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Fonds zum Nulltarif Fondsanleger verschenken 930 Millionen Euro

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Deutschlands Anleger kaufen ihre Investmentfonds in der Regel bei einer Bank. Dabei fallen hohe Gebühren an. Eine Studie zeigt das Sparpotenzial, wenn Anleger bei Discount-Anbietern statt bei Banken kaufen.

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Fonds sind eine gute Geldanlage, doch oft zahlen die Anleger je nach Anbieter drauf Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms

Nun gut, der Mann ist Verkäufer, klappern gehört zu seinem Handwerk. Aber seine Zahlen sind solide: „Im Jahr 2013 haben die Deutschen beim Fondskauf mindestens 930 Millionen Euro Abschlussprovision zu viel gezahlt, die leicht hätten gespart werden können“, sagt Uwe Lange, Chef von der AVL-Finanzvermittlung aus dem schwäbischen Weinstadt.

Schneller aus dem Minus

Die Abschlussprovision bei Fonds heißt Ausgabeaufschlag. Wer heutzutage etwa für einen offenen Immobilienfonds 5,5 Prozent Ausgabeaufschlag zahlt, der benötigt bei jährlichen Wertentwicklungen von gerade mal zwei Prozent etwa drei Jahre, um ins Plus zu kommen. Handelt der Anleger mit seinem Bankberater nicht einen Provisionsverzicht aus, macht er ein schlechtes Geschäft. Entfällt die Kaufgebühr, ist der Anleger bei einem Kursplus sofort im grünen Bereich und hat Geld verdient. Ein klarer Pluspunkt für die Kunden: „Wenn sie beim Kauf eines Fonds viel zahlen, fehlt ihnen auch die Flexibilität bei der Geldanlage“, sagt Lange. Wer nämlich durch die Kaufkosten noch im Minus steckt, dem fällt es mitunter schwerer, sich früh von einem Fonds zu trennen - auch wenn das vielleicht sinnvoll wäre. Bei niedrigen Renditen im Anleihebereich hauen drei Prozent Kaufkosten für einen Rentenfonds ordentlich ins Kontor.

Nulltarif statt Kaufkosten

Dass Lange mit den spektakulären Zahlen zum Sparen aufruft, liegt daran, dass sein Fondssupermarkt AVL 19000 Investmentfonds zum Nulltarif anbietet, Anleger zahlen also keinen Ausgabeaufschlag. Es gibt eine Reihe anderer so genannter Fonds-Supermärkte oder auch Fonds-Discounter genannt, die Anlegern ähnliche Rabatte gewähren oder sogar auch den Nulltarif bieten, auch bei Direktbanken ist das inzwischen üblich.

Mit rund 35000 Kunden gehört AVL zu den großen am Markt. In seiner aktuellen Kostenstudie bezieht sich Lange auf die 30 Milliarden Euro, die Privatanleger im Jahr 2013 in Investmentfonds investiert haben.

80 Prozent über Banktresen

Bei den Kaufkosten hat AVL nach den Fondskategorien unterschieden und nur Publikumsfonds ausgewählt. Anhand der vom deutschen Fondsverband BVI ermittelten Daten, berücksichtigte AVL die Fondskategorien, die in 2013 Nettomittelzuflüsse hatten, in die also Anleger mehr Geld eingezahlt haben, als verkaufswillige abgezogen haben. In seiner Kostenstudie bezieht sich Lange auf die gesamten Nettomittelzuflüssen von über 30,4 Milliarden Euro, verteilt sie aber auf die einzelnen Fondsgruppen und kommt sogar auf ein Provisionsvolumen von 1,162 Milliarden Euro: Am begehrtesten waren 2013 bei Anlegern die Mischfonds, in die sie netto 18,2 Milliarden Euro investierten. Bei üblichen Ausgabeaufschlägen von vier Prozent, wären 728 Millionen Euro Provisionen fällig geworden. Bei Rentenfonds mit Nettozuflüssen von 8,8 Milliarden Euro und einer angenommenen Abschlussprovision von drei Prozent kämen 264 Millionen Provision zusammen, bei Immobilienfonds mit Netto-Anteilskäufen von 3,4 Milliarden Euro hätten Anleger 170 Millionen Euro gezahlt. Da aber nur etwa 80 Prozent der Fonds über den Banktresen gehen, der Rest bei Direktbanken oder Fonds-Supermärkten bereits mit Rabatt oder ohne Ausgabeaufschlag gekauft wird, reduziert sich die Summe für die Kaufprovisionen auf etwa 930 Millionen Euro.

Finger weg von geschlossenen Fonds

Supermarkt lebt vom Bestand

Von irgendetwas müssen aber auch die Anbieter leben, die Fonds zum Nulltarif anbieten. Ihr Geschäft finanzieren seriöse Anbieter durch die Bestandsprovisionen, die Fondsgesellschaften den Vermittlern zahlen. Sie geben üblicherweise etwa 20 bis 40 Prozent der jährlichen Verwaltungsvergütung, die sie dem Fondsvermögen automatisch entnehmen, an die Vermittler weiter. Zu anderen Beteiligungsmodellen, wie den so genannten geschlossenen Fonds, sollten sich Anleger aber nicht drängen lassen. Bei manchen Anbietern gelten die Investmentfonds als Türöffner, um ihnen später doch die besonders teuren und riskanten unternehmerischen Beteiligungen anzupreisen.

Warnsignale bei geschlossenen Fonds

Verzicht auf Beratung

Wer den provisionsorientierten Bankberatern entkommen will und neben einem kostenlosen Depot auch noch die Fonds zu günstigen Kosten ordern möchte, muss allerdings in den meisten Fällen auf eine Anlageberatung verzichten.

Ganz allein bleiben die Selbstbauer mit ihren Depots aber meistens nicht. Um den Überblick zu behalten, bekommen sie etwa bei AVL manchen Überblick Online mit ausgefeilten Darstellungen zur Depotstruktur. Die einzelnen Fonds werden Ländern und Branchen zugeordnet, verschiedenen Produkttypen und Risikoklassen. Klumpenrisiken können etwas erfahrene Anleger damit leichter im Depot entdeckt und eventuell beseitigen.

Auf dem Laufenden halten

„Voraussetzung für die Selbstmacher ist, das sie sich für das Wirtschaftsgeschehen zumindest etwas interessieren. Sie sollten auch informiert bleiben, damit sie in Grundzügen einschätzen können, ob ihr Depot noch gut aufgestellt ist“, rät Lange. Um die Märkte im Blick zu behalten, schickt AVL den Kunden etwa auf Wunsch per Mail fünfmal wöchentlich kostenlos die Handelsblatt News am Abend.

Beim Fondssupermarkt fonds-im-netz.de, den Reinhard Martius vor 13 Jahren gegründet hat, gibt es ebenfalls Fonds zum Nulltarif. Wer sich das Depot im Eigenbau aber doch nicht allein zutraut, kann von Martius, einem zertifizierten Finanzplaner, auf Wunsch auch eine Beratung bekommen. Martius ist eigentlich ein eingefleischter Aktienanleger. Schon im Teenageralter hat er mit seinem Vater Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften besucht. Jahrelang hat er für die eigene Vermögensanlage aufwendig einzelne Aktien und Anleihen ge- und verkauft und viel Arbeit in die Auswahl gesteckt. Irgendwann stellte er allerdings fest, dass er dabei nicht erfolgreicher war als gute Fondsmanager und ist auf Fonds umgeschwenkt. „Sie sind wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Risikostreuung für viele Anleger ideal, vorausgesetzt sie achten auf niedrige Kosten“, sagt Martius.

Jährliche Verwaltung kostet

Dabei spielen Kaufkosten eine Rolle, aber Anleger sollten auch auf die jährlichen laufenden Kosten achten. Sie sind allerdings in den Wertentwicklungsvergleichen der Fonds bereits abgezogen. Bei teuren Fonds mit hohen jährlichen Gebühren aber einer sehr guten Wertentwicklung, hat der Fondsmanager also sein Geld auch verdient, weil er sehr gute Ergebnisse erzielt hat. Das Risiko ist dann nur, dass die hohen Kosten auch in schwächeren Jahren anfallen.

Teure Verwaltung

Auf diese Niedrigzinsprodukte schwören die Deutschen
FestgeldDas Marktforschungsinstitut TNS Emnid hat ermittelt, wo die Deutschen ihr Geld im Jahr 2013 angelegt haben. Auch 2011 hat sich das Institut das Spar- und Anlageverhalten der Deutschen angesehen. Das Ergebnis: Die Deutschen sparen zwar mitunter mehr Geld als noch vor zwei Jahren, aber es scheint ihnen mittlerweile völlig egal zu sein, wie viel Zinsen sie bekommen. So parken dieses Jahr fast 20 Prozent der Deutschen ihr Geld auf Festgeldkonten (2011 waren es rund 15 Prozent), auf denen sie maximal 1,91 Prozent bekommen (VakifBank). Quelle: Fotolia
Sparstrumpf22 Prozent stecken ihr Erspartes in die Sparstrümpfe oder das Schweinchen. Jedenfalls antworteten sie auf die Frage nach ihrer Geldanlage, dass sie ihr Geld zuhause verwahren. Quelle: Fotolia
TagesgeldDeutlich mehr Zinsen als beim heimischen Sparschwein winken den 27 Prozent der Deutschen, die ihr Erspartes aufs Tagesgeldkonto legen. Bei 1,1 Prozent Inflation im August sind 1,5 Prozent Zinsen allerdings nicht wirklich lohnend. Quelle: Fotolia
SparbuchDas Sparbuch ist in diesem Jahr deutlich in der Gunst der Deutschen gefallen. Im ersten Quartal 2013 ist die Beliebtheit des Sparkontos um fünf Prozentpunkte auf 31 Prozent gesunken. Trotzdem ist das Sparbuch mit seinen 0,1 bis 1,5 Prozent Zinsen die Nummer vier der beliebtesten Anlageformen der Deutschen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
LebensversicherungenDie Lebensversicherung ist seit Jahrzehnten der Deutschen liebste Form der Altersvorsorge, es existieren Millionen Verträge. Und auch, wenn die Zeiten üppiger Renditen schon lange vorbei sind und die Policen immer häufiger als Kostenfalle, Abzocke und Auslaufmodell gelten: Die Deutschen lieben sie. Allein in diesem Jahr gaben 33 Prozent der Befragten an, ihr Erspartes in Lebensversicherungen zu stecken. Quelle: dpa
BausparverträgeDie Nummer zwei in der Gunst der Deutschen ist der Bausparvertrag. Er zählt vor allem noch immer zu den Klassikern der Immobilienfinanzierung. Dementsprechend gaben 34 Prozent an, 2013 ihr Geld in Bausparverträgen anzulegen. Quelle: dpa
GirokontoDie meisten Deutschen parken ihr Geld allerdings auf dem völlig unverzinsten Girokonto. 45 Prozent nutzen dieses Konto 2013, um ihr Geld zu verwahren. Quelle: dpa

Jährlich automatisch entnehmen die Fondsgesellschaften den Portfolios unter anderem die Verwaltungsvergütung. Sie ist aber nur ein Teil der jährlich anfallenden Abzüge. Für jeden Handgriff abseits des Fondsmanagements zahlt der Anleger nämlich ebenfalls und das satteln die meisten Fondshäuser noch obendrauf auf die meist schon üppige Verwaltungsvergütung: Kosten für Depotbank, Wirtschaftsprüfer, Jahresberichte und das Eintreiben von im Ausland zu viel gezahlten Steuern. Ebenfalls in vielen Jahresberichten nachzulesen sind üppige Zahlungen, die als „Sonstige Kosten“ nicht näher erläutert werden müssen.

Teuer ohne Ausgabeaufschlag

Es gibt eine Reihe Fonds, die werden von vornherein ohne einen Ausgabeaufschlag angeboten. Die so genannten No-load-Fonds sind aber vor allem auf längere Sicht teuer, denn bei ihnen sind die jährlichen Kosten höher. Über irgendeinen Dreh bekommen nämlich die Fondshäuser und Verkäufer immer ihr Geld herein. Aus den höheren jährlichen Kosten zahlen die Fondshäuser den Verkäufern entsprechend höhere Bestandsprovisionen. Anleger sollten diese Fonds möglichst nur für einen kurzfristigen Einsatz halten. Auf lange Sicht sind sie teurer als Fonds mit Ausgabeaufschlag. Und den spart man sich am besten sowieso.

In Arbeit
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Wer sich über die Gesamtkosten seines Fonds informieren möchte, findet etwa beim Datenanbieter Morningstar die Gesamtkosten des Fonds pro Jahr in der Total-Expense-Ratio (TER) zusammengefasst. Morningstar berücksichtigt dabei auch eventuell angefallene Erfolgshonorare, die bei TER-Angaben der Fondsgesellschaften meist separat ausgewiesen werden.

Jährliche Kosten im Blick

Jährliche Gesamtkosten von zwei Prozent sind bei Aktien- und Mischfonds keine Seltenheit mehr. Und da sie jährlich anfallen und nicht nur einmalig beim Kauf, lohnt es sich auf sie zu achten. Entkommen können Anleger diesem Kostenblock nicht, wenn sie einen bestimmten Fonds kaufen wollen. Allenfalls börsengehandelte Indexfonds sind ansonsten ein Ausweg. Die Anbieter ziehen bei bekannten Indizes meist nur etwa 0,15 Prozent jährlich als Kosten ab. Billiger geht es nicht.

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