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Fragwürdige Fonds Todeswetten bei der Sparkasse

Sparkassen gelten als konservativ und kundennah. Jetzt droht den Instituten eine Klagewelle von Kunden, die in Lebensversicherungsfonds investiert haben. Diese Produkte sind unrentabel, riskant und moralisch untragbar.

Die Sparkasse hat zwischen 2002 und 2008 mit ethisch fragwürdigen sowie hochriskanten Lebensversicherungsfonds gezockt - Nun droht eine Klagewelle Quelle: dpa

Die Finanzkrise war nicht für alle Banken schlimm. Die Sparkassen und Volksbanken etwa galten jahrelang als staubig und langweilig. Aber mit der Lehman-Pleite im Jahr 2007 und dem Bekanntwerden immer neuer Skandale über die Zockermentalität in den Investmentbanken sowie immense Bestände an Ramschhypotheken in den Bankbilanzen konnten die genossenschaftlichen Institute bei den Kunden wieder punkten. Ihre solide Einlagensicherung, ihr vergleichsweise langweiliges Image und die große Kundennähe im Filialgeschäft kamen mit einem Mal wieder prima an. Wegen ihrer konservativen Geschäftspolitik waren sie als Hort der Stabilität wieder hoch geschätzt.

Die in Krisenzeiten erworbenen Pluspunkte könnten zumindest einige Sparkassen nun wieder einbüßen. Denn wie das Handelsblatt exklusiv berichtet, haben die Sparkassen in den Jahren 2002 bis 2008 Kunden gegen hohe Provisionen in hochriskante und letztlich auch ethisch fragwürdige Anlagevehikel getrieben: Lebensversicherungsfonds.

Große Lebensversicherer lassen Kunden hungern
Der Speck ist wegWer eine Lebensversicherung kauft, geht zum Vertreter. Rund zwei Drittel des Neugeschäfts entfällt daher auf die 20 größten Lebensversicherer. Die Branchenriesen werden nun jedoch immer vorsichtiger. Im Schnitt liegt ihre Überschussbeteiligung bei 3,49 Prozent - das ist mager und dürfte weniger als der ohnehin schon niedrige Branchenschnitt von rund 3,6 Prozent sein. Der Grund: Fast alle sind mit ihren Gutschriften runter gegangen, manche Riesen haben sogar schon drei Prozent erreicht. Senkungen der Zinsgutschriften von 0,5 Prozentpunkt oder mehr ließen oft aufhorchen. Hier scheint nur noch wenig Speck zu sein für die Kunden. Stand: Januar 2013 Quelle: rtr
Platz 20 - R+V: Wartet abDer drittgrößte Lebensversicherer in Deutschland will erst Ende Februar mitteilen, wie hoch seine Überschussbeteiligung im laufenden Jahr ist. Das ist ungewöhnlich spät. Zur Begründung hieß es in Wiesbaden, man wolle die Entwicklung des Marktes abwarten. Damit ist die R+V die große Ausnahme in der Branche. Für 2012 hatte die R+V die Angaben noch - wie in der Branche üblich - Anfang Dezember 2011 geliefert. Damals hieß es, trotz des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds könne die R+V Lebensversicherung AG für ihre Kunden auch 2012 eine Gesamtverzinsung von 4,40 Prozent bieten. Darin enthalten sei eine laufende Verzinsung von 3,85 Prozent. Quelle: Presse
Platz 19 - Zurich: 3,0 ProzentEiner der größten Anbieter von Lebensversicherungen, die Zurich, ist mit ihrer Überschussbeteiligung deutlich heruntergegangen. Sie liege für 2013 auf nun bei drei Prozent, heißt es auf der Internetseite von Assekurata. Für 2012 waren es noch 3,35 Prozent und für 2011 schrieb der Versicherer 3,7 Prozent gut. Die durchschnittliche Gesamtverzinsung (laufende Verzinsung sowie Schlussüberschuss inkl. deklarierter Beteiligung an den Bewertungsreserven) betrage nun etwa 3,8 Prozent - nach 4,2 Prozent für 2012. Die vertragsindividuelle Gesamtverzinsung hänge dabei von Daten wie Produkt, Laufzeit und Alter der versicherten Person ab. Zurich setze auf nachhaltige finanzielle Stärke der Lebensversicherung statt auf kurzfristige Renditeversprechen, erklärte der Versicherer auf Anfrage von Handelsblatt Online. Wegen der anhaltend niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten habe die Unternehmensführung daher entschieden, eine Senkung der Überschussbeteiligung für den Neuzugang und den Bestand vorzunehmen. "Unsere Kapitalanlagepolitik ist auf höchste Sicherheit ausgelegt. Wir können unseren Kunden keine höhere Verzinsung auszahlen, als wir mit unserer Kapitalanlage erwirtschaften", erklärte eine Sprecherin der Zurich. Quelle: Presse
Platz 18 - Ergo: 3,0 bis 3,2 ProzentErgo ist einer der größten Anbieter auf dem Markt. Für Ergo Leben sinkt die Überschussbeteiligung auf 3,2 von 3,8 Prozent, für Victoria Leben auf 3,0 von 3,5 Prozent. Die Gruppe verwaltet mehr als sieben Millionen Verträge. Mit den Deklarationen hat der Versicherer ein Zeichen gesetzt. Damit erreicht einer der Marktgrößen die Marke von drei Prozent bei den laufenden Überschüssen. Quelle: dapd
Platz 17 - SV Sparkassenversicherung: 3,05 ProzentDie Überschussbeteiligung der SV Sparkassenversicherung ist von 3,75 Prozent für 2011 auf 3,55 Prozent in diesem Jahr auf nun 3,05 Prozent in diesem Jahr gefallen. Dies ergibt aus Angaben, die Assekurata veröffentlicht hat. Der Rückschritt ist damit stärker als im Schnitt der Branche. Der Sparkassenversicherer war in den vergangenen Jahren besonders stark durch Einmalgeschäft gewachsen.
Platz 16 - Versicherungskammer Bayern (VKB): 3,1 ProzentDer größte Sparkassenversicherer, die Versicherungskammer Bayern, setzt auf hohe Reserven. Die Bayern-Versicherung Lebensversicherung AG, größter Lebensversicherer der VKB, zähle zu den Gesellschaften mit den höchsten Bewertungsreserven in der Branche. Allerdings liegt damit ein weiterer großer Lebensversicherer aus dem Sparkassensektor unter den Großen relativ weit hinten. Dennoch senkt das Unternehmen seine Überschussbeteiligung 2013 auf einen der niedrigsten Werte in der Branche: 3,1 Prozent. Bisher waren es 3,5 Prozent. Die Bayern-Versicherung bietet darüber hinaus auch im Jahr 2013 eine attraktive Gesamtverzinsung auf den Sparanteil. Für Neuverträge gegen laufenden Beitrag betrage diese 3,7 Prozent. Darin enthalten seien 0,6 Prozent für den Schlussüberschuss inklusive der Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven. Die Sparte Lebensversicherung des Sparkassenversicherers verzeichnete 2012 ein starkes Beitragswachstum. Die Prämien stiegen den Angaben zufolge um 5,9 Prozent auf 2,62 Milliarden Euro.
Platz 15 - Württembergische: 3,25 ProzentDie Lebensversicherung im Versicherungs- und Bausparkonzern Württembergische und Wüstenrot geht um 0,25 Prozentpunkt mit der Überschussbeteiligung runter: Sie sinkt von 3,5 Prozent in den beiden Vorjahren auf nun 3,25 Prozent. Norbert Heinen, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Lebensversicherung AG: „Mit unserer vergleichsweise konservativen Positionierung beim Zinsüberschuss berücksichtigen wir die Entwicklungen am Kapitalmarkt und stabilisieren unseren Bestand auch gegen Belastungen aus der anhaltenden Niedrigzinsphase, der EU-Verschuldungskrise und Ausfallrisiken.“ Zusammen mit dem Schlussüberschuss und der Mindestbeteiligung an den Bewertungsreserven ergebe sich ab 2013 eine gesamte Verzinsung der Sparanteile von 3,9 Prozent (Vorjahr: knapp 4,2 Prozent). Quelle: Presse

Geschäft mit dem Tod

Diese Fonds erwirtschaften – wie der Name schon nahelegt – ihre Renditen mit Lebensversicherungen. Dazu übernehmen sie die Lebensversicherungspolicen von Versicherten noch während der Laufzeit. Dafür zahlen sie dem Vorbesitzer etwas mehr als den Rückkaufwert, den der Sparer selbst von der Versicherung erhalten würde. Die Fonds werden so die Begünstigten des Vertrags und müssen weiter die Versicherungsprämien zahlen. Die Fonds verdienen, wenn der angesparte Vertrag gut verzinst zur Auszahlung kommt – was insbesondere für alte Lebensversicherungspolicen mit hohem Garantiezins gilt. Entweder die Lebensversicherung zahlt am Ende der Laufzeit die angesparte Summe aus oder der Versicherte verstirbt vor dem Laufzeitende und der Fonds kassiert die Versicherungssumme. Bei vielen Versicherungen angelsächsischer Prägung ist der „Erlebensfall“, also die Ausschüttung nach Vertragsablauf, gar nicht vorgesehen. Weil die Lebensversicherungsfonds umso mehr Rendite erwirtschaften, je früher der Versicherte stirbt – die Fonds sparen sich so die fortgesetzten Prämienzahlungen - , sind diese Anlagevehikel auch als „Todeswetten“ verschrien.

Die wichtigsten Fondstypen im Überblick

Das Makabre am Fall der Sparkassen: Offenbar haben sie die Lebensversicherungsfonds den Kunden als grundsolide und sehr sichere Geldanlage angepriesen, die Risiken verschwiegen und auch auf die hohen Provisionen von bis zu acht Prozent der Anlagesumme für die Bankberater bei Geschäftsabschluss nicht hingewiesen. Die Fonds erzielten jedoch bei weitem nicht immer die in Aussicht gestellten Renditen. Schon 2009 brach der Markt für Lebensversicherungsfonds ein, weil die aus den Versicherungspolicen erwarteten Überschussbeteiligungen deutlich sanken. Einzelne Fonds verzeichnen daher nach Handelsblatt-Recherchen Verluste von bis zu 27 Prozent. US-Lebensversicherungen, die nur im Todesfall zahlen, haben beispielsweise die Lebenserwartung der Versicherten unrealistisch niedrig geschätzt, so dass die Renditeprognosen nicht aufgingen. Selbst ein Totalverlust der Lebensversicherungsfonds ist für den Fall einer Fondspleite nicht ausgeschlossen.

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