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Gbureks Geld-Geklimper

Anlagestrategie in der Vertrauenskrise

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Vertrauen in Währungen ist entweder da oder nicht da. Weil es jetzt fehlt, müssen Anleger einige Regeln ganz besonders beachten.

Der Vertrauensverlust der Währungen zeigt sich mittlerweile in allen Bereichen des Geldwesens. Quelle: dpa

Eine derzeit häufig benutzte Floskel besagt, die Volksbefragung in Griechenland sei rechtlich umstritten. Als wenn diese Aussage überhaupt noch eine Bedeutung hätte. Sie hat sie nicht, denn es gibt im Euro-Raum längst viele schlimme Verstöße gegen geltendes Recht, im Vergleich zu denen die Papandreou-Posse eher wie der Streich eines übermütigen Schulbuben anmutet. Etwa der von mehreren Euro-Ländern längst wie selbstverständlich praktizierte Bruch mit den Stabilitätskriterien. Oder die indirekte Staatsfinanzierung durch die Europäische Zentralbank. Oder der Druck von Seiten der Politiker auf deren Entscheidungen.

Was den unter höchst dubiosen Umständen verspätet zustande gekommenen Beitritt Griechenlands in die Euro-Zone betrifft, sei hier nur kurz daran erinnert, was der europäische Rat der Wirtschafts- und Finanzminister am 1. Mai 1998 feststellte: Dass „elf Mitgliedstaaten die notwendigen Voraussetzungen für die Einführung der einheitlichen Währung erfüllten“, heißt es in einem Protokoll der Deutschen Bundesbank, und „dass Griechenland und Schweden zum damaligen Zeitpunkt die Bedingungen zur Einführung des Euro nicht erfüllten.“

Euro bald nur noch Tauschmittel

Die Folge ist jetzt nicht allein der Verlust des Vertrauens breiter Bevölkerungskreise in Politiker und Zentralbanker, in Staatsanleihen fast aller Euro-Länder und – nach Aufdeckung der 55,5-Milliarden Fehlbuchung der Bad Bank der Hypo Real Estate – in die Fähigkeiten der Rechenknechte des Bundesfinanzministers. Der Vertrauensverlust erstreckt sich weit darüber hinaus in alle Bereiche des Geldwesens und wird inzwischen Tag für Tag sichtbar, sei es, dass die Organisation Attac medienwirksame Proteste veranstaltet, sei es, dass die Aktienkurse von einem Tag auf den anderen tief fallen und schon am nächsten Tag wieder nach oben springen.

Mit dem Vertrauen ist es wie mit der Schwangerschaft: Ein bisschen geht nicht. Und nachdem der Euro von den drei klassischen Funktionen einer Währung – Tauschmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrung – nicht nur die zuletzt genannte nach und nach zu verlieren droht, sondern auch die Funktion als Recheneinheit, wird er am Ende zu einem Tauschmittel von fragwürdigem Wert degradiert. Was nicht heißen soll, dass es um andere Papierwährungen unter Führung des Dollars besser bestellt ist.

Zwar handelt es sich erst noch um einen schleichenden Prozess, aber das kann sich schnell ändern. Fatal daran ist, dass Vertrauen als Basis einer stabilen Währung nicht einfach so gemessen werden kann wie die Geldmenge, das Haushaltsdefizit oder der Kurs einer Aktie. Es ist entweder da oder nicht da. Und weil das Vertrauen in den Euro durch das allseits miserable Management im Rahmen der Staatsschuldenkrise verspielt wurde, fehlt es nun ganz. Es zurückzugewinnen, wird nicht mehr möglich sein.

Negativ- und Positiv-Auslese

Die Börsen schwanken stark, Händler sind nervös Quelle: dapd

Erst die nächste internationale Währungsreform kann daran etwas ändern, dann mithilfe einer neuen Währung. Doch sie wird noch so lange auf sich warten lassen, bis Politiker und Zentralbanker mit ihrem Latein endgültig am Ende sind oder bis ein globaler Crash sie zum Handeln zwingt. Beide Alternativen können sogar zusammentreffen, weitere sind unwahrscheinlich.

Aus all dem folgt für Anleger: Die Unruhe an den Börsen wird bestehen bleiben, sodass eine erfolgreiche Anlagestrategie grundsätzlich erst einmal auf Risikostreuung, Flexibilität und Timing basieren sollte. Das heißt: Verschiedene Anlageklassen wählen, einen Teil des verfügbaren Geldes liquide auf einem Tagesgeldkonto vorhalten und vor jedem Kauf möglichst günstige Einstandspreise bzw. -kurse abwarten. So viel zum Grundsätzlichen.

Was daraus folgt, bedeutet: Finanzplanung unter Beachtung aller Eventualitäten, zeitraubende, aber unbedingt notwendige eigene Recherchen, richtige Entscheidungen, Fehlspekulationen und deren Korrektur inbegriffen. Das beginnt schon bei der Wahl der Anlageklassen. Die Negativauslese dazu könnte aktuell so aussehen: keine langlaufenden Anleihen, keine Derivate, keine Spezialitätenfonds, weder Renditeimmobilien noch Immobilienfonds. Und die Positivauslese: Tagesgeld, später Aktien, breit streuende Aktien- oder Mischfonds mit nachgewiesen überdurchschnittlichen Ergebnissen, Gold, Silber und ein selbst genutztes Haus oder eine selbst genutzte Eigentumswohnung.

Risikostreuung und Timing ergänzen sich

Das richtige Timing ist eine Kunst, die sehr viel Beobachtungsgabe erfordert. Zu ihr gehören für jede Anlageklasse unterschiedliche Regeln, zum Beispiel: bei niedrigem Zinsniveau (wie zurzeit) Tagesgeld gegenüber langlaufenden Anleihen bevorzugen, mit Aktienkäufen möglichst den nächsten Crash abwarten (etwa wenn er es auf die Titelseite der Bild-Zeitung geschafft hat) und die Käufe sowohl über verschiedene Aktien als auch über mehrere Tage oder Wochen verteilen, Gold und Silber in unruhigen Zeiten an den Finanzmärkten (wie seit 2001 und weiterhin) favorisieren und beim selbst genutzten Haus wie bei der Eigentumswohnung auf die Wiederverkäuflichkeit noch mehr achten als auf den Preis.

Zu guter Letzt: Risikostreuung über verschiedene Anlageklassen sollte niemanden davon abhalten, auf ein möglichst gutes Timing zu achten. Denn das eine ist der eher passive Teil einer erfolgreichen Anlagestrategie, das andere der aktive. Beide schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Im Übrigen sind jedwede Fonds, von Banken, Sparkassen und Finanzvertrieben gern zur Risikostreuung empfohlen, in der Regel nicht dafür geeignet, weil sie mehrheitlich eine einzige Anlageklasse repräsentieren.

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