Gbureks Geld-Geklimper

Arm an Vorsorge, reich an Kollateralschäden

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die finanzielle Vorsorge fürs Alter wird immer mehr zum Vabanquespiel. Umso wichtiger ist die Vorsorge. Aber eher individuell statt kollektiv, sonst droht Altersarmut.

Die traditionellen Arten der Altersvorsorge reichen oft nicht aus oder schwanken, wodurch sie unkalkulierbar werden. Quelle: dpa

Schauspieler Mario Adorf behauptet im neuen Werbespot der Aachen Münchener Versicherung: „Mit Geld spielt man nicht.“ Den Versicherten, die jetzt ihre Kapital- oder Rentenpolicen ausgezahlt bekommen, muss das wie Hohn vorkommen. Denn sie wurden, ebenso wie Millionen von Kunden der Aachen Münchener-Konkurrenten, einst mit der Aussicht auf hohe Auszahlungen zum Geldspiel verlockt. Spiel, weil die Versprechen der Assekuranz Annahmen zur Zinsentwicklung enthielten, die sich nun als haltlos erweisen.

Das ist zwar nicht die einzige Folge des seit über drei Jahrzehnten währenden Abwärtstrends der Zinsen, aber eine mit besonders schlimmen Kollateralschäden. Wer vom Versicherer weniger als ursprünglich erwartet ausgezahlt bekommt, hat die Wahl: Den Gürtel enger schnallen, etwas hinzuverdienen, sonstige Ersparnisse zur Altersvorsorge heranziehen, Verwandte anzapfen, betteln gehen, im Lotto spielen, dem Staat zur Last fallen oder einige von diesen Maßnahmen kombinieren.

So viel Betriebsrente zahlen die Dax-Konzerne
Zuletzt ist die Lufthansa angesichts historisch niedriger Zinsen bei der Altersversorgung auf die Bremse getreten: Die Fluggesellschaft will ihren Inlands-Mitarbeitern keine feste Zinsen bei der Betriebsrente mehr garantieren. Andernfalls müsste das Unternehmen im Jahr 2014 gut eine halbe Milliarde Euro zuschießen. Quelle: dpa
Die Commerzbank hat diesen Schritt bereits vor gut zehn Jahren vollzogen: 2004 kündigte Deutschlands zweitgrößte Bank ihren Angestellten zum 31.12. die Betriebsrente. Seit Januar 2005 zahlt die Commerzbank statt eines leistungsbezogenen, festen Beitrages nur noch 2,5 Prozent des Jahresentgeltes für jeden Mitarbeiter. Quelle: REUTERS
Die Deutsche Bank verzinst den Versorgungsbeitrag neu eingestellter Mitarbeiter seit 2005 marktabhängig. Quelle: AP
Auch beim Technologiekonzern Siemens gibt es für die Mitarbeiter keinen festen Betrag. Das Münchner Unternehmen orientiert sich bei der Verzinsung der vollständig vom Unternehmen finanzierten Altersversorgung seit 2003 am Garantiezins für Lebensversicherungen - dieser ist mittlerweile auf 1,75 Prozent gesunken. Quelle: dpa
Der Autobauer Daimler hingegen überlässt die Betriebsrente den Launen des Kapitalmarktes: Seit 2012 bekommen alle neuen Mitarbeiter bei Daimler eine kapitalmarktorientierte Betriebsrente. Das heißt: Feste Beiträge gibt es nicht mehr, die Höhe der Bezüge orientiert sich am marktüblichen Zins. Quelle: dpa
Bei Konkurrent BMW bekommen die Mitarbeiter ein Altersruhegeld von neun Euro pro Dienstjahr plus Zinsen. Quelle: dpa
Wer stattdessen bei Thyssenkrupp beschäftigt ist, bekommt eine Direktzusage mit Einmalzahlung. Der Konzern überprüft allerdings regelmäßig die Angemessenheit der bestehenden Betriebsrentenzusagen und passt gegebenenfalls den Garantiezins an. Quelle: dpa

Provisionsmaschine Riester-Rente

Das mit dem sprichwörtlichen Gürtel – Selters statt Sekt, C&A statt Hugo Boss, Souterrain statt Penthouse - gelingt erfahrungsgemäß nur wenigen Menschen, es sei denn, sie haben sich früh genug auf ein Leben wie Diogenes in der Regentonne vorbereitet. Hinzuverdienst schön und gut, doch ausgerechnet schnell verfügbare Jobs sind am schlechtesten bezahlt. Sonstige Ersparnisse: Ein Glückspilz, wer sie hat, von der gesetzlichen Rente bis zum Aktiendepot; allerdings dürften die meisten Vorsorgesparer stattdessen in die allzu häufig reale Verluste erzeugende Provisionsmaschine der Finanzkonzerne namens Riester-Rente getrieben worden sein. Dass Verwandte bis zu einem gewissen Grad helfen, ehrt sie; ob sie das auf Dauer tun, ist aber zu bezweifeln.

Bleiben übrig: Betteln als besonders entwürdigend, Lotto mit minimalen Aussichten auf Erfolg und der Staat, der die Umverteilung zu Gunsten der Rentner und zu Lasten der jüngeren Beitragszahler vorantreiben dürfte, weil Rentner zu einer immer größeren Wählergruppe werden. Ob das hilft, die Altersarmut erfolgreich zu bekämpfen, ist indes mehr als fraglich. Denn jede Einmischung des Staats in die Altersvorsorge stößt entweder an Finanzierungsgrenzen oder ist, wie die Riester-Rente, so miserabel konzipiert, dass bestenfalls die Anbieter etwas von ihr haben.

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