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Fondsmanager Nicolas Simar "Die Gewinne haben beträchtliches Aufhol- und Aufwärtspotenzial"

Nicolas Simar, Leiter der Equity Value Boutique bei NN Investment Partner, ist als Fondsmanager ständig auf der Suche nach unterbewerteten Unternehmensperlen. Im Gespräch erklärt er, wie und wo er fündig wird.

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Nicolas Simar, Leiter der Equity Value Boutique bei NN Investment Partners, im Interview mit WirtschaftsWoche. (Zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Wie erklären Sie sich die starke Korrelation von Value Aktien im Hinblick auf steigende Renditen bei Anleihen und was bedeutet eine steigende Inflation für das Value-Investing?
Wenn die Renditen steigen, weil die Wirtschaft wächst, profitieren davon vor allem Value-Aktien. Warum? Durch die Konjunkturbelebung steigt die Gewinndynamik in denjenigen Sektoren an, in denen die Erwartungen gering waren. Und die Erwartungen waren häufig deshalb gering, weil Preisdruck bestand. Ein Aufwärtstrend bei den Anleiherenditen deutet häufig darauf hin, dass die Inflationserwartungen und damit auch die Gewinnmargen steigen. Außerdem neigen Value-Aktien dazu, stärker von einem operativen Leverage zu profitieren, so dass die Auswirkungen auf die Gewinne bei einer Konjunkturbelebung vergleichsweise größer ausfallen.

Zur Person

Was bedeutet das umgekehrt für Wachstumstitel?
Am anderen Ende des Spektrums stehen Growth-Aktien, die mit hohen Erwartungen befrachtet sind, unter Erfolgsdruck. Und dem können sie nicht immer gerecht werden. Bei solchen Aktien wird in der Regel mit beträchtlichen künftigen Einnahmen gerechnet. Wenn nun die Renditen steigen, fällt der Abschlag für die künftigen Unternehmensgewinne höher aus, was die aktuelle Bewertung drückt.

Würden Sie uns einen Einblick in Ihren Analyseprozess gewähren? Wie groß ist die Nähe zur klassischen Fundamentalanalyse? Wie modifizieren Sie diese?
Unsere Analysten haben ein hauseigenes Finanzmodell für die von ihnen beobachteten Unternehmen entwickelt. Wir ermitteln den fairen Wert mit Hilfe von Methoden, die auf den jeweiligen Sektor abgestimmt werden. Dazu gehören beispielsweise Discounted-Cash-Flow-Modelle (DCF), Sum-of-Parts-Analysen (auch als Breakup-Analysen bezeichnet), Dividend-Discount-Modelle (DDM) oder relative Unternehmensbewertungen. Zudem berücksichtigt unser Bewertungsmodell auch Umwelt-, soziale und Governance-Kriterien (ESG-Faktoren).

Welche Kennzahlen verwenden Sie zur Ermittlung von Unterbewertung?
Neben der oben beschriebenen Bewertungsmethode untersuchen wir Bewertungskennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), die freie Cashflow-Rendite, die Dividendenrendite oder Kennzahlen zum Unternehmenswert. Da viele unserer Fonds einen Fokus auf Dividenden haben, betrachten wir auch Kennzahlen zur Nachhaltigkeit der Dividenden wie beispielsweise Verschuldung und Dividendendeckung.

Einerseits wird von einer steigenden Binnennachfrage ausgegangen, andererseits gewichten Sie bestimmte Konsumgüter unter. Wie ist das zu verstehen?
Die Value-Idee steht im Mittelpunkt, es geht also um die Bewertungen. Bei Konsumgütern sind die Bewertungen unseres Erachtens sehr hoch, vor allem bei Lebensmittel- und Getränkeproduzenten sowie bei Herstellern von Hygiene- und Luxusprodukten. Diese Segmente gehören zu den Kategorien defensives Wachstum beziehungsweise geringe Volatilität, die von den quantitativen Lockerungen der Zentralbanken profitiert haben. Auch wenn das Verbraucherklima günstig ist, preisen zahlreiche Konsumgüterunternehmen Wachstumserwartungen ein, die sich wohl nur schwer realisieren lassen.

Value-Aktien wieder stärker in Betracht ziehen

Da Sie sich zu Einzelaktien nicht äußern dürfen: Welche Branchen außerhalb des Finanzsektors halten Sie für interessant? Welche Branchen außerhalb des Finanzsektors halten Sie für interessant?
Wir ziehen Unternehmen mit Fokus auf den heimischen Markt vor. Ihre Gewinne sind bisher unterdurchschnittlich ausgefallen und bieten daher im derzeitigen Umfeld ein beträchtliches Aufhol- und Aufwärtspotenzial. Auch der Rohstoffsektor holt auf. Neben Finanzwerten haben wir derzeit Telekommunikationsunternehmen, Versorger und Energie übergewichtet. Diese Gewichtung ergibt sich jedoch nicht aus Top-Down-Entscheidungen, sondern aus unserem Ansatz der Einzeltitelauswahl.

Warum ist der Finanzsektor nun wieder attraktiv, und ist die Einschätzung eher kurz- oder langfristig?
Banken bieten attraktive Renditen, Dividendenwachstum, eine Bilanzerholung und eine positive Gewinndynamik. Wir erwarten, dass die Erträge von Banken von mehreren Faktoren profitieren werden. Zuallererst dürften sich steigende Zinsen direkt auf die Nettozinsmargen der Banken auswirken. Die Europäische Zentralbank scheint ein Ende der lockeren Geldpolitik anzudeuten, was die Anleiherenditen in der Eurozone nach oben treibt. Der erwartete Wandel der EZB-Politik ist gleichzeitig eine Antwort auf ein wirtschaftliches Makroumfeld, das nun robuster scheint als in den vergangenen Jahren. Wachstum, Einkaufsmanagerindizes und andere Indikatoren zum Marktvertrauen unterstützen diese Einschätzung.

Gibt es konkrete Anhaltspunkte dafür?
Dieses Umfeld hilft dabei, dass sich das Kreditvolumen erhöht und gleichzeitig die Zahl der faulen Kredite zurückgeht. Darüber hinaus sind die Dividenden europäischer Banken attraktiv – sie liegen bei 4,2 Prozent und sind damit höher als der Sektordurchschnitt von 3,3 Prozent. Dabei lassen die Dynamik des Gewinnwachstums und die Erholung der Bilanzen noch Luft für steigende Dividenden. Und schließlich geht das wahrgenommene Risiko im Banksektor weltweit zurück: Über die vergangenen sechs Jahre hat sich die Kernkapitalquote (Tier 1) der Banken von sieben auf zwölf Prozent erhöht. Zudem hat das positive Ergebnis der jährlichen Bankenanalyse durch die US-Zentralbank, die sogenannte Comprehensive Capital Analysis and Review (CCAR), dem Sektor einen Schub gegeben.

Was Value-Aktien angeht: Muss man die nicht ohnehin längst im Depot haben, wenn sie jetzt wieder teurer werden?
Wir sind mit dem Wort „müssen“ vorsichtig, da man nie sicher sagen kann, wie sich die Märkte verhalten werden. Was wir jedoch sagen können, ist, dass eine beträchtliche Streuung bei den Bewertungen besteht. Und da die lockere Geldpolitik bald enden dürfte, kann es inzwischen an der Zeit sein, Value-Aktien wieder stärker in Betracht zu ziehen.

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