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Fußball-Anleihen Das Geschäft mit dem Fan

Immer mehr deutsche Fußballvereine nutzen den Anleihemarkt als alternative Form der Finanzierung. Jetzt steigt Zweitligist FC St. Pauli in das Geschäft ein.

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Spieler des FC St. Pauli: Die Anleger können optimistisch in die Zukunft blicken - das Kapital soll in den Umbau von Stadion und Trainingsgelände fließen Quelle: dapd

Donnerstagabend, um Punkt 19.10 Uhr ist es so weit: Wie beim Einlauf der Mannschaft auf den Rasen am Millerntor eröffnet der FC St. Pauli mit sechs Gongschlägen die Zeichnungsphase seiner Fan-Anleihe. Anhand der Einnahmen will der Kiezklub den Umbau des Stadions vorantreiben. Fans, Vereinsmitglieder oder interessierte Investoren können das Papier in Stücken zu je 100, 500 oder, dem Gründungsjahr des Vereins entsprechend, 1910 Euro erwerben. Erhältlich sind die Anleihen auf der Homepage des Vereins oder als Bestellung per Post. Neben der digitalen Form fürs Wertpapierdepot stehen auch Schmuckurkunden zur Auswahl – Fans können sich ein Motiv aussuchen und das Papier gerahmt ins heimische Wohnzimmer hängen.

Bei einer jährlichen Verzinsung von sechs Prozent hat die Anleihe (WKN: A1MA21) eine Laufzeit von sechs Jahren und acht Monaten. Insgesamt will der Zweitligist Anleihen im Wert von maximal sechs Millionen Euro ausgeben. "Wir wissen, dass das ambitioniert ist, aber wir sind optimistisch, dass wir ein gutes Ergebnis erzielen werden", sagte der für Finanzthemen verantwortliche Vize-Präsident Tjark H. Woydt.

Von derart hohen Zielen können andere Vereine bereits ein Lied singen: Die Anleihe der Hauptstadtkicker von Hertha BSC spielte in diesem Jahr trotz verlängerter Zeichnungsfrist nur 3,5 statt der erwarteten sechs Millionen Euro ein. Auch Zweitligist Alemannia Aachen erreichte 2008 statt fünf nur 4,2 Millionen Euro.

Trotzdem setzen immer mehr Fußballclubs auf Anleihen als Alternative zum Bankkredit. Auch die Erstligisten FC Schalke 04, 1. FC Nürnberg und 1. FC Köln haben auf diese Weise ihrer Finanzierung neuen Schwung verpasst, 1860 München und Arminia Bielefeld glauben ebenfalls an die Fan-Anleihen. Zweitligist Hansa Rostock lockt seine Investoren sogar mit einem Erfolgsbonus: Sollte der Klub in die Erste Bundesliga aufsteigen, gibt es für die Spielzeit zwei Prozent Zusatzertrag zum jährlichen Basiszins von fünf Prozent.

Geringes Ausfallrisiko, geringe Renditen

Gerade für Mannschaften mit einer vergleichsweise geringen Bonität können Anleihen die Finanzierung erleichtern. "Vereine profitieren durchaus, denn sie können sich über ihre Fans, die sehr stark emotional an die Klubs gebunden sind, Fremdkapital besorgen", sagt Christian Keller, Professor für Sportmanagement an der SRH Hochschule Heidelberg und Autor des Buches "Steuerung von Fußballunternehmen. Finanziellen und sportlichen Erfolg langfristig gestalten".

Besonders in Krisenzeiten, wenn Banken ihre Kreditvergabe reduzieren, seien derartige Anleihen für die Vereine sinnvoll, denn die Fans denken weniger an die Rendite als an ihre Liebe zum Verein. Dennoch können auch sie profitieren, immerhin ist die Verzinsung höher als die der meisten Sparbücher. Zudem ist das Ausfallrisiko vergleichsweise gering. Bisher ist noch keine der Vereinsanleihen ausgefallen.

"Allerdings besteht gerade bei kleinen Vereinen die Gefahr, dass die Teams die Anleihe nicht bedienen können", sagt Keller. Im Fall von Alemannia Aachen musste die Stadt helfend einspringen, als die Rückzahlung der Fan-Kredite in Gefahr geriet. "Für rationale Anleger sind Investments in Fußballclubs im Allgemeinen jedoch nicht besonders interessant, da die entsprechende Renditephantasie fehlt", meint Keller. Da die meisten Vereine schon zufrieden seien, wenn am Ende des Geschäftsjahres eine schwarze Null auf dem Papier stünde, dürften Anhänger und Investoren keine hohen Renditen erwarten.

St.Pauli-Fans haben vollstes Vertrauen in ihren Verein

Selbst Deutschlands einziger börsennotierter Klub, Borussia Dortmund, hat seinen Anlegern seit dem Börsengang Ende Oktober 2000 noch keine Dividende zahlen können.

Da die Bonität der Vereine unmittelbar an deren sportliche Leistung gekoppelt ist, sind solche Investments also durchaus mit einigen Risiken behaftet. Anleger sollten sich deshalb vorher genau informieren, wofür die Vereine das frisch gewonnene Kapital verwenden wollen. "Beim Fussball wird zwischen Investments in Steine und Investments in Beine unterschieden", sagt Keller. Wird das Geld in neue Spieler gesteckt, sei das mit einem höheren Risiko behaftet, als wenn es dem Ausbau der Infrastruktur diene.

Die Anleger des FC St. Pauli können dementsprechend optimistisch in die Zukunft blicken, schließlich soll das zusätzlich zur Verfügung stehende Kapital in den Umbau von Stadion und Trainingsgelände fließen. Außerdem haben die St. Pauli-Fans bereits einmal bewiesen, dass sie vollstes Vertrauen in ihren Verein haben. Im Rahmen der "Retter"-Kampagne, einer Spendenaktion im Jahr 2003, sammelten sie innerhalb von nur drei Monaten insgesamt mehr als 1,95 Millionen Euro an Spenden ein. Das Geld war nötig, um den Abstieg in die Oberliga zu verhindern. Der Deutsche Fußball-Bund drohte damals aufgrund einer Liquiditätslücke mit Lizenzentzug.

Dementsprechend selbstsicher ist auch der Werbe-Slogan für die neuen St. Pauli-Anleihen: "Auf St. Pauli regeln wir das unter uns!"

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