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Fußball als Geldanlage Riskanter Rendite-Kick

Fußball Aktien: Werder Bremen will Anleihen ausgeben. Quelle: Getty Images

Werder Bremen will sich mit einer börsennotierten Anleihe Geld beschaffen und spricht dafür private Anlegerinnen und Anleger an. Für die sind Fußballinvestments jedoch heikel, wie sich aktuell zeigt.

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Es klingt verlockend: Mindestens sechs Prozent Zins bietet Werder Bremen Anlegerinnen und Anlegern, wenn sie dem sportlich wie wirtschaftlich kriselnden Bundesligisten bis zu 30 Millionen Euro leihen. Zurück gezahlt werden soll das Geld 2026. Einen zweistelligen Millionenbetrag habe Werder Bremen bei Großinvestoren bereits eingesammelt, so Geschäftsführer Klaus Filbry im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Chefredakteur Beat Balzli. Diesen Monat will Werder auch Privaten die Anleihe zur Zeichnung anbieten.

Noch ist kein Wertpapierprospekt veröffentlicht, Zahlen zur wirtschaftlichen Lage gibt es kaum. Zwar berichtete die „Bild“-Zeitung Anfang des Jahres, Werder habe einen Jahresverlust von 24 Millionen Euro eingefahren. Die Zahlen sind allerdings erstens nicht bestätigt und zweitens alt. Denn sie beziehen sich auf das Geschäftsjahr 2019/2020, das bereits am 30. Juni 2020 endete.

Klar ist auch so: Die Situation bei Werder ist angespannt; die Coronapandemie hat die Profifußball-Branche voll getroffen. Hinzu kommen sportliche Probleme. Die Bremer stecken nach sieben Niederlagen am Stück drei Spieltage vor Ende der Saison tief im Abstiegskampf. Zwar versprüht Filbry im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“ Zuversicht, dass der Verein die finanziellen Auswirkungen eines Abstiegs abfedern könnte. „Im Falle eines Abstiegs würden sich die Fixkosten um 40 bis 60 Prozent reduzieren“, so Filbry. Hochriskant ist der Bond trotzdem. Das zeigen der angebotene Zins – und der Blick auf andere Fußballinvestments.

Genau wie Werder es nun plant, hat etwa der FC Schalke 04 Mittelstandsanleihen emittiert. Doch nach Jahren, in denen der Klub regelmäßig am Europapokal teilnahm, sieht die sportliche Gegenwart trist aus. Der abgeschlagene Bundesliga-Letzte steht schon als Absteiger fest; fürs Kalenderjahr 2020 bilanziert Schalke bei 175 Millionen Euro Umsatz (100 Millionen weniger als ein Jahr zuvor) einen Verlust von 53 Millionen Euro. Eine 16-Millionen-Euro-Anleihe, die im Juli fällig wird, will Schalke mit einem neuen Bond refinanzieren. Dafür müssen die Schalker wahrscheinlich weit höhere Zinsen bieten als die 4,25 Prozent des alten Bonds. Aufgrund der sportlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Klubs notiert eine zweite, in gut zwei Jahren fällige Schalke-Anleihe ein Fünftel unterhalb des Nennwerts. Wer sie kauft, kann derzeit 18 Prozent pro Jahr erzielen. Die astronomische Rendite zeigt, dass Investoren einen Ausfall für wahrscheinlich halten. Dieses Risiko werden sie sich auch beim neuen Bond gut bezahlen lassen – was die Finanzprobleme der Schalker eher vergrößern dürfte.

Neben dem Schalke-Bond sind außerdem Anleihen des Zweitligisten Hamburger SV sowie des Hauptstadtklubs Hertha BSC bereits an der Börse notiert. Hertha ist in der ersten Bundesliga aktuell akut abstiegsbedroht. Beim Berliner Bond, der wie die Schalke-Anleihe 2023 fällig wird, sind die Zweifel an der Rückzahlung aber kleiner als bei den Schalkern. Knappe sechs Prozent Rendite, die hier drin sind, zeigen aber, dass auch diese Anleihe hochriskant ist. Im Vergleich dazu sehr niedrig rentiert der Bond des Hamburger SV, der bei einer Laufzeit bis 2026 nur zweieinhalb Prozent Rendite verspricht. Und das, obwohl der Klub aktuell drauf und dran ist, den Wiederaufstieg in die Bundesliga zum dritten Mal in Folge zu verpassen.

In einer ganz ähnlichen Situation wie der HSV befand sich Mitte des vergangenen Jahrzehnts der 1.FC Kaiserslautern. Der Traditionsverein, Gründungsmitglied der Bundesliga und zuletzt 1998 Deutscher Meister, verpasste damals den Wiederaufstieg dreimal knapp. Inzwischen steckt er in der dritten Liga fest, die Profiabteilung ging 2020 in die Insolvenz. Die Gläubiger der Fananleihe, die der Klub 2019 begab, müssen um ihr Geld zittern. Im Herbst 2020 hatte der Vorstand sie vergeblich um Stundung der Zinszahlungen gebeten.

Der Fall zeigt, dass Risiken auch bei Bonds von langjährigen Bundesligisten keineswegs nur abstrakt sind, sondern tatsächlich eintreten, wenn Vereine einmal in den Sog sportlicher und wirtschaftlicher Misserfolge geraten. Dass es bei aktuellen Bundesligisten noch nie zu einer Insolvenz kam, wie Werder-Bremen-Geschäftsführer Klaus Filbry im „Chefgespräch“-Podcast anführt, beruhigt insofern wenig. Bei ehemaligen Bundesligisten gibt es neben dem 1.FC Kaiserslautern mit Alemannia Aachen, dem KFC Uerdingen oder Rot-Weiß Essen schließlich zahlreiche Beispiele für Insolvenzen.

Wer in Fußballanleihen investiert, sollte also auch Totalverluste einkalkulieren – und muss sie entsprechend verkraften können. Fürs Depot taugen sie daher nur als Beimischung.

Das gilt auch für Aktien von Fußballvereinen. Vor zwei Jahren etwa sorgte der Münchner Vorort-Klub Unterhaching mit einem Börsengang für Schlagzeilen. Mit dem Geld vom Kapitalmarkt wollte Präsident Manfred Schwabl den Drittligisten in die zweite Liga führen, wo deutlich höhere Fernsehgelder winken. Allein: Das klappte nicht, die Verluste bei Haching sind größer als die Umsätze und Corona verschärft die Probleme. Von einstigen Hochs ist die Aktie meilenweit entfernt. Dass Drittliga-Fußball ein Verlustgeschäft und sportlicher Erfolg nicht hundertprozentig planbar ist, mussten Aktionärinnen und Aktionäre auf die harte Tour lernen.

Anders sieht es bei europäischen Spitzenklubs aus. Sie haben durch die lukrative Vermarktung der europäischen Klubwettbewerbe, vor allem der Champions League, viel höhere Einnahmen als Klubs, die nur national spielen. Börsennotiert sind aus der europäischen Spitzenklasse etwa die Rekordmeister aus England, Italien und den Niederlanden; Manchester United, Juventus Turin und Ajax Amsterdam. Seit der Jahrtausendwende können Anlegerinnen und Anleger zudem die Aktie von Borussia Dortmund kaufen. Natürlich leiden aber auch diese Großklubs unter den Auswirkungen der Pandemie. Ihretwegen fallen Erlöse aus Ticketverkäufen, Catering und dem Verkauf von Fanartikeln komplett weg oder deutlich geringer aus. Noch wichtiger für die Bilanzen vieler Klubs ist jedoch der durch Corona wegbrechende Transfermarkt.

Große Transfers bleiben in den aktuell unsicheren Zeiten großteils aus. Bei vielen Klubs aber sind Spielerverkäufe notwendig, um Gewinne zu erzielen. Weil hier Einnahmen fehlen, rutschte etwa Borussia Dortmund 2019/2020 tief in die roten Zahlen und erwartet im Geschäftsjahr zum 30. Juni 2021 mit bis zu 75 Millionen Euro gar den höchsten Verlust der Unternehmensgeschichte. Klar also, dass Aktien von Fußballklubs seit Beginn der Pandemie unter Druck sind. Die BVB-Aktie etwa hat gegenüber ihrem Stand von Jahresanfang 2020 rund ein Drittel verloren, der Anteilsschein von Ajax Amsterdam gut ein Viertel. Für Manchester United, der als absoluter Großklub höhere Vermarktungseinnahmen hat und weniger von Transfers abhängt, steht ein kleineres Minus von nur zwölf Prozent zubuche.



Obwohl also die Pandemie in den Aktienkursen deutliche Spuren hinterlassen hat, ist der Ertrag für Investoren bei allen vier genannten Fußballaktien längerfristig noch positiv. Mit der BVB-Aktie etwa waren in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt 8,5 Prozent Gesamtrendite drin; nur etwas weniger als mit dem Dax. Den Dax sogar übertrumpfen kann nach sportlich sehr erfolgreichen Jahren die Aktie von Ajax Amsterdam (knapp zwölf Prozent pro Jahr) und der zuletzt schwache Anteilsschein des entthronten italienischen Meisters Juventus Turin (plus 25 Prozent). Es sind Renditen, von denen Anlegerinnen und Anleger bei Werder Bremen nur träumen können – selbst wenn mit dem Bond alles glatt läuft.

Mehr zum Thema: Investoren fürchten eine Trendwende beim Zinsniveau. Einige Anleihen und Fonds bieten aber auch jetzt noch Rendite bei vertretbarem Risiko.

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