vorzugsbehandlung für grüne Investitionen bei den Kapitalanforderungen für Banken. Bisher gibt es schon Ausnahmen für Kredite für kleine und mittlere Unternehmen. Vor allem französische Banken lobbyieren, damit künftig auch grüne Investitionen großzügiger behandelt werden. Selbst grüne Politiker halten dies für einen Fehler, da Europa kein Interesse daran haben kann, Risiken in den Bandenbilanzen zu unterschätzen.

Um das Kurzfristdenken an Kapitalmärkten zu beenden, erwägt die EU-Kommission auch, Unternehmen zu zwingen, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu veröffentlichen. Unternehmen müssten dann messbare Ziele erreichen und ihre Performance veröffentlichen. In dem Papier beklagt die EU-Kommission, das Finanzanalysten „nicht weiter als fünf Jahre blicken, obwohl Umwelt- und Sozialrisiken mit hoher Wahrscheinlichkeit erst über einen längeren Zeithorizont drohen“.

Die Brüsseler Initiative ist durchaus umstritten. „Die Kommission versucht, das Thema Nachhaltigkeit mit der Brechstange in der europäischen Finanzmarktregulierung unterzubringen, ohne erklären zu können, was Nachhaltigkeit im Finanzwesen überhaupt bedeutet“, kritisiert etwa der CSU-Europaabgeordnete Ferber. Er stört sich daran, dass die Kommission das Thema Nachhaltigkeit mit Verve verfolgt, den Abbau von faulen Krediten in Bankenbilanzen dagegen lange hat schleifen lassen. „Wenn die Kommission beim Risikoabbau im Bankensystem und der Kapitalmarktunion nur halb so ambitioniert vorginge wie bei Green Finance, wären wir schon weiter.“

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